Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Sla­wistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Nar­zissmus ist die Berufs­krank­heit des Schrift­stel­lers

Kaum einer schafft es, sie so humor­voll und lie­bens­wert aus­zu­drü­cken wie Jurij Andruchovyč. Eine Begeis­te­rung

 

Wer Jurij Andrucho­vyčs Werke nur aus der Ferne kennt, der könnte ihn für Narren halten: für einen, der es mit dem Leben nicht ernst meint, und auch nur des­wegen schreibt, weil ihm nichts Bes­seres ein­fällt. Dass er es liebt, Col­lagen aus allerlei Absurdem zu bas­teln, die Bana­li­täten des All­tags zu besingen und nicht nur die Schwä­chen und Schus­se­lig­keiten seiner Prot­ago­nisten, son­dern auch und gerade seine eigenen stets aufs Genau­este zu sezieren, das jeden­falls ist unüber­sehbar. Nichts ist ihm heilig, diesem Andruchovyč, nicht einmal er selbst. Was für ein Schar­latan, könnte man meinen, was für ein Chaot, was für ein Nichts­nutz! Und schösse damit den­noch völlig am Ziel vorbei.
Denn Jurij Andruchovyč, der vor kurzem 50 gewor­dene, jugend­liche Dichter aus dem süd­west­ukrai­ni­schen Iwano-Fran­kiwsk, weiß bei allem Hang zur Über­trei­bung und zum Absurden doch (fast) immer genau, was er da tut. So töricht seine Ironie manchmal scheinen mag – ihr zugrunde liegen Erkenntnis und Ver­ständnis. Sein scho­nungs­loser Blick auf all die Schwä­chen seiner Cha­rak­tere geht Hand in Hand mit seiner Empa­thie für deren Wollen und Bemühen. Kurzum: Andrucho­vyčs Chaos hat System. Es dauert manchmal nur ein wenig, bis man es erkennt.
„Alles, was wir uns wün­schen, woran wir denken und was wir uns erhoffen, geschieht mit uns auch unbe­dingt. Die Sache ist bloß, dass immer zu spät und immer irgendwie nicht so ganz.“ Mit diesen Sätzen, die er dem leicht ori­en­tie­rungs­losen öster­rei­chi­schen Ukraine-Rei­senden Karl-Josef Zum­brunnen in den Mund legt, und die es pro­blemlos mit der Eröff­nung von Tol­s­tojs Anna Kare­nina auf­nehmen können, beginnt Andruchovyč seinen Roman Zwölf Ringe.
Ohne Zeit für Neben­säch­li­ches zu ver­lieren, spricht direkt unseren tiefsten Träume und Hoff­nungen an; und beru­higt uns sogleich, indem er uns deren unbe­dingte Erfül­lung ver­si­chert; aller­dings nur, um im nächsten Satz auch diese Gewiss­heit sofort wieder zu bre­chen und auf ein prak­ti­ka­bles Maß zurecht­zu­stutzen. Und so eröffnet der Dichter den Kor­ridor, in dem die Geschichte des Romans ihren Lauf nehmen kann: Er packt einen direkt am Herzen, strei­chelt einem sanft dar­über und schickt einen dann, mit einem Klaps auf den Hin­tern und dem Rat, nicht immer alles ganz ernst zu nehmen, los in die Holp­rig­keiten des ukrai­ni­schen All­tags.
Es sind nur zwei Sätze, aber im Grunde sind die wich­tigsten Themen des Autors darin bereits ver­sam­melt: die Sehn­sucht und das Wün­schen, das Zer­bre­chen der Träume an den Zwängen der Rea­lität und der Humor, der erwächst aus dieser stän­digen Span­nung. Man kann diese Motive als typisch für die ukrai­ni­sche Kultur ansehen, wie sie sich in Jahr­hun­derten der Fremd­herr­schaft und Unter­drü­ckung in all den kleinen, länd­li­chen Dorf­ge­mein­schaften her­aus­ge­bildet hat: dort, wo die äußere Frei­heit oft so knapp war, dass Wunsch­denken und Träu­merei zu Werk­zeugen des Über­le­bens wurden: als Flü­gel­schlag der Phan­tasie, als Erlö­sung im Traum. Da aber auch die besten Träume viel zu schnell wieder vor­über sind und die Kunst des Träu­mens sich ständig reiben muss an den Sta­cheln der Rea­lität, ist irgendwo hier, an dieser Schwelle zwi­schen Traum und Wirk­lich­keit, im Schwanken zwi­schen Hoff­nung und Ver­zweif­lung, noch ein wei­teres kul­tu­relles Merkmal ent­standen: dieser ganz beson­dere, mit Nach­druck ver­zwei­felnde, gleich­zeitig sie­gende und ver­lie­rende, gleich­zeitig glück­liche und trau­rige, so ange­nehme ukrai­ni­sche Humor.
Betrachtet man es so, dann sind die Grund­themen Jurij Andrucho­vyčs kei­nes­wegs ein­zig­artig – seine Prosa ver­kör­pert schlicht einige der besten Seiten der ukrai­ni­schen Kultur. Das aber schmä­lert seine Ver­dienste kei­nes­wegs. Denn Andruchovyč ent­wi­ckelt und ent­faltet diese Themen, wie man es von kaum einem anderen kennt. Wer sonst würde es schaffen, für sein Land Wer­bung zu machen, indem er das Schei­tern eines pas­sio­nierten, wenn auch leicht beschränkten Öster­rei­chers beschreibt, der immer wieder in die Ukraine fährt, von dort aus genauso weise wie chao­tisch wirre Briefe schreibt nach Hause, die dort keiner seiner Freunde ver­steht; der seine lang­jäh­rige Part­nerin zurück­lässt und sich in eine Lem­ber­gerin ver­liebt, nur um am Ende den­noch von zwei miesen ukrai­ni­schen Ganoven auf einem Feldweg irgendwo in den Kar­paten aus Ver­sehen umge­bracht zu werden? Wer sonst könnte mit so einer Geschichte den Leip­ziger Buch­preis zur Völ­ker­ver­stän­di­gung bekommen?
Aus ver­kom­menen, spät­kom­mu­nis­ti­schen Stu­den­ten­wohn­heimen haben sich schon Mil­lionen junger Ost­eu­ro­päer weg­ge­wünscht. Wer aber kann sich das so plas­tisch erträumen wie der Ich-Erzähler aus Andrucho­vyčs Mosco­viada? Er sitzt „mit dem König der Ukraine Olelko II … in einer baro­cken Loggia aus hell­blauem Stein, … am pracht­voll gedeckten Tisch; von Zeit zu Zeit erscheinen wür­dige und gesetzte Diener, meist Inder oder Chi­nesen, einen ver­gol­deten Drei­zack am Frack­re­vers … ; vor der Loggia eröffnet sich ein atem­be­rau­bender Blick: Die Sonne ver­sinkt in den Was­sern des klaren Sees zu unseren Füßen, zum letzten Mal leuchten die unbe­rührten Gipfel der Alpen, viel­leicht sogar der Pyre­näen, im Glanz ihrer unter­ge­henden Strahlen. Der König und ich trinken raf­fi­nierte Weine, Cognacs, Liköre und Schnäpse und plau­dern über dies und das.“ Ein kaum erahntes Para­dies bis der junge Lite­ra­tur­stu­dent den König irgend­wann um einen Gefallen bittet: „Gebt mir ein Sti­pen­dium, gern in D‑Mark, und schickt mich auf eine Reise rund um die Welt!“ – und dann sogleich vom ihm ver­spottet und von seinen Die­nern über die Brüs­tung in die Dornen geworfen wird.
Es gibt zuhauf solche Momente in Jurij Andrucho­vyčs Romanen. Sein viel­leicht größter Coup jedoch ist seine Auto­bio­gra­phie. Schon der Ent­schluss allein, das eigene Leben in Buch­form zu bringen, erfor­dert ja nicht wenig Über­zeu­gung von der eigenen Bedeu­tung. Jurij Andruchovyč aber war noch vor seinem 50. Geburtstag nicht nur davon über­zeugt; er hatte auch eine glas­klare Vor­stel­lung von dem Men­schen, der ihm, dem eitlen Poeten („mein zweiter Name ist Nar­ziss“), die Epi­soden seines Lebens Stück für Stück aus der Nase zieht: „Ende Sep­tember“, so heißt es in der Ein­lei­tung von Geheimnis, diesem Meis­ter­stück des iro­ni­schen Nar­zissmus, „mel­dete sich Egon Alt, ein mir bis dato unbe­kannter Lite­ra­tur­kri­tiker und Jour­na­list, zum ersten Mal. In seiner für die elek­tro­ni­sche Post unge­wöhn­lich aus­führ­li­chen Mail schrieb er, dass er davon träume (genau dieses Wort!), mit mir ein ‚eher län­geres Gespräch, genauer, eine Serie von Gesprä­chen‘ zu führen, und dass er sich auf soge­nannte Por­träts spe­zia­li­siert habe, vor allem von Schrift­stel­lern. Davon könne ich mich anhand der in der Mail ange­ge­benen Links über­zeugen, wofür ich jedoch nie die Zeit fand. Egon Alt bestand mit Nach­druck darauf, dass wir uns treffen müssten – ‚und nicht nur einmal‘ – und fügte zum Schluss fol­gendes hinzu: ‚Sehr geehrter Herr, Sie sollten mich kei­nes­falls abweisen! Mir ist bewusst, dass Sie über die Maßen beschäf­tigt sind, und ich zer­breche mir den Kopf, wie ich Sie trotzdem zur Zusam­men­ar­beit bewegen könnte. Viel­leicht indem ich schreibe, dass ich alles, was von Ihnen in deut­scher und eng­li­scher Über­set­zung erschienen ist, Dut­zende Male gelesen habe? Dass ich Ihr Land schon dreimal besucht habe und dreimal – aber jedes Mal anders – von ihm hin­ge­rissen und begeis­tert war? Dass Sie und ich gleich alt sind und wir von Jugend an die gleiche Musik gehört haben, wes­halb unser Gespräch unaus­weich­lich eine Menge schmerz­lich-süßer Themen berühren wird? Nein, natür­lich – Sie haben zwei­fellos jedes Recht der Welt, mir eine Absage zu erteilen, aber damit würden Sie den schwersten Fehler Ihres Lebens begehen.‘ Heute bin ich über­zeugt, dass er absolut richtig lag.“ Der Rest des Buches han­delt von den langen und ergie­bigen Gesprä­chen.
Egon Alt hat es natür­lich nie gegeben. Er ist das Pro­dukt der Träume Andrucho­vyčs: sein Alter Ego. Wäh­rend andere Autoren aller­dings ihre Eitel­keit mit aller Kraft ver­schleiern und ver­drängen, da schämt sich Jurij Andruchovyč keine Sekunde für seinen eigenen Nar­zissmus: Er lässt ihn nicht nur kom­plett zu und akzep­tiert sich damit völlig selbst; nein, er akzep­tiert ihn gleich so sehr, dass er ihn genuss­voll vor sich aus­breitet, immer weiter voran treibt und in all seinen Schat­tie­rungen aus­malt. Doch nicht obwohl, son­dern gerade weil sich Andruchovyč seinem Nar­zissmus so gren­zenlos öffnet, ist dieser gewal­tige Ego-Trip so ange­nehm und lie­bens­wert. Wo der gemeine Eitle der Öffent­lich­keit nur ein paar dif­fuse Signale der Selbst­be­weih­räu­che­rung schenkt, ver­steckt dieser Autor seine Selbst­liebe nicht, son­dern blät­tert sie auf und macht sie allen zugäng­lich. Dabei werden seine Sehn­süchte sichtbar und ver­ständ­lich, und mit ihnen ihre Begrenzt­heit und ihr stän­diges Zer­schellen an der Rea­lität.  Es gibt nicht viele Dichter, die so viel Mit­ge­fühl haben, sowohl mit ihrer Umge­bung, als auch mit sich selbst. Man wünschte sich auch in Deutsch­land ein paar von dieser Sorte.

 

Von Andruchovyč sind erschienen:

 

Romane:

Рекреації, Kyiv, 1992.

Московіада, Ivano-Frankivs’k, 1993; deutsch: Mosko­viada, aus dem Ukrai­ni­schen von Sabine Stöhr, Frank­furt a. M., 2006.
Перверзія, Ivano-Frankivs‘k, 1996.

Дванадцять обручів, Kyiv, 2003; deutsch: Zwölf Ringe, aus dem Ukrai­ni­schen von Sabine Stöhr, Frank­furt a. M., 2005.

Таємниця. Замість роману, Charkiv, 2007; deutsch: Geheimnis, aus dem Ukrai­ni­schen von Sabine Stöhr, Frank­furt a. M., 2008.

 

Essays:

Моя Європа, L’viv, 2000; deutsch: Mein Europa, zusammen mit Andrzej Sta­siuk, aus dem Ukrai­ni­schen von Sofia Onufriv und aus dem Pol­ni­schen von Martin Pollack, Frank­furt a. M., 2004.

Диявол ховається в сирі, Kyiv, 2006; deutsch: Engel und Dämonen der Peri­pherie, aus dem Ukrai­ni­schen von Sabine Stöhr, Frank­furt a. M., 2007.

Дезорієнтація на місцевості: Спроби, Ivano-Frankivs‘k, 1999.

Das letzte Ter­ri­to­rium (u. a. mit Aus­zügen aus Дезорієнтація на місцевості), aus dem Ukrai­ni­schen von Alois Woldan, Nach­wort über­setzt von Sofia Onufriv, Frank­furt a. M., 2003.

 

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