Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Sla­wistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Welt­li­te­ratur aus Belarus: Gespräch mit Al’herd Bach­arevič und Thomas Weiler

Al’herd Bach­arė­vičs Roman Hunde Europas (Sabaki Eŭropy) ist ein Ereignis. Er beein­druckt nicht alleine durch seinen Umfang von über 900 Seiten, viel­mehr noch fas­zi­niert er durch seine hem­mungs­lose Hin­gabe an die Sog­kraft der Sprache: In sechs nur lose mit­ein­ander ver­knüpften Geschichten erzählt das Werk von einem Land in einem alten und neuen Europa, von indi­vi­du­eller Ein­sam­keit und gesell­schaft­li­chen Illu­sionen in glo­balen und lokalen Hori­zonten sowie von der Dik­tatur des Wortes.

 

Dabei macht Bach­arėvič ein­dring­lich die his­to­ri­schen und ideo­lo­gi­schen Sprach­ver­wir­rungen in Belarus zum Thema. Und er trifft damit einen intel­lek­tu­ellen Nerv der Zeit. 2017 im Minsker Verlag Loh­vinaŭ erschienen, wurde der Roman in Belarus viel­fach aus­ge­zeichnet. Auch die Über­set­zung des Romans ins Rus­si­sche, vor­ge­nommen vom Autor selbst, zog viel Auf­merk­sam­keit auf sich: Die rus­si­sche Ver­sion des Buches erschien 2019 unter dem Titel Sobaki Evropy im Verlag Vremja und wurde für den renom­mierten rus­si­schen Lite­ra­tur­preis Bolšaja Kniga nomi­niert. Yaras­lava Ananka und Nina Weller spra­chen mit Al’herd Bach­arėvič und seinem Über­setzer Thomas Weiler am 29. Januar 2020 im Ein­stein Forum Potsdam. novinki ver­öf­fent­licht das Gespräch sowie ein Frag­ment aus dem Roman in der Über­set­zung von Thomas Weiler.

 

Aus­züge aus Al’herd Bach­arė­vičs Roman „Hunde Europas“ (Sabaki Ėŭropy).
Aus­ge­wählt vom Autor und ins Deut­sche über­setzt von Thomas Weiler.

 

 

novinki: Heute domi­nieren in der Lite­ratur klei­nere und mitt­lere For­mate. Die großen Gesell­schafts­ro­mane scheinen durch nicht­fik­tio­nale Genres und end­lose Fern­seh­se­rien ersetzt worden zu sein. Al’herd und Thomas, können wir heute über­haupt noch von einem Bedürfnis nach großen Erzähl­formen aus­gehen und wenn ja, welche kon­kreten Moti­va­tionen haben Schriftsteller_innen, Übersetzer_innen und nicht zuletzt auch die Leser_innen, wenn sie sich heute auf sehr umfang­reiche Werke ein­lassen?

 

Bach­arėvič: Ich bin der Mei­nung, dass Schrift­steller kom­pli­ziert denken und schreiben sollten. Denn das Leben selbst ist eine sehr kom­plexe Ange­le­gen­heit. Große, umfang­reiche Romane zu schreiben ist für mich eine Art lebens­be­wäl­ti­gende Befreiung. Damit befreie ich mich von der Kon­junktur der Kürze und Ein­fach­heit, von der auch viele ost­eu­ro­päi­sche Autoren ein­ge­nommen sind, die ihre Bücher gerne im Westen ver­kaufen wollen. Dagegen pro­tes­tiere ich. Der Schrift­steller sollte sich mehr Zeit (und Raum) nehmen und über Eros und Tha­natos nach­denken. Das Internet und die Medien haben eine gefähr­liche Illu­sion ent­stehen lassen, dass die Leser_innen kurze Texte und knappe Romane bevor­zugen. Doch ich denke, dass die Lite­ratur eine kom­pli­zierte Kunst bleiben sollte. Zu dem großen Umfang meines Romans hat auch meine Frau Julia [Julia Tsi­ma­fe­yeva, bela­rus­si­sche Lyri­kerin und Über­set­zerin] bei­getragen: Ich war in einer Krise und Julia sagte zu mir: „Mach etwas, was dir gefällt. Schreib einen Roman mit so vielen Wör­tern, wie DU willst. Gönne dir selbst diese Frei­heit.“ Und ich schrieb und schrieb und schrieb. Und so kamen am Ende die Hunde Europas mit mehr als 900 Seiten heraus.

Weiler: Als Über­setzer schließe ich mich diesem Pro­test an: Es macht keinen Spaß an Texten zu arbeiten, die ein­fach und total über­schaubar gestrickt sind. Ich arbeite viel lieber mit Texten, die einen her­aus­for­dern. Mit einem Text, an dem man sich abar­beiten kann, hat man das Futter, das man als Über­setzer braucht. Aller­dings weiß ich nicht, ob ich mit der Dia­gnose ein­ver­standen bin, dass keine großen, umfang­rei­chen Romane mehr geschrieben und gelesen werden. Als Gegen­bei­spiel fällt mir z.B. Olga Tokar­czuk ein: Sie hatte zunächst zwar Mühe, für die Über­set­zung ihres großen Romans Die Jakobs­bü­cher (2014, Księgi Jaku­bowe) einen Verlag in Deutsch­land zu finden. Der Verlag Schöff­ling & Co., bei dem sie vorher schon einige Werke ver­öf­fent­licht hatte, wollte das nicht mehr machen, mög­li­cher­weise aus der Sorge, das Buch könne mit seiner kom­plexen, weit­schwei­figen Erzähl­weise die deutsch­spra­chige Leser­schaft nicht anspre­chen. Statt­dessen ist der Roman bei dem kleinen enga­gierten Verlag Kampa gelandet, der sich 2019 dann über den Nobel­preis für Olga Tokar­czuk freuen konnte. Oder denken wir an andere umfang­reiche Bücher wie Unend­li­cher Spaß (1996, Infi­nite Jest) von David Foster Wal­lace: Man fragte sich auch bei diesem hoch­kom­pli­zierten, monu­men­talen Werk zunächst, ob es über­haupt über­setzbar sei, und mut­maßte, dass diesen unüber­schau­baren Text ohnehin kein Mensch ver­stehe. Und dann hat sich doch ein regel­rechter Kult um dieses Buch ent­wi­ckelt. Ulrich Blu­men­bach, mein Über­set­zer­kol­lege, hat fünf Jahre lang an der Über­set­zung gear­beitet und einiges durch­ge­macht, bis er end­lich fertig war. Es hat sich gelohnt. Nach den USA war das Buch auch hier ein Über­ra­schungs­er­folg. Also, ich glaube, es gibt sie noch, die umfang­rei­chen, kom­plexen Werke. Viel­leicht passen sie sogar beson­ders gut in unsere Zeit, in der wir darauf kon­di­tio­niert sind, schnell und in kurzen Häpp­chen zu lesen. Viel­leicht kommt gerade jetzt die Sehn­sucht wieder, sich über Wochen nur mit einem Werk zu beschäf­tigen, mit einem Werk, in dem man sich ver­lieren muss, weil es gar nicht mög­lich ist, es mal so eben schnell nebenher zu kon­su­mieren. Neben den Autor_innen, Übersetzer_innen und Leser_innen gehört natür­lich eine wei­tere Gruppe mit dazu, näm­lich die Verleger_innen, die dar­über ent­scheiden, ob solche Texte letzt­lich in die Über­set­zung kommen und in Buch­form zu einer inter­es­sierten Leser­schaft finden können.

 

n.: Bei Hunde Europas haben wir es in der Tat mit einem kom­plexen Roman zu tun, der der Leser­schaft viel Arbeit abver­langt. Der Roman besteht aus sechs unab­hängig von­ein­ander erzählten Geschichten, deren Hand­lung sich teils in unserer Gegen­wart, teils in der nahen Zukunft an unter­schied­li­chen realen sowie fin­gierten Orten abspielt. Die Ein­zel­ge­schichten sind nur durch ima­gi­näre Kno­ten­punkte und durch die erfun­dene Sprache Bal’buta mit­ein­ander ver­bunden…

 

Bach­arėvič: So ist es. Die Roman­figur Aleh Ale­havič ist Dichter, Über­setzer und Schöpfer der Sprache Bal’buta. Im Roman finden sich Prosa- und Lyrik­stücke auf Bal’butisch.

 

Ver­an­stal­tung im Ein­stein Forum, © Paula Sawatzki

 

 

n.: Bevor wir aus­führ­li­cher über die Spra­chen des Romans spre­chen, möchten wir gern kurz auf das Moment des Uto­pi­schen bzw. Dys­to­pi­schen zu spre­chen kommen, das dem Roman ja bereits mit der Erfin­dung einer neuen Sprache und mit dem Traum einer ‚Neu­schöp­fung‘ der Welt ein­ge­schrieben ist. Al’herd, du ver­han­delst darin, durchaus sar­kas­tisch und unter einem recht pes­si­mis­ti­schen Schleier, die Frage nach Europa wie auch nach einer euro­päi­schen bela­rus­si­schen Iden­tität. Im dritten Teil erweist sich die ideale Insel, die ein neues Belarus hätte sein können, jedoch als ver­seuchte Müll­halde der Geschichte. Sollen wir den Roman als Par­odie auf den letzt­lich nost­al­gi­schen Traum von Europa lesen? Ver­weisen die Hunde Europas darauf, dass letzt­lich jeder Utopie die Gefahr inhä­rent ist, von einer ideo­lo­gi­sierten Sprache der Macht durch­setzt zu werden? Oder birgt der Roman auch Hoff­nung?

 

Bach­arėvič: Ja, es ist durchaus eine böse Par­odie, aber zugleich ist es eben keine Par­odie auf unsere heu­tige euro­päi­sche Wirk­lich­keit, son­dern viel­mehr auf all diese fest­ge­fah­renen Wunsch­vor­stel­lungen von einem uto­pi­schen Europa. Die von mir par­odierten Figuren sind natür­lich bela­rus­si­sche Idea­listen, die sich Europa so vor­stellen, als ob wir noch im 19. Jahr­hun­dert lebten, d.h. als ein weißes, patri­ar­chales, in Natio­nal­staaten auf­ge­teiltes Europa. Die Natio­na­listen in meinem Roman ver­su­chen, auf einer Insel ihr ideales Belarus auf­zu­bauen. Doch diese Hoff­nung lebt auf einer Insel aus Müll. Die Insel zer­stört sich letzt­lich selbst. Es kommen Immi­granten aus Afrika und erobern die Insel. Ich wollte mit diesem Roman meinen Lands­leuten zeigen, dass wir schon längst in einer gänz­lich neuen Ära leben. Wir müssen uns von unseren alten Idealen und Ängsten ver­ab­schieden und das Bild eines nur christ­li­chen, nur weißen Belarus, mit nur bela­rus­si­scher Sprache hinter uns lassen. So ein Land kann gar nicht exis­tieren. Wir müssen viel­mehr daran glauben, dass die Zukunft von Belarus in Europa in einer mul­ti­kul­tu­rellen Welt der Viel­falt liegt, für die wir doch so reich aus unserer mul­ti­eth­ni­schen, mul­ti­re­li­giösen, mul­ti­lin­gualen Ver­gan­gen­heit schöpfen können. Unser Pro­blem in Belarus ist, dass wir uns viel zu stark auf uns selbst kon­zen­trieren und um uns selbst kreisen.

 

Sabaki Europy, © Verlag Loh­vinau

 

n.: Der Roman spie­gelt indi­rekt die sprach­liche Situa­tion im heu­tigen Belarus wider: Das Land ist heute vor­wie­gend rus­sisch­spra­chig. Die meisten bela­rus­si­schen Autoren schreiben zunächst auf Rus­sisch und wech­seln erst später bewusst ins Bela­rus­si­sche. Das Bela­rus­si­sche ist in diesem Sinne ein gelerntes oder sogar noch zu ler­nendes Idiom einer Min­der­heit. Der pro­ble­ma­ti­sche Status des Bela­rus­si­schen beschäf­tigt und inspi­riert die bela­rus­si­sche Lite­ratur schon lange: Jeder Text auf Bela­rus­sisch wirkt des­halb immer meta­sprach­lich. Wäh­rend in den 1990–2000er Jahren diese Meta­sprach­lich­keit revo­lu­tionär klang, weil es ein Aus­druck von Oppo­si­tion war, sind heute die selbst­re­fle­xiven Dis­kurse mit den dazu gehö­renden post­ko­lo­nialen Span­nungen zwi­schen dem Bela­rus­si­schen und Rus­si­schen ‚auto­ma­ti­siert‘. Das Pro­blem des Bela­rus­si­schen ist jedoch geblieben. Und da erfin­dest du, Al’herd, eine rekur­sive Schachtel-Kon­struk­tion: ein con­lang [con­structed lan­guage]. Im Roman wird eine neue künst­liche Sprache aus dem Bela­rus­si­schen heraus ent­worfen. Was pas­siert dadurch mit dem Bela­rus­si­schen selbst, warum braucht das Bela­rus­si­sche über­haupt noch einen sprach­li­chen Dop­pel­gänger?

 

Bach­arėvič: Die rus­si­sche Sprache domi­niert zwar den öffent­li­chen Raum in Belarus, aber die bela­rus­si­sche Sprache ist in kul­tu­rellen und pri­vaten Sphären eben­falls sehr lebendig. Bela­rus­sisch ist eine lebende Sprache. Ich würde sogar sagen: In Belarus spricht man zwar meist Rus­sisch, aber man denkt viel­mehr auf Bela­rus­sisch. Das bedeutet, wir haben es mit einer stän­digen Aus­ein­an­der­set­zung zwi­schen den Spra­chen zu tun. Aleh Ale­havič, die Figur, die sich Bal’buta aus­ge­dacht hat, fühlt sich nicht wohl mit dieser sprach­li­chen Situa­tion in Belarus. Er braucht seine eigene Sprache, um frei zu sein. Ich meine eine Frei­heit von allen sprach­li­chen, poli­ti­schen oder natio­nalen Iden­ti­täten. So ver­sucht er, die sprach­li­chen und poli­ti­schen Pro­bleme in Belarus mit der Neu­schöp­fung einer Sprache zu lösen.

 

Sobaki Europy, © Verlag Vremja

 

n.: Thomas, viel­leicht kannst du dem etwas hin­zu­fügen?

 

Weiler: Ich weiß nicht, ob ich die kom­plexe sprach­liche Situa­tion im Roman so ein­fach erklären kann. Am Anfang des Romans distan­ziert sich Aleh Ale­havič sowohl vom Bela­rus­si­schen als auch vom Rus­si­schen, Eng­li­schen und von allen mög­li­chen Spra­chen, die ihm letzt­lich alle­samt zuwider sind. Es ist nur logisch, dass er schließ­lich bei seiner eigenen Sprache landet. Gleich­zeitig haben wir es im Roman mit der Prä­senz vieler Spra­chen zu tun: Der Groß­teil der Hand­lung ist auf Bela­rus­sisch erzählt. Doch Rus­sisch spielt für viele Figuren eine ebenso wich­tige Rolle wie Bal’buta. Ich glaube, dass erst die Kon­struk­tion dieser ganz eigenen Sprache die Mög­lich­keit schafft, genau hin­zu­schauen und aus der ver­fah­renen Sprach­kon­kur­renz her­aus­zu­kommen, die einen immer wieder dazu treibt, sofort das Bela­rus­si­sche und Rus­si­sche gegen­ein­ander zu stellen und die schwie­rige sprach­liche Situa­tion im Land immer wieder zu betonen. Mit dem neuen sprach­li­chen Kon­strukt kann man nun ein­fach mal anders über Sprache nach­denken, ja viel­leicht sogar einen neuen Blick auf jene Dis­kus­sion werfen, die schon seit den 1990er Jahren geführt wird. Genau dafür ist viel­leicht dieser Kunst­griff nötig. Zum Roman gehören übri­gens im Anhang auch eine Gram­matik und ein Wör­ter­buch. Man muss sich diese Sprache tat­säch­lich erar­beiten, um das ganze Buch lesen und ver­stehen zu können. Es gibt ganze Kapitel, die in Bal’buta geschrieben sind. Die Arbeit, die den Leser_innen zuge­mutet wird, ist beträcht­lich, aber eben auch enorm wichtig. Bach­arėvič: Hier muss ich noch etwas ergänzen: Übli­cher­weise wurden ja künst­liche Spra­chen für die Ver­stän­di­gung zwi­schen ver­schie­denen Völ­kern kon­stru­iert. Aleh Ale­havič und ich haben uns dagegen eine Sprache mit einer gera­dezu ent­ge­gen­ge­setzten Moti­va­tion aus­ge­dacht: um Rätsel auf­zu­geben und ein Geheimnis zu bewahren. Bal’buta stellt sich der gegen­sei­tigen Ver­stän­di­gung zunächst ent­gegen.

 

Thomas Weiler, © Anja Kapunkt

 

n.: Al’herd, du arbei­test oft mit lin­gu­is­ti­schen For­maten. Dein Roman Alin­darkas Kinder (2014, Dzeci Alin­darki) ist eine logo­pä­di­sche Dys­topie. Der Roman Hunde Europas, zumin­dest der erste Teil, stellt dagegen eine Art ‚lin­gu­is­ti­sche Lolita‘ dar: Wir haben es hier mit der Geschichte eines sprach­li­chen Amok­läu­fers zu tun, für den die Sprache nicht ein­fach zur guilty plea­sure wird, son­dern zur Zwangs­idee, zur psy­cho­pa­tho­lo­gi­schen Ver­su­chung und zu einem Mittel der Ver­füh­rung von Schüler_innen und Student_innen. Wer bist du selbst als Schrift­steller und als Autor: Bist du Opfer der Sprach­ge­walt oder bist du Täter der Sprach­ver­füh­rung?

 

Bach­arėvič: Ich bin der Sklave der Sprache, aber ein Sklave, der in ihrem Haus lebt. Ich habe sogar die Schlüssel zu ihren geheimen Schub­laden. Ich habe als Sklave das Kenn­wort zu ihrem Geheim­konto. Ich bin der Sklave und ich darf im Geheimen nachts in das Schlaf­zimmer der Herrin kommen. Der Unter­schied zwi­schen uns liegt darin, dass die Sprache wei­ter­lebt und unsterb­lich ist. Ich werde sterben. Viel­leicht ist das der Grund für mein Schreiben. Ich möchte, dass die Sprache mit mir ihre Unsterb­lich­keit teilt.

 

n.: Al’herd, du arbei­test oft mit lin­gu­is­ti­schen For­maten. Dein Roman Alin­darkas Kinder (2014, Dzeci Alin­darki) ist eine logo­pä­di­sche Dys­topie. Der Roman Hunde Europas, zumin­dest der erste Teil, stellt dagegen eine Art ‚lin­gu­is­ti­sche Lolita‘ dar: Wir haben es hier mit der Geschichte eines sprach­li­chen Amok­läu­fers zu tun, für den die Sprache nicht ein­fach zur guilty plea­sure wird, son­dern zur Zwangs­idee, zur psy­cho­pa­tho­lo­gi­schen Ver­su­chung und zu einem Mittel der Ver­füh­rung von Schüler_innen und Student_innen. Wer bist du selbst als Schrift­steller und als Autor: Bist du Opfer der Sprach­ge­walt oder bist du Täter der Sprach­ver­füh­rung?

 

Bach­arėvič: Ich bin der Sklave der Sprache, aber ein Sklave, der in ihrem Haus lebt. Ich habe sogar die Schlüssel zu ihren geheimen Schub­laden. Ich habe als Sklave das Kenn­wort zu ihrem Geheim­konto. Ich bin der Sklave und ich darf im Geheimen nachts in das Schlaf­zimmer der Herrin kommen. Der Unter­schied zwi­schen uns liegt darin, dass die Sprache wei­ter­lebt und unsterb­lich ist. Ich werde sterben. Viel­leicht ist das der Grund für mein Schreiben. Ich möchte, dass die Sprache mit mir ihre Unsterb­lich­keit teilt.

 

n.: Thomas, der Roman bietet dir als Über­setzer also reich­lich Futter. Jede der sechs Geschichten weist einen eigenen Stil auf, die von Al’herd ent­wor­fene Kunst­sprache kommt erschwe­rend hinzu. Wie gehst du im Über­set­zungs­pro­zess kon­kret an diese Sprach­kom­ple­xität heran?

 

Weiler: Gene­rell geht es mir bei dieser Über­set­zung wie bei jedem lite­ra­ri­schen Text darum, mir die Ton­lage, in der der Text gehalten ist, zu erschließen. Bei jedem Text ist die Vor­aus­set­zung für die Über­set­zung, erstmal dahinter zu kommen, wie die Erzäh­ler­stimme über­haupt klingt: Wie funk­tio­niert sie? Wie klingt sie für die ori­gi­nal­sprach­li­chen Leser_innen? Wie sollten die Erzähl­ebenen für die deutsch­spra­chige Leser­schaft klingen? Eine geeig­nete Stra­tegie für diesen Roman wäre zum Bei­spiel, die ver­schie­denen Teile erstmal für sich zu betrachten und nicht zu ver­su­chen, immer die ganze Kon­struk­tion im Kopf zu haben, die man sowieso nicht über­bli­cken kann bei diesem großen Umfang. Gleich­zeitig muss im Hin­ter­kopf behalten werden, was es alles an Ver­bin­dendem zwi­schen den Kapi­teln gibt, zwi­schen Ele­menten, die ver­streut sind, aber mit Bezug zuein­ander wie­der­auf­tau­chen, zwi­schen kleinen Andeu­tungen, über die sich dann große Zusam­men­hänge erschließen, wie z.B. Figuren, die plötz­lich in ver­än­derter Gestalt wie­der­kehren. Das ist eine ziem­lich große Her­aus­for­de­rung. Ganz prak­tisch funk­tio­niert das für mich so, dass ich mir beim Lesen im Buch ganz viele Unter­strei­chungen, Notizen und Ver­weise mache, so dass diese Quer­ver­bin­dungen dann am Ende auch in der Über­set­zung erkennbar sind und deut­sche Leser_innen die Mög­lich­keit haben, diese Ver­knüp­fungen wahr­zu­nehmen. Und die Sprache Bal’buta folgt ihren ganz eigenen Sprach­re­geln. Ein gutes Bei­spiel ist das Gedicht „Legoing klin­ku­tima“ (auf Deutsch etwa „Wir sind leicht wie Papier“) aus der Feder von Aleh Ale­havič:

 

Legoing klin­ku­tima

Für Imre von Stukar
Akkou klin­kuta
Deu natuzu
Tau
Taj­no­bal­bu­tika da ujma sau onoje, Sku­toje dutri­bu­tima da broje Dina­gra­mu­tima, sau neokuz nekau — O bu tau kvaj legoje da samoje
Da u spru­gutima tau bu pavuzu, mau Komutko noje.
Klin­ku­tima legoing,
Tau
ufju­tima akkou.
Danuo kvaj da bif aluzu Nei­stuta. Dukoju da rukoju tau stogou Kalau tau bu legoje kvaj bal­buta.
Da bu spru­gutima ska­muta tau okuzu, Minu­tima o jaf bu tau takuzu: Psau­tima gri­muta da kra­puta Stri­lo­na­tu­tima, sau
Bim pri­muzu tau.

 

n.: Wie man sieht, hat die Sprache ganz eigene lexi­ka­li­sche und gram­ma­ti­sche Gesetz­mä­ßig­keiten, die wir nicht so ohne wei­teres einer bestimmten Sprach­fa­milie zuordnen können. Ihren beson­deren Sound demons­triert uns Al’herd durch eine Lesung des Gedichts (siehe oben).
Thomas, hast du dir schon Gedanken über eine mög­liche Über­set­zung dieser Kunst­sprache gemacht? Ist eine Über­set­zung, inklu­sive der gram­ma­ti­schen Beson­der­heiten oder mit der Her­lei­tung von ganz eigenen Wort­stämmen, über­haupt mög­lich oder nötig?

 

Weiler: Ich glaube, diese Sprache muss als solche stehen bleiben, wie sie ist. Sie ist eine eigen­stän­dige Sprache, die auch im bela­rus­si­schen und rus­si­schen Text als Fremd­körper wirkt. Genauso sollte sie als Fremd­körper im deut­schen Text bestehen bleiben.

 

n.: Inter­es­sant ist ja, dass Hunde Europas sowohl in Belarus als auch in Russ­land Furore gemacht hat: In Belarus dis­ku­tiert die Leser­schaft in den sozialen Medien enga­giert über den Roman, es gibt eine Face­book-Gruppe, in der Bal’butisch gelernt wird, auf You­tube kur­siert eine Lied­ver­sion des Gedichts Legoing klin­ku­tima, das Bielaruski Sva­bodny Teatr hat den Roman bereits als Thea­ter­stück insze­niert. In Russ­land wie­derum war es eine kleine Sen­sa­tion, dass der Roman für den renom­mierten Lite­ra­tur­preis Bolšaja kniga nomi­niert wurde, einen Preis, der sonst nur rus­si­schen Autor_innen vor­be­halten ist. Al’herd, fühlst du dich als zwei­spra­chiger Autor? Hatte der Erfolg in Russ­land Rück­wir­kungen auf die Wahr­neh­mung deines Buchs in Belarus?

 

Bach­arėvič: Ich bin kein rus­si­scher Schrift­steller. Ich bin bela­rus­si­scher Schrift­steller, der mit den rus­si­schen Über­set­zungen der west­li­chen Lite­ratur erzogen wurde. Die west­liche Lite­ratur in den schönen rus­si­schen Über­set­zungen hat mich als Autor geformt. An der rus­si­schen Ver­sion meines Buchs habe ich zwei Jahre lang gear­beitet, an der bela­rus­si­schen Ver­sion nur ein Jahr. Mit der rus­si­schen Ver­sion habe ich das Buch eigent­lich noch einmal neu geschrieben. Sie ist viel besser als die erste, die bela­rus­si­sche Fas­sung. Die Hand­lungs­li­nien sind hier viel klarer. Jetzt ist es meine Auf­gabe, den bela­rus­si­schen Text neu zu schreiben, damit mein Roman auf Bela­rus­sisch wieder besser als die rus­si­sche Vari­ante wird. Und was den rus­si­schen Lite­ra­tur­preis betrifft, so sehe ich dies durchaus poli­tisch. Als der Roman in die Lon­g­list kam, dachte ich die ganze Nacht dar­über nach, ob ich nach Moskau fahren soll oder nicht. Wir wissen, welche poli­ti­sche Situa­tion der­zeit in Russ­land herrscht, und dass Russ­land einen Krieg gegen die Ukraine führt. Ich hatte mich zunächst aus Pro­test ent­schieden, nicht nach Moskau zu fahren. Aber dann kam das Buch auf die Short­list. Und da dachte ich: Pfeif auf die Moral, ich fahre zur Preis­ver­lei­hung nach Moskau. So bin ich ein rus­si­scher Autor geworden. Inter­es­sant waren auch wei­tere Erleb­nisse, z.B. die Inter­views für die rus­si­schen Medien. Ich sagte den rus­si­schen staat­li­chen Medien: Nein, ich gebe euch kein Inter­view. Da erklärte mein Ver­leger, Russ­land sei nicht so auto­ritär regiert wie Belarus, viele rus­si­sche Intel­lek­tu­elle arbei­teten selbst für staat­liche Medien, es gebe kaum Zensur. Er meinte: Du kannst hier alles sagen, was du willst. Ich aber hatte so meine Zweifel. Einmal habe ich mich doch auf ein Inter­view ein­ge­lassen und musste danach fest­stellen, dass ich es mit einer klas­si­schen sowje­ti­schen Zensur zu tun hatte: Alle meine Aus­sagen über Politik, über die Ukraine, über Belarus waren gestri­chen worden. Ich habe der Publi­ka­tion des Inter­views nicht zuge­stimmt.

 

n.: Hat der Erfolg deines Buchs in Russ­land rück­wir­kend in Belarus den­noch zu mehr Auf­merk­sam­keit ver­holfen? Und wür­dest du sagen, dass der Umweg über die rus­si­sche Sprache und über den rus­si­schen Lite­ra­turmarkt wichtig für eine stär­kere Wahr­neh­mung bela­rus­si­scher Bücher im Westen ist?

 

Bach­arėvič: Ja, ich denke, es hat eine Per­spek­tive, die bela­rus­si­sche Lite­ratur über die rus­si­sche Sprache weiter nach Europa zu trans­por­tieren. Viel­leicht ist es der­zeit sogar der ein­zige Weg für die bela­rus­si­sche Lite­ratur. Den Umweg über den Osten nach Westen zu nehmen wäre eine sehr schlaue Stra­tegie, sehr im bela­rus­si­schen Stil.

 

n.: Thomas, wür­dest du dem zustimmen?

 

Weiler: Ich weiß nicht. Ich habe meine Schwie­rig­keiten mit diesem Weg. Sicher hat man über das Rus­si­sche eine grö­ßere Leser­schaft. Sicher erreicht man auch im deutsch­spra­chigen Lite­ra­tur­be­trieb meh­rere Men­schen, die mit bela­rus­si­schen Texten nichts anfangen können. Ich habe auch Viktar Mar­ci­novič (Viktor Mar­ti­no­witsch) über­setzt. Er schreibt abwech­selnd mal Bela­rus­sisch, mal Rus­sisch, je nach Thema oder je nach Laune. Er publi­ziert seine bela­rus­si­schen Titel bei bela­rus­si­schen Ver­lagen, die rus­si­schen bei rus­si­schen Ver­lagen. Es ist die Frage, wie man sich posi­tio­nieren will. Wenn man als bela­rus­si­scher Autor wahr­ge­nommen werden will, dann ist es nicht beson­ders hilf­reich, über Russ­land zu gehen, weil man dann hier­zu­lande auch als rus­sisch­spra­chiger bzw. rus­si­scher Autor wahr­ge­nommen wird. Wie wir immer wieder bei Svet­lana Ale­xi­jevič (Swet­lana Ale­xe­je­witsch) beob­achten können, für die auf der Frank­furter Buch­messe eben nicht der bela­rus­si­sche Stand, son­dern der Russ­land­stand groß pla­ka­tiert hatte, als sie den Nobel­preis bekam. Ich denke auch an Vasil Bykaŭ (Wassil Bykow): Er schrieb seine wich­tigen Pro­sa­texte über den Zweiten Welt­krieg auf Bela­rus­sisch, wird aber eher als sowje­tisch-rus­sisch­spra­chiger Autor rezi­piert. Zu DDR-Zeiten wurde er aus dem Rus­si­schen über­setzt. Dem­entspre­chend ist es bis heute in Deutsch­land wenig bekannt, dass er aus Belarus kommt und einer der wich­tigsten bela­rus­si­schen Autoren der zweiten Hälfte des 20. Jahr­hun­derts ist.

 

n.: Dass die bela­rus­si­sche Lite­ratur als eine ‚kleine Lite­ra­tur’ lange im Schatten der ‚großen‘ rus­si­schen Lite­ratur stand, ist ja ein viel dis­ku­tiertes Pro­blem. Ihr beide arbeitet als Schrift­steller und Über­setzer daran, der bela­rus­si­schen Lite­ratur in all ihrer sprach­li­chen und kul­tur­ge­schicht­li­chen Hete­ro­ge­nität zu mehr inter­na­tio­naler Wahr­neh­mung zu ver­helfen. Thomas, wie ist dein Ein­druck, gibt es im deut­schen Lite­ra­tur­be­trieb inzwi­schen mehr Auf­merk­sam­keit für die bela­rus­si­sche Lite­ratur?

 

Weiler: Ich glaube, dass von Deutsch­land aus gar nicht so genau geschaut wird, was es in der bela­rus­si­schen Lite­ratur zu holen gibt. Es muss etwas Beson­deres, Über­ra­schendes dabei sein, ob das dann aus Belarus kommt oder aus Russ­land oder ganz woan­ders her, das inter­es­siert primär erstmal nicht. Es geht viel­mehr darum, dass man span­nende Lite­ratur lesen will.

 

n.: Al’herd, wo liegt für Dich selbst der span­nende Kern in Deinem Roman?

 

Bach­arėvič: Meine Roman­figur Aleh Ale­havič lebt in einem Land, in einer Gesell­schaft, wo es keine Geheim­nisse mehr gibt. Das ist aber lang­weilig. Er erstickt in diesem Raum, denn er braucht Geheim­nisse und Rätsel. Und er kämpft mit seiner Sprach­schöp­fung gegen die Lan­ge­weile.

 

n.: So wie du selbst auch?

 

Bach­arėvič: Ja, des­wegen schreibe ich Bücher. Bücher sind meine Ret­tung vor der Lan­ge­weile der Welt.

 

n.: Thomas, ist eigent­lich eine Über­set­zung des Romans für einen deutsch­spra­chigen Verlag in Pla­nung?

 

Weiler: Bisher leider noch nicht, aber wir sind opti­mis­tisch, dass auch dieses monu­men­tale Werk einen Verlag hier finden wird.

 

 

Das Inter­view ist eine gekürzte Fas­sung des Gesprächs vom 29.01.2020. Die Aus­züge aus dem Roman wurden von Thomas Weiler aus­ge­wählt und ins Deut­sche über­setzt. Die voll­stän­dige Auf­zeich­nung der Ver­an­stal­tung ist hier abrufbar.

 

Von Al’herd Bach­arėvič sind auf Deutsch fol­gende Bücher erschienen:

Die Elster auf dem Galgen. Aus dem Bela­rus­si­schen von Thomas Weiler. Leipzig: Leip­ziger Lite­ra­tur­verlag 2010.
Berlin, Paris und das Dorf. Essays. Aus dem Bela­rus­si­schen von Thomas Weiler und Tina Wün­sch­mann. Berlin: edition.fotoTAPETA 2019.

 

Auf novinki erschienen sind:

Wahre Leser wollen betrogen sein. Al’herd Bach­arėvič im Inter­view. Aus dem Bela­rus­si­schen von Thomas Weiler.
Bes­tens prä­pa­riert. Al’herd Bach­arė­vičs Roman Die Elster auf dem Galgen, von Thomas Weiler.
Lite­ra­tur­land­schaft Belarus: Eine Bege­hung von Zmicer Višnëŭ. Aus dem Bela­rus­si­schen und für novinki kon­tex­tua­li­siert von Thomas Weiler.