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Über den Sümpfen. Norbert Randow nachgerufen

Posted on 9. Januar 2016 by Thomas Weiler
„Norbert Randow hat an Grenzen gelebt und an Grenzen gearbeitet. Und er beherrscht die Kunst – ohne Verlust an Eigenart – zwischen Fremden, zwischen Welten zu vermitteln. Er versteht es, Bücher zu Grenzübertritten zu fördern.“ So pries Fedja Filkova den Träger des Leipziger Anerkennungspreises zur europäischen Verständigung 2001 in ihrer Laudatio. Am 1. Oktober 2013 hat er die letzte Grenze überschritten.

„Norbert Randow hat an Grenzen gelebt und an Grenzen gearbeitet. Und er beherrscht die Kunst – ohne Verlust an Eigenart – zwischen Fremden, zwischen Welten zu vermitteln. Er versteht es, Bücher zu Grenzübertritten zu fördern.“ So pries Fedja Filkova den Träger des Leipziger Anerkennungspreises zur europäischen Verständigung 2001 in ihrer Laudatio. Am 1. Oktober 2013 hat er die letzte Grenze überschritten.

 

Fragen

„Fragen Sie mich aus, noch bin ich da.“ Norbert Randow wusste, dass ich Fragen an ihn haben müsste, er spürte, dass ich Hemmungen hatte, sie loszuwerden, und er machte sich keinerlei Illusionen über seine verbleibende Lebenszeit. (Schon 2001 bemerkte er in seiner Dankesrede zum Leipziger Anerkennungspreis: „n gewisser Weise darf ich den Preis vielleicht auch meiner Langlebigkeit zuschreiben.“) Natürlich hatte ich Hemmungen angesichts der ersten persönlichen Begegnung mit dem gut achtzigjährigen „Doyen unter den Übersetzern weißrussischer Literatur in Deutschland“ (Ingo Petz). Augen und Geist blitzwach, im Rücken eine imposante Publikationsliste als Übersetzer aus dem Bulgarischen, Belarussischen und Kirchenslawischen, als Herausgeber und Slawist, Bundesverdienstkreuz am Bande, dazu einen bemerkenswerten Lebenslauf. Ich saß gerade an meiner ersten größeren Prosaübersetzung aus dem Belarussischen und kannte die Klassiker – wenn überhaupt – nur aus seinen Übersetzungen.

 

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Berlin, 02.03.2010 © Deutsch-Bulgarische Gesellschaft zur Förderung der Beziehungen zwischen Deutschland und Bulgarien e.V.

 

Selbst ein Klassiker

Norbert Randow ist nicht mehr da, er ist ungefragt verstorben. Erstmals begegnet bin ich seinem Namen in meinem Grundstudium an der Universität Leipzig auf der Literaturliste zum Seminar „Weißrussische Gegenwartsliteratur“ im Sommersemester 2002, gehalten von Dr. Ingrid Schäfer. Er firmierte dort als Herausgeber der Anthologien Störche über den Sümpfen. Belorussische Erzähler, sowie, Pflichtlektüre für unser Seminar, Die junge Eiche. Klassische belorussische Erzählungen. Ich habe mir beide Bände sofort antiquarisch besorgt und nicht schlecht gestaunt über die schiere Menge der dort versammelten Autoren. Leider habe ich damals nur eine billige Störche-Ausgabe ohne Schutzumschlag erstanden.

Kurze Zeit später stieß ich in einem der Leipziger Buchantiquariate auf die Märchen des Lebens von Jakub Kolas in der wunderbaren Ausgabe mit Aquarellen von Władysława Iwańska, herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von, natürlich, Norbert Randow. Er begegnete mir wieder als Beiträger zum Annus Albaruthenicus, jenem vielsprachigen Wunderalmanach der Villa Sokrates. Als ich den Herausgeber Sakrat Janovič beim belarussischen Trialog im ostpolnischen Urwald kennenlernte, schwärmte er von Randows tadellosem Belarussisch, bedauerte, dass dieser die Reise zu ihm nicht mehr auf sich nehmen wollte und gab mir ausgewählte Neuerscheinungen für seine Bibliothek mit.

 

Näherung

Wir begegneten uns schließlich nach der Präsentation des Belarussisch-deutschen Wörterbuchs im Literaturhaus in der Fasanenstraße, auch seine Frau Theda und sein (mir namentlich natürlich ebenfalls längst auffällig gewordener) übersetzender Schwager Uladzimir Čapeha waren mit dabei. Randow hatte Schätze aus seiner Sammlung belarussischer Wörterbücher vorgestellt und über die Herausgabe seiner beiden Anthologien in der DDR gesprochen. Bei dieser Gelegenheit hatte er auch mit sichtlicher Genugtuung die versteckten Innenseiten des Störche-Schutzumschlags mit Abbildungen der ersten Garde belarussischer Literaten nach außen gekehrt, von denen ein beträchtlicher Teil Stalins „Säuberungen“ zum Opfer gefallen war. Ein Unding in der DDR des Jahres 1971! Aber, wie Andreas Tretner in seinem Randow-Porträt treffend formulierte: „Was nicht ging, wurde sorgsam zum Gehen gebracht.“

Der große Randow zeigte sich ernsthaft interessiert am kleinen Übersetzernachwuchs, fragte nach den Gründen für das Interesse am Belarussischen und vermutete eine Frau als Movens im Hintergrund. Er interessierte sich für die Übersetzung des Romans Die Elster auf dem Galgen von Al'herd Bacharėvič , an der ich damals arbeitete, gab sich allerdings überzeugt, man müsse bei den Klassikern anfangen. Ohne Maksim Harėcki und seine Zwei Seelen sei Belarus nicht zu begreifen und alles Bemühen um die Gegenwartsliteratur vergebens. Die Zwei Seelen – noch so ein Klassiker, den ich nicht gelesen hatte – lagen freilich schon längst übersetzt und lektoriert in seiner Schublade, er wartete nur noch auf einen namhaften deutschen Verlag, darunter wollte er es nicht machen. Harėcki war für ihn einer der großen Vergessenen. In seinem Überblicksartikel über die belarussische Literatur von ihren Anfängen bis ins ausgehende 20. Jahrhundert stellte er ernüchtert fest, dass es hierzulande neben Bykaŭ, „der auch von Czesław Miłosz, Václav Havel und anderen zum Nobelpreis vorgeschlagen war“, allenfalls Svetlana Aleksievič und der Lyriker Aleś Razanaŭ zu Bekanntheit gebracht haben. Nun hat Svetlana Aleksievič den Preis bekommen.

 

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Maxim Harezki: Zwei Seelen. Guggolz Verlag 2014, © Guggolz Verlag

 

Heger und Sammler

Als ich ihn endlich zu Hause in Moabit besuchte, bat er mich Platz zu nehmen, um mir sogleich mit einer unaufdringlichen Mischung aus Stolz und Beiläufigkeit mitzuteilen: „Auf diesem Sessel hat Bykaŭ gesessen.“ Randow führte mich durch seine sagenhafte Belarus-Bibliothek und sorgte sich um deren Verbleib. Die wertvolle Bulgaristiksammlung hatte die Humboldt-Universität übernommen – in Bulgarien wurde und wird er als Übersetzer und Mittler verehrt – die Belarussistik, das „Stiefkind der Slawistik“, wollte so recht niemand haben. Komplette Zeitschriftenjahrgänge, längst vergriffene Erstausgaben, literatur-, kultur- und sprachwissenschaftliche Arbeiten auch englischsprachiger Belarussisten, Werkausgaben, Wörterbücher, Lexika, Lyrikbändchen, Samisdat, Korrespondenzen… Regal um Regal, reich bestückt bis unter die Decke. Und die Decken sind hoch in den Altbauten in der Rathenower Straße.

Beim Buchbinder wenige Häuser weiter waren noch ein paar Bände in Arbeit, deren Rücken mit den Jahren ähnlich gelitten hatten wie der des Meisters. In der Restekiste am Eingang fand sich noch ein Büchlein, das interessierte und mitgenommen werden musste.

Das Interesse war da, bis zuletzt. Im März 2013 kam er zu unserer Vorablesung aus Viktor Martinovičs Paranoia in den Belarus-Salon, freute sich über die belarussischen Neuerscheinungen im Hause Suhrkamp (und grollte zugleich, dass sein Harėcki lag und lag). Ich schenkte ihm Die Elster auf dem Galgen, sie sollte in seiner Bibliothek nicht fehlen.

 

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Berlin, 03.03.2013, Belarus-Salon

 

Unmittelbar vor der Frankfurter Buchmesse 2013 erfuhr ich von Ingo Petz, dass Norbert Randow gestorben war. Er war nicht mehr da. Ich hatte ihn nicht ausgefragt. Die Bibliothek war noch nicht versorgt. Für Harėckis Zwei Seelen war noch immer kein Verlag gefunden.

 

Im Fluss

Doch plötzlich kam etwas in Bewegung, kam in Gang, was zuvor nicht hatte gehen wollen: Im Herbst 2014 erschien die Übersetzung im Premierenprogramm des Guggolz-Verlags, wunderbar aufgemacht, mit angemessener Würdigung der Übersetzer und Nachworten von Martin Pollack und Andreas Tretner.

Nach einigem Hin und Her um die Belarus-Bibliothek fügte sich auch hier plötzlich alles ganz wunderbar, Dr. Sophia Manns-Süßbrich von der Leipziger Universitätsbibliothek Albertina sei Dank. Die komplette Sammlung ist inzwischen mit dem Randow-Exlibris versehen, in die Slawistikbestände eingearbeitet und fortan allen Nutzern zugänglich. Inklusive der feinen Bleistiftnotizen am Rande („! Quatsch“).

 

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Randnotiz in einem Band der Harėcki-Gesamtausgabe

 

Theda Tode habe ich noch zweimal besucht, um die Übergabe der Bibliothek mit vorzubereiten. Sie hat mich durch die Regale geführt und die akribische Sammelwut ihres Mannes wiederholt einen „köstlichen Wahnsinn“ genannt. Nein, nicht köstlich, aber es war etwas in der Art. Liebevoll, kopfschüttelnd, mittragend.

 

Ich werde sie noch einmal nach dem Wortlaut fragen.

 

Der Nachruf ist bereits Anfang 2015 im Rahmen des Projekts TransStar Europa erschienen. Für novinki wurde er vom Verfasser neu überarbeitet.

 

Weiterführende Lektüre:

Filkova, Fedja: Laudatio auf Norbert Randow. In: Leipziger Buchpreis zur europäischen Verständigung 2001. Leipzig 2001, S. 41-44.

Petz, Ingo: „Das Zwischenmenschliche comes first“. In: ostpol. Das Osteuropamagazin. 08.12.2009

Randow, Norbert: Dank des Preisträgers. In: Leipziger Buchpreis zur europäischen Verständigung 2001. Leipzig 2001, S. 45-50.

Randow, Norbert: Verschollen, vergessen, verboten. Achthundert Jahre belarussische Literatur. In: Osteuropa 2/2004 , S.158-175.

Tretner, Andreas: Eine ganz besondere Kunst. In: Börsenblatt für den deutschen Buchhandel Nr. 23 (168), 20.03.2001, S. 24-25.

 

Ausgewählte Publikationen von Norbert Randow:

Harezki, Maxim: Zwei Seelen. Aus dem Weißrussischen von Norbert Randow und Gundula und Wladimir Tschepego. Mit Nachworten von Martin Pollack und Andreas Tretner. Berlin 2014.

Enev, Dejan: Zirkus Bulgarien. Geschichten für eine Zigarettenlänge. Aus dem Bulgarischen übersetzt von Katrin Zemmrich und Norbert Randow. Mit einem Nachwort von Dimitré Dinev. Wien 2008.

Randow, Norbert (Hg.): Eurydike singt. Neue bulgarische Lyrik. Hrsg. und übersetzt von Norbert Randow. Zweisprachig abgedruckt mit Nachwort und bibliographischen Notizen. Köln 1999.

Jaworow, Pejo: Den Schatten der Wolken nach. Aus dem Bulgarischen. Hrsg., Nachbemerkung, Zeittafel von Norbert Randow. Leverkusen 1999.

Randow, Norbert (Hg.): Bulgarische Erzählungen des 20. Jahrhunderts. Hrsg., Nachwort, Anmerkungen von Norbert Randow. Frankfurt am Main, Leipzig 1996.

Rasanaŭ, Ales: Zeichen vertikaler Zeit. Poeme, Versetten, Punktierungen, Betrachtungen. Aus dem Weißrussischen übertragen von Elke Erb. Hrsg., Nachwort, Anmerkungen von Norbert Randow. Berlin 1995.

Nabokow, Wladimir: Petrograd 1917. Der kurze Sommer der Revolution. Aus dem Russischen von Norbert Randow. Mit einem Nachwort von Günter Rosenfeld. Berlin 1992.

Kolas, Jakub: Märchen des Lebens. Hrsg. und Nachwort von Norbert Randow. Aus dem Belorussischen übertragen von Gundula Tschepego und Hartmut Herboth. Nachdichtungen von Stefan Döring. Mit zwölf Aquarellen von Władysława Iwańska. Berlin 1988.

Randow, Norbert (Hg.): Die junge Eiche. Klassische belorussische Erzählungen. Hrsg., Vorwort und Schriftstellerportraits von Norbert Randow. Leipzig 1987.

Mandelstam, Ossip: Gespräch über Dante. Russisch und deutsch. Aus dem Russischen übertragen von Norbert Randow. Leipzig und Weimar 1984.

Kudrawez, Anatol: Totengedenken. Novelle. Aus dem Belorussischen übertragen von Norbert Randow, Gundula und Wladimir Tschepego, Nachwort von Norbert Randow. Berlin 1983.

Gerow, Alexander: Poesiealbum. Auswahl und Interlinearübersetzung von Norbert Randow. Berlin 1980.

Daltschew, Atanas: Fragmente. Aus dem Bulgarischen übersetzt und herausgegeben von Norbert Randow. Leipzig 1980.

Bykaŭ, Wassil: Der Obelisk. Aus dem Belorussischen Norbert Randow. Berlin 1980.

Randow, Norbert (Hg.): Mach dich nicht zum Gürtel fremder Hosen. Ein bulgarischer Spruchbeutel. Hrsg., mit einem Nachwort versehen und übersetzt von Norbert Randow. Berlin 1978.

Bykaŭ, Wassil: Novellen. Aus dem Belorussischen von Norbert Randow, Ruth Henkel. Berlin 1976.

Smirnenski, Christo: Feuriger Weg. Gedichte und kleine Prosa. Hrsg. und Übersetzung der Prosastücke von Norbert Randow, Nachdichtung der Gedichte von Martin Remané. Berlin, Weimar 1976.

Randow, Norbert (Hg.): Die Pannonischen Legenden. Das Leben der Slawenapostel Kyrill und Method. Aus dem Altslawischen übertragen, hrsg. und mit einem Nachwort von Norbert Randow. Mit 12 Farbholzschnitten von Maria Hiszpańska-Neumann. Berlin 1972.

Randow, Norbert (Hg.): Störche über den Sümpfen. Belorussische Erzähler. Hrsg., kommentiert, mit einem Nachwort und Kurzbiographien der Autoren versehen von Norbert Randow. Berlin 1971.

Gerow, Alexander: Phantastische Novellen. Aus dem Bulgarischen übertragen von Norbert Randow. Sofia 1968.

Randow, Norbert (Hg.): Bulgarische Erzähler. Hrsg., übersetzt und mit einem Nachwort versehen von Norbert Randow. Berlin 1961.

Minkow, Swetoslaw: Die Dame mit den Röntgenaugen. Satirische Erzählungen. Hrsg., übersetzt und mit einem Nachwort von Norbert Randow. Berlin 1959.

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Über den Sümpfen. Norbert Randow nachgerufen – novinki
Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Sla­wistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Über den Sümpfen. Nor­bert Randow nach­ge­rufen

„Nor­bert Randow hat an Grenzen gelebt und an Grenzen gear­beitet. Und er beherrscht die Kunst – ohne Ver­lust an Eigenart – zwi­schen Fremden, zwi­schen Welten zu ver­mit­teln. Er ver­steht es, Bücher zu Grenz­über­tritten zu för­dern.“ So pries Fedja Fil­kova den Träger des Leip­ziger Aner­ken­nungs­preises zur euro­päi­schen Ver­stän­di­gung 2001 in ihrer Lau­datio. Am 1. Oktober 2013 hat er die letzte Grenze über­schritten.

 

Fragen

„Fragen Sie mich aus, noch bin ich da.“ Nor­bert Randow wusste, dass ich Fragen an ihn haben müsste, er spürte, dass ich Hem­mungen hatte, sie los­zu­werden, und er machte sich kei­nerlei Illu­sionen über seine ver­blei­bende Lebens­zeit. (Schon 2001 bemerkte er in seiner Dan­kes­rede zum Leip­ziger Aner­ken­nungs­preis: „[I]n gewisser Weise darf ich den Preis viel­leicht auch meiner Lang­le­big­keit zuschreiben.“) Natür­lich hatte ich Hem­mungen ange­sichts der ersten per­sön­li­chen Begeg­nung mit dem gut acht­zig­jäh­rigen „Doyen unter den Über­set­zern weiß­rus­si­scher Lite­ratur in Deutsch­land“ (Ingo Petz). Augen und Geist blitz­wach, im Rücken eine impo­sante Publi­ka­ti­ons­liste als Über­setzer aus dem Bul­ga­ri­schen, Bela­rus­si­schen und Kir­chensla­wi­schen, als Her­aus­geber und Sla­wist, Bun­des­ver­dienst­kreuz am Bande, dazu einen bemer­kens­werten Lebens­lauf. Ich saß gerade an meiner ersten grö­ßeren Pro­sa­über­set­zung aus dem Bela­rus­si­schen und kannte die Klas­siker – wenn über­haupt – nur aus seinen Über­set­zungen.

 

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Berlin, 02.03.2010 © Deutsch-Bul­ga­ri­sche Gesell­schaft zur För­de­rung der Bezie­hungen zwi­schen Deutsch­land und Bul­ga­rien e.V.

 

Selbst ein Klas­siker

Nor­bert Randow ist nicht mehr da, er ist unge­fragt ver­storben. Erst­mals begegnet bin ich seinem Namen in meinem Grund­stu­dium an der Uni­ver­sität Leipzig auf der Lite­ra­tur­liste zum Seminar „Weiß­rus­si­sche Gegen­warts­li­te­ratur“ im Som­mer­se­mester 2002, gehalten von Dr. Ingrid Schäfer. Er fir­mierte dort als Her­aus­geber der Antho­lo­gien Störche über den Sümpfen. Belo­rus­si­sche Erzähler, sowie, Pflicht­lek­türe für unser Seminar, Die junge Eiche. Klas­si­sche belo­rus­si­sche Erzäh­lungen. Ich habe mir beide Bände sofort anti­qua­risch besorgt und nicht schlecht gestaunt über die schiere Menge der dort ver­sam­melten Autoren. Leider habe ich damals nur eine bil­lige Störche-Aus­gabe ohne Schutz­um­schlag erstanden.

Kurze Zeit später stieß ich in einem der Leip­ziger Buch­an­ti­qua­riate auf die Mär­chen des Lebens von Jakub Kolas in der wun­der­baren Aus­gabe mit Aqua­rellen von Wła­dysława Iwańska, her­aus­ge­geben und mit einem Nach­wort ver­sehen von, natür­lich, Nor­bert Randow. Er begeg­nete mir wieder als Bei­träger zum Annus Alba­ru­the­nicus, jenem viel­spra­chigen Wun­deral­ma­nach der Villa Sokrates. Als ich den Her­aus­geber Sakrat Janovič [Sokrat Jano­wicz] beim bela­rus­si­schen Trialog im ost­pol­ni­schen Urwald ken­nen­lernte, schwärmte er von Ran­dows tadel­losem Bela­rus­sisch, bedau­erte, dass dieser die Reise zu ihm nicht mehr auf sich nehmen wollte und gab mir aus­ge­wählte Neu­erschei­nungen für seine Biblio­thek mit.

 

Nähe­rung

Wir begeg­neten uns schließ­lich nach der Prä­sen­ta­tion des Bela­rus­sisch-deut­schen Wör­ter­buchs im Lite­ra­tur­haus in der Fasa­nen­straße, auch seine Frau Theda und sein (mir nament­lich natür­lich eben­falls längst auf­fällig gewor­dener) über­set­zender Schwager Ulad­zimir Čapeha [Uladsimir Tsc­ha­peha] waren mit dabei. Randow hatte Schätze aus seiner Samm­lung bela­rus­si­scher Wör­ter­bü­cher vorgestellt und über die Her­aus­gabe seiner beiden Antho­lo­gien in der DDR gespro­chen. Bei dieser Gele­gen­heit hatte er auch mit sicht­li­cher Genug­tuung die ver­steckten Innen­seiten des Störche-Schutz­um­schlags mit Abbil­dungen der ersten Garde bela­rus­si­scher Lite­raten nach außen gekehrt, von denen ein beträcht­li­cher Teil Sta­lins „Säu­be­rungen“ zum Opfer gefallen war. Ein Unding in der DDR des Jahres 1971! Aber, wie Andreas Tretner in seinem Randow-Por­trät tref­fend for­mu­lierte: „Was nicht ging, wurde sorgsam zum Gehen gebracht.“

Der große Randow zeigte sich ernst­haft inter­es­siert am kleinen Über­set­zer­nach­wuchs, fragte nach den Gründen für das Inter­esse am Bela­rus­si­schen und ver­mu­tete eine Frau als Movens im Hin­ter­grund. Er inter­es­sierte sich für die Über­set­zung des Romans Die Elster auf dem Galgen von Al’herd Bach­arėvič [Alhierd Bach­arevič], an der ich damals arbei­tete, gab sich aller­dings über­zeugt, man müsse bei den Klas­si­kern anfangen. Ohne Maksim Harėcki und seine Zwei Seelen sei Belarus nicht zu begreifen und alles Bemühen um die Gegen­warts­li­te­ratur ver­ge­bens. Die Zwei Seelen – noch so ein Klas­siker, den ich nicht gelesen hatte – lagen frei­lich schon längst über­setzt und lek­to­riert in seiner Schub­lade, er war­tete nur noch auf einen nam­haften deut­schen Verlag, dar­unter wollte er es nicht machen. Harėcki war für ihn einer der großen Ver­ges­senen. In seinem Über­blicks­ar­tikel über die bela­rus­si­sche Lite­ratur von ihren Anfängen bis ins aus­ge­hende 20. Jahr­hun­dert stellte er ernüch­tert fest, dass es hier­zu­lande neben Bykaŭ, „der auch von Czesław Miłosz, Václav Havel und anderen zum Nobel­preis vor­ge­schlagen war“, allen­falls Svet­lana Alek­sievič und der Lyriker Aleś Razanaŭ zu Bekannt­heit gebracht haben. Nun hat Svet­lana Alek­sievič den Preis bekommen.

 

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Maxim Harezki: Zwei Seelen. Gug­golz Verlag 2014, © Gug­golz Verlag

 

Heger und Sammler

Als ich ihn end­lich zu Hause in Moabit besuchte, bat er mich Platz zu nehmen, um mir sogleich mit einer unauf­dring­li­chen Mischung aus Stolz und Bei­läu­fig­keit mit­zu­teilen: „Auf diesem Sessel hat Bykaŭ gesessen.“ Randow führte mich durch seine sagen­hafte Belarus-Biblio­thek und sorgte sich um deren Ver­bleib. Die wert­volle Bul­ga­ris­tik­samm­lung hatte die Hum­boldt-Uni­ver­sität über­nommen – in Bul­ga­rien wurde und wird er als Über­setzer und Mittler ver­ehrt – die Bela­rus­sistik, das „Stief­kind der Sla­wistik“, wollte so recht nie­mand haben. Kom­plette Zeit­schrif­ten­jahr­gänge, längst ver­grif­fene Erst­aus­gaben, literatur‑, kultur- und sprach­wis­sen­schaft­liche Arbeiten auch eng­lisch­spra­chiger Bela­rus­sisten, Werk­aus­gaben, Wör­ter­bü­cher, Lexika, Lyrik­bänd­chen, Samisdat, Kor­re­spon­denzen… Regal um Regal, reich bestückt bis unter die Decke. Und die Decken sind hoch in den Alt­bauten in der Rathe­nower Straße.

Beim Buch­binder wenige Häuser weiter waren noch ein paar Bände in Arbeit, deren Rücken mit den Jahren ähn­lich gelitten hatten wie der des Meis­ters. In der Res­te­kiste am Ein­gang fand sich noch ein Büch­lein, das inter­es­sierte und mit­ge­nommen werden musste.

Das Inter­esse war da, bis zuletzt. Im März 2013 kam er zu unserer Vor­ab­le­sung aus Viktor Mar­ti­no­vičs [Viktor Mar­ti­no­witschs] Para­noia in den Belarus-Salon, freute sich über die bela­rus­si­schen Neu­erschei­nungen im Hause Suhr­kamp (und grollte zugleich, dass sein Harėcki lag und lag). Ich schenkte ihm Die Elster auf dem Galgen, sie sollte in seiner Biblio­thek nicht fehlen.

 

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Berlin, 03.03.2013, Belarus-Salon

 

Unmit­telbar vor der Frank­furter Buch­messe 2013 erfuhr ich von Ingo Petz, dass Nor­bert Randow gestorben war. Er war nicht mehr da. Ich hatte ihn nicht aus­ge­fragt. Die Biblio­thek war noch nicht ver­sorgt. Für Harė­ckis Zwei Seelen war noch immer kein Verlag gefunden.

 

Im Fluss

Doch plötz­lich kam etwas in Bewe­gung, kam in Gang, was zuvor nicht hatte gehen wollen: Im Herbst 2014 erschien die Über­set­zung im Pre­mie­ren­pro­gramm des Gug­golz-Ver­lags, wun­derbar auf­ge­macht, mit ange­mes­sener Wür­di­gung der Über­setzer und Nach­worten von Martin Pollack und Andreas Tretner.

Nach einigem Hin und Her um die Belarus-Biblio­thek fügte sich auch hier plötz­lich alles ganz wun­derbar, Dr. Sophia Manns-Süß­brich von der Leip­ziger Uni­ver­si­täts­bi­blio­thek Alber­tina sei Dank. Die kom­plette Samm­lung ist inzwi­schen mit dem Randow-Exli­bris ver­sehen, in die Sla­wis­tik­be­stände ein­ge­ar­beitet und fortan allen Nut­zern zugäng­lich. Inklu­sive der feinen Blei­stift­no­tizen am Rande („! Quatsch“).

 

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Rand­notiz in einem Band der Harėcki-Gesamt­aus­gabe

 

Theda Tode habe ich noch zweimal besucht, um die Über­gabe der Biblio­thek mit vor­zu­be­reiten. Sie hat mich durch die Regale geführt und die akri­bi­sche Sam­melwut ihres Mannes wie­der­holt einen „köst­li­chen Wahn­sinn“ genannt. Nein, nicht köst­lich, aber es war etwas in der Art. Lie­be­voll, kopf­schüt­telnd, mit­tra­gend.

 

Ich werde sie noch einmal nach dem Wort­laut fragen.

 

Der Nachruf ist bereits Anfang 2015 im Rahmen des Pro­jekts Trans­Star Europa erschienen. Für novinki wurde er vom Ver­fasser neu über­ar­beitet.

 

Wei­ter­füh­rende Lek­türe:

Fil­kova, Fedja: Lau­datio auf Nor­bert Randow. In: Leip­ziger Buch­preis zur euro­päi­schen Ver­stän­di­gung 2001. Leipzig 2001, S. 41–44.

Petz, Ingo: „Das Zwi­schen­mensch­liche comes first“. In: ostpol. Das Ost­eu­ro­pam­a­gazin. 08.12.2009

Randow, Nor­bert: Dank des Preis­trä­gers. In: Leip­ziger Buch­preis zur euro­päi­schen Ver­stän­di­gung 2001. Leipzig 2001, S. 45–50.

Randow, Nor­bert: Ver­schollen, ver­gessen, ver­boten. Acht­hun­dert Jahre bela­rus­si­sche Lite­ratur. In: Ost­eu­ropa 2/2004 [Kon­turen und Kon­traste. Belarus sucht sein Gesicht], S.158–175.

Tretner, Andreas: Eine ganz beson­dere Kunst. In: Bör­sen­blatt für den deut­schen Buch­handel Nr. 23 (168), 20.03.2001, S. 24–25.

 

Aus­ge­wählte Publi­ka­tionen von Nor­bert Randow:

[Ein detail­liertes Schrif­ten­ver­zeichnis ist ent­halten in Schaller, Helmut/ Zla­t­a­nova, Rum­jana (Hgg.): Kon­ti­nuität gegen Wider­wär­tig­keit. Vor­träge anläss­lich des 80.Geburtstages von Dr. h. c. Nor­bert Randow am 2. März 2010 in Berlin. Mün­chen, Berlin, Washington, DC 2013, S.15–38.]

Harezki, Maxim: Zwei Seelen. Aus dem Weiß­rus­si­schen von Nor­bert Randow und Gun­dula und Wla­dimir Tsche­pego. Mit Nach­worten von Martin Pollack und Andreas Tretner. Berlin 2014.

Enev, Dejan: Zirkus Bul­ga­rien. Geschichten für eine Ziga­ret­ten­länge. Aus dem Bul­ga­ri­schen über­setzt von Katrin Zemm­rich und Nor­bert Randow. Mit einem Nach­wort von Dimitré Dinev. Wien 2008.

Randow, Nor­bert (Hg.): Eury­dike singt. Neue bul­ga­ri­sche Lyrik. Hrsg. und über­setzt von Nor­bert Randow. Zwei­spra­chig abge­druckt mit Nach­wort und biblio­gra­phi­schen Notizen. Köln 1999.

Jaworow, Pejo: Den Schatten der Wolken nach. Aus dem Bul­ga­ri­schen. Hrsg., Nach­be­mer­kung, Zeit­tafel von Nor­bert Randow. Lever­kusen 1999.

Randow, Nor­bert (Hg.): Bul­ga­ri­sche Erzäh­lungen des 20. Jahr­hun­derts. Hrsg., Nach­wort, Anmer­kungen von Nor­bert Randow. Frank­furt am Main, Leipzig 1996.

Rasanaŭ, Ales: Zei­chen ver­ti­kaler Zeit. Poeme, Ver­setten, Punk­tie­rungen, Betrach­tungen. Aus dem Weiß­rus­si­schen über­tragen von Elke Erb. Hrsg., Nach­wort, Anmer­kungen von Nor­bert Randow. Berlin 1995.

Nabokow, Wla­dimir: Petro­grad 1917. Der kurze Sommer der Revo­lu­tion. Aus dem Rus­si­schen von Nor­bert Randow. Mit einem Nach­wort von Günter Rosen­feld. Berlin 1992.

Kolas, Jakub: Mär­chen des Lebens. Hrsg. und Nach­wort von Nor­bert Randow. Aus dem Belo­rus­si­schen über­tragen von Gun­dula Tsche­pego und Hartmut Her­both. Nach­dich­tungen von Stefan Döring. Mit zwölf Aqua­rellen von Wła­dysława Iwańska. Berlin 1988.

Randow, Nor­bert (Hg.): Die junge Eiche. Klas­si­sche belo­rus­si­sche Erzäh­lungen. Hrsg., Vor­wort und Schrift­stel­ler­por­traits von Nor­bert Randow. Leipzig 1987.

Man­del­stam, Ossip: Gespräch über Dante. Rus­sisch und deutsch. Aus dem Rus­si­schen über­tragen von Nor­bert Randow. Leipzig und Weimar 1984.

Kudrawez, Anatol: Toten­ge­denken. Novelle. Aus dem Belo­rus­si­schen über­tragen von Nor­bert Randow, Gun­dula und Wla­dimir Tsche­pego, Nach­wort von Nor­bert Randow. Berlin 1983.

Gerow, Alex­ander: Poe­sie­album. Aus­wahl und Inter­li­ne­ar­über­set­zung von Nor­bert Randow. Berlin 1980.

Dal­t­schew, Atanas: Frag­mente. Aus dem Bul­ga­ri­schen über­setzt und her­aus­ge­geben von Nor­bert Randow. Leipzig 1980.

Bykaŭ, Wassil: Der Obe­lisk. Aus dem Belo­rus­si­schen Nor­bert Randow. Berlin 1980.

Randow, Nor­bert (Hg.): Mach dich nicht zum Gürtel fremder Hosen. Ein bul­ga­ri­scher Spruch­beutel. Hrsg., mit einem Nach­wort ver­sehen und über­setzt von Nor­bert Randow. Berlin 1978.

Bykaŭ, Wassil: Novellen. Aus dem Belo­rus­si­schen von Nor­bert Randow, Ruth Henkel. Berlin 1976.

Smir­nenski, Christo: Feu­riger Weg. Gedichte und kleine Prosa. Hrsg. und Über­set­zung der Pro­sa­stücke von Nor­bert Randow, Nach­dich­tung der Gedichte von Martin Remané. Berlin, Weimar 1976.

Randow, Nor­bert (Hg.): Die Pan­no­ni­schen Legenden. Das Leben der Sla­wen­apostel Kyrill und Method. Aus dem Alt­sla­wi­schen über­tragen, hrsg. und mit einem Nach­wort von Nor­bert Randow. Mit 12 Farb­holz­schnitten von Maria Hiszpańska-Neu­mann. Berlin 1972.

Randow, Nor­bert (Hg.): Störche über den Sümpfen. Belo­rus­si­sche Erzähler. Hrsg., kom­men­tiert, mit einem Nach­wort und Kurz­bio­gra­phien der Autoren ver­sehen von Nor­bert Randow. Berlin 1971.

Gerow, Alex­ander: Phan­tas­ti­sche Novellen. Aus dem Bul­ga­ri­schen über­tragen von Nor­bert Randow. Sofia 1968.

Randow, Nor­bert (Hg.): Bul­ga­ri­sche Erzähler. Hrsg., über­setzt und mit einem Nach­wort ver­sehen von Nor­bert Randow. Berlin 1961.

Minkow, Swe­toslaw: Die Dame mit den Rönt­ge­n­augen. Sati­ri­sche Erzäh­lungen. Hrsg., über­setzt und mit einem Nach­wort von Nor­bert Randow. Berlin 1959.

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