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Weltliteratur aus Belarus: Gespräch mit Al’herd Bacharevič und Thomas Weiler

Posted on 12. Juli 2020 by Nina Weller, Yaraslava Ananka
Al’herd Bacharėvičs Roman Hunde Europas (Sabaki Eŭropy) ist ein Ereignis. Er beeindruckt nicht alleine durch seinen Umfang von über 900 Seiten, vielmehr noch fasziniert er durch seine hemmungslose Hingabe an die Sogkraft der Sprache. novinki veröffentlicht ein Gespräch mit Al’herd Bacharėvič und seinem Übersetzer Thomas Weiler vom 29. Januar 2020 im Einstein Forum Potsdam sowie ein Fragment aus dem Roman in der Übersetzung von Thomas Weiler.

Al’herd Bacharėvičs Roman Hunde Europas (Sabaki Eŭropy) ist ein Ereignis. Er beeindruckt nicht alleine durch seinen Umfang von über 900 Seiten, vielmehr noch fasziniert er durch seine hemmungslose Hingabe an die Sogkraft der Sprache: In sechs nur lose miteinander verknüpften Geschichten erzählt das Werk von einem Land in einem alten und neuen Europa, von individueller Einsamkeit und gesellschaftlichen Illusionen in globalen und lokalen Horizonten sowie von der Diktatur des Wortes.

 

Dabei macht Bacharėvič eindringlich die historischen und ideologischen Sprachverwirrungen in Belarus zum Thema. Und er trifft damit einen intellektuellen Nerv der Zeit. 2017 im Minsker Verlag Lohvinaŭ erschienen, wurde der Roman in Belarus vielfach ausgezeichnet. Auch die Übersetzung des Romans ins Russische, vorgenommen vom Autor selbst, zog viel Aufmerksamkeit auf sich: Die russische Version des Buches erschien 2019 unter dem Titel Sobaki Evropy im Verlag Vremja und wurde für den renommierten russischen Literaturpreis Bolšaja Kniga nominiert. Yaraslava Ananka und Nina Weller sprachen mit Al’herd Bacharėvič und seinem Übersetzer Thomas Weiler am 29. Januar 2020 im Einstein Forum Potsdam. novinki veröffentlicht das Gespräch sowie ein Fragment aus dem Roman in der Übersetzung von Thomas Weiler.

 

Auszüge aus Al’herd Bacharėvičs Roman „Hunde Europas“ (Sabaki Ėŭropy).
Ausgewählt vom Autor und ins Deutsche übersetzt von Thomas Weiler.

 

 

novinki: Heute dominieren in der Literatur kleinere und mittlere Formate. Die großen Gesellschaftsromane scheinen durch nichtfiktionale Genres und endlose Fernsehserien ersetzt worden zu sein. Al’herd und Thomas, können wir heute überhaupt noch von einem Bedürfnis nach großen Erzählformen ausgehen und wenn ja, welche konkreten Motivationen haben Schriftsteller_innen, Übersetzer_innen und nicht zuletzt auch die Leser_innen, wenn sie sich heute auf sehr umfangreiche Werke einlassen?

 

Bacharėvič: Ich bin der Meinung, dass Schriftsteller kompliziert denken und schreiben sollten. Denn das Leben selbst ist eine sehr komplexe Angelegenheit. Große, umfangreiche Romane zu schreiben ist für mich eine Art lebensbewältigende Befreiung. Damit befreie ich mich von der Konjunktur der Kürze und Einfachheit, von der auch viele osteuropäische Autoren eingenommen sind, die ihre Bücher gerne im Westen verkaufen wollen. Dagegen protestiere ich. Der Schriftsteller sollte sich mehr Zeit (und Raum) nehmen und über Eros und Thanatos nachdenken. Das Internet und die Medien haben eine gefährliche Illusion entstehen lassen, dass die Leser_innen kurze Texte und knappe Romane bevorzugen. Doch ich denke, dass die Literatur eine komplizierte Kunst bleiben sollte. Zu dem großen Umfang meines Romans hat auch meine Frau Julia beigetragen: Ich war in einer Krise und Julia sagte zu mir: „Mach etwas, was dir gefällt. Schreib einen Roman mit so vielen Wörtern, wie DU willst. Gönne dir selbst diese Freiheit.“ Und ich schrieb und schrieb und schrieb. Und so kamen am Ende die Hunde Europas mit mehr als 900 Seiten heraus.

Weiler: Als Übersetzer schließe ich mich diesem Protest an: Es macht keinen Spaß an Texten zu arbeiten, die einfach und total überschaubar gestrickt sind. Ich arbeite viel lieber mit Texten, die einen herausfordern. Mit einem Text, an dem man sich abarbeiten kann, hat man das Futter, das man als Übersetzer braucht. Allerdings weiß ich nicht, ob ich mit der Diagnose einverstanden bin, dass keine großen, umfangreichen Romane mehr geschrieben und gelesen werden. Als Gegenbeispiel fällt mir z.B. Olga Tokarczuk ein: Sie hatte zunächst zwar Mühe, für die Übersetzung ihres großen Romans Die Jakobsbücher (2014, Księgi Jakubowe) einen Verlag in Deutschland zu finden. Der Verlag Schöffling & Co., bei dem sie vorher schon einige Werke veröffentlicht hatte, wollte das nicht mehr machen, möglicherweise aus der Sorge, das Buch könne mit seiner komplexen, weitschweifigen Erzählweise die deutschsprachige Leserschaft nicht ansprechen. Stattdessen ist der Roman bei dem kleinen engagierten Verlag Kampa gelandet, der sich 2019 dann über den Nobelpreis für Olga Tokarczuk freuen konnte. Oder denken wir an andere umfangreiche Bücher wie Unendlicher Spaß (1996, Infinite Jest) von David Foster Wallace: Man fragte sich auch bei diesem hochkomplizierten, monumentalen Werk zunächst, ob es überhaupt übersetzbar sei, und mutmaßte, dass diesen unüberschaubaren Text ohnehin kein Mensch verstehe. Und dann hat sich doch ein regelrechter Kult um dieses Buch entwickelt. Ulrich Blumenbach, mein Übersetzerkollege, hat fünf Jahre lang an der Übersetzung gearbeitet und einiges durchgemacht, bis er endlich fertig war. Es hat sich gelohnt. Nach den USA war das Buch auch hier ein Überraschungserfolg. Also, ich glaube, es gibt sie noch, die umfangreichen, komplexen Werke. Vielleicht passen sie sogar besonders gut in unsere Zeit, in der wir darauf konditioniert sind, schnell und in kurzen Häppchen zu lesen. Vielleicht kommt gerade jetzt die Sehnsucht wieder, sich über Wochen nur mit einem Werk zu beschäftigen, mit einem Werk, in dem man sich verlieren muss, weil es gar nicht möglich ist, es mal so eben schnell nebenher zu konsumieren. Neben den Autor_innen, Übersetzer_innen und Leser_innen gehört natürlich eine weitere Gruppe mit dazu, nämlich die Verleger_innen, die darüber entscheiden, ob solche Texte letztlich in die Übersetzung kommen und in Buchform zu einer interessierten Leserschaft finden können.

 

n.: Bei Hunde Europas haben wir es in der Tat mit einem komplexen Roman zu tun, der der Leserschaft viel Arbeit abverlangt. Der Roman besteht aus sechs unabhängig voneinander erzählten Geschichten, deren Handlung sich teils in unserer Gegenwart, teils in der nahen Zukunft an unterschiedlichen realen sowie fingierten Orten abspielt. Die Einzelgeschichten sind nur durch imaginäre Knotenpunkte und durch die erfundene Sprache Bal’buta miteinander verbunden…

 

Bacharėvič: So ist es. Die Romanfigur Aleh Alehavič ist Dichter, Übersetzer und Schöpfer der Sprache Bal’buta. Im Roman finden sich Prosa- und Lyrikstücke auf Bal’butisch.

 

Veranstaltung im Einstein Forum, © Paula Sawatzki

 

 

n.: Bevor wir ausführlicher über die Sprachen des Romans sprechen, möchten wir gern kurz auf das Moment des Utopischen bzw. Dystopischen zu sprechen kommen, das dem Roman ja bereits mit der Erfindung einer neuen Sprache und mit dem Traum einer ‚Neuschöpfung‘ der Welt eingeschrieben ist. Al’herd, du verhandelst darin, durchaus sarkastisch und unter einem recht pessimistischen Schleier, die Frage nach Europa wie auch nach einer europäischen belarussischen Identität. Im dritten Teil erweist sich die ideale Insel, die ein neues Belarus hätte sein können, jedoch als verseuchte Müllhalde der Geschichte. Sollen wir den Roman als Parodie auf den letztlich nostalgischen Traum von Europa lesen? Verweisen die Hunde Europas darauf, dass letztlich jeder Utopie die Gefahr inhärent ist, von einer ideologisierten Sprache der Macht durchsetzt zu werden? Oder birgt der Roman auch Hoffnung?

 

Bacharėvič: Ja, es ist durchaus eine böse Parodie, aber zugleich ist es eben keine Parodie auf unsere heutige europäische Wirklichkeit, sondern vielmehr auf all diese festgefahrenen Wunschvorstellungen von einem utopischen Europa. Die von mir parodierten Figuren sind natürlich belarussische Idealisten, die sich Europa so vorstellen, als ob wir noch im 19. Jahrhundert lebten, d.h. als ein weißes, patriarchales, in Nationalstaaten aufgeteiltes Europa. Die Nationalisten in meinem Roman versuchen, auf einer Insel ihr ideales Belarus aufzubauen. Doch diese Hoffnung lebt auf einer Insel aus Müll. Die Insel zerstört sich letztlich selbst. Es kommen Immigranten aus Afrika und erobern die Insel. Ich wollte mit diesem Roman meinen Landsleuten zeigen, dass wir schon längst in einer gänzlich neuen Ära leben. Wir müssen uns von unseren alten Idealen und Ängsten verabschieden und das Bild eines nur christlichen, nur weißen Belarus, mit nur belarussischer Sprache hinter uns lassen. So ein Land kann gar nicht existieren. Wir müssen vielmehr daran glauben, dass die Zukunft von Belarus in Europa in einer multikulturellen Welt der Vielfalt liegt, für die wir doch so reich aus unserer multiethnischen, multireligiösen, multilingualen Vergangenheit schöpfen können. Unser Problem in Belarus ist, dass wir uns viel zu stark auf uns selbst konzentrieren und um uns selbst kreisen.

 

Sabaki Europy, © Verlag Lohvinau

 

n.: Der Roman spiegelt indirekt die sprachliche Situation im heutigen Belarus wider: Das Land ist heute vorwiegend russischsprachig. Die meisten belarussischen Autoren schreiben zunächst auf Russisch und wechseln erst später bewusst ins Belarussische. Das Belarussische ist in diesem Sinne ein gelerntes oder sogar noch zu lernendes Idiom einer Minderheit. Der problematische Status des Belarussischen beschäftigt und inspiriert die belarussische Literatur schon lange: Jeder Text auf Belarussisch wirkt deshalb immer metasprachlich. Während in den 1990–2000er Jahren diese Metasprachlichkeit revolutionär klang, weil es ein Ausdruck von Opposition war, sind heute die selbstreflexiven Diskurse mit den dazu gehörenden postkolonialen Spannungen zwischen dem Belarussischen und Russischen ‚automatisiert‘. Das Problem des Belarussischen ist jedoch geblieben. Und da erfindest du, Al’herd, eine rekursive Schachtel-Konstruktion: ein conlang . Im Roman wird eine neue künstliche Sprache aus dem Belarussischen heraus entworfen. Was passiert dadurch mit dem Belarussischen selbst, warum braucht das Belarussische überhaupt noch einen sprachlichen Doppelgänger?

 

Bacharėvič: Die russische Sprache dominiert zwar den öffentlichen Raum in Belarus, aber die belarussische Sprache ist in kulturellen und privaten Sphären ebenfalls sehr lebendig. Belarussisch ist eine lebende Sprache. Ich würde sogar sagen: In Belarus spricht man zwar meist Russisch, aber man denkt vielmehr auf Belarussisch. Das bedeutet, wir haben es mit einer ständigen Auseinandersetzung zwischen den Sprachen zu tun. Aleh Alehavič, die Figur, die sich Bal’buta ausgedacht hat, fühlt sich nicht wohl mit dieser sprachlichen Situation in Belarus. Er braucht seine eigene Sprache, um frei zu sein. Ich meine eine Freiheit von allen sprachlichen, politischen oder nationalen Identitäten. So versucht er, die sprachlichen und politischen Probleme in Belarus mit der Neuschöpfung einer Sprache zu lösen.

 

Sobaki Europy, © Verlag Vremja

 

n.: Thomas, vielleicht kannst du dem etwas hinzufügen?

 

Weiler: Ich weiß nicht, ob ich die komplexe sprachliche Situation im Roman so einfach erklären kann. Am Anfang des Romans distanziert sich Aleh Alehavič sowohl vom Belarussischen als auch vom Russischen, Englischen und von allen möglichen Sprachen, die ihm letztlich allesamt zuwider sind. Es ist nur logisch, dass er schließlich bei seiner eigenen Sprache landet. Gleichzeitig haben wir es im Roman mit der Präsenz vieler Sprachen zu tun: Der Großteil der Handlung ist auf Belarussisch erzählt. Doch Russisch spielt für viele Figuren eine ebenso wichtige Rolle wie Bal’buta. Ich glaube, dass erst die Konstruktion dieser ganz eigenen Sprache die Möglichkeit schafft, genau hinzuschauen und aus der verfahrenen Sprachkonkurrenz herauszukommen, die einen immer wieder dazu treibt, sofort das Belarussische und Russische gegeneinander zu stellen und die schwierige sprachliche Situation im Land immer wieder zu betonen. Mit dem neuen sprachlichen Konstrukt kann man nun einfach mal anders über Sprache nachdenken, ja vielleicht sogar einen neuen Blick auf jene Diskussion werfen, die schon seit den 1990er Jahren geführt wird. Genau dafür ist vielleicht dieser Kunstgriff nötig. Zum Roman gehören übrigens im Anhang auch eine Grammatik und ein Wörterbuch. Man muss sich diese Sprache tatsächlich erarbeiten, um das ganze Buch lesen und verstehen zu können. Es gibt ganze Kapitel, die in Bal’buta geschrieben sind. Die Arbeit, die den Leser_innen zugemutet wird, ist beträchtlich, aber eben auch enorm wichtig. Bacharėvič: Hier muss ich noch etwas ergänzen: Üblicherweise wurden ja künstliche Sprachen für die Verständigung zwischen verschiedenen Völkern konstruiert. Aleh Alehavič und ich haben uns dagegen eine Sprache mit einer geradezu entgegengesetzten Motivation ausgedacht: um Rätsel aufzugeben und ein Geheimnis zu bewahren. Bal’buta stellt sich der gegenseitigen Verständigung zunächst entgegen.

 

Thomas Weiler, © Anja Kapunkt

 

n.: Al’herd, du arbeitest oft mit linguistischen Formaten. Dein Roman Alindarkas Kinder (2014, Dzeci Alindarki) ist eine logopädische Dystopie. Der Roman Hunde Europas, zumindest der erste Teil, stellt dagegen eine Art ‚linguistische Lolita‘ dar: Wir haben es hier mit der Geschichte eines sprachlichen Amokläufers zu tun, für den die Sprache nicht einfach zur guilty pleasure wird, sondern zur Zwangsidee, zur psychopathologischen Versuchung und zu einem Mittel der Verführung von Schüler_innen und Student_innen. Wer bist du selbst als Schriftsteller und als Autor: Bist du Opfer der Sprachgewalt oder bist du Täter der Sprachverführung?

 

Bacharėvič: Ich bin der Sklave der Sprache, aber ein Sklave, der in ihrem Haus lebt. Ich habe sogar die Schlüssel zu ihren geheimen Schubladen. Ich habe als Sklave das Kennwort zu ihrem Geheimkonto. Ich bin der Sklave und ich darf im Geheimen nachts in das Schlafzimmer der Herrin kommen. Der Unterschied zwischen uns liegt darin, dass die Sprache weiterlebt und unsterblich ist. Ich werde sterben. Vielleicht ist das der Grund für mein Schreiben. Ich möchte, dass die Sprache mit mir ihre Unsterblichkeit teilt.

 

n.: Al’herd, du arbeitest oft mit linguistischen Formaten. Dein Roman Alindarkas Kinder (2014, Dzeci Alindarki) ist eine logopädische Dystopie. Der Roman Hunde Europas, zumindest der erste Teil, stellt dagegen eine Art ‚linguistische Lolita‘ dar: Wir haben es hier mit der Geschichte eines sprachlichen Amokläufers zu tun, für den die Sprache nicht einfach zur guilty pleasure wird, sondern zur Zwangsidee, zur psychopathologischen Versuchung und zu einem Mittel der Verführung von Schüler_innen und Student_innen. Wer bist du selbst als Schriftsteller und als Autor: Bist du Opfer der Sprachgewalt oder bist du Täter der Sprachverführung?

 

Bacharėvič: Ich bin der Sklave der Sprache, aber ein Sklave, der in ihrem Haus lebt. Ich habe sogar die Schlüssel zu ihren geheimen Schubladen. Ich habe als Sklave das Kennwort zu ihrem Geheimkonto. Ich bin der Sklave und ich darf im Geheimen nachts in das Schlafzimmer der Herrin kommen. Der Unterschied zwischen uns liegt darin, dass die Sprache weiterlebt und unsterblich ist. Ich werde sterben. Vielleicht ist das der Grund für mein Schreiben. Ich möchte, dass die Sprache mit mir ihre Unsterblichkeit teilt.

 

n.: Thomas, der Roman bietet dir als Übersetzer also reichlich Futter. Jede der sechs Geschichten weist einen eigenen Stil auf, die von Al’herd entworfene Kunstsprache kommt erschwerend hinzu. Wie gehst du im Übersetzungsprozess konkret an diese Sprachkomplexität heran?

 

Weiler: Generell geht es mir bei dieser Übersetzung wie bei jedem literarischen Text darum, mir die Tonlage, in der der Text gehalten ist, zu erschließen. Bei jedem Text ist die Voraussetzung für die Übersetzung, erstmal dahinter zu kommen, wie die Erzählerstimme überhaupt klingt: Wie funktioniert sie? Wie klingt sie für die originalsprachlichen Leser_innen? Wie sollten die Erzählebenen für die deutschsprachige Leserschaft klingen? Eine geeignete Strategie für diesen Roman wäre zum Beispiel, die verschiedenen Teile erstmal für sich zu betrachten und nicht zu versuchen, immer die ganze Konstruktion im Kopf zu haben, die man sowieso nicht überblicken kann bei diesem großen Umfang. Gleichzeitig muss im Hinterkopf behalten werden, was es alles an Verbindendem zwischen den Kapiteln gibt, zwischen Elementen, die verstreut sind, aber mit Bezug zueinander wiederauftauchen, zwischen kleinen Andeutungen, über die sich dann große Zusammenhänge erschließen, wie z.B. Figuren, die plötzlich in veränderter Gestalt wiederkehren. Das ist eine ziemlich große Herausforderung. Ganz praktisch funktioniert das für mich so, dass ich mir beim Lesen im Buch ganz viele Unterstreichungen, Notizen und Verweise mache, so dass diese Querverbindungen dann am Ende auch in der Übersetzung erkennbar sind und deutsche Leser_innen die Möglichkeit haben, diese Verknüpfungen wahrzunehmen. Und die Sprache Bal’buta folgt ihren ganz eigenen Sprachregeln. Ein gutes Beispiel ist das Gedicht „Legoing klinkutima“ (auf Deutsch etwa „Wir sind leicht wie Papier“) aus der Feder von Aleh Alehavič:

 

Legoing klinkutima

Für Imre von Stukar
Akkou klinkuta
Deu natuzu
Tau
Tajnobalbutika da ujma sau onoje, Skutoje dutributima da broje Dinagramutima, sau neokuz nekau — O bu tau kvaj legoje da samoje
Da u sprugutima tau bu pavuzu, mau Komutko noje.
Klinkutima legoing,
Tau
ufjutima akkou.
Danuo kvaj da bif aluzu Neistuta. Dukoju da rukoju tau stogou Kalau tau bu legoje kvaj balbuta.
Da bu sprugutima skamuta tau okuzu, Minutima o jaf bu tau takuzu: Psautima grimuta da kraputa Strilonatutima, sau
Bim primuzu tau.

 

n.: Wie man sieht, hat die Sprache ganz eigene lexikalische und grammatische Gesetzmäßigkeiten, die wir nicht so ohne weiteres einer bestimmten Sprachfamilie zuordnen können. Ihren besonderen Sound demonstriert uns Al’herd durch eine Lesung des Gedichts (siehe oben).
Thomas, hast du dir schon Gedanken über eine mögliche Übersetzung dieser Kunstsprache gemacht? Ist eine Übersetzung, inklusive der grammatischen Besonderheiten oder mit der Herleitung von ganz eigenen Wortstämmen, überhaupt möglich oder nötig?

 

Weiler: Ich glaube, diese Sprache muss als solche stehen bleiben, wie sie ist. Sie ist eine eigenständige Sprache, die auch im belarussischen und russischen Text als Fremdkörper wirkt. Genauso sollte sie als Fremdkörper im deutschen Text bestehen bleiben.

 

n.: Interessant ist ja, dass Hunde Europas sowohl in Belarus als auch in Russland Furore gemacht hat: In Belarus diskutiert die Leserschaft in den sozialen Medien engagiert über den Roman, es gibt eine Facebook-Gruppe, in der Bal’butisch gelernt wird, auf Youtube kursiert eine Liedversion des Gedichts Legoing klinkutima, das Bielaruski Svabodny Teatr hat den Roman bereits als Theaterstück inszeniert. In Russland wiederum war es eine kleine Sensation, dass der Roman für den renommierten Literaturpreis Bolšaja kniga nominiert wurde, einen Preis, der sonst nur russischen Autor_innen vorbehalten ist. Al’herd, fühlst du dich als zweisprachiger Autor? Hatte der Erfolg in Russland Rückwirkungen auf die Wahrnehmung deines Buchs in Belarus?

 

Bacharėvič: Ich bin kein russischer Schriftsteller. Ich bin belarussischer Schriftsteller, der mit den russischen Übersetzungen der westlichen Literatur erzogen wurde. Die westliche Literatur in den schönen russischen Übersetzungen hat mich als Autor geformt. An der russischen Version meines Buchs habe ich zwei Jahre lang gearbeitet, an der belarussischen Version nur ein Jahr. Mit der russischen Version habe ich das Buch eigentlich noch einmal neu geschrieben. Sie ist viel besser als die erste, die belarussische Fassung. Die Handlungslinien sind hier viel klarer. Jetzt ist es meine Aufgabe, den belarussischen Text neu zu schreiben, damit mein Roman auf Belarussisch wieder besser als die russische Variante wird. Und was den russischen Literaturpreis betrifft, so sehe ich dies durchaus politisch. Als der Roman in die Longlist kam, dachte ich die ganze Nacht darüber nach, ob ich nach Moskau fahren soll oder nicht. Wir wissen, welche politische Situation derzeit in Russland herrscht, und dass Russland einen Krieg gegen die Ukraine führt. Ich hatte mich zunächst aus Protest entschieden, nicht nach Moskau zu fahren. Aber dann kam das Buch auf die Shortlist. Und da dachte ich: Pfeif auf die Moral, ich fahre zur Preisverleihung nach Moskau. So bin ich ein russischer Autor geworden. Interessant waren auch weitere Erlebnisse, z.B. die Interviews für die russischen Medien. Ich sagte den russischen staatlichen Medien: Nein, ich gebe euch kein Interview. Da erklärte mein Verleger, Russland sei nicht so autoritär regiert wie Belarus, viele russische Intellektuelle arbeiteten selbst für staatliche Medien, es gebe kaum Zensur. Er meinte: Du kannst hier alles sagen, was du willst. Ich aber hatte so meine Zweifel. Einmal habe ich mich doch auf ein Interview eingelassen und musste danach feststellen, dass ich es mit einer klassischen sowjetischen Zensur zu tun hatte: Alle meine Aussagen über Politik, über die Ukraine, über Belarus waren gestrichen worden. Ich habe der Publikation des Interviews nicht zugestimmt.

 

n.: Hat der Erfolg deines Buchs in Russland rückwirkend in Belarus dennoch zu mehr Aufmerksamkeit verholfen? Und würdest du sagen, dass der Umweg über die russische Sprache und über den russischen Literaturmarkt wichtig für eine stärkere Wahrnehmung belarussischer Bücher im Westen ist?

 

Bacharėvič: Ja, ich denke, es hat eine Perspektive, die belarussische Literatur über die russische Sprache weiter nach Europa zu transportieren. Vielleicht ist es derzeit sogar der einzige Weg für die belarussische Literatur. Den Umweg über den Osten nach Westen zu nehmen wäre eine sehr schlaue Strategie, sehr im belarussischen Stil.

 

n.: Thomas, würdest du dem zustimmen?

 

Weiler: Ich weiß nicht. Ich habe meine Schwierigkeiten mit diesem Weg. Sicher hat man über das Russische eine größere Leserschaft. Sicher erreicht man auch im deutschsprachigen Literaturbetrieb mehrere Menschen, die mit belarussischen Texten nichts anfangen können. Ich habe auch Viktar Marcinovič (Viktor Martinowitsch) übersetzt. Er schreibt abwechselnd mal Belarussisch, mal Russisch, je nach Thema oder je nach Laune. Er publiziert seine belarussischen Titel bei belarussischen Verlagen, die russischen bei russischen Verlagen. Es ist die Frage, wie man sich positionieren will. Wenn man als belarussischer Autor wahrgenommen werden will, dann ist es nicht besonders hilfreich, über Russland zu gehen, weil man dann hierzulande auch als russischsprachiger bzw. russischer Autor wahrgenommen wird. Wie wir immer wieder bei Svetlana Alexijevič (Swetlana Alexejewitsch) beobachten können, für die auf der Frankfurter Buchmesse eben nicht der belarussische Stand, sondern der Russlandstand groß plakatiert hatte, als sie den Nobelpreis bekam. Ich denke auch an Vasil Bykaŭ (Wassil Bykow): Er schrieb seine wichtigen Prosatexte über den Zweiten Weltkrieg auf Belarussisch, wird aber eher als sowjetisch-russischsprachiger Autor rezipiert. Zu DDR-Zeiten wurde er aus dem Russischen übersetzt. Dementsprechend ist es bis heute in Deutschland wenig bekannt, dass er aus Belarus kommt und einer der wichtigsten belarussischen Autoren der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist.

 

n.: Dass die belarussische Literatur als eine ‚kleine Literaturʼ lange im Schatten der ‚großen‘ russischen Literatur stand, ist ja ein viel diskutiertes Problem. Ihr beide arbeitet als Schriftsteller und Übersetzer daran, der belarussischen Literatur in all ihrer sprachlichen und kulturgeschichtlichen Heterogenität zu mehr internationaler Wahrnehmung zu verhelfen. Thomas, wie ist dein Eindruck, gibt es im deutschen Literaturbetrieb inzwischen mehr Aufmerksamkeit für die belarussische Literatur?

 

Weiler: Ich glaube, dass von Deutschland aus gar nicht so genau geschaut wird, was es in der belarussischen Literatur zu holen gibt. Es muss etwas Besonderes, Überraschendes dabei sein, ob das dann aus Belarus kommt oder aus Russland oder ganz woanders her, das interessiert primär erstmal nicht. Es geht vielmehr darum, dass man spannende Literatur lesen will.

 

n.: Al’herd, wo liegt für Dich selbst der spannende Kern in Deinem Roman?

 

Bacharėvič: Meine Romanfigur Aleh Alehavič lebt in einem Land, in einer Gesellschaft, wo es keine Geheimnisse mehr gibt. Das ist aber langweilig. Er erstickt in diesem Raum, denn er braucht Geheimnisse und Rätsel. Und er kämpft mit seiner Sprachschöpfung gegen die Langeweile.

 

n.: So wie du selbst auch?

 

Bacharėvič: Ja, deswegen schreibe ich Bücher. Bücher sind meine Rettung vor der Langeweile der Welt.

 

n.: Thomas, ist eigentlich eine Übersetzung des Romans für einen deutschsprachigen Verlag in Planung?

 

Weiler: Bisher leider noch nicht, aber wir sind optimistisch, dass auch dieses monumentale Werk einen Verlag hier finden wird.

 

 

Das Interview ist eine gekürzte Fassung des Gesprächs vom 29.01.2020. Die Auszüge aus dem Roman wurden von Thomas Weiler ausgewählt und ins Deutsche übersetzt. Die vollständige Aufzeichnung der Veranstaltung ist hier abrufbar.

 

Von Al’herd Bacharėvič sind auf Deutsch folgende Bücher erschienen:

Die Elster auf dem Galgen. Aus dem Belarussischen von Thomas Weiler. Leipzig: Leipziger Literaturverlag 2010.
Berlin, Paris und das Dorf. Essays. Aus dem Belarussischen von Thomas Weiler und Tina Wünschmann. Berlin: edition.fotoTAPETA 2019.

 

Auf novinki erschienen sind:

Wahre Leser wollen betrogen sein. Al’herd Bacharėvič im Interview. Aus dem Belarussischen von Thomas Weiler.
Bestens präpariert. Al’herd Bacharėvičs Roman Die Elster auf dem Galgen, von Thomas Weiler.
Literaturlandschaft Belarus: Eine Begehung von Zmicer Višnëŭ. Aus dem Belarussischen und für novinki kontextualisiert von Thomas Weiler.

Weltliteratur aus Belarus: Gespräch mit Al’herd Bacharevič und Thomas Weiler – novinki
Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Welt­li­te­ratur aus Belarus: Gespräch mit Al’herd Bach­arevič und Thomas Weiler

Al’herd Bach­arė­vičs Roman Hunde Europas (Sabaki Eŭropy) ist ein Ereignis. Er beein­druckt nicht alleine durch seinen Umfang von über 900 Seiten, viel­mehr noch fas­zi­niert er durch seine hem­mungs­lose Hin­gabe an die Sog­kraft der Sprache: In sechs nur lose mit­ein­ander ver­knüpften Geschichten erzählt das Werk von einem Land in einem alten und neuen Europa, von indi­vi­du­eller Ein­sam­keit und gesell­schaft­li­chen Illu­sionen in glo­balen und lokalen Hori­zonten sowie von der Dik­tatur des Wortes.

 

Dabei macht Bach­arėvič ein­dring­lich die his­to­ri­schen und ideo­lo­gi­schen Sprach­ver­wir­rungen in Belarus zum Thema. Und er trifft damit einen intel­lek­tu­ellen Nerv der Zeit. 2017 im Minsker Verlag Loh­vinaŭ erschienen, wurde der Roman in Belarus viel­fach aus­ge­zeichnet. Auch die Über­set­zung des Romans ins Rus­si­sche, vor­ge­nommen vom Autor selbst, zog viel Auf­merk­sam­keit auf sich: Die rus­si­sche Ver­sion des Buches erschien 2019 unter dem Titel Sobaki Evropy im Verlag Vremja und wurde für den renom­mierten rus­si­schen Lite­ra­tur­preis Bolšaja Kniga nomi­niert. Yaras­lava Ananka und Nina Weller spra­chen mit Al’herd Bach­arėvič und seinem Über­setzer Thomas Weiler am 29. Januar 2020 im Ein­stein Forum Potsdam. novinki ver­öf­fent­licht das Gespräch sowie ein Frag­ment aus dem Roman in der Über­set­zung von Thomas Weiler.

 

Aus­züge aus Al’herd Bach­arė­vičs Roman „Hunde Europas“ (Sabaki Ėŭropy). 
Aus­ge­wählt vom Autor und ins Deut­sche über­setzt von Thomas Weiler.

 

 

novinki: Heute domi­nieren in der Lite­ratur klei­nere und mitt­lere For­mate. Die großen Gesell­schafts­ro­mane scheinen durch nicht­fik­tio­nale Genres und end­lose Fern­seh­se­rien ersetzt worden zu sein. Al’herd und Thomas, können wir heute über­haupt noch von einem Bedürfnis nach großen Erzähl­formen aus­gehen und wenn ja, welche kon­kreten Moti­va­tionen haben Schriftsteller_innen, Übersetzer_innen und nicht zuletzt auch die Leser_innen, wenn sie sich heute auf sehr umfang­reiche Werke einlassen?

 

Bach­arėvič: Ich bin der Mei­nung, dass Schrift­steller kom­pli­ziert denken und schreiben sollten. Denn das Leben selbst ist eine sehr kom­plexe Ange­le­gen­heit. Große, umfang­reiche Romane zu schreiben ist für mich eine Art lebens­be­wäl­ti­gende Befreiung. Damit befreie ich mich von der Kon­junktur der Kürze und Ein­fach­heit, von der auch viele ost­eu­ro­päi­sche Autoren ein­ge­nommen sind, die ihre Bücher gerne im Westen ver­kaufen wollen. Dagegen pro­tes­tiere ich. Der Schrift­steller sollte sich mehr Zeit (und Raum) nehmen und über Eros und Tha­natos nach­denken. Das Internet und die Medien haben eine gefähr­liche Illu­sion ent­stehen lassen, dass die Leser_innen kurze Texte und knappe Romane bevor­zugen. Doch ich denke, dass die Lite­ratur eine kom­pli­zierte Kunst bleiben sollte. Zu dem großen Umfang meines Romans hat auch meine Frau Julia [Julia Tsi­ma­fe­yeva, bela­rus­si­sche Lyri­kerin und Über­set­zerin] bei­getragen: Ich war in einer Krise und Julia sagte zu mir: „Mach etwas, was dir gefällt. Schreib einen Roman mit so vielen Wör­tern, wie DU willst. Gönne dir selbst diese Frei­heit.“ Und ich schrieb und schrieb und schrieb. Und so kamen am Ende die Hunde Europas mit mehr als 900 Seiten heraus.

Weiler: Als Über­setzer schließe ich mich diesem Pro­test an: Es macht keinen Spaß an Texten zu arbeiten, die ein­fach und total über­schaubar gestrickt sind. Ich arbeite viel lieber mit Texten, die einen her­aus­for­dern. Mit einem Text, an dem man sich abar­beiten kann, hat man das Futter, das man als Über­setzer braucht. Aller­dings weiß ich nicht, ob ich mit der Dia­gnose ein­ver­standen bin, dass keine großen, umfang­rei­chen Romane mehr geschrieben und gelesen werden. Als Gegen­bei­spiel fällt mir z.B. Olga Tokar­czuk ein: Sie hatte zunächst zwar Mühe, für die Über­set­zung ihres großen Romans Die Jakobs­bü­cher (2014, Księgi Jaku­bowe) einen Verlag in Deutsch­land zu finden. Der Verlag Schöff­ling & Co., bei dem sie vorher schon einige Werke ver­öf­fent­licht hatte, wollte das nicht mehr machen, mög­li­cher­weise aus der Sorge, das Buch könne mit seiner kom­plexen, weit­schwei­figen Erzähl­weise die deutsch­spra­chige Leser­schaft nicht anspre­chen. Statt­dessen ist der Roman bei dem kleinen enga­gierten Verlag Kampa gelandet, der sich 2019 dann über den Nobel­preis für Olga Tokar­czuk freuen konnte. Oder denken wir an andere umfang­reiche Bücher wie Unend­li­cher Spaß (1996, Infi­nite Jest) von David Foster Wal­lace: Man fragte sich auch bei diesem hoch­kom­pli­zierten, monu­men­talen Werk zunächst, ob es über­haupt über­setzbar sei, und mut­maßte, dass diesen unüber­schau­baren Text ohnehin kein Mensch ver­stehe. Und dann hat sich doch ein regel­rechter Kult um dieses Buch ent­wi­ckelt. Ulrich Blu­men­bach, mein Über­set­zer­kol­lege, hat fünf Jahre lang an der Über­set­zung gear­beitet und einiges durch­ge­macht, bis er end­lich fertig war. Es hat sich gelohnt. Nach den USA war das Buch auch hier ein Über­ra­schungs­er­folg. Also, ich glaube, es gibt sie noch, die umfang­rei­chen, kom­plexen Werke. Viel­leicht passen sie sogar beson­ders gut in unsere Zeit, in der wir darauf kon­di­tio­niert sind, schnell und in kurzen Häpp­chen zu lesen. Viel­leicht kommt gerade jetzt die Sehn­sucht wieder, sich über Wochen nur mit einem Werk zu beschäf­tigen, mit einem Werk, in dem man sich ver­lieren muss, weil es gar nicht mög­lich ist, es mal so eben schnell nebenher zu kon­su­mieren. Neben den Autor_innen, Übersetzer_innen und Leser_innen gehört natür­lich eine wei­tere Gruppe mit dazu, näm­lich die Verleger_innen, die dar­über ent­scheiden, ob solche Texte letzt­lich in die Über­set­zung kommen und in Buch­form zu einer inter­es­sierten Leser­schaft finden können.

 

n.: Bei Hunde Europas haben wir es in der Tat mit einem kom­plexen Roman zu tun, der der Leser­schaft viel Arbeit abver­langt. Der Roman besteht aus sechs unab­hängig von­ein­ander erzählten Geschichten, deren Hand­lung sich teils in unserer Gegen­wart, teils in der nahen Zukunft an unter­schied­li­chen realen sowie fin­gierten Orten abspielt. Die Ein­zel­ge­schichten sind nur durch ima­gi­näre Kno­ten­punkte und durch die erfun­dene Sprache Bal’buta mit­ein­ander verbunden…

 

Bach­arėvič: So ist es. Die Roman­figur Aleh Ale­havič ist Dichter, Über­setzer und Schöpfer der Sprache Bal’buta. Im Roman finden sich Prosa- und Lyrik­stücke auf Bal’butisch.

 

Ver­an­stal­tung im Ein­stein Forum, © Paula Sawatzki

 

 

n.: Bevor wir aus­führ­li­cher über die Spra­chen des Romans spre­chen, möchten wir gern kurz auf das Moment des Uto­pi­schen bzw. Dys­to­pi­schen zu spre­chen kommen, das dem Roman ja bereits mit der Erfin­dung einer neuen Sprache und mit dem Traum einer ‚Neu­schöp­fung‘ der Welt ein­ge­schrieben ist. Al’herd, du ver­han­delst darin, durchaus sar­kas­tisch und unter einem recht pes­si­mis­ti­schen Schleier, die Frage nach Europa wie auch nach einer euro­päi­schen bela­rus­si­schen Iden­tität. Im dritten Teil erweist sich die ideale Insel, die ein neues Belarus hätte sein können, jedoch als ver­seuchte Müll­halde der Geschichte. Sollen wir den Roman als Par­odie auf den letzt­lich nost­al­gi­schen Traum von Europa lesen? Ver­weisen die Hunde Europas darauf, dass letzt­lich jeder Utopie die Gefahr inhä­rent ist, von einer ideo­lo­gi­sierten Sprache der Macht durch­setzt zu werden? Oder birgt der Roman auch Hoffnung?

 

Bach­arėvič: Ja, es ist durchaus eine böse Par­odie, aber zugleich ist es eben keine Par­odie auf unsere heu­tige euro­päi­sche Wirk­lich­keit, son­dern viel­mehr auf all diese fest­ge­fah­renen Wunsch­vor­stel­lungen von einem uto­pi­schen Europa. Die von mir par­odierten Figuren sind natür­lich bela­rus­si­sche Idea­listen, die sich Europa so vor­stellen, als ob wir noch im 19. Jahr­hun­dert lebten, d.h. als ein weißes, patri­ar­chales, in Natio­nal­staaten auf­ge­teiltes Europa. Die Natio­na­listen in meinem Roman ver­su­chen, auf einer Insel ihr ideales Belarus auf­zu­bauen. Doch diese Hoff­nung lebt auf einer Insel aus Müll. Die Insel zer­stört sich letzt­lich selbst. Es kommen Immi­granten aus Afrika und erobern die Insel. Ich wollte mit diesem Roman meinen Lands­leuten zeigen, dass wir schon längst in einer gänz­lich neuen Ära leben. Wir müssen uns von unseren alten Idealen und Ängsten ver­ab­schieden und das Bild eines nur christ­li­chen, nur weißen Belarus, mit nur bela­rus­si­scher Sprache hinter uns lassen. So ein Land kann gar nicht exis­tieren. Wir müssen viel­mehr daran glauben, dass die Zukunft von Belarus in Europa in einer mul­ti­kul­tu­rellen Welt der Viel­falt liegt, für die wir doch so reich aus unserer mul­ti­eth­ni­schen, mul­ti­re­li­giösen, mul­ti­lin­gualen Ver­gan­gen­heit schöpfen können. Unser Pro­blem in Belarus ist, dass wir uns viel zu stark auf uns selbst kon­zen­trieren und um uns selbst kreisen.

 

Sabaki Europy, © Verlag Lohvinau

 

n.: Der Roman spie­gelt indi­rekt die sprach­liche Situa­tion im heu­tigen Belarus wider: Das Land ist heute vor­wie­gend rus­sisch­spra­chig. Die meisten bela­rus­si­schen Autoren schreiben zunächst auf Rus­sisch und wech­seln erst später bewusst ins Bela­rus­si­sche. Das Bela­rus­si­sche ist in diesem Sinne ein gelerntes oder sogar noch zu ler­nendes Idiom einer Min­der­heit. Der pro­ble­ma­ti­sche Status des Bela­rus­si­schen beschäf­tigt und inspi­riert die bela­rus­si­sche Lite­ratur schon lange: Jeder Text auf Bela­rus­sisch wirkt des­halb immer meta­sprach­lich. Wäh­rend in den 1990–2000er Jahren diese Meta­sprach­lich­keit revo­lu­tionär klang, weil es ein Aus­druck von Oppo­si­tion war, sind heute die selbst­re­fle­xiven Dis­kurse mit den dazu gehö­renden post­ko­lo­nialen Span­nungen zwi­schen dem Bela­rus­si­schen und Rus­si­schen ‚auto­ma­ti­siert‘. Das Pro­blem des Bela­rus­si­schen ist jedoch geblieben. Und da erfin­dest du, Al’herd, eine rekur­sive Schachtel-Kon­struk­tion: ein con­lang [con­structed lan­guage]. Im Roman wird eine neue künst­liche Sprache aus dem Bela­rus­si­schen heraus ent­worfen. Was pas­siert dadurch mit dem Bela­rus­si­schen selbst, warum braucht das Bela­rus­si­sche über­haupt noch einen sprach­li­chen Doppelgänger?

 

Bach­arėvič: Die rus­si­sche Sprache domi­niert zwar den öffent­li­chen Raum in Belarus, aber die bela­rus­si­sche Sprache ist in kul­tu­rellen und pri­vaten Sphären eben­falls sehr lebendig. Bela­rus­sisch ist eine lebende Sprache. Ich würde sogar sagen: In Belarus spricht man zwar meist Rus­sisch, aber man denkt viel­mehr auf Bela­rus­sisch. Das bedeutet, wir haben es mit einer stän­digen Aus­ein­an­der­set­zung zwi­schen den Spra­chen zu tun. Aleh Ale­havič, die Figur, die sich Bal’buta aus­ge­dacht hat, fühlt sich nicht wohl mit dieser sprach­li­chen Situa­tion in Belarus. Er braucht seine eigene Sprache, um frei zu sein. Ich meine eine Frei­heit von allen sprach­li­chen, poli­ti­schen oder natio­nalen Iden­ti­täten. So ver­sucht er, die sprach­li­chen und poli­ti­schen Pro­bleme in Belarus mit der Neu­schöp­fung einer Sprache zu lösen.

 

Sobaki Europy, © Verlag Vremja

 

n.: Thomas, viel­leicht kannst du dem etwas hinzufügen?

 

Weiler: Ich weiß nicht, ob ich die kom­plexe sprach­liche Situa­tion im Roman so ein­fach erklären kann. Am Anfang des Romans distan­ziert sich Aleh Ale­havič sowohl vom Bela­rus­si­schen als auch vom Rus­si­schen, Eng­li­schen und von allen mög­li­chen Spra­chen, die ihm letzt­lich alle­samt zuwider sind. Es ist nur logisch, dass er schließ­lich bei seiner eigenen Sprache landet. Gleich­zeitig haben wir es im Roman mit der Prä­senz vieler Spra­chen zu tun: Der Groß­teil der Hand­lung ist auf Bela­rus­sisch erzählt. Doch Rus­sisch spielt für viele Figuren eine ebenso wich­tige Rolle wie Bal’buta. Ich glaube, dass erst die Kon­struk­tion dieser ganz eigenen Sprache die Mög­lich­keit schafft, genau hin­zu­schauen und aus der ver­fah­renen Sprach­kon­kur­renz her­aus­zu­kommen, die einen immer wieder dazu treibt, sofort das Bela­rus­si­sche und Rus­si­sche gegen­ein­ander zu stellen und die schwie­rige sprach­liche Situa­tion im Land immer wieder zu betonen. Mit dem neuen sprach­li­chen Kon­strukt kann man nun ein­fach mal anders über Sprache nach­denken, ja viel­leicht sogar einen neuen Blick auf jene Dis­kus­sion werfen, die schon seit den 1990er Jahren geführt wird. Genau dafür ist viel­leicht dieser Kunst­griff nötig. Zum Roman gehören übri­gens im Anhang auch eine Gram­matik und ein Wör­ter­buch. Man muss sich diese Sprache tat­säch­lich erar­beiten, um das ganze Buch lesen und ver­stehen zu können. Es gibt ganze Kapitel, die in Bal’buta geschrieben sind. Die Arbeit, die den Leser_innen zuge­mutet wird, ist beträcht­lich, aber eben auch enorm wichtig. Bach­arėvič: Hier muss ich noch etwas ergänzen: Übli­cher­weise wurden ja künst­liche Spra­chen für die Ver­stän­di­gung zwi­schen ver­schie­denen Völ­kern kon­stru­iert. Aleh Ale­havič und ich haben uns dagegen eine Sprache mit einer gera­dezu ent­ge­gen­ge­setzten Moti­va­tion aus­ge­dacht: um Rätsel auf­zu­geben und ein Geheimnis zu bewahren. Bal’buta stellt sich der gegen­sei­tigen Ver­stän­di­gung zunächst entgegen.

 

Thomas Weiler, © Anja Kapunkt

 

n.: Al’herd, du arbei­test oft mit lin­gu­is­ti­schen For­maten. Dein Roman Alin­darkas Kinder (2014, Dzeci Alin­darki) ist eine logo­pä­di­sche Dys­topie. Der Roman Hunde Europas, zumin­dest der erste Teil, stellt dagegen eine Art ‚lin­gu­is­ti­sche Lolita‘ dar: Wir haben es hier mit der Geschichte eines sprach­li­chen Amok­läu­fers zu tun, für den die Sprache nicht ein­fach zur guilty plea­sure wird, son­dern zur Zwangs­idee, zur psy­cho­pa­tho­lo­gi­schen Ver­su­chung und zu einem Mittel der Ver­füh­rung von Schüler_innen und Student_innen. Wer bist du selbst als Schrift­steller und als Autor: Bist du Opfer der Sprach­ge­walt oder bist du Täter der Sprachverführung?

 

Bach­arėvič: Ich bin der Sklave der Sprache, aber ein Sklave, der in ihrem Haus lebt. Ich habe sogar die Schlüssel zu ihren geheimen Schub­laden. Ich habe als Sklave das Kenn­wort zu ihrem Geheim­konto. Ich bin der Sklave und ich darf im Geheimen nachts in das Schlaf­zimmer der Herrin kommen. Der Unter­schied zwi­schen uns liegt darin, dass die Sprache wei­ter­lebt und unsterb­lich ist. Ich werde sterben. Viel­leicht ist das der Grund für mein Schreiben. Ich möchte, dass die Sprache mit mir ihre Unsterb­lich­keit teilt.

 

n.: Al’herd, du arbei­test oft mit lin­gu­is­ti­schen For­maten. Dein Roman Alin­darkas Kinder (2014, Dzeci Alin­darki) ist eine logo­pä­di­sche Dys­topie. Der Roman Hunde Europas, zumin­dest der erste Teil, stellt dagegen eine Art ‚lin­gu­is­ti­sche Lolita‘ dar: Wir haben es hier mit der Geschichte eines sprach­li­chen Amok­läu­fers zu tun, für den die Sprache nicht ein­fach zur guilty plea­sure wird, son­dern zur Zwangs­idee, zur psy­cho­pa­tho­lo­gi­schen Ver­su­chung und zu einem Mittel der Ver­füh­rung von Schüler_innen und Student_innen. Wer bist du selbst als Schrift­steller und als Autor: Bist du Opfer der Sprach­ge­walt oder bist du Täter der Sprachverführung?

 

Bach­arėvič: Ich bin der Sklave der Sprache, aber ein Sklave, der in ihrem Haus lebt. Ich habe sogar die Schlüssel zu ihren geheimen Schub­laden. Ich habe als Sklave das Kenn­wort zu ihrem Geheim­konto. Ich bin der Sklave und ich darf im Geheimen nachts in das Schlaf­zimmer der Herrin kommen. Der Unter­schied zwi­schen uns liegt darin, dass die Sprache wei­ter­lebt und unsterb­lich ist. Ich werde sterben. Viel­leicht ist das der Grund für mein Schreiben. Ich möchte, dass die Sprache mit mir ihre Unsterb­lich­keit teilt.

 

n.: Thomas, der Roman bietet dir als Über­setzer also reich­lich Futter. Jede der sechs Geschichten weist einen eigenen Stil auf, die von Al’herd ent­wor­fene Kunst­sprache kommt erschwe­rend hinzu. Wie gehst du im Über­set­zungs­pro­zess kon­kret an diese Sprach­kom­ple­xität heran?

 

Weiler: Gene­rell geht es mir bei dieser Über­set­zung wie bei jedem lite­ra­ri­schen Text darum, mir die Ton­lage, in der der Text gehalten ist, zu erschließen. Bei jedem Text ist die Vor­aus­set­zung für die Über­set­zung, erstmal dahinter zu kommen, wie die Erzäh­ler­stimme über­haupt klingt: Wie funk­tio­niert sie? Wie klingt sie für die ori­gi­nal­sprach­li­chen Leser_innen? Wie sollten die Erzähl­ebenen für die deutsch­spra­chige Leser­schaft klingen? Eine geeig­nete Stra­tegie für diesen Roman wäre zum Bei­spiel, die ver­schie­denen Teile erstmal für sich zu betrachten und nicht zu ver­su­chen, immer die ganze Kon­struk­tion im Kopf zu haben, die man sowieso nicht über­bli­cken kann bei diesem großen Umfang. Gleich­zeitig muss im Hin­ter­kopf behalten werden, was es alles an Ver­bin­dendem zwi­schen den Kapi­teln gibt, zwi­schen Ele­menten, die ver­streut sind, aber mit Bezug zuein­ander wie­der­auf­tau­chen, zwi­schen kleinen Andeu­tungen, über die sich dann große Zusam­men­hänge erschließen, wie z.B. Figuren, die plötz­lich in ver­än­derter Gestalt wie­der­kehren. Das ist eine ziem­lich große Her­aus­for­de­rung. Ganz prak­tisch funk­tio­niert das für mich so, dass ich mir beim Lesen im Buch ganz viele Unter­strei­chungen, Notizen und Ver­weise mache, so dass diese Quer­ver­bin­dungen dann am Ende auch in der Über­set­zung erkennbar sind und deut­sche Leser_innen die Mög­lich­keit haben, diese Ver­knüp­fungen wahr­zu­nehmen. Und die Sprache Bal’buta folgt ihren ganz eigenen Sprach­re­geln. Ein gutes Bei­spiel ist das Gedicht „Legoing klin­ku­tima“ (auf Deutsch etwa „Wir sind leicht wie Papier“) aus der Feder von Aleh Alehavič:

 

Legoing klin­ku­tima

Für Imre von Stukar
Akkou klin­kuta
Deu natuzu
Tau
Taj­no­bal­bu­tika da ujma sau onoje, Sku­toje dutri­bu­tima da broje Dina­gra­mu­tima, sau neokuz nekau — O bu tau kvaj legoje da samoje
Da u spru­gutima tau bu pavuzu, mau Komutko noje.
Klin­ku­tima legoing,
Tau
ufju­tima akkou.
Danuo kvaj da bif aluzu Nei­stuta. Dukoju da rukoju tau stogou Kalau tau bu legoje kvaj balbuta.
Da bu spru­gutima ska­muta tau okuzu, Minu­tima o jaf bu tau takuzu: Psau­tima gri­muta da kra­puta Stri­lo­na­tu­tima, sau
Bim pri­muzu tau.

 

n.: Wie man sieht, hat die Sprache ganz eigene lexi­ka­li­sche und gram­ma­ti­sche Gesetz­mä­ßig­keiten, die wir nicht so ohne wei­teres einer bestimmten Sprach­fa­milie zuordnen können. Ihren beson­deren Sound demons­triert uns Al’herd durch eine Lesung des Gedichts (siehe oben).
Thomas, hast du dir schon Gedanken über eine mög­liche Über­set­zung dieser Kunst­sprache gemacht? Ist eine Über­set­zung, inklu­sive der gram­ma­ti­schen Beson­der­heiten oder mit der Her­lei­tung von ganz eigenen Wort­stämmen, über­haupt mög­lich oder nötig?

 

Weiler: Ich glaube, diese Sprache muss als solche stehen bleiben, wie sie ist. Sie ist eine eigen­stän­dige Sprache, die auch im bela­rus­si­schen und rus­si­schen Text als Fremd­körper wirkt. Genauso sollte sie als Fremd­körper im deut­schen Text bestehen bleiben.

 

n.: Inter­es­sant ist ja, dass Hunde Europas sowohl in Belarus als auch in Russ­land Furore gemacht hat: In Belarus dis­ku­tiert die Leser­schaft in den sozialen Medien enga­giert über den Roman, es gibt eine Face­book-Gruppe, in der Bal’butisch gelernt wird, auf You­tube kur­siert eine Lied­ver­sion des Gedichts Legoing klin­ku­tima, das Bielaruski Sva­bodny Teatr hat den Roman bereits als Thea­ter­stück insze­niert. In Russ­land wie­derum war es eine kleine Sen­sa­tion, dass der Roman für den renom­mierten Lite­ra­tur­preis Bolšaja kniga nomi­niert wurde, einen Preis, der sonst nur rus­si­schen Autor_innen vor­be­halten ist. Al’herd, fühlst du dich als zwei­spra­chiger Autor? Hatte der Erfolg in Russ­land Rück­wir­kungen auf die Wahr­neh­mung deines Buchs in Belarus?

 

Bach­arėvič: Ich bin kein rus­si­scher Schrift­steller. Ich bin bela­rus­si­scher Schrift­steller, der mit den rus­si­schen Über­set­zungen der west­li­chen Lite­ratur erzogen wurde. Die west­liche Lite­ratur in den schönen rus­si­schen Über­set­zungen hat mich als Autor geformt. An der rus­si­schen Ver­sion meines Buchs habe ich zwei Jahre lang gear­beitet, an der bela­rus­si­schen Ver­sion nur ein Jahr. Mit der rus­si­schen Ver­sion habe ich das Buch eigent­lich noch einmal neu geschrieben. Sie ist viel besser als die erste, die bela­rus­si­sche Fas­sung. Die Hand­lungs­li­nien sind hier viel klarer. Jetzt ist es meine Auf­gabe, den bela­rus­si­schen Text neu zu schreiben, damit mein Roman auf Bela­rus­sisch wieder besser als die rus­si­sche Vari­ante wird. Und was den rus­si­schen Lite­ra­tur­preis betrifft, so sehe ich dies durchaus poli­tisch. Als der Roman in die Lon­g­list kam, dachte ich die ganze Nacht dar­über nach, ob ich nach Moskau fahren soll oder nicht. Wir wissen, welche poli­ti­sche Situa­tion der­zeit in Russ­land herrscht, und dass Russ­land einen Krieg gegen die Ukraine führt. Ich hatte mich zunächst aus Pro­test ent­schieden, nicht nach Moskau zu fahren. Aber dann kam das Buch auf die Short­list. Und da dachte ich: Pfeif auf die Moral, ich fahre zur Preis­ver­lei­hung nach Moskau. So bin ich ein rus­si­scher Autor geworden. Inter­es­sant waren auch wei­tere Erleb­nisse, z.B. die Inter­views für die rus­si­schen Medien. Ich sagte den rus­si­schen staat­li­chen Medien: Nein, ich gebe euch kein Inter­view. Da erklärte mein Ver­leger, Russ­land sei nicht so auto­ritär regiert wie Belarus, viele rus­si­sche Intel­lek­tu­elle arbei­teten selbst für staat­liche Medien, es gebe kaum Zensur. Er meinte: Du kannst hier alles sagen, was du willst. Ich aber hatte so meine Zweifel. Einmal habe ich mich doch auf ein Inter­view ein­ge­lassen und musste danach fest­stellen, dass ich es mit einer klas­si­schen sowje­ti­schen Zensur zu tun hatte: Alle meine Aus­sagen über Politik, über die Ukraine, über Belarus waren gestri­chen worden. Ich habe der Publi­ka­tion des Inter­views nicht zugestimmt.

 

n.: Hat der Erfolg deines Buchs in Russ­land rück­wir­kend in Belarus den­noch zu mehr Auf­merk­sam­keit ver­holfen? Und wür­dest du sagen, dass der Umweg über die rus­si­sche Sprache und über den rus­si­schen Lite­ra­turmarkt wichtig für eine stär­kere Wahr­neh­mung bela­rus­si­scher Bücher im Westen ist?

 

Bach­arėvič: Ja, ich denke, es hat eine Per­spek­tive, die bela­rus­si­sche Lite­ratur über die rus­si­sche Sprache weiter nach Europa zu trans­por­tieren. Viel­leicht ist es der­zeit sogar der ein­zige Weg für die bela­rus­si­sche Lite­ratur. Den Umweg über den Osten nach Westen zu nehmen wäre eine sehr schlaue Stra­tegie, sehr im bela­rus­si­schen Stil.

 

n.: Thomas, wür­dest du dem zustimmen?

 

Weiler: Ich weiß nicht. Ich habe meine Schwie­rig­keiten mit diesem Weg. Sicher hat man über das Rus­si­sche eine grö­ßere Leser­schaft. Sicher erreicht man auch im deutsch­spra­chigen Lite­ra­tur­be­trieb meh­rere Men­schen, die mit bela­rus­si­schen Texten nichts anfangen können. Ich habe auch Viktar Mar­ci­novič (Viktor Mar­ti­no­witsch) über­setzt. Er schreibt abwech­selnd mal Bela­rus­sisch, mal Rus­sisch, je nach Thema oder je nach Laune. Er publi­ziert seine bela­rus­si­schen Titel bei bela­rus­si­schen Ver­lagen, die rus­si­schen bei rus­si­schen Ver­lagen. Es ist die Frage, wie man sich posi­tio­nieren will. Wenn man als bela­rus­si­scher Autor wahr­ge­nommen werden will, dann ist es nicht beson­ders hilf­reich, über Russ­land zu gehen, weil man dann hier­zu­lande auch als rus­sisch­spra­chiger bzw. rus­si­scher Autor wahr­ge­nommen wird. Wie wir immer wieder bei Svet­lana Ale­xi­jevič (Swet­lana Ale­xe­je­witsch) beob­achten können, für die auf der Frank­furter Buch­messe eben nicht der bela­rus­si­sche Stand, son­dern der Russ­land­stand groß pla­ka­tiert hatte, als sie den Nobel­preis bekam. Ich denke auch an Vasil Bykaŭ (Wassil Bykow): Er schrieb seine wich­tigen Pro­sa­texte über den Zweiten Welt­krieg auf Bela­rus­sisch, wird aber eher als sowje­tisch-rus­sisch­spra­chiger Autor rezi­piert. Zu DDR-Zeiten wurde er aus dem Rus­si­schen über­setzt. Dem­entspre­chend ist es bis heute in Deutsch­land wenig bekannt, dass er aus Belarus kommt und einer der wich­tigsten bela­rus­si­schen Autoren der zweiten Hälfte des 20. Jahr­hun­derts ist.

 

n.: Dass die bela­rus­si­sche Lite­ratur als eine ‚kleine Lite­ra­tur’ lange im Schatten der ‚großen‘ rus­si­schen Lite­ratur stand, ist ja ein viel dis­ku­tiertes Pro­blem. Ihr beide arbeitet als Schrift­steller und Über­setzer daran, der bela­rus­si­schen Lite­ratur in all ihrer sprach­li­chen und kul­tur­ge­schicht­li­chen Hete­ro­ge­nität zu mehr inter­na­tio­naler Wahr­neh­mung zu ver­helfen. Thomas, wie ist dein Ein­druck, gibt es im deut­schen Lite­ra­tur­be­trieb inzwi­schen mehr Auf­merk­sam­keit für die bela­rus­si­sche Literatur?

 

Weiler: Ich glaube, dass von Deutsch­land aus gar nicht so genau geschaut wird, was es in der bela­rus­si­schen Lite­ratur zu holen gibt. Es muss etwas Beson­deres, Über­ra­schendes dabei sein, ob das dann aus Belarus kommt oder aus Russ­land oder ganz woan­ders her, das inter­es­siert primär erstmal nicht. Es geht viel­mehr darum, dass man span­nende Lite­ratur lesen will.

 

n.: Al’herd, wo liegt für Dich selbst der span­nende Kern in Deinem Roman?

 

Bach­arėvič: Meine Roman­figur Aleh Ale­havič lebt in einem Land, in einer Gesell­schaft, wo es keine Geheim­nisse mehr gibt. Das ist aber lang­weilig. Er erstickt in diesem Raum, denn er braucht Geheim­nisse und Rätsel. Und er kämpft mit seiner Sprach­schöp­fung gegen die Langeweile.

 

n.: So wie du selbst auch?

 

Bach­arėvič: Ja, des­wegen schreibe ich Bücher. Bücher sind meine Ret­tung vor der Lan­ge­weile der Welt.

 

n.: Thomas, ist eigent­lich eine Über­set­zung des Romans für einen deutsch­spra­chigen Verlag in Planung?

 

Weiler: Bisher leider noch nicht, aber wir sind opti­mis­tisch, dass auch dieses monu­men­tale Werk einen Verlag hier finden wird.

 

 

Das Inter­view ist eine gekürzte Fas­sung des Gesprächs vom 29.01.2020. Die Aus­züge aus dem Roman wurden von Thomas Weiler aus­ge­wählt und ins Deut­sche über­setzt. Die voll­stän­dige Auf­zeich­nung der Ver­an­stal­tung ist hier abrufbar.

 

Von Al’herd Bach­arėvič sind auf Deutsch fol­gende Bücher erschienen:

Die Elster auf dem Galgen. Aus dem Bela­rus­si­schen von Thomas Weiler. Leipzig: Leip­ziger Lite­ra­tur­verlag 2010.
Berlin, Paris und das Dorf. Essays. Aus dem Bela­rus­si­schen von Thomas Weiler und Tina Wün­sch­mann. Berlin: edition.fotoTAPETA 2019.

 

Auf novinki erschienen sind:

Wahre Leser wollen betrogen sein. Al’herd Bach­arėvič im Inter­view. Aus dem Bela­rus­si­schen von Thomas Weiler.
Bes­tens prä­pa­riert. Al’herd Bach­arė­vičs Roman Die Elster auf dem Galgen, von Thomas Weiler.
Lite­ra­tur­land­schaft Belarus: Eine Bege­hung von Zmicer Višnëŭ. Aus dem Bela­rus­si­schen und für novinki kon­tex­tua­li­siert von Thomas Weiler.