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„Wenn Du an einem Ort sitzen bleibst, brütest Du auch nichts Vernünftiges aus.“

Posted on 20. Mai 2015 by Nina Weller
Aleksandr Iličevskij hat sich in den letzten Jahren als neue Stimme der russischen Literatur einen Namen gemacht. Seine Romane "Matisse" ("Matiss") und "Der Perser" ("Pers") werden in Kürze auch auf Deutsch erscheinen. Für novinki sprach Nina Weller mit dem in Aserbaidschan geborenen und heute in Israel lebenden Schriftsteller.

Interview mit dem russischen Schriftsteller Aleksandr Iličevskij

Aleksandr Iličevskij hat sich in den letzten Jahren als neue Stimme der russischen Literatur einen Namen gemacht. Der 1970 in der aserbaidschanischen Stadt Sumgait geborene Lyriker und Prosaautor verfolgte zunächst eine Karriere als Naturwissenschaftler, bevor er sich ganz dem Schreiben widmete. Nach dem Studium der Mathematik und der theoretischen Physik an der Moskauer Lomonossow-Universität und einer Dozentur am Moskauer Institut für Physik und Technologie arbeitete er mehrere Jahre als Wissenschaftler in den USA und in Israel. 1998 kehrte er nach Russland zurück. Seither erschienen zahlreiche Lyrik-, Essay-, Erzählbände und Romane, die mit mehreren renommierten Preisen ausgezeichnet wurden. Seine vier letzten Romane Matiss (2006, Matisse), Pers (2009, Der Perser), Matematik (2011, Der Mathematiker) und Anarchisty (2012, Die Anarchisten) erschienen 2013 als Roman-Tetralogie in einem Band unter dem Titel Soldaty Apšeronskogo polka (Die Soldaten des Apscheroner Regiments). Seit 2013 lebt Iličevskij mit seiner Familie in Tel Aviv. Eines seiner letzten Bücher, Gorod zakata: Progulki po stene (2012, Stadt der untergehenden Sonne: Mauerspaziergänge), ist der Stadt Jerusalem gewidmet.

 

novinki: Die Tetralogie Soldaty Apšeronskogo polka (Die Soldaten des Apscheroner Regiments) bündelt Deine letzten großen Prosatexte. Welche Bedeutung hat der Titel?

 

Aleksandr Iličevskij: Im Apscheroner Regiment – einem Regiment der russisch-zaristischen Armee, das u.a. auf der Halbinsel Apşeron im heutigen Aserbaidschan eingesetzt war – diente ein gewisser Platon Korolev (so heißt auch mein Protagonist in Matisse), der als Nationalheld eine wichtige Rolle in Tolstojs Krieg und Frieden spielt. Das Apscheroner Regiment ist für mich aber vor allem das Symbol für eine immaterielle Festung, für die immateriellen Kräfte der Kultur und der Geschichte. Der Name der Tetralogie ergibt sich aus meinem Roman Der Perser (Pers), darin habe ich diesen Zusammenhang ausführlich dargelegt.

 

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Foto: Bali-Dana Singer

 

n.: Wenden wir uns dem ersten Roman der Tetralogie zu: Matisse ist das erste Deiner Bücher, das auf Deutsch erscheint. Worum geht es darin?

 

A.I.: Um die literarische Analyse der Schicksale jener Generation, deren Jugend mit dem Zusammenbruch der UdSSR, mit einem Zeitenbruch zusammenfiel. Menschen, die um das Jahr 1970 herum geboren sind, unterscheiden sich von denen, die man unter normalen Umständen ihre Altersgenossen nennen würde. Sie befanden sich damals auf dem Kamm eines Tsunamis, ihre Entwicklung vollzog sich parallel zu dieser turbulenten Zeit, sie waren das erste Gelalle einer postsowjetischen Epoche, ihre Bewegung verlief einzigartig – entlang der Welle. Beim Versuch, ein Schema der Romanhandlung zu skizzieren, ergibt sich ungefähr Folgendes: Der Protagonist Korolev, ehemaliges Heimkind, Absolvent und Doktorand der elitären Moskauer Physikalisch-Technischen Hochschule, sieht sich durch die Zumutungen der Gegenwart dazu gezwungen, seine wissenschaftliche Tätigkeit zu vernachlässigen. Er muss häufig wechselnde Jobs annehmen und beginnt darüber nachzudenken, was er eigentlich ist: Mensch oder Maschine, tot oder lebendig, betrogen oder aussortiert. Schließlich gibt er seine Arbeit auf, verlässt seine Wohnung im Zentrum Moskaus und lebt von nun als Obdachloser. Dieses Herausfallen aus der Gesellschaft erweist sich für ihn als wohl einzige Option, als letzte Möglichkeit, dem geistigen Tod zu entgehen. Dabei agiert Korolev in erster Linie für sich selbst, und erst dieses Wissen um seine eigene Vereinzelung rettet ihn. Sein Beispiel kann also nicht verallgemeinert werden. Seine Flucht – wohl weniger eine Flucht als eine Absage an die korrosive Wirklichkeit – geschieht um des inneren Friedens willen. Sie bildet das Fundament, auf dem eine neue Realität, das „Reich Gottes auf Erden“, wenn man so will, geschaffen werden muss. Korolev wird nicht einfach zum Obdachlosen, sondern zum pilgernden Wanderer, zu einem Menschen, der es sich zur Aufgabe macht, mit Leib und Leben zu einer Erkenntnis der Welt vorzudringen. Der Mensch ist das Maß aller Dinge, richtig? Also vermisst mein Protagonist mit seinen Schritten, mit seinem Körper Moskau, sein Vaterland, sein Leben, Gott.
Es fällt mir schwer, diese Vorgehensweise analytisch zu erklären. Hier kommt eher ein gewisses Familienerbe zum Tragen: Meine Urgroßmutter machte sich zu Fuß auf den Weg nach Jerusalem, kam an und kehrte nie zurück. Mein Urgroßvater Mytrofan Koroka reiste während des Krieges durch die besetzten Gebiete Aserbaidschans – wohin er in den 1930er Jahren ins Exil verbannt worden war –, um sich in seiner Heimat, dem Dörfchen Kozievka in der Nähe von Charkov, der Partisanenbewegung anzuschließen. Und mein anderer Urgroßvater, väterlicherseits, wanderte im Jahr 1916 nach Amerika aus, wohin er zwei Jahre unterwegs war. Dem lässt sich noch hinzuzufügen: Wenn Du an einem Ort sitzen bleibst, brütest Du auch nichts Vernünftiges aus. Die Hälfte der Moskauer Bevölkerung hat eine fragmentierte Vorstellung von der Stadt, sie existiert nur in einzelnen Flecken, in Bezirken rund um die Metrostationen.

 

n.: In welchem Zusammenhang steht diese fragmentierte Vorstellung von der Stadt mit der Suche des Protagonisten?

 

A.I.: In der Stadt existierte kein kohärentes Bild von ihr selbst. Nicht nur in der Stadt, sondern im ganzen Land dominierte nur eine zerrissene Vorstellung vom russischen Raum und vom Staatsgebilde. Eine zu große Entfernung vom Zentrum hat Russland übrigens immer schon zum Feudalismus verleitet und verleitet es heute noch dazu: So etwa, wenn die Vasallen der Macht für ihre Unterordnung einen Blankoscheck für Regierungsmacht auf lokaler Ebene erhalten.
Unser Land ist heute – bei einer Bevölkerungsdichte, die nicht viel höher ist als in der Sahara – räumlich und mental isoliert wie noch nie. Mein Held versucht, den Raum in einen Zusammenhang zu bringen, indem er ihn durch seinen eigenen Körper und sein Bewusstsein erfährt. Und das ist auch der Grund, weshalb er erst die ganze Stadt mit seinen Bahnen durchzieht und dann in den unerforschten Teil Moskaus hinabsteigt. Der nächste Schritt bei seinem Versuch, zu einem Bewusstsein der Epoche zu gelangen, ist die Entscheidung, die Hauptstadt zu verlassen und seine Daseinsfunktion – die er darin sieht, die Heimat für sich zu einem Ganzen zusammenzufügen und intellektuell zu erfassen – auf die südlichen Gegenden Russlands auszuweiten. Daher sucht Korolev im Vagabundieren nach einem vollständigen Bewusstsein von der Realität. Er ist kein Flüchtling. Reisen bedeutet für ihn Handlung, ist für ihn der Einstieg in den Raum der Tat.

 

n.: Welchen Stellenwert nimmt Matisse innerhalb der Roman-Tetralogie ein?

 

A.I.: Die vier Geschichten haben zwar unterschiedliche Sujets, doch sie gehen allesamt von Helden mit einer gleichen Lebensweise aus, es sind ähnliche Typen: Ein in der einen oder anderen Hinsicht erfolgloser Held entscheidet sich an irgendeinem Punkt seines Lebens für eine radikale Veränderung seines Schicksals. In der Asche und den Ruinen seines bisherigen Lebens findet er die Kraft für ein neues, ganz und gar anderes Leben. Matisse ist chronologisch betrachtet der erste Roman im Zyklus, er führt diese Grundidee in die Gesamtkomposition des Bandes ein.

 

n.: Deine Protagonisten geraten also nicht als Opfer äußerer Umstände an den Rand der Gesellschaft, im Gegenteil, sie entziehen sich der sozialen Sphäre bewusst und freiwillig. Wie und wo finden sie ein „neues, ganz und gar anderes Leben“? Ist das Vagabundieren für Korolev eine reale und auch geistige Alternative, obwohl oder gerade weil das Leben auf der Straße für ihn eine direkte Konfrontation mit den offenen Wunden der russischen postsowjetischen Gesellschaft darstellt?

 

A.I.: Korolev trifft im Grunde die Wahl zwischen seiner inneren Welt und der Außenwelt, die zutiefst korrumpiert und jeglicher Zukunft beraubt ist. Sein Motiv ähnelt den Motiven der frühchristlichen Wüstenväter, die mit Hilfe eines weltabgeschiedenen, zurückgezogenen Lebens die Möglichkeit suchten, Trost in einer zukünftigen brüderlichen Existenz mit ihresgleichen zu finden. Korolev wird sich darüber klar, welche Schwierigkeiten er bei der Verwirklichung seiner Träume hat, aber er versteht, dass die Zivilisation selbst gerade mit der Fähigkeit des Menschen begann, zu ertragen und zu träumen.

 

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Foto: Aleksandr Iličevskij

 

n.: Das Reisen – oder besser gesagt, die Fortbewegung zu Fuß, das Vagabundieren und Umherwandern – stellt für alle Deine Helden ein geradezu existenzielles Prinzip, ein Erfahrungs- und Überlebensprinzip dar. Welche Bedeutung hat eigentlich die Reise (zu Fuß) in Deinem eigenen Leben und für Dein Schreiben?

 

A.I.: Ich liebe es zu reisen. Mein Reisen ist allerdings von der Sesshaftigkeit wie vom Vagabundieren gleichermaßen weit entfernt. Zudem muss berücksichtigt werden, dass die Hälfte meiner Ortswechsel durch äußere Umstände bedingt war und nicht durch eine innere Notwendigkeit. Natürlich gibt es keinen größeren Genuss, als loszugehen und ausgerüstet mit einem naturwissenschaftlichen, exakt-erfassenden Blick die Landschaft zu lesen, zu entziffern, sich ein halbes Jahr, sagen wir mal, auf eine Reise an die untere Wolga vorzubereiten und dann schließlich Chasarien mit eigenen Augen zu sehen. Ist man zu Fuß unterwegs, sieht man vieles anders, denn nur dann ist der Mensch ernsthaft mit der Lehre des Protagoras konfrontiert: „Der Mensch ist das Maß aller Dinge“, denn nur zu Fuß kann der Raum mit dem Körper durchmessen werden. Das Ergebnis dieser Konfrontation und des Zusammenwirkens von Raum und Körper kann einzigartig sein. Überhaupt denke ich, dass der Mensch verpflichtet ist, ein klares körperliches Fundament in dieser Welt zu haben – ähnlich wie die Schäfer im Alten Israel, einschließlich des Psalmensängers David, die genau wussten, wie viele Tageswege sie sich von dem einen oder anderen Ende des Landes entfernt befanden, und die beispielsweise in der Lage waren, ihre Herden so von Jerusalem nach Jerichow zu bringen, dass die Tiere sich den gesamten Tag über im Schatten einer Schlucht oder eines Hügel befanden und nicht in der prallen Sonne leiden mussten. So, wie in der alten Welt Entfernungen über Tageswege berechnet wurden, so sollte der Raum des modernen Menschen gerade mittels Körper und Fortbewegung zu Fuß mit der Lebenszeit ins Verhältnis gesetzt werden.
Was die Schriftstellerei betrifft, so sind, wie mir scheint, sowohl die Reise als auch die Literatur in erster Linie Forschungskategorien, darin sind sie einander verwandt und helfen einander, indem sie sich gegenseitig befruchten.

 

n.: Lass uns kurz bei diesen Kategorien bleiben: Mir scheint, dass die Reise in Deiner Prosa ein wichtiges Meta-Sujet darstellt und zugleich eine Art innerer Motor der Texte ist, der die Helden wie auch die Erzählung selbst in unbestimmter und unendlicher Bewegung hält.

 

A.I.: Ich habe verschiedene Bücher über verschiedene Reisen geschrieben – über aufwändige Reisen, über Reisen, die zu wilden Naturorten oder ins Dickicht der Stadt führen. Natürlich bestimmt das Motiv der Reise nicht nur den Inhalt, sondern auch die Dynamik des Erzählens. Die Abfolge einzelner Momente einer Reise bildet zugleich die Erzählstruktur, die von einem Anfang zu einem Ende führt – aber das kann ja jedes Mal anders verlaufen. Beispielsweise sind etwa die Erfahrungen von zwei Monaten, während derer ich in Jerusalem gelebt habe, in das Buch Stadt des Sonnenuntergangs eingeflossen. Dagegen machen die 7500 Kilometer, die ich per Auto durch den europäischen Teil Russlands zurückgelegt habe, darin nur einen Absatz aus. Alles hängt von der Sinndichte ab, die einen Raum prägt. Der reisende Mensch ist wie die Nadel eines Schallplattenspielers, wenn er durch die Landschaft streunt und ihre besondere Musik herauszieht.

 

n.: In Deinen Texten sind die Wahrnehmung der Landschaft und das Nachdenken über den Raum eng miteinander verbunden, daher sind sie manchmal gar nicht so einfach zu lesen. Der Leser muss oft hochkonzentriert sein, um sich nicht im Text zu verlieren. Einige Kritiker sprechen in diesem Zusammenhang von einer „neuen Komplexität“ in der russischen Literatur.

 

A.I.: Neue Komplexität? Ich persönlich schreibe aufs Geratewohl. Ich habe nie darüber nachgedacht, was in der russischen Literatur vor sich geht, insbesondere in den letzten Jahren, seitdem die Politik die ganze Kultur verdunkelt. Ich bin von Ausbildung und Beruf her theoretischer Physiker und dies hat meinen Horizont und mein Bewusstsein stark beeinflusst. Der Eindruck, den die Lektüre meiner Bücher möglicherweise hinterlässt, ist vielleicht weniger Komplexität als eine besondere Spezifik meiner Texte, und einige kann man tatsächlich dem Genre der wissenschaftlichen Literatur, genauer gesagt, einer „erforschenden“ Literatur zuordnen.

 

n.: Die Besonderheit Deiner Texte ergibt sich doch auch aus der Spannung zwischen einem metaphysischen, geradezu sakralen Sprachverständnis einerseits und einer naturwissenschaftlichen Wahrnehmung andererseits. Steht beides nicht zu sehr im Widerspruch?

 

A.I.: Das biologische Leben basiert auf dem „Metabolismus“ (Stoffwechsel, Anm. N.W.) von Texten. Die DNA ist ein großer Text, den zu lesen und zu interpretieren die Menschheit noch lernen muss. Ganz ähnlich basiert die Kultur auf einer Praxis der Auswahl und Kanonisierung von „Texten“. Und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. Die Texte wachsen mit den in ihnen enthaltenden Gedanken an, auf dieser Textbasis entstehen neue Texte, die sich als wissenschaftliche Zitationen oder intertextuelle weiterentwickelte Bezüge erweisen; dies gilt sowohl für die Kultur wie auch für den digitalen Bereich der Zivilisation, in dem sich ja ähnliche Prozesse nachvollziehen lassen. Letztlich gründet die Zivilisation als Teilhaberin an der Schöpfung des Universalismus vollständig auf Wörtern und Zahlen (die im Kern ebenfalls Wörter sind, aber etwas andere) sowie auf Redewendungen (kommunikativen Erscheinungen).
In diesem Zusammenhang möchte ich gerne einen wichtigen Satz aus dem Talmud in Erinnerung bringen, welcher besagt, dass die Welt nichts weiter ist als eine Geschichte, die irgendjemandem erzählt wurde. Also, aus meiner Sicht besteht hier kein Widerspruch. In beiden Fällen – Natur und Kultur – geht es um die Zuordnung und die Zusammenarbeit ähnlich angeordneter, aus verschiedenen Materialien bestehender und miteinander verbundener Strukturen.

 

n.: Deine Prosatexte leben stark von ihrer bildhaften, visuell-metaphorischen Schichtung. Du selbst hast von Meta-Metaphorismus gesprochen und in diesem Zusammenhang häufig den russischen (vor einigen Jahren in Köln verstorbenen) Dichter Aleksej Parščikov als wichtiges Vorbild genannt. Kannst Du kurz Eure Beziehung beschreiben?

 

A.I.: Es ist schwierig, das analytisch zu erklären. Am besten hat Aleksej Parščikov selbst unser Verhältnis in Worte gefasst. In einem Brief schrieb er mir: „Wir beide betrachten die Dinge gleich, nur hat jeder von uns eine eigene Art und Weise, darüber zu schreiben.“

 

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Foto: Nina Weller

 

n.: Du hast die gegenwärtige Verdunkelung der russischen Kultur erwähnt, die mentale Isolierung Russlands. Ist dies auch der Grund dafür, warum Du letztes Jahr mit Deiner Familie nach Israel ausgewandert bist?

 

A.I.: Ich habe schon lange davon geträumt, nach Israel zu ziehen. Vor 25 Jahren, als ich mich noch mit Physik beschäftigte, war ich bereits als Doktorand des Weizmann-Instituts dort. Ich erinnerte mich danach oft an das Gefühl der engen Verbindung von Altertum und Gegenwart, das mich anzog. Ich bin für die südliche Landschaft sehr empfänglich, denn ich bin selbst auf der Apscheroner Halbinsel im sowjetischen Süden geboren. Auch wenn ich es sehr schätzte, habe ich das Leben in Moskau und im Moskauer Umland, was Klima und Landschaft betrifft, immer als unnatürlich wahrgenommen.
Israel ist ein unendlicher Quell für die Reflexion und Wahrnehmung der Kultur, der Zivilisation überhaupt. In der Gegenwart dieses Staates verbinden sich kulturelles Wissen, Geschichte und Zukunft. Israel ist die Wiege der westlichen Zivilisation, die alle Dynamiken der Weltgeschichtsbewegung in sich aufnimmt und aufnehmen wird. Und ich hoffe, dass diese Wiege zu einer Festung wird. Kaum jemand wird bestreiten wollen, dass das jüdische Volk der christlichen Zivilisation nicht nur alle wichtigen Schlüsselfiguren einer neuen Religion mitgab, sondern auch die Grundlagen eines Ethikkodexes, zu dem auch die Heiligkeit des Gesetzes gehört – die Grundlage jeder Demokratie, der Feind jeder Tyrannei.
Was Russland betrifft, ganz gleich, was dort geschieht, es bleibt die Aufgabe des Schriftstellers, in seiner Sprache zu denken und damit einen Samen für die Zukunft zu pflanzen, einen Samen im Sinne einer neuen Blütezeit. Die Literatur besteht letztlich genauso aus Buchstaben wie auch die DNA aus „Buchstaben“ besteht. Die Literatur ist also der Speicher für die Erbinformation des kulturellen Bewusstseins. Und die Aufgabe des Schriftstellers ist vor allem eine schützende. Seine Aufgabe besteht darin, für zukünftige Generationen Sinn zu bewahren und neue Bedeutungen hervorzubringen. Damit beschäftige ich mich in Israel, wo ein Zehntel der Bevölkerung dieselbe Sprache spricht, in der ich schreibe.

 

n.: Betrachtest Du Dich selbst als russisch-jüdischen Autor?

 

A.I.: Das ist eine ernste Frage, vor allem angesichts der Tatsache, dass das jüdische Volk in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ein neues Stadium der Formierung einer neuen nationalen Identität zu durchleben begann und zwar in einem seit der Zweiten Tempelperiode nicht dagewesenen Ausmaß. Gegenwärtig bildet sich in Israel eine neue ethnische Legierung heraus, deren Entwicklung erst über mehrere Generationen abgeschlossen sein wird. Deshalb fällt es mir nicht leicht, auf deine Frage entschieden zu antworten. Umso mehr, als in Zukunft die nationalen Grenzen immer durchlässiger werden. Vorläufig kann ich mit Bestimmtheit sagen, dass ich ein Schriftsteller bin, der in Israel auf Russisch schreibt, und dass es mir überhaupt nicht gleichgültig ist, wie mein Werk in diesem Land, das ich nun als Heimat betrachte, aufgenommen wird.

 

n.: Was denkst Du über die gegenwärtige Situation in Israel?

 

A.I.: Die Situation in Israel ist kompliziert, da kommen zu viele unterschiedliche und mehrdeutige Aspekte zusammen. Israel ist in die tragische Situation des Krieges hineingeboren und in die Notwendigkeit des Fortbestands des Volkes. Daran wird es sich nie gewöhnen. Der vom Staat Israel praktizierte Kampf gegen den Terrorismus ist die Hauptkampflinie im Antiterrorkampf der ganzen westlichen Welt. Doch die inneren Probleme des Landes, die den Krieg begleiten, müssen schnell geregelt werden, es muss möglichst bald zu einem Frieden mit den Palästinensern kommen. Ohne jeden Zweifel sind nachbarschaftliche Toleranz und Milde, gegenseitige Akzeptanz und Freundlichkeit die wichtigsten Aspekte für eine Regulierung der Situation.

 

n.: Im November letzten Jahres warst Du Stipendiat im Literarischen Colloquium Berlin. Welche Eindrücke hast Du vom gegenwärtigen Berlin?

 

A.I.: Berlin hat mir gut gefallen, es ist eine klare und schnittige, bequeme und freundliche Stadt. Ich bin der Leitung des LCB sehr dankbar, dass mir die Gelegenheit geboten wurde, eine Zeit lang in Wannsee zu leben und zu arbeiten. Die Ruhe und die Abgeschiedenheit, die Möglichkeit für neue Begegnungen, Gespräche und Auftritte – all das ist das LCB.
Ich war gerade während der Feierlichkeiten anlässlich des 25. Jahrestags des Mauerfalls in Berlin. Das Phänomen der Teilung Deutschlands interessiert mich sehr, deshalb bin ich den Spuren dieses historischen Ereignisses in der Stadt gefolgt. Als erstes bin ich natürlich zum Checkpoint Charlie gegangen, zu dem Ort, an dem mein Lieblingsroman Der Spion, der aus der Kälte kam beginnt und endet. Die besondere Symbolik dieser Tage bestand für mich aber darin, dass zur gleichen Zeit in Russland der Versuch einer Restaurierung der Sowjetunion wieder an Fahrt gewann.

 

n.: Woran arbeitest Du derzeit?

 

A.I.: Erst kürzlich ist mein Band Sprava nalevo (Von rechts nach links) beim Verlag AST erschienen. Es handelt sich um eine Sammlung kurzer Texte – Essays, Erzählungen, Reisebeschreibungen und Skizzen zu ganz unterschiedlichen Themen: von der Quantenfeldtheorie bis zur Zoologie und Literatur. Und zum Jahresende möchte ich meinen nächsten großen Roman über die nahe Zukunft fertig schreiben.

 

n.: Vielen Dank für das Gespräch.

 

In Kürze erscheinen in deutscher Übersetzung Iličevskijs Romane Matisse (Verlag Matthes & Seitz, übersetzt von Valerie Engler und Friederike Meltendorf) und Der Perser (Suhrkamp Verlag, übersetzt von Andreas Tretner).Das Interview wurde von Nina Weller geführt und aus dem Russischen übersetzt.

 

Werke von Aleksandr Iličevskij (Auswahl):

Lyrikbände:
Slučaj (1996 / 2000)
Ne-zrenie (1999 / 2001)
Volga meda i stekla (2004)

Essay- und Erzählsammlungen:
Butylka Klejna (2005)
Dožd dlja Danai (2005)
Guš-Mulla (2005 / 2008)
Penie izvestnjaka (2008)
Gorod zakata: Progulka po stjenije (2012)
Sprava nalevo (2015)

Romane:
Samson na solnce (1998)
Neft’ / Mister Neft. Drug (1998 / 2008)
Dom v meščere (1999)
Aj-Petri (2005)
Matiss (2006)
Pers (2009 / 2012)
Matematik (2011)
Anarchisty (2012)
Orfiki (2013)
Soldaty Apšeronskogo polka (2013. Matiss, Pers, Matematik, Anarchis

„Wenn Du an einem Ort sitzen bleibst, brütest Du auch nichts Vernünftiges aus.“ – novinki
Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

„Wenn Du an einem Ort sitzen bleibst, brü­test Du auch nichts Ver­nünf­tiges aus.“

Inter­view mit dem rus­si­schen Schrift­steller Alek­sandr Iličevskij 

Alek­sandr Iličevskij [Alex­ander Ilit­schewski] hat sich in den letzten Jahren als neue Stimme der rus­si­schen Lite­ratur einen Namen gemacht. Der 1970 in der aser­bai­dscha­ni­schen Stadt Sum­gait gebo­rene Lyriker und Pro­sa­autor ver­folgte zunächst eine Kar­riere als Natur­wis­sen­schaftler, bevor er sich ganz dem Schreiben wid­mete. Nach dem Stu­dium der Mathe­matik und der theo­re­ti­schen Physik an der Mos­kauer Lomo­no­ssow-Uni­ver­sität und einer Dozentur am Mos­kauer Institut für Physik und Tech­no­logie arbei­tete er meh­rere Jahre als Wis­sen­schaftler in den USA und in Israel. 1998 kehrte er nach Russ­land zurück. Seither erschienen zahl­reiche Lyrik‑, Essay‑, Erzähl­bände und Romane, die mit meh­reren renom­mierten Preisen aus­ge­zeichnet wurden. Seine vier letzten Romane Matiss (2006, Matisse), Pers (2009, Der Perser), Mate­matik (2011, Der Mathe­ma­tiker) und Anar­chisty (2012, Die Anar­chisten) erschienen 2013 als Roman-Tetra­logie in einem Band unter dem Titel Sol­daty Apšerons­kogo polka (Die Sol­daten des Apsche­roner Regi­ments). Seit 2013 lebt Iličevskij mit seiner Familie in Tel Aviv. Eines seiner letzten Bücher, Gorod zakata: Pro­gulki po stene (2012, Stadt der unter­ge­henden Sonne: Mau­er­spa­zier­gänge), ist der Stadt Jeru­salem gewidmet.

 

novinki: Die Tetra­logie Sol­daty Apše­rons­kogo polka (Die Sol­daten des Apsche­roner Regi­ments) bün­delt Deine letzten großen Pro­sa­texte. Welche Bedeu­tung hat der Titel?

 

Alek­sandr Iličevskij: Im Apsche­roner Regi­ment – einem Regi­ment der rus­sisch-zaris­ti­schen Armee, das u.a. auf der Halb­insel Apşeron [Apscheron] im heu­tigen Aser­bai­dschan ein­ge­setzt war – diente ein gewisser Platon Korolev (so heißt auch mein Prot­ago­nist in Matisse), der als Natio­nal­held eine wich­tige Rolle in Tol­s­tojs Krieg und Frieden spielt. Das Apsche­roner Regi­ment ist für mich aber vor allem das Symbol für eine imma­te­ri­elle Fes­tung, für die imma­te­ri­ellen Kräfte der Kultur und der Geschichte. Der Name der Tetra­logie ergibt sich aus meinem Roman Der Perser (Pers), darin habe ich diesen Zusam­men­hang aus­führ­lich dargelegt.

 

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Foto: Bali-Dana Singer

 

n.: Wenden wir uns dem ersten Roman der Tetra­logie zu: Matisse ist das erste Deiner Bücher, das auf Deutsch erscheint. Worum geht es darin?

 

A.I.: Um die lite­ra­ri­sche Ana­lyse der Schick­sale jener Genera­tion, deren Jugend mit dem Zusam­men­bruch der UdSSR, mit einem Zei­ten­bruch zusam­men­fiel. Men­schen, die um das Jahr 1970 herum geboren sind, unter­scheiden sich von denen, die man unter nor­malen Umständen ihre Alters­ge­nossen nennen würde. Sie befanden sich damals auf dem Kamm eines Tsu­namis, ihre Ent­wick­lung vollzog sich par­allel zu dieser tur­bu­lenten Zeit, sie waren das erste Gel­alle einer post­so­wje­ti­schen Epoche, ihre Bewe­gung ver­lief ein­zig­artig – ent­lang der Welle. Beim Ver­such, ein Schema der Roman­hand­lung zu skiz­zieren, ergibt sich unge­fähr Fol­gendes: Der Prot­ago­nist Korolev, ehe­ma­liges Heim­kind, Absol­vent und Dok­to­rand der eli­tären Mos­kauer Phy­si­ka­lisch-Tech­ni­schen Hoch­schule, sieht sich durch die Zumu­tungen der Gegen­wart dazu gezwungen, seine wis­sen­schaft­liche Tätig­keit zu ver­nach­läs­sigen. Er muss häufig wech­selnde Jobs annehmen und beginnt dar­über nach­zu­denken, was er eigent­lich ist: Mensch oder Maschine, tot oder lebendig, betrogen oder aus­sor­tiert. Schließ­lich gibt er seine Arbeit auf, ver­lässt seine Woh­nung im Zen­trum Mos­kaus und lebt von nun als Obdach­loser. Dieses Her­aus­fallen aus der Gesell­schaft erweist sich für ihn als wohl ein­zige Option, als letzte Mög­lich­keit, dem geis­tigen Tod zu ent­gehen. Dabei agiert Korolev in erster Linie für sich selbst, und erst dieses Wissen um seine eigene Ver­ein­ze­lung rettet ihn. Sein Bei­spiel kann also nicht ver­all­ge­mei­nert werden. Seine Flucht – wohl weniger eine Flucht als eine Absage an die kor­ro­sive Wirk­lich­keit – geschieht um des inneren Frie­dens willen. Sie bildet das Fun­da­ment, auf dem eine neue Rea­lität, das „Reich Gottes auf Erden“, wenn man so will, geschaffen werden muss. Korolev wird nicht ein­fach zum Obdach­losen, son­dern zum pil­gernden Wan­derer, zu einem Men­schen, der es sich zur Auf­gabe macht, mit Leib und Leben zu einer Erkenntnis der Welt vor­zu­dringen. Der Mensch ist das Maß aller Dinge, richtig? Also ver­misst mein Prot­ago­nist mit seinen Schritten, mit seinem Körper Moskau, sein Vater­land, sein Leben, Gott.
Es fällt mir schwer, diese Vor­ge­hens­weise ana­ly­tisch zu erklären. Hier kommt eher ein gewisses Fami­li­en­erbe zum Tragen: Meine Urgroß­mutter machte sich zu Fuß auf den Weg nach Jeru­salem, kam an und kehrte nie zurück. Mein Urgroß­vater Myt­rofan Koroka reiste wäh­rend des Krieges durch die besetzten Gebiete Aser­bai­dschans – wohin er in den 1930er Jahren ins Exil ver­bannt worden war –, um sich in seiner Heimat, dem Dörf­chen Kozievka in der Nähe von Charkov, der Par­ti­sa­nen­be­we­gung anzu­schließen. Und mein anderer Urgroß­vater, väter­li­cher­seits, wan­derte im Jahr 1916 nach Ame­rika aus, wohin er zwei Jahre unter­wegs war. Dem lässt sich noch hin­zu­zu­fügen: Wenn Du an einem Ort sitzen bleibst, brü­test Du auch nichts Ver­nünf­tiges aus. Die Hälfte der Mos­kauer Bevöl­ke­rung hat eine frag­men­tierte Vor­stel­lung von der Stadt, sie exis­tiert nur in ein­zelnen Fle­cken, in Bezirken rund um die Metrostationen.

 

n.: In wel­chem Zusam­men­hang steht diese frag­men­tierte Vor­stel­lung von der Stadt mit der Suche des Protagonisten?

 

A.I.: In der Stadt exis­tierte kein kohä­rentes Bild von ihr selbst. Nicht nur in der Stadt, son­dern im ganzen Land domi­nierte nur eine zer­ris­sene Vor­stel­lung vom rus­si­schen Raum und vom Staats­ge­bilde. Eine zu große Ent­fer­nung vom Zen­trum hat Russ­land übri­gens immer schon zum Feu­da­lismus ver­leitet und ver­leitet es heute noch dazu: So etwa, wenn die Vasallen der Macht für ihre Unter­ord­nung einen Blan­ko­scheck für Regie­rungs­macht auf lokaler Ebene erhalten.
Unser Land ist heute – bei einer Bevöl­ke­rungs­dichte, die nicht viel höher ist als in der Sahara – räum­lich und mental iso­liert wie noch nie. Mein Held ver­sucht, den Raum in einen Zusam­men­hang zu bringen, indem er ihn durch seinen eigenen Körper und sein Bewusst­sein erfährt. Und das ist auch der Grund, wes­halb er erst die ganze Stadt mit seinen Bahnen durch­zieht und dann in den uner­forschten Teil Mos­kaus hin­ab­steigt. Der nächste Schritt bei seinem Ver­such, zu einem Bewusst­sein der Epoche zu gelangen, ist die Ent­schei­dung, die Haupt­stadt zu ver­lassen und seine Daseins­funk­tion – die er darin sieht, die Heimat für sich zu einem Ganzen zusam­men­zu­fügen und intel­lek­tuell zu erfassen – auf die süd­li­chen Gegenden Russ­lands aus­zu­weiten. Daher sucht Korolev im Vaga­bun­dieren nach einem voll­stän­digen Bewusst­sein von der Rea­lität. Er ist kein Flücht­ling. Reisen bedeutet für ihn Hand­lung, ist für ihn der Ein­stieg in den Raum der Tat.

 

n.: Wel­chen Stel­len­wert nimmt Matisse inner­halb der Roman-Tetra­logie ein?

 

A.I.: Die vier Geschichten haben zwar unter­schied­liche Sujets, doch sie gehen alle­samt von Helden mit einer glei­chen Lebens­weise aus, es sind ähn­liche Typen: Ein in der einen oder anderen Hin­sicht erfolg­loser Held ent­scheidet sich an irgend­einem Punkt seines Lebens für eine radi­kale Ver­än­de­rung seines Schick­sals. In der Asche und den Ruinen seines bis­he­rigen Lebens findet er die Kraft für ein neues, ganz und gar anderes Leben. Matisse ist chro­no­lo­gisch betrachtet der erste Roman im Zyklus, er führt diese Grund­idee in die Gesamt­kom­po­si­tion des Bandes ein.

 

n.: Deine Prot­ago­nisten geraten also nicht als Opfer äußerer Umstände an den Rand der Gesell­schaft, im Gegen­teil, sie ent­ziehen sich der sozialen Sphäre bewusst und frei­willig. Wie und wo finden sie ein „neues, ganz und gar anderes Leben“? Ist das Vaga­bun­dieren für Korolev eine reale und auch geis­tige Alter­na­tive, obwohl oder gerade weil das Leben auf der Straße für ihn eine direkte Kon­fron­ta­tion mit den offenen Wunden der rus­si­schen post­so­wje­ti­schen Gesell­schaft darstellt?

 

A.I.: Korolev trifft im Grunde die Wahl zwi­schen seiner inneren Welt und der Außen­welt, die zutiefst kor­rum­piert und jeg­li­cher Zukunft beraubt ist. Sein Motiv ähnelt den Motiven der früh­christ­li­chen Wüs­ten­väter, die mit Hilfe eines welt­ab­ge­schie­denen, zurück­ge­zo­genen Lebens die Mög­lich­keit suchten, Trost in einer zukünf­tigen brü­der­li­chen Exis­tenz mit ihres­glei­chen zu finden. Korolev wird sich dar­über klar, welche Schwie­rig­keiten er bei der Ver­wirk­li­chung seiner Träume hat, aber er ver­steht, dass die Zivi­li­sa­tion selbst gerade mit der Fähig­keit des Men­schen begann, zu ertragen und zu träumen.

 

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Foto: Alek­sandr Iličevskij

 

n.: Das Reisen – oder besser gesagt, die Fort­be­we­gung zu Fuß, das Vaga­bun­dieren und Umher­wan­dern – stellt für alle Deine Helden ein gera­dezu exis­ten­zi­elles Prinzip, ein Erfah­rungs- und Über­le­bens­prinzip dar. Welche Bedeu­tung hat eigent­lich die Reise (zu Fuß) in Deinem eigenen Leben und für Dein Schreiben?

 

A.I.: Ich liebe es zu reisen. Mein Reisen ist aller­dings von der Sess­haf­tig­keit wie vom Vaga­bun­dieren glei­cher­maßen weit ent­fernt. Zudem muss berück­sich­tigt werden, dass die Hälfte meiner Orts­wechsel durch äußere Umstände bedingt war und nicht durch eine innere Not­wen­dig­keit. Natür­lich gibt es keinen grö­ßeren Genuss, als los­zu­gehen und aus­ge­rüstet mit einem natur­wis­sen­schaft­li­chen, exakt-erfas­senden Blick die Land­schaft zu lesen, zu ent­zif­fern, sich ein halbes Jahr, sagen wir mal, auf eine Reise an die untere Wolga vor­zu­be­reiten und dann schließ­lich Cha­sa­rien mit eigenen Augen zu sehen. Ist man zu Fuß unter­wegs, sieht man vieles anders, denn nur dann ist der Mensch ernst­haft mit der Lehre des Prot­agoras kon­fron­tiert: „Der Mensch ist das Maß aller Dinge“, denn nur zu Fuß kann der Raum mit dem Körper durch­messen werden. Das Ergebnis dieser Kon­fron­ta­tion und des Zusam­men­wir­kens von Raum und Körper kann ein­zig­artig sein. Über­haupt denke ich, dass der Mensch ver­pflichtet ist, ein klares kör­per­li­ches Fun­da­ment in dieser Welt zu haben – ähn­lich wie die Schäfer im Alten Israel, ein­schließ­lich des Psal­mensän­gers David, die genau wussten, wie viele Tages­wege sie sich von dem einen oder anderen Ende des Landes ent­fernt befanden, und die bei­spiels­weise in der Lage waren, ihre Herden so von Jeru­salem nach Jeri­chow zu bringen, dass die Tiere sich den gesamten Tag über im Schatten einer Schlucht oder eines Hügel befanden und nicht in der prallen Sonne leiden mussten. So, wie in der alten Welt Ent­fer­nungen über Tages­wege berechnet wurden, so sollte der Raum des modernen Men­schen gerade mit­tels Körper und Fort­be­we­gung zu Fuß mit der Lebens­zeit ins Ver­hältnis gesetzt werden.
Was die Schrift­stel­lerei betrifft, so sind, wie mir scheint, sowohl die Reise als auch die Lite­ratur in erster Linie For­schungs­ka­te­go­rien, darin sind sie ein­ander ver­wandt und helfen ein­ander, indem sie sich gegen­seitig befruchten.

 

n.: Lass uns kurz bei diesen Kate­go­rien bleiben: Mir scheint, dass die Reise in Deiner Prosa ein wich­tiges Meta-Sujet dar­stellt und zugleich eine Art innerer Motor der Texte ist, der die Helden wie auch die Erzäh­lung selbst in unbe­stimmter und unend­li­cher Bewe­gung hält.

 

A.I.: Ich habe ver­schie­dene Bücher über ver­schie­dene Reisen geschrieben – über auf­wän­dige Reisen, über Reisen, die zu wilden Natur­orten oder ins Dickicht der Stadt führen. Natür­lich bestimmt das Motiv der Reise nicht nur den Inhalt, son­dern auch die Dynamik des Erzäh­lens. Die Abfolge ein­zelner Momente einer Reise bildet zugleich die Erzähl­struktur, die von einem Anfang zu einem Ende führt – aber das kann ja jedes Mal anders ver­laufen. Bei­spiels­weise sind etwa die Erfah­rungen von zwei Monaten, wäh­rend derer ich in Jeru­salem gelebt habe, in das Buch Stadt des Son­nen­un­ter­gangs ein­ge­flossen. Dagegen machen die 7500 Kilo­meter, die ich per Auto durch den euro­päi­schen Teil Russ­lands zurück­ge­legt habe, darin nur einen Absatz aus. Alles hängt von der Sinn­dichte ab, die einen Raum prägt. Der rei­sende Mensch ist wie die Nadel eines Schall­plat­ten­spie­lers, wenn er durch die Land­schaft streunt und ihre beson­dere Musik herauszieht.

 

n.: In Deinen Texten sind die Wahr­neh­mung der Land­schaft und das Nach­denken über den Raum eng mit­ein­ander ver­bunden, daher sind sie manchmal gar nicht so ein­fach zu lesen. Der Leser muss oft hoch­kon­zen­triert sein, um sich nicht im Text zu ver­lieren. Einige Kri­tiker spre­chen in diesem Zusam­men­hang von einer „neuen Kom­ple­xität“ in der rus­si­schen Literatur.

 

A.I.: Neue Kom­ple­xität? Ich per­sön­lich schreibe aufs Gera­te­wohl. Ich habe nie dar­über nach­ge­dacht, was in der rus­si­schen Lite­ratur vor sich geht, ins­be­son­dere in den letzten Jahren, seitdem die Politik die ganze Kultur ver­dun­kelt. Ich bin von Aus­bil­dung und Beruf her theo­re­ti­scher Phy­siker und dies hat meinen Hori­zont und mein Bewusst­sein stark beein­flusst. Der Ein­druck, den die Lek­türe meiner Bücher mög­li­cher­weise hin­ter­lässt, ist viel­leicht weniger Kom­ple­xität als eine beson­dere Spe­zifik meiner Texte, und einige kann man tat­säch­lich dem Genre der wis­sen­schaft­li­chen Lite­ratur, genauer gesagt, einer „erfor­schenden“ Lite­ratur zuordnen.

 

n.: Die Beson­der­heit Deiner Texte ergibt sich doch auch aus der Span­nung zwi­schen einem meta­phy­si­schen, gera­dezu sakralen Sprach­ver­ständnis einer­seits und einer natur­wis­sen­schaft­li­chen Wahr­neh­mung ande­rer­seits. Steht beides nicht zu sehr im Widerspruch?

 

A.I.: Das bio­lo­gi­sche Leben basiert auf dem „Meta­bo­lismus“ (Stoff­wechsel, Anm. N.W.) von Texten. Die DNA ist ein großer Text, den zu lesen und zu inter­pre­tieren die Mensch­heit noch lernen muss. Ganz ähn­lich basiert die Kultur auf einer Praxis der Aus­wahl und Kano­ni­sie­rung von „Texten“. Und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. Die Texte wachsen mit den in ihnen ent­hal­tenden Gedanken an, auf dieser Text­basis ent­stehen neue Texte, die sich als wis­sen­schaft­liche Zita­tionen oder inter­tex­tu­elle wei­ter­ent­wi­ckelte Bezüge erweisen; dies gilt sowohl für die Kultur wie auch für den digi­talen Bereich der Zivi­li­sa­tion, in dem sich ja ähn­liche Pro­zesse nach­voll­ziehen lassen. Letzt­lich gründet die Zivi­li­sa­tion als Teil­ha­berin an der Schöp­fung des Uni­ver­sa­lismus voll­ständig auf Wör­tern und Zahlen (die im Kern eben­falls Wörter sind, aber etwas andere) sowie auf Rede­wen­dungen (kom­mu­ni­ka­tiven Erscheinungen).
In diesem Zusam­men­hang möchte ich gerne einen wich­tigen Satz aus dem Talmud in Erin­ne­rung bringen, wel­cher besagt, dass die Welt nichts weiter ist als eine Geschichte, die irgend­je­mandem erzählt wurde. Also, aus meiner Sicht besteht hier kein Wider­spruch. In beiden Fällen – Natur und Kultur – geht es um die Zuord­nung und die Zusam­men­ar­beit ähn­lich ange­ord­neter, aus ver­schie­denen Mate­ria­lien bestehender und mit­ein­ander ver­bun­dener Strukturen.

 

n.: Deine Pro­sa­texte leben stark von ihrer bild­haften, visuell-meta­pho­ri­schen Schich­tung. Du selbst hast von Meta-Meta­pho­rismus gespro­chen und in diesem Zusam­men­hang häufig den rus­si­schen (vor einigen Jahren in Köln ver­stor­benen) Dichter Aleksej Parščikov als wich­tiges Vor­bild genannt. Kannst Du kurz Eure Bezie­hung beschreiben?

 

A.I.: Es ist schwierig, das ana­ly­tisch zu erklären. Am besten hat Aleksej Parščikov selbst unser Ver­hältnis in Worte gefasst. In einem Brief schrieb er mir: „Wir beide betrachten die Dinge gleich, nur hat jeder von uns eine eigene Art und Weise, dar­über zu schreiben.“

 

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Foto: Nina Weller

 

n.: Du hast die gegen­wär­tige Ver­dun­ke­lung der rus­si­schen Kultur erwähnt, die men­tale Iso­lie­rung Russ­lands. Ist dies auch der Grund dafür, warum Du letztes Jahr mit Deiner Familie nach Israel aus­ge­wan­dert bist?

 

A.I.: Ich habe schon lange davon geträumt, nach Israel zu ziehen. Vor 25 Jahren, als ich mich noch mit Physik beschäf­tigte, war ich bereits als Dok­to­rand des Weiz­mann-Insti­tuts dort. Ich erin­nerte mich danach oft an das Gefühl der engen Ver­bin­dung von Altertum und Gegen­wart, das mich anzog. Ich bin für die süd­liche Land­schaft sehr emp­fäng­lich, denn ich bin selbst auf der Apsche­roner Halb­insel im sowje­ti­schen Süden geboren. Auch wenn ich es sehr schätzte, habe ich das Leben in Moskau und im Mos­kauer Umland, was Klima und Land­schaft betrifft, immer als unna­tür­lich wahrgenommen.
Israel ist ein unend­li­cher Quell für die Refle­xion und Wahr­neh­mung der Kultur, der Zivi­li­sa­tion über­haupt. In der Gegen­wart dieses Staates ver­binden sich kul­tu­relles Wissen, Geschichte und Zukunft. Israel ist die Wiege der west­li­chen Zivi­li­sa­tion, die alle Dyna­miken der Welt­ge­schichts­be­we­gung in sich auf­nimmt und auf­nehmen wird. Und ich hoffe, dass diese Wiege zu einer Fes­tung wird. Kaum jemand wird bestreiten wollen, dass das jüdi­sche Volk der christ­li­chen Zivi­li­sa­tion nicht nur alle wich­tigen Schlüs­sel­fi­guren einer neuen Reli­gion mitgab, son­dern auch die Grund­lagen eines Ethik­ko­dexes, zu dem auch die Hei­lig­keit des Gesetzes gehört – die Grund­lage jeder Demo­kratie, der Feind jeder Tyrannei.
Was Russ­land betrifft, ganz gleich, was dort geschieht, es bleibt die Auf­gabe des Schrift­stel­lers, in seiner Sprache zu denken und damit einen Samen für die Zukunft zu pflanzen, einen Samen im Sinne einer neuen Blü­te­zeit. Die Lite­ratur besteht letzt­lich genauso aus Buch­staben wie auch die DNA aus „Buch­staben“ besteht. Die Lite­ratur ist also der Spei­cher für die Erb­infor­ma­tion des kul­tu­rellen Bewusst­seins. Und die Auf­gabe des Schrift­stel­lers ist vor allem eine schüt­zende. Seine Auf­gabe besteht darin, für zukünf­tige Genera­tionen Sinn zu bewahren und neue Bedeu­tungen her­vor­zu­bringen. Damit beschäf­tige ich mich in Israel, wo ein Zehntel der Bevöl­ke­rung die­selbe Sprache spricht, in der ich schreibe.

 

n.: Betrach­test Du Dich selbst als rus­sisch-jüdi­schen Autor?

 

A.I.: Das ist eine ernste Frage, vor allem ange­sichts der Tat­sache, dass das jüdi­sche Volk in der zweiten Hälfte des 20. Jahr­hun­derts ein neues Sta­dium der For­mie­rung einer neuen natio­nalen Iden­tität zu durch­leben begann und zwar in einem seit der Zweiten Tem­pel­pe­riode nicht dage­we­senen Ausmaß. Gegen­wärtig bildet sich in Israel eine neue eth­ni­sche Legie­rung heraus, deren Ent­wick­lung erst über meh­rere Genera­tionen abge­schlossen sein wird. Des­halb fällt es mir nicht leicht, auf deine Frage ent­schieden zu ant­worten. Umso mehr, als in Zukunft die natio­nalen Grenzen immer durch­läs­siger werden. Vor­läufig kann ich mit Bestimmt­heit sagen, dass ich ein Schrift­steller bin, der in Israel auf Rus­sisch schreibt, und dass es mir über­haupt nicht gleich­gültig ist, wie mein Werk in diesem Land, das ich nun als Heimat betrachte, auf­ge­nommen wird.

 

n.: Was denkst Du über die gegen­wär­tige Situa­tion in Israel?

 

A.I.: Die Situa­tion in Israel ist kom­pli­ziert, da kommen zu viele unter­schied­liche und mehr­deu­tige Aspekte zusammen. Israel ist in die tra­gi­sche Situa­tion des Krieges hin­ein­ge­boren und in die Not­wen­dig­keit des Fort­be­stands des Volkes. Daran wird es sich nie gewöhnen. Der vom Staat Israel prak­ti­zierte Kampf gegen den Ter­ro­rismus ist die Haupt­kampf­linie im Anti­ter­ror­kampf der ganzen west­li­chen Welt. Doch die inneren Pro­bleme des Landes, die den Krieg begleiten, müssen schnell gere­gelt werden, es muss mög­lichst bald zu einem Frieden mit den Paläs­ti­nen­sern kommen. Ohne jeden Zweifel sind nach­bar­schaft­liche Tole­ranz und Milde, gegen­sei­tige Akzep­tanz und Freund­lich­keit die wich­tigsten Aspekte für eine Regu­lie­rung der Situation.

 

n.: Im November letzten Jahres warst Du Sti­pen­diat im Lite­ra­ri­schen Col­lo­quium Berlin. Welche Ein­drücke hast Du vom gegen­wär­tigen Berlin?

 

A.I.: Berlin hat mir gut gefallen, es ist eine klare und schnit­tige, bequeme und freund­liche Stadt. Ich bin der Lei­tung des LCB sehr dankbar, dass mir die Gele­gen­heit geboten wurde, eine Zeit lang in Wannsee zu leben und zu arbeiten. Die Ruhe und die Abge­schie­den­heit, die Mög­lich­keit für neue Begeg­nungen, Gespräche und Auf­tritte – all das ist das LCB.
Ich war gerade wäh­rend der Fei­er­lich­keiten anläss­lich des 25. Jah­res­tags des Mau­er­falls in Berlin. Das Phä­nomen der Tei­lung Deutsch­lands inter­es­siert mich sehr, des­halb bin ich den Spuren dieses his­to­ri­schen Ereig­nisses in der Stadt gefolgt. Als erstes bin ich natür­lich zum Check­point Charlie gegangen, zu dem Ort, an dem mein Lieb­lings­roman Der Spion, der aus der Kälte kam beginnt und endet. Die beson­dere Sym­bolik dieser Tage bestand für mich aber darin, dass zur glei­chen Zeit in Russ­land der Ver­such einer Restau­rie­rung der Sowjet­union wieder an Fahrt gewann.

 

n.: Woran arbei­test Du derzeit?

 

A.I.: Erst kürz­lich ist mein Band Sprava nalevo (Von rechts nach links) beim Verlag AST erschienen. Es han­delt sich um eine Samm­lung kurzer Texte – Essays, Erzäh­lungen, Rei­se­be­schrei­bungen und Skizzen zu ganz unter­schied­li­chen Themen: von der Quan­ten­feld­theorie bis zur Zoo­logie und Lite­ratur. Und zum Jah­res­ende möchte ich meinen nächsten großen Roman über die nahe Zukunft fertig schreiben.

 

n.: Vielen Dank für das Gespräch.

 

In Kürze erscheinen in deut­scher Über­set­zung Iličevs­kijs Romane Matisse (Verlag Mat­thes & Seitz, über­setzt von Valerie Engler und Frie­de­rike Mel­ten­dorf) und Der Perser (Suhr­kamp Verlag, über­setzt von Andreas Tretner).Das Inter­view wurde von Nina Weller geführt und aus dem Rus­si­schen übersetzt.

 

Werke von Alek­sandr Iličevskij (Aus­wahl):

Lyrik­bände:
Slučaj (1996 / 2000)
Ne-zrenie (1999 / 2001)
Volga meda i stekla (2004)

Essay- und Erzählsammlungen:
Butylka Klejna (2005)
Dožd dlja Danai (2005)
Guš-Mulla (2005 / 2008)
Penie izv­estnjaka (2008)
Gorod zakata: Pro­gulka po stje­nije (2012)
Sprava nalevo (2015)

Romane:
Samson na solnce (1998)
Neft’ / Mister Neft. Drug (1998 / 2008)
Dom v meščere (1999)
Aj-Petri (2005)
Matiss (2006)
Pers (2009 / 2012)
Mate­matik (2011)
Anar­chisty (2012)
Orfiki (2013)
Sol­daty Apšerons­kogo polka (2013. Matiss, Pers, Mate­matik, Anar­chis