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Die Hähnchenhälftenfrau

Posted on 2. August 2013 by Roman Widder
Das Fleisch der Literatur sind die Worte. Jedes Buch besteht zunächst in einer Ansammlung von schönen, besonderen oder auf besondere Weise angeordneten Wörtern. Bei Olga Martynova finden wir zum Beispiel: "Pappelwolle", "Einfallsarmut", "Isabellafarbe". Es sind lyrische Worte, die selbst schon aus Metaphern gebaut sind. Martynovas Vorliebe für solche Worte entspricht dem Eindruck, dass ihre Prosa unerschrocken an die Präzisionskraft von Metaphern glaubt.

Über die Unschuld der Wörter, Metaphern und Portraits in Olga Martynovas neuem Roman Mörikes Schlüsselbein

 

Das Fleisch der Literatur sind die Worte. Jedes Buch besteht zunächst in einer Ansammlung von schönen, besonderen oder auf besondere Weise angeordneten Wörtern. Bei Olga Martynova finden wir zum Beispiel: "Pappelwolle", "Einfallsarmut", "Isabellafarbe". Es sind lyrische Worte, die selbst schon aus Metaphern gebaut sind. Martynovas Vorliebe für solche Worte entspricht dem Eindruck, dass ihre Prosa unerschrocken an die Präzisionskraft von Metaphern glaubt: "verzwiebeltes Zwielicht", "Regenjazz auf Bananenblättern", "Aufziehzitrone". Manchmal sind es Worte, von denen man nicht wusste, dass es sie gibt, oft aber auch solche, die es tatsächlich nicht gibt oder die es erst von nun an geben wird:  "Muttersprachenmilch", "Nervositätswürmchen", "höhlenmenschenprimitiv".

In diesem poetischen Bereich, wo kodifizierte Worte, Metaphern und Neologismen nahtlos ineinander übergehen, finden sich bei Martynova auch eine Fülle wunderbar einprägsamer, konzentrierter Portraits: Kennenlernen darf man zum Beispiel die "Krankenschwester, die kleine Russin mit Haar aus schwarzer Zuckerwatte". Oder ein "Streichholzmädchen, mit langem Körper und rundem dunklem Kopf; mit etwas herabgelaufenem Schwefel am Nacken seines Zündkopfs: das dunkle Haar stramm zum Nacken gezogen." Manchmal handelt es sich um stille, fotografische Bilder: "Viel Gesicht, dessen weiß-rosa Fleisch durch lächelnde Augen beseelt ist, auch der kleine Mund ist so anmutig, dass er zwischen der großzügigen Peripherie von Wangen und Kinn nicht verloren geht." Manchmal sind es Bilder gedanklicher Konzentration: "Sein Gesicht war wie eine Winterlandschaft, die man früher als Sommerwiese gekannt hatte: vertraut, aber unzugänglich." Und einmal beim Blick in den Spiegel: "ein noch nicht so alter Woody Allen, nur ohne Brille, eine traurige rothaarige Teekanne."  Dann wiederum Portraits geronnener biografischer Zeit: "Mr. White war einst ein Junge gewesen, der ausschließlich aus weißen Zähnen und schwarzen Wimpern zu bestehen schien. Die Zähne waren zwar immer noch weiß, die Wimpern lang und die Augen sehnsüchtig, aber er hatte unebene Wangen, eine schiefe Nase und ein schwammiges Kinn dazubekommen."

Manchmal finden sich Neologismen, Metaphern und Menschen in einem einzigen Bild wieder: Etwa im Fall der immer wiederkehrenden "Hähnchenhälftenfrau", oder bei einer anderen mit "Vogelknochenkörper". Was zeigt sich in dem Zusammenspiel von Wörtern, Metaphern und Menschen? Vielleicht, dass Metaphern etwas sehr Menschliches sind, zumindest bei Martynova. Das wäre der utopische Aspekt ihres Schreibens, das durch ihr bedingungsloses Bekenntnis zum Literarischen beeindruckt. Oder sind doch eher die Menschen metaphorisch? Sie beziehen sich immer auf etwas anderes, das sie nicht sind und ohne welches sie nichts wären. „Die Wörter sind unschuldig“ hat Martynova in einem Interview kürzlich einmal gesagt. „Wir sind schuldig, wenn wir sie falsch setzen“. Unschuldig sind die Wörter scheinbar nicht zuletzt in ihrem Metaphorisch-Sein, von dem sie zu bewahren nicht der literarischen Ethik letzter Schluss sein kann. Gerade in ihrer unaufhörlichen Uneigentlichkeit halten die Wörter den Menschen scheinbar das Wesentliche bereit. In Martynovas neuem Roman Mörikes Schlüsselbein ist einmal die Rede von der „Gefahr, dass der Gedanke in einen falschen Körper hineinspringt. Die fertigen Sätze sind jederzeit bereit, einen frischen Gedanken zu verschlingen. Und eben darin besteht die Arbeit eines Dichters, die verbrauchten Schemen aufzuscheuchen. Sonst würden wir Gedanken denken, die nicht unsere sind; uns Gedanken unterwerfen, die nicht unsere sind; Gefühle empfinden, die nicht unsere sind.“ Durch die immer metaphorischen Wörter Mensch zu werden – das ist die poetische Vorstellung vieler kleiner, sich selbst produzierender homines fabri. Olga Martynovas neuer Roman Mörikes Schlüsselbein (Droschl, Graz/Wien 2013), der auch das Kapitel enthält, mit dem die Autorin im letzten Jahr den Bachmann-Preis gewonnen hat, knüpft nicht nur in der Hinwendung zur poetischen Konzentration in der Prosa direkt an den vorherigen Roman Sogar Papageien überleben uns (Droschl, Graz 2010) an. Auch die auftretenden Personen sind teilweise dieselben, etwa der depressive Büchermensch Andreas, mit dem Marina nach 20 Jahren Funkstille nun wieder zusammenlebt. Hinzu kommen zahlreiche weitere, über den Erdball verteilte Personen, unter anderem der junge Moritz, ein werdender Autor, der genauso wie der gerne trinkende Leningrader Dichter Fjodor Stern zum Ko-Erzähler wird. Auch die Tonlage ist ähnlich: zugleich witzig und rührend, eine gewisse Schärfe verträgt sich dabei gut mit einer außerordentlichen Behutsamkeit im Umgang mit den Charakteren. Und im Aufstand gegen eine Geschichte als "Skalar" oder "Vektor" rückt der zwischen mehreren Erzählwelten hin- und herspringende Roman erneut verzweigte Zeiten ins Bild, die sich überlagern und aufeinander verweisen. Vielleicht sollte man also besser sagen: Martynova hat ihren ersten Roman weitergeschrieben, ein immer weiter ausufernder Familien- und Künstler-Roman mit Fortsetzungscharakter, der nicht zwischen zwei Buchdeckel passt. Man kann gespannt sein, ob sie in dieser Form weitermacht.

 

Martynova, Olga: Mörikes Schlüsselbein. Graz/Wien: Droschl, 2013

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Die Hähnchenhälftenfrau – novinki
Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Sla­wistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Die Hähn­chen­hälf­ten­frau

Über die Unschuld der Wörter, Meta­phern und Por­traits in Olga Mar­ty­n­ovas neuem Roman Mörikes Schlüs­sel­bein

 

Das Fleisch der Lite­ratur sind die Worte. Jedes Buch besteht zunächst in einer Ansamm­lung von schönen, beson­deren oder auf beson­dere Weise ange­ord­neten Wör­tern. Bei Olga Mar­ty­nova finden wir zum Bei­spiel: “Pap­pel­wolle”, “Ein­falls­armut”, “Isa­bel­la­farbe”. Es sind lyri­sche Worte, die selbst schon aus Meta­phern gebaut sind. Mar­ty­n­ovas Vor­liebe für solche Worte ent­spricht dem Ein­druck, dass ihre Prosa uner­schro­cken an die Prä­zi­si­ons­kraft von Meta­phern glaubt: “ver­zwie­beltes Zwie­licht”, “Regen­jazz auf Bana­nen­blät­tern”, “Auf­zieh­zi­trone”. Manchmal sind es Worte, von denen man nicht wusste, dass es sie gibt, oft aber auch solche, die es tat­säch­lich nicht gibt oder die es erst von nun an geben wird:  “Mut­ter­spra­chen­milch”, “Ner­vo­si­täts­würm­chen”, “höh­len­men­schen­pri­mitiv”.

In diesem poe­ti­schen Bereich, wo kodi­fi­zierte Worte, Meta­phern und Neo­lo­gismen nahtlos inein­ander über­gehen, finden sich bei Mar­ty­nova auch eine Fülle wun­derbar ein­präg­samer, kon­zen­trierter Por­traits: Ken­nen­lernen darf man zum Bei­spiel die “Kran­ken­schwester, die kleine Russin mit Haar aus schwarzer Zucker­watte”. Oder ein “Streich­holz­mäd­chen, mit langem Körper und rundem dunklem Kopf; mit etwas her­ab­ge­lau­fenem Schwefel am Nacken seines Zünd­kopfs: das dunkle Haar stramm zum Nacken gezogen.” Manchmal han­delt es sich um stille, foto­gra­fi­sche Bilder: “Viel Gesicht, dessen weiß-rosa Fleisch durch lächelnde Augen beseelt ist, auch der kleine Mund ist so anmutig, dass er zwi­schen der groß­zü­gigen Peri­pherie von Wangen und Kinn nicht ver­loren geht.” Manchmal sind es Bilder gedank­li­cher Kon­zen­tra­tion: “Sein Gesicht war wie eine Win­ter­land­schaft, die man früher als Som­mer­wiese gekannt hatte: ver­traut, aber unzu­gäng­lich.” Und einmal beim Blick in den Spiegel: “ein noch nicht so alter Woody Allen, nur ohne Brille, eine trau­rige rot­haa­rige Tee­kanne.”  Dann wie­derum Por­traits geron­nener bio­gra­fi­scher Zeit: “Mr. White war einst ein Junge gewesen, der aus­schließ­lich aus weißen Zähnen und schwarzen Wim­pern zu bestehen schien. Die Zähne waren zwar immer noch weiß, die Wim­pern lang und die Augen sehn­süchtig, aber er hatte unebene Wangen, eine schiefe Nase und ein schwam­miges Kinn dazu­be­kommen.”

Manchmal finden sich Neo­lo­gismen, Meta­phern und Men­schen in einem ein­zigen Bild wieder: Etwa im Fall der immer wie­der­keh­renden “Hähn­chen­hälf­ten­frau”, oder bei einer anderen mit “Vogel­kno­chen­körper”. Was zeigt sich in dem Zusam­men­spiel von Wör­tern, Meta­phern und Men­schen? Viel­leicht, dass Meta­phern etwas sehr Mensch­li­ches sind, zumin­dest bei Mar­ty­nova. Das wäre der uto­pi­sche Aspekt ihres Schrei­bens, das durch ihr bedin­gungs­loses Bekenntnis zum Lite­ra­ri­schen beein­druckt. Oder sind doch eher die Men­schen meta­pho­risch? Sie beziehen sich immer auf etwas anderes, das sie nicht sind und ohne wel­ches sie nichts wären. „Die Wörter sind unschuldig“ hat Mar­ty­nova in einem Inter­view kürz­lich einmal gesagt. „Wir sind schuldig, wenn wir sie falsch setzen“. Unschuldig sind die Wörter scheinbar nicht zuletzt in ihrem Meta­pho­risch-Sein, von dem sie zu bewahren nicht der lite­ra­ri­schen Ethik letzter Schluss sein kann. Gerade in ihrer unauf­hör­li­chen Unei­gent­lich­keit halten die Wörter den Men­schen scheinbar das Wesent­liche bereit. In Mar­ty­n­ovas neuem Roman Mörikes Schlüs­sel­bein ist einmal die Rede von der „Gefahr, dass der Gedanke in einen fal­schen Körper hin­ein­springt. Die fer­tigen Sätze sind jeder­zeit bereit, einen fri­schen Gedanken zu ver­schlingen. Und eben darin besteht die Arbeit eines Dich­ters, die ver­brauchten Schemen auf­zu­scheu­chen. Sonst würden wir Gedanken denken, die nicht unsere sind; uns Gedanken unter­werfen, die nicht unsere sind; Gefühle emp­finden, die nicht unsere sind.“ Durch die immer meta­pho­ri­schen Wörter Mensch zu werden – das ist die poe­ti­sche Vor­stel­lung vieler kleiner, sich selbst pro­du­zie­render homines fabri. Olga Mar­ty­n­ovas neuer Roman Mörikes Schlüs­sel­bein (Dro­schl, Graz/Wien 2013), der auch das Kapitel ent­hält, mit dem die Autorin im letzten Jahr den Bach­mann-Preis gewonnen hat, knüpft nicht nur in der Hin­wen­dung zur poe­ti­schen Kon­zen­tra­tion in der Prosa direkt an den vor­he­rigen Roman Sogar Papa­geien über­leben uns (Dro­schl, Graz 2010) an. Auch die auf­tre­tenden Per­sonen sind teil­weise die­selben, etwa der depres­sive Bücher­mensch Andreas, mit dem Marina nach 20 Jahren Funk­stille nun wieder zusam­men­lebt. Hinzu kommen zahl­reiche wei­tere, über den Erd­ball ver­teilte Per­sonen, unter anderem der junge Moritz, ein wer­dender Autor, der genauso wie der gerne trin­kende Lenin­grader Dichter Fjodor Stern zum Ko-Erzähler wird. Auch die Ton­lage ist ähn­lich: zugleich witzig und rüh­rend, eine gewisse Schärfe ver­trägt sich dabei gut mit einer außer­or­dent­li­chen Behut­sam­keit im Umgang mit den Cha­rak­teren. Und im Auf­stand gegen eine Geschichte als “Skalar” oder “Vektor” rückt der zwi­schen meh­reren Erzähl­welten hin- und her­sprin­gende Roman erneut ver­zweigte Zeiten ins Bild, die sich über­la­gern und auf­ein­ander ver­weisen. Viel­leicht sollte man also besser sagen: Mar­ty­nova hat ihren ersten Roman wei­ter­ge­schrieben, ein immer weiter aus­ufernder Fami­lien- und Künstler-Roman mit Fort­set­zungs­cha­rakter, der nicht zwi­schen zwei Buch­de­ckel passt. Man kann gespannt sein, ob sie in dieser Form wei­ter­macht.

 

Mar­ty­nova, Olga: Mörikes Schlüs­sel­bein. Graz/Wien: Dro­schl, 2013

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