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Narzissmus ist die Berufskrankheit des Schriftstellers

Posted on 2. Juni 2011 by Jonathan Widder
Wer Jurij Andruchovyčs Werke nur aus der Ferne kennt, der könnte ihn für Narren halten: für einen, der es mit dem Leben nicht ernst meint, und auch nur deswegen schreibt, weil ihm nichts Besseres einfällt. Dass er es liebt, Collagen aus allerlei Absurdem zu basteln, die Banalitäten des Alltags zu besingen und nicht nur die Schwächen und Schusseligkeiten seiner Protagonisten, sondern auch und gerade seine eigenen stets aufs Genaueste zu sezieren, das jedenfalls ist unübersehbar.

Kaum einer schafft es, sie so humorvoll und liebenswert auszudrücken wie Jurij Andruchovyč. Eine Begeisterung

 

Wer Jurij Andruchovyčs Werke nur aus der Ferne kennt, der könnte ihn für Narren halten: für einen, der es mit dem Leben nicht ernst meint, und auch nur deswegen schreibt, weil ihm nichts Besseres einfällt. Dass er es liebt, Collagen aus allerlei Absurdem zu basteln, die Banalitäten des Alltags zu besingen und nicht nur die Schwächen und Schusseligkeiten seiner Protagonisten, sondern auch und gerade seine eigenen stets aufs Genaueste zu sezieren, das jedenfalls ist unübersehbar. Nichts ist ihm heilig, diesem Andruchovyč, nicht einmal er selbst. Was für ein Scharlatan, könnte man meinen, was für ein Chaot, was für ein Nichtsnutz! Und schösse damit dennoch völlig am Ziel vorbei.
Denn Jurij Andruchovyč, der vor kurzem 50 gewordene, jugendliche Dichter aus dem südwestukrainischen Iwano-Frankiwsk, weiß bei allem Hang zur Übertreibung und zum Absurden doch (fast) immer genau, was er da tut. So töricht seine Ironie manchmal scheinen mag – ihr zugrunde liegen Erkenntnis und Verständnis. Sein schonungsloser Blick auf all die Schwächen seiner Charaktere geht Hand in Hand mit seiner Empathie für deren Wollen und Bemühen. Kurzum: Andruchovyčs Chaos hat System. Es dauert manchmal nur ein wenig, bis man es erkennt.
„Alles, was wir uns wünschen, woran wir denken und was wir uns erhoffen, geschieht mit uns auch unbedingt. Die Sache ist bloß, dass immer zu spät und immer irgendwie nicht so ganz.“ Mit diesen Sätzen, die er dem leicht orientierungslosen österreichischen Ukraine-Reisenden Karl-Josef Zumbrunnen in den Mund legt, und die es problemlos mit der Eröffnung von Tolstojs Anna Karenina aufnehmen können, beginnt Andruchovyč seinen Roman Zwölf Ringe.
Ohne Zeit für Nebensächliches zu verlieren, spricht direkt unseren tiefsten Träume und Hoffnungen an; und beruhigt uns sogleich, indem er uns deren unbedingte Erfüllung versichert; allerdings nur, um im nächsten Satz auch diese Gewissheit sofort wieder zu brechen und auf ein praktikables Maß zurechtzustutzen. Und so eröffnet der Dichter den Korridor, in dem die Geschichte des Romans ihren Lauf nehmen kann: Er packt einen direkt am Herzen, streichelt einem sanft darüber und schickt einen dann, mit einem Klaps auf den Hintern und dem Rat, nicht immer alles ganz ernst zu nehmen, los in die Holprigkeiten des ukrainischen Alltags.
Es sind nur zwei Sätze, aber im Grunde sind die wichtigsten Themen des Autors darin bereits versammelt: die Sehnsucht und das Wünschen, das Zerbrechen der Träume an den Zwängen der Realität und der Humor, der erwächst aus dieser ständigen Spannung. Man kann diese Motive als typisch für die ukrainische Kultur ansehen, wie sie sich in Jahrhunderten der Fremdherrschaft und Unterdrückung in all den kleinen, ländlichen Dorfgemeinschaften herausgebildet hat: dort, wo die äußere Freiheit oft so knapp war, dass Wunschdenken und Träumerei zu Werkzeugen des Überlebens wurden: als Flügelschlag der Phantasie, als Erlösung im Traum. Da aber auch die besten Träume viel zu schnell wieder vorüber sind und die Kunst des Träumens sich ständig reiben muss an den Stacheln der Realität, ist irgendwo hier, an dieser Schwelle zwischen Traum und Wirklichkeit, im Schwanken zwischen Hoffnung und Verzweiflung, noch ein weiteres kulturelles Merkmal entstanden: dieser ganz besondere, mit Nachdruck verzweifelnde, gleichzeitig siegende und verlierende, gleichzeitig glückliche und traurige, so angenehme ukrainische Humor.
Betrachtet man es so, dann sind die Grundthemen Jurij Andruchovyčs keineswegs einzigartig – seine Prosa verkörpert schlicht einige der besten Seiten der ukrainischen Kultur. Das aber schmälert seine Verdienste keineswegs. Denn Andruchovyč entwickelt und entfaltet diese Themen, wie man es von kaum einem anderen kennt. Wer sonst würde es schaffen, für sein Land Werbung zu machen, indem er das Scheitern eines passionierten, wenn auch leicht beschränkten Österreichers beschreibt, der immer wieder in die Ukraine fährt, von dort aus genauso weise wie chaotisch wirre Briefe schreibt nach Hause, die dort keiner seiner Freunde versteht; der seine langjährige Partnerin zurücklässt und sich in eine Lembergerin verliebt, nur um am Ende dennoch von zwei miesen ukrainischen Ganoven auf einem Feldweg irgendwo in den Karpaten aus Versehen umgebracht zu werden? Wer sonst könnte mit so einer Geschichte den Leipziger Buchpreis zur Völkerverständigung bekommen?
Aus verkommenen, spätkommunistischen Studentenwohnheimen haben sich schon Millionen junger Osteuropäer weggewünscht. Wer aber kann sich das so plastisch erträumen wie der Ich-Erzähler aus Andruchovyčs Moscoviada? Er sitzt „mit dem König der Ukraine Olelko II … in einer barocken Loggia aus hellblauem Stein, … am prachtvoll gedeckten Tisch; von Zeit zu Zeit erscheinen würdige und gesetzte Diener, meist Inder oder Chinesen, einen vergoldeten Dreizack am Frackrevers … ; vor der Loggia eröffnet sich ein atemberaubender Blick: Die Sonne versinkt in den Wassern des klaren Sees zu unseren Füßen, zum letzten Mal leuchten die unberührten Gipfel der Alpen, vielleicht sogar der Pyrenäen, im Glanz ihrer untergehenden Strahlen. Der König und ich trinken raffinierte Weine, Cognacs, Liköre und Schnäpse und plaudern über dies und das.“ Ein kaum erahntes Paradies bis der junge Literaturstudent den König irgendwann um einen Gefallen bittet: „Gebt mir ein Stipendium, gern in D-Mark, und schickt mich auf eine Reise rund um die Welt!“ – und dann sogleich vom ihm verspottet und von seinen Dienern über die Brüstung in die Dornen geworfen wird.
Es gibt zuhauf solche Momente in Jurij Andruchovyčs Romanen. Sein vielleicht größter Coup jedoch ist seine Autobiographie. Schon der Entschluss allein, das eigene Leben in Buchform zu bringen, erfordert ja nicht wenig Überzeugung von der eigenen Bedeutung. Jurij Andruchovyč aber war noch vor seinem 50. Geburtstag nicht nur davon überzeugt; er hatte auch eine glasklare Vorstellung von dem Menschen, der ihm, dem eitlen Poeten („mein zweiter Name ist Narziss“), die Episoden seines Lebens Stück für Stück aus der Nase zieht: „Ende September“, so heißt es in der Einleitung von Geheimnis, diesem Meisterstück des ironischen Narzissmus, „meldete sich Egon Alt, ein mir bis dato unbekannter Literaturkritiker und Journalist, zum ersten Mal. In seiner für die elektronische Post ungewöhnlich ausführlichen Mail schrieb er, dass er davon träume (genau dieses Wort!), mit mir ein ‚eher längeres Gespräch, genauer, eine Serie von Gesprächen‘ zu führen, und dass er sich auf sogenannte Porträts spezialisiert habe, vor allem von Schriftstellern. Davon könne ich mich anhand der in der Mail angegebenen Links überzeugen, wofür ich jedoch nie die Zeit fand. Egon Alt bestand mit Nachdruck darauf, dass wir uns treffen müssten – ‚und nicht nur einmal‘ – und fügte zum Schluss folgendes hinzu: ‚Sehr geehrter Herr, Sie sollten mich keinesfalls abweisen! Mir ist bewusst, dass Sie über die Maßen beschäftigt sind, und ich zerbreche mir den Kopf, wie ich Sie trotzdem zur Zusammenarbeit bewegen könnte. Vielleicht indem ich schreibe, dass ich alles, was von Ihnen in deutscher und englischer Übersetzung erschienen ist, Dutzende Male gelesen habe? Dass ich Ihr Land schon dreimal besucht habe und dreimal – aber jedes Mal anders – von ihm hingerissen und begeistert war? Dass Sie und ich gleich alt sind und wir von Jugend an die gleiche Musik gehört haben, weshalb unser Gespräch unausweichlich eine Menge schmerzlich-süßer Themen berühren wird? Nein, natürlich – Sie haben zweifellos jedes Recht der Welt, mir eine Absage zu erteilen, aber damit würden Sie den schwersten Fehler Ihres Lebens begehen.‘ Heute bin ich überzeugt, dass er absolut richtig lag.“ Der Rest des Buches handelt von den langen und ergiebigen Gesprächen.
Egon Alt hat es natürlich nie gegeben. Er ist das Produkt der Träume Andruchovyčs: sein Alter Ego. Während andere Autoren allerdings ihre Eitelkeit mit aller Kraft verschleiern und verdrängen, da schämt sich Jurij Andruchovyč keine Sekunde für seinen eigenen Narzissmus: Er lässt ihn nicht nur komplett zu und akzeptiert sich damit völlig selbst; nein, er akzeptiert ihn gleich so sehr, dass er ihn genussvoll vor sich ausbreitet, immer weiter voran treibt und in all seinen Schattierungen ausmalt. Doch nicht obwohl, sondern gerade weil sich Andruchovyč seinem Narzissmus so grenzenlos öffnet, ist dieser gewaltige Ego-Trip so angenehm und liebenswert. Wo der gemeine Eitle der Öffentlichkeit nur ein paar diffuse Signale der Selbstbeweihräucherung schenkt, versteckt dieser Autor seine Selbstliebe nicht, sondern blättert sie auf und macht sie allen zugänglich. Dabei werden seine Sehnsüchte sichtbar und verständlich, und mit ihnen ihre Begrenztheit und ihr ständiges Zerschellen an der Realität.  Es gibt nicht viele Dichter, die so viel Mitgefühl haben, sowohl mit ihrer Umgebung, als auch mit sich selbst. Man wünschte sich auch in Deutschland ein paar von dieser Sorte.

 

Von Andruchovyč sind erschienen:

 

Romane:

Рекреації, Kyiv, 1992.

Московіада, Ivano-Frankivs’k, 1993; deutsch: Moskoviada, aus dem Ukrainischen von Sabine Stöhr, Frankfurt a. M., 2006.
Перверзія, Ivano-Frankivs‘k, 1996.

Дванадцять обручів, Kyiv, 2003; deutsch: Zwölf Ringe, aus dem Ukrainischen von Sabine Stöhr, Frankfurt a. M., 2005.

Таємниця. Замість роману, Charkiv, 2007; deutsch: Geheimnis, aus dem Ukrainischen von Sabine Stöhr, Frankfurt a. M., 2008.

 

Essays:

Моя Європа, L’viv, 2000; deutsch: Mein Europa, zusammen mit Andrzej Stasiuk, aus dem Ukrainischen von Sofia Onufriv und aus dem Polnischen von Martin Pollack, Frankfurt a. M., 2004.

Диявол ховається в сирі, Kyiv, 2006; deutsch: Engel und Dämonen der Peripherie, aus dem Ukrainischen von Sabine Stöhr, Frankfurt a. M., 2007.

Дезорієнтація на місцевості: Спроби, Ivano-Frankivs‘k, 1999.

Das letzte Territorium (u. a. mit Auszügen aus Дезорієнтація на місцевості), aus dem Ukrainischen von Alois Woldan, Nachwort übersetzt von Sofia Onufriv, Frankfurt a. M., 2003.

 

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Narzissmus ist die Berufskrankheit des Schriftstellers – novinki
Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Nar­zissmus ist die Berufs­krank­heit des Schriftstellers

Kaum einer schafft es, sie so humor­voll und lie­bens­wert aus­zu­drü­cken wie Jurij Andruchovyč. Eine Begeisterung

 

Wer Jurij Andrucho­vyčs Werke nur aus der Ferne kennt, der könnte ihn für Narren halten: für einen, der es mit dem Leben nicht ernst meint, und auch nur des­wegen schreibt, weil ihm nichts Bes­seres ein­fällt. Dass er es liebt, Col­lagen aus allerlei Absurdem zu bas­teln, die Bana­li­täten des All­tags zu besingen und nicht nur die Schwä­chen und Schus­se­lig­keiten seiner Prot­ago­nisten, son­dern auch und gerade seine eigenen stets aufs Genau­este zu sezieren, das jeden­falls ist unüber­sehbar. Nichts ist ihm heilig, diesem Andruchovyč, nicht einmal er selbst. Was für ein Schar­latan, könnte man meinen, was für ein Chaot, was für ein Nichts­nutz! Und schösse damit den­noch völlig am Ziel vorbei.
Denn Jurij Andruchovyč, der vor kurzem 50 gewor­dene, jugend­liche Dichter aus dem süd­west­ukrai­ni­schen Iwano-Fran­kiwsk, weiß bei allem Hang zur Über­trei­bung und zum Absurden doch (fast) immer genau, was er da tut. So töricht seine Ironie manchmal scheinen mag – ihr zugrunde liegen Erkenntnis und Ver­ständnis. Sein scho­nungs­loser Blick auf all die Schwä­chen seiner Cha­rak­tere geht Hand in Hand mit seiner Empa­thie für deren Wollen und Bemühen. Kurzum: Andrucho­vyčs Chaos hat System. Es dauert manchmal nur ein wenig, bis man es erkennt.
„Alles, was wir uns wün­schen, woran wir denken und was wir uns erhoffen, geschieht mit uns auch unbe­dingt. Die Sache ist bloß, dass immer zu spät und immer irgendwie nicht so ganz.“ Mit diesen Sätzen, die er dem leicht ori­en­tie­rungs­losen öster­rei­chi­schen Ukraine-Rei­senden Karl-Josef Zum­brunnen in den Mund legt, und die es pro­blemlos mit der Eröff­nung von Tol­s­tojs Anna Kare­nina auf­nehmen können, beginnt Andruchovyč seinen Roman Zwölf Ringe.
Ohne Zeit für Neben­säch­li­ches zu ver­lieren, spricht direkt unseren tiefsten Träume und Hoff­nungen an; und beru­higt uns sogleich, indem er uns deren unbe­dingte Erfül­lung ver­si­chert; aller­dings nur, um im nächsten Satz auch diese Gewiss­heit sofort wieder zu bre­chen und auf ein prak­ti­ka­bles Maß zurecht­zu­stutzen. Und so eröffnet der Dichter den Kor­ridor, in dem die Geschichte des Romans ihren Lauf nehmen kann: Er packt einen direkt am Herzen, strei­chelt einem sanft dar­über und schickt einen dann, mit einem Klaps auf den Hin­tern und dem Rat, nicht immer alles ganz ernst zu nehmen, los in die Holp­rig­keiten des ukrai­ni­schen Alltags.
Es sind nur zwei Sätze, aber im Grunde sind die wich­tigsten Themen des Autors darin bereits ver­sam­melt: die Sehn­sucht und das Wün­schen, das Zer­bre­chen der Träume an den Zwängen der Rea­lität und der Humor, der erwächst aus dieser stän­digen Span­nung. Man kann diese Motive als typisch für die ukrai­ni­sche Kultur ansehen, wie sie sich in Jahr­hun­derten der Fremd­herr­schaft und Unter­drü­ckung in all den kleinen, länd­li­chen Dorf­ge­mein­schaften her­aus­ge­bildet hat: dort, wo die äußere Frei­heit oft so knapp war, dass Wunsch­denken und Träu­merei zu Werk­zeugen des Über­le­bens wurden: als Flü­gel­schlag der Phan­tasie, als Erlö­sung im Traum. Da aber auch die besten Träume viel zu schnell wieder vor­über sind und die Kunst des Träu­mens sich ständig reiben muss an den Sta­cheln der Rea­lität, ist irgendwo hier, an dieser Schwelle zwi­schen Traum und Wirk­lich­keit, im Schwanken zwi­schen Hoff­nung und Ver­zweif­lung, noch ein wei­teres kul­tu­relles Merkmal ent­standen: dieser ganz beson­dere, mit Nach­druck ver­zwei­felnde, gleich­zeitig sie­gende und ver­lie­rende, gleich­zeitig glück­liche und trau­rige, so ange­nehme ukrai­ni­sche Humor.
Betrachtet man es so, dann sind die Grund­themen Jurij Andrucho­vyčs kei­nes­wegs ein­zig­artig – seine Prosa ver­kör­pert schlicht einige der besten Seiten der ukrai­ni­schen Kultur. Das aber schmä­lert seine Ver­dienste kei­nes­wegs. Denn Andruchovyč ent­wi­ckelt und ent­faltet diese Themen, wie man es von kaum einem anderen kennt. Wer sonst würde es schaffen, für sein Land Wer­bung zu machen, indem er das Schei­tern eines pas­sio­nierten, wenn auch leicht beschränkten Öster­rei­chers beschreibt, der immer wieder in die Ukraine fährt, von dort aus genauso weise wie chao­tisch wirre Briefe schreibt nach Hause, die dort keiner seiner Freunde ver­steht; der seine lang­jäh­rige Part­nerin zurück­lässt und sich in eine Lem­ber­gerin ver­liebt, nur um am Ende den­noch von zwei miesen ukrai­ni­schen Ganoven auf einem Feldweg irgendwo in den Kar­paten aus Ver­sehen umge­bracht zu werden? Wer sonst könnte mit so einer Geschichte den Leip­ziger Buch­preis zur Völ­ker­ver­stän­di­gung bekommen?
Aus ver­kom­menen, spät­kom­mu­nis­ti­schen Stu­den­ten­wohn­heimen haben sich schon Mil­lionen junger Ost­eu­ro­päer weg­ge­wünscht. Wer aber kann sich das so plas­tisch erträumen wie der Ich-Erzähler aus Andrucho­vyčs Mosco­viada? Er sitzt „mit dem König der Ukraine Olelko II … in einer baro­cken Loggia aus hell­blauem Stein, … am pracht­voll gedeckten Tisch; von Zeit zu Zeit erscheinen wür­dige und gesetzte Diener, meist Inder oder Chi­nesen, einen ver­gol­deten Drei­zack am Frack­re­vers … ; vor der Loggia eröffnet sich ein atem­be­rau­bender Blick: Die Sonne ver­sinkt in den Was­sern des klaren Sees zu unseren Füßen, zum letzten Mal leuchten die unbe­rührten Gipfel der Alpen, viel­leicht sogar der Pyre­näen, im Glanz ihrer unter­ge­henden Strahlen. Der König und ich trinken raf­fi­nierte Weine, Cognacs, Liköre und Schnäpse und plau­dern über dies und das.“ Ein kaum erahntes Para­dies bis der junge Lite­ra­tur­stu­dent den König irgend­wann um einen Gefallen bittet: „Gebt mir ein Sti­pen­dium, gern in D‑Mark, und schickt mich auf eine Reise rund um die Welt!“ – und dann sogleich vom ihm ver­spottet und von seinen Die­nern über die Brüs­tung in die Dornen geworfen wird.
Es gibt zuhauf solche Momente in Jurij Andrucho­vyčs Romanen. Sein viel­leicht größter Coup jedoch ist seine Auto­bio­gra­phie. Schon der Ent­schluss allein, das eigene Leben in Buch­form zu bringen, erfor­dert ja nicht wenig Über­zeu­gung von der eigenen Bedeu­tung. Jurij Andruchovyč aber war noch vor seinem 50. Geburtstag nicht nur davon über­zeugt; er hatte auch eine glas­klare Vor­stel­lung von dem Men­schen, der ihm, dem eitlen Poeten („mein zweiter Name ist Nar­ziss“), die Epi­soden seines Lebens Stück für Stück aus der Nase zieht: „Ende Sep­tember“, so heißt es in der Ein­lei­tung von Geheimnis, diesem Meis­ter­stück des iro­ni­schen Nar­zissmus, „mel­dete sich Egon Alt, ein mir bis dato unbe­kannter Lite­ra­tur­kri­tiker und Jour­na­list, zum ersten Mal. In seiner für die elek­tro­ni­sche Post unge­wöhn­lich aus­führ­li­chen Mail schrieb er, dass er davon träume (genau dieses Wort!), mit mir ein ‚eher län­geres Gespräch, genauer, eine Serie von Gesprä­chen‘ zu führen, und dass er sich auf soge­nannte Por­träts spe­zia­li­siert habe, vor allem von Schrift­stel­lern. Davon könne ich mich anhand der in der Mail ange­ge­benen Links über­zeugen, wofür ich jedoch nie die Zeit fand. Egon Alt bestand mit Nach­druck darauf, dass wir uns treffen müssten – ‚und nicht nur einmal‘ – und fügte zum Schluss fol­gendes hinzu: ‚Sehr geehrter Herr, Sie sollten mich kei­nes­falls abweisen! Mir ist bewusst, dass Sie über die Maßen beschäf­tigt sind, und ich zer­breche mir den Kopf, wie ich Sie trotzdem zur Zusam­men­ar­beit bewegen könnte. Viel­leicht indem ich schreibe, dass ich alles, was von Ihnen in deut­scher und eng­li­scher Über­set­zung erschienen ist, Dut­zende Male gelesen habe? Dass ich Ihr Land schon dreimal besucht habe und dreimal – aber jedes Mal anders – von ihm hin­ge­rissen und begeis­tert war? Dass Sie und ich gleich alt sind und wir von Jugend an die gleiche Musik gehört haben, wes­halb unser Gespräch unaus­weich­lich eine Menge schmerz­lich-süßer Themen berühren wird? Nein, natür­lich – Sie haben zwei­fellos jedes Recht der Welt, mir eine Absage zu erteilen, aber damit würden Sie den schwersten Fehler Ihres Lebens begehen.‘ Heute bin ich über­zeugt, dass er absolut richtig lag.“ Der Rest des Buches han­delt von den langen und ergie­bigen Gesprächen.
Egon Alt hat es natür­lich nie gegeben. Er ist das Pro­dukt der Träume Andrucho­vyčs: sein Alter Ego. Wäh­rend andere Autoren aller­dings ihre Eitel­keit mit aller Kraft ver­schleiern und ver­drängen, da schämt sich Jurij Andruchovyč keine Sekunde für seinen eigenen Nar­zissmus: Er lässt ihn nicht nur kom­plett zu und akzep­tiert sich damit völlig selbst; nein, er akzep­tiert ihn gleich so sehr, dass er ihn genuss­voll vor sich aus­breitet, immer weiter voran treibt und in all seinen Schat­tie­rungen aus­malt. Doch nicht obwohl, son­dern gerade weil sich Andruchovyč seinem Nar­zissmus so gren­zenlos öffnet, ist dieser gewal­tige Ego-Trip so ange­nehm und lie­bens­wert. Wo der gemeine Eitle der Öffent­lich­keit nur ein paar dif­fuse Signale der Selbst­be­weih­räu­che­rung schenkt, ver­steckt dieser Autor seine Selbst­liebe nicht, son­dern blät­tert sie auf und macht sie allen zugäng­lich. Dabei werden seine Sehn­süchte sichtbar und ver­ständ­lich, und mit ihnen ihre Begrenzt­heit und ihr stän­diges Zer­schellen an der Rea­lität.  Es gibt nicht viele Dichter, die so viel Mit­ge­fühl haben, sowohl mit ihrer Umge­bung, als auch mit sich selbst. Man wünschte sich auch in Deutsch­land ein paar von dieser Sorte.

 

Von Andruchovyč sind erschienen:

 

Romane:

Рекреації, Kyiv, 1992.

Московіада, Ivano-Frankivs’k, 1993; deutsch: Mosko­viada, aus dem Ukrai­ni­schen von Sabine Stöhr, Frank­furt a. M., 2006.
Перверзія, Ivano-Frankivs‘k, 1996.

Дванадцять обручів, Kyiv, 2003; deutsch: Zwölf Ringe, aus dem Ukrai­ni­schen von Sabine Stöhr, Frank­furt a. M., 2005.

Таємниця. Замість роману, Charkiv, 2007; deutsch: Geheimnis, aus dem Ukrai­ni­schen von Sabine Stöhr, Frank­furt a. M., 2008.

 

Essays:

Моя Європа, L’viv, 2000; deutsch: Mein Europa, zusammen mit Andrzej Sta­siuk, aus dem Ukrai­ni­schen von Sofia Onufriv und aus dem Pol­ni­schen von Martin Pollack, Frank­furt a. M., 2004.

Диявол ховається в сирі, Kyiv, 2006; deutsch: Engel und Dämonen der Peri­pherie, aus dem Ukrai­ni­schen von Sabine Stöhr, Frank­furt a. M., 2007.

Дезорієнтація на місцевості: Спроби, Ivano-Frankivs‘k, 1999.

Das letzte Ter­ri­to­rium (u. a. mit Aus­zügen aus Дезорієнтація на місцевості), aus dem Ukrai­ni­schen von Alois Woldan, Nach­wort über­setzt von Sofia Onufriv, Frank­furt a. M., 2003.

 

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