Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Schlaflos an blu­tigen Ufern

Son­nen­stadt der Träume also. Minsk. Das scheint nicht recht zusam­men­zu­gehen. Der letzte Dik­tator Europas resi­diert in der Son­nen­stadt der Träume?
Es ist Artur Klinaŭ hoch anzu­rechnen, dass er über sämt­liche 55 Kapitel und 172 Seiten seines in der edi­tion suhr­kamp gerade erschie­nenen Textes Prä­si­dent Aljak­sandr Lukašėnka nicht einmal erwähnt. Nur im Epilog hat ER einen Kurz­auf­tritt, in der Uni­form des Gene­ra­lis­simus, in der Ein­sam­keit seiner begin­nenden dritten Amts­zeit. Dabei hätte Klinaŭ Grund genug, explizit auf die allzu sta­bile poli­ti­sche Situa­tion in seiner Heimat Weiß­russ­land ein­zu­gehen. Macht er sich doch als Schrift­steller, der in seiner Mut­ter­sprache schreibt, als Künstler, Archi­tekt und Her­aus­geber des lan­des­weit ein­zigen Maga­zins für zeit­ge­nös­si­sche Kunst pAR­Tisan bei den poli­tisch Mäch­tigen von vorn­herein ver­dächtig, ein Gefähr­li­cher zu sein. Aber Klinaŭ lässt sich nicht poli­ti­sieren. Er erklärt in seinem Buch die Stadt selbst zur zen­tralen Figur, die schlaf­lose Nja­miha an den blu­tigen Ufern, die Rea­lität gewor­dene Utopie, die Son­nen­stadt der Träume.
Der Ori­gi­nal­titel des in den Monaten nach der Prä­si­dent­schafts­wahl vom März 2006 geschrie­benen Textes lautet Pute­vo­ditel’ po gorodu solnca (Rei­se­führer durch die Son­nen­stadt). Keim­zelle dieses Textes ist ein kurzer Essay in weiß­rus­si­scher Sprache zu Kli­naŭs Anfang 2006 im Minsker Loh­vinaŭ Verlag erschie­nenem Foto­album Horad SONca. Vizual’naja paėma pra Minsk, den der Phi­lo­soph Val­jancin Aku­dovič begeis­tert als einen der besten Essays über Minsk fei­erte. Klinaŭ selbst sieht sein Foto­album nur als kleinen Bau­stein eines ambi­tio­nierten sozio-mytho­lo­gi­schen Pro­jektes. Er träumt von einem Minsk-Mythos, der unter Ein­be­zie­hung vieler ver­schie­dener Kunst­formen ent­stehen soll und an dem auch in pAR­Tisan fleißig gestrickt wird. So ist ein Bal­lett in Pla­nung, auch mul­ti­me­diale Aus­stel­lungen oder einen Son­nen­stadt-Film wünscht sich der Autor, um der Stadt und ihren Bewoh­nern eine Idee, ein Selbst-Bewusst­sein zu geben.

Dem von Volker Weichsel ins Deut­sche über­tra­genen Band sind meh­rere Schwarz­weiß­fo­to­gra­fien aus der Son­nen­stadt bei­gefügt, die das ohnehin viel­schich­tige Minsk­bild um eine zusätz­liche Ebene erwei­tern und Klinaŭ als sen­si­blen Augen­men­schen aus­weisen. Anhand eines skiz­zierten Stadt­planes kann der Leser Straßen, Plätze und Paläste ver­orten, die ihm bei der Lek­türe begegnen. Inter­es­san­ter­weise kommt dieser Plan ohne Wind­rose aus – ein Pfeil links weist nach Berlin, ein zweiter rechts nach Moscow, damit ist vieles gesagt. Auf die Legende zum Stadt­plan folgt ein Abbil­dungs­ver­zeichnis, beschlossen wird das Buch durch eine auf­schluss­reiche Nach­be­mer­kung zur Ent­ste­hung des Textes, Pro­blemen der Titel­über­set­zung und zum Motto.

Dem Über­setzer Volker Weichsel ist ein stim­miger, ein stim­mungs­voller Text gelungen, der zwi­schen den ver­schie­denen Ton­lagen und Per­spek­tiven fein dif­fe­ren­ziert. Die Über­set­zung kann leider nicht an der rus­si­schen Vor­lage gemessen werden, da diese nicht vor­liegt – der Text ent­stand im Auf­trag des Suhr­kamp Ver­lages, war also von vorn­herein für ein deut­sches Lese­pu­blikum bestimmt.

Artur Klinaŭ stellt seinem Text ein Frag­ment aus Tom­maso Cam­pa­nellas Civitas Solis voran, das im Fol­genden genauso immer wieder durch­scheint wie Thomas Morus’ Utopia. So berichtet der Erzähler:
„Ich wurde in der Son­nen­stadt der Träume geboren, in der es zwei Städte gab – eine Gesell­schaft des Glücks, an die man glaubte, und die Stadt selbst. Die erste Stadt schmolz dahin, die zweite blieb als Monu­ment des Stre­bens nach dem Unrea­li­sier­baren, als gran­dioses Dreh­buch für ein roman­ti­sches, erha­benes Stück mit dem Titel Glück. Die Utopie wurde Rea­lität. Die Insel, die es nicht gibt, gibt es doch. Dafür stehen zwei Zeugen. Die Son­nen­stadt und ich.“

Und Klinaŭ legt beredt Zeugnis ab, erweist sich als ein­fühl­samer und kom­pe­tenter Rei­se­führer, der dem Leser auf ganz ver­schie­denen Wegen Zugang zu seiner Stadt ver­schafft. Immer wieder öffnet er den Blick für über­ra­schende Ver­bin­dungen. Etwa, wenn er die grau­samen Bilder der Schlacht an der Nja­miha 1067, wie sie der Chro­nist des Igor­liedes schil­dert, in Bezie­hung setzt zu den Bil­dern von der Kata­strophe im Sommer 1999 an glei­cher Stelle, als fünfzig junge Men­schen ums Leben kamen. Immer wieder spürt er dop­pelte Böden auf, ver­schafft er dem Gese­henen zusätz­liche Resonanzräume.

„Über den ver­wil­derten Hof­parks hing eine Zeit­lo­sig­keit wie über den ent­völ­kerten Ruinen Kar­thagos, eine Utopie im Wort­sinn. Ihre pseu­do­an­tiken Gips­vasen standen, von Kletten und Flie­der­ge­büsch umrankt, in der unbe­kannten Zeit eines unbe­kannten Ortes. Durch die Wipfel der Pap­peln schim­merten die Rück­fas­saden der Paläste mit ihren ver­ein­zelten Renais­sance­fens­tern, die aus den unver­putzten Zie­gel­mauern her­vor­sta­chen, mit den ver­zierten Gesimsen, den abge­bro­chenen Kar­niesen, den ein­ge­fal­lenen Dächern der Bal­kon­schuppen, den korin­thi­schen Pilas­tern der auf den Platz füh­renden Bögen. Unter den Pap­peln sprangen Kinder mit ihren Phan­ta­sie­ma­schi­nen­pis­tolen herum und spielten Krieg, alte Männer mit roten Nasen gingen mit sehr realen Wod­ka­fla­schen in der Hand vorbei, Haus­frauen hängten Wäsche auf.
Es ent­stand ein Ein­druck von Ewig­keit und Zeit­lo­sig­keit, als seien dies die Ruinen einer Zivi­li­sa­tion, deren Zeit in Frag­mente zer­fallen ist, die sich wie Glas­stein­chen eines Kalei­do­skops zu seltsam bizarren Mus­tern zusam­men­setzen. Diese Muster waren real und gespens­tisch zugleich. Man konnte zu einer Vase gehen und ihre rauhe, weiße Ober­fläche berühren. Zugleich war sie aber auch eine Illu­sion, ihre Prä­senz an diesem Ort hatte etwas Irreales, sie war in die Ein­sam­keit dieser schla­fenden Stadt geworfen, aus einer unbe­kannten Kultur, aus einer unbe­kannten Zeit, aus einer Zivi­li­sa­tion, die es nicht gibt, aus einer Zeit, die es nicht gibt.“

Artur Klinaŭ hat die Gabe, mit unter­schied­li­chen Augen auf seine Stadt schauen zu können und ist daher auch in der Lage, ihre unter­schied­li­chen Ver­kör­pe­rungen zu erkennen und sie Wort werden zu lassen. Mit kli­naŭ­schen Kin­der­augen darf der Leser eine end­lose Folge schier unüber­wind­li­cher Beton­platten bestaunen, mit dem Blick des Foto­grafen bizarre Schatten und Orchi­deenorte ent­de­cken oder als stu­dierter Städ­te­bauer auf der Suche nach den Zonen des Irra­tio­nalen durch die Straßen der Stadt und die ver­queren Gehirn­win­dungen ihrer Planer wan­deln. Dabei begegnen ihm so schil­lernde Figuren wie der arm­lose Felix, das fröh­liche Kanin­chen Ste­paška, die kleine Frau Molekül, der geniale Kim Cha­deev, die Fla­schen sam­melnde Enkelin Lenins oder der flie­gende Schaum­stoff­me­ta­phy­sikus höchst­selbst. Wie klein wird da ein Lukašėnka.

 

Artur Klinau: Minsk. Son­nen­stadt der Träume. Aus dem Rus­si­schen von Volker Weichsel. edi­tion suhr­kamp. Frank­furt a.M. 2006.

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