Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Sla­wistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Inmitten der Zeit­fluss­schleife. Olga Mar­ty­n­ovas erster Roman Sogar Papa­geien über­leben uns

Gat­tungen sind Spra­chen: Sie kennen bestimmte Ton­lagen, ihr eigenes Gedächtnis und ihre eigenen Unaus­sprech­lich­keiten. Viel­leicht ist es darum kein Zufall, dass die in Deutsch­land lebende und bisher rus­sisch­spra­chige Lyri­kerin Olga Mar­ty­nova bei ihrem Wechsel in die Prosa auch die Sprache ein­tauschte, oder umge­kehrt: dass sie den Ein­tritt in die deut­sche Sprache zum Anlass nahm, sich eine neue Gat­tung anzu­eignen. Ihr 2010 erschie­nener Roman Sogar Papa­geien über­leben uns macht sie auf jeden Fall zu einer der wenigen wirk­lich zwei­spra­chigen oder, wie man neu­er­dings sagt, inter­kul­tu­rellen Autorinnen. Des­halb wurde ihr auch gerade erst der För­der­preis der Robert-Bosch-Stif­tung (Adal­bert-von-Cha­misso-Preis) ver­liehen.

Mar­ty­n­ovas Roman ist ein Erin­ne­rungs­buch. Es beginnt mit einer Kind­heits­er­in­ne­rung: In den Armen der Mutter, des „Zeit­fluss­weibs“, in der Mitte eines Gebirgs­ba­ches. Schon bald kehrt die Erzäh­lung zurück in die Mitte eines Flusses – diesmal ist es die gefro­rene Newa, auf der die Erzäh­lerin als Lenin­grader Stu­dentin den ersten Abend mit dem deut­schen Aus­tausch­stu­denten Andreas ver­bringt. Und letzt­lich kommt das Buch aus diesem Fluss der Zeit und des Erzäh­lens nicht mehr heraus. In viel­leicht nicht zufällig genau 88 träu­me­risch asso­zia­tiven und zugleich mini­ma­lis­tisch kon­zen­trierten Kapi­teln trägt die Erzäh­lerin den Leser spie­le­risch durch einen beträcht­li­chen Geschichts­raum. In diesem Erin­ne­rungs­fluss – unter­bro­chen und kom­men­tiert durch Zwi­schen­rufe, poe­to­lo­gi­sche Ein­wände und Zitate – wird aus einem Satz schnell eine ganze Seite. Zur Ori­en­tie­rung ist das Erzähl­pro­gramm, die „Zeit­fluss­schleife“, zu einem Zeit­strahl geronnen und jedem Kapitel mit einigen fett gedruckten Jah­res­zahlen gra­phisch vor­an­ge­setzt, sodass der Leser sogleich weiß, wo er sich befindet: näm­lich immer zugleich in der Gegen­wart, im Jahr 2006, und in einem der Kind­heits- oder Jugend­jahre.

Dabei wird das erzäh­lende Erin­nern von einem gewissen Bedauern der Unum­kehr­bar­keit des Zeit-Flusses grun­diert. Es ist als han­dele es sich um den Ver­such, mit­tels einer vom Hand­werk der Lite­ratur gestützten Erin­ne­rung die Zeit zu über­winden, ein­zu­frieren oder in ihr „zu baden“. Die Momente der Ein­frie­rung des Flusses, wie im Falle der win­ter­li­chen Newa, scheinen die glück­lichsten zu sein, der Traum, von dem dieses Schreiben getrieben ist. „Ich wollte die Zeit ver­län­gern. Die Zeit eines idio­ti­schen Lächelns des Ver­liebt­seins.“

Die aus der eigenen Ver­gan­gen­heit auf­tau­chenden Bilder werden mul­ti­pli­ziert durch Erin­ne­rungen an Erin­ne­rungen, ver­mit­telt etwa durch die Groß­mutter, eine „ägyp­ti­sche Gott­heit“. So führt das Buch in Szenen zurück, welche die Lebens­zeit der Prot­ago­nistin weit über­schreiten: etwa die Abschaf­fung der als gefähr­lich erach­teten Tan­nen­bäume durch die „neuen Men­schen“ in den 1920er Jahren oder der in Sta­lin­grad liegen geblie­bene Arm von Andreas Vater. Als Dich­terin befindet sich die Erzäh­lerin in einem über­in­di­vi­du­ellen lite­ra­ri­schen Gedächtnis: Sie denkt an Marina Malitsch, die durch das zer­bombte Berlin irrende Witwe von Daniil Charms, über den sie eine Pro­mo­tion schreibt, oder an den Todes­vogel, der sich im Ber­liner Zoo auf die Schulter von Witold Gom­bro­wicz gesetzt hat. Eine rie­sige Vor-Ver­gan­gen­heit taucht auf: hun­gernde Lenin­grader, die wäh­rend der Bela­ge­rung Katzen essen, und manchmal ganz Uner­war­tetes, zum Bei­spiel ein Stalin, der die Geist­li­chen aller Kon­fes­sionen wäh­rend des Zweiten Welt­kriegs gebeten hat, für den Sieg zu beten.
Am Kreu­zungs­punkt dieses lite­ra­ri­schen Gedächt­nisses und des indi­vi­du­ellen der Erzäh­lerin gräbt dieser Roman sich in das 20. Jahr­hun­dert hinein. Aus dem Fluss der Zeit taucht eine ziem­lich ver­rückte späte Sowjet­zeit auf: Hasch rau­chende Hip­pies, Expe­di­tionen auf den Pamir zur Ent­de­ckung des Schnee­men­schen, und vor allem eine Sibi­ri­en­reise zum Bai­kalsee und nach Ulan Ude, wo die Erzäh­lerin, umgeben von Nomaden, Scha­manen und Lamas, den Zusam­men­bruch der Sowjet­union nur im Fern­sehen erlebt. Als sie einige Tage später wieder nach Peters­burg zurück­kehrt, ist die Energie des Wan­dels schon erschlafft – die Revo­lu­tion hat nicht statt gefunden. Die alte Welt jedoch, aus der sie aus­bre­chen wollte, wird trotzdem ver­schwinden.

Erzählt wird haupt­säch­lich die zwanzig Jahre zurück­lie­gende Lieb­schaft der rus­si­schen Erzäh­lerin mit dem deut­schen Aus­tausch­stu­denten Andreas: Eine zwanzig Jahre zurück lie­gende Krän­kung struk­tu­riert, ordnet, bün­delt die Erin­ne­rungen. Diese Krän­kung, die dama­lige Abwei­sung, so scheint es, saugt den ganzen sowje­ti­schen Erin­ne­rungs­schmerz auf, kon­zen­triert ihn und befreit damit zugleich den ganzen Rest der Erin­ne­rung von allzu großem Gewicht. Nach zwanzig Jahren ist die Peters­burger Lite­ra­tur­pro­fes­sorin in Berlin zu einer Charms-Tagung und Andreas hat sich wieder gemeldet. Erzählt wird also eine der „zwi­schen­durch unter­ir­disch flie­ßenden Lebens­li­nien“, die mit einer Email und einem Hei­rats­an­trag wieder auf­taucht, der sich fol­gen­der­maßen anhört: „nach so vielen jahren von miss­ver­ständ­nissen aller art könnten wir nun end­lich ein­fach zusammen sein, zusam­men­ziehen, ich meine, du könn­test mich hei­raten, denk dar­über nach, bis bald, gruß.“ Vor diese Frage gestellt beginnt und endet das Buch. Im Ange­sicht der banal wir­kenden Ent­schei­dung erzählt das Buch, aus dem langen Moment eines ein­zigen Zau­derns lässt sich das halbe Leben erin­nern.

So kor­re­spon­dieren zwi­schen Ver­gan­gen­heit und Zukunft zwei Welten, die getrennt sind durch einen – da besteht kein Zweifel – unkitt­baren Riss: „es ist zwanzig Jahre her, dass wir uns getroffen haben, in einer nicht mehr exis­tie­renden Welt, in einem nicht mehr exis­tie­renden Staat, in einer so nicht mehr exis­tie­renden Stadt, in einem unge­wöhn­lich ver­schneiten Lenin­grader Winter.“ Sogar Papa­geien über­leben uns pro­to­kol­liert also in impres­sio­nis­ti­scher Manier eine see­li­sche Ampu­ta­tion, welche der Zer­fall der Sowjet­union für Mil­lionen von Men­schen bedeutet hat. „Die runde, abge­schlos­sene Welt, in die ich geboren war, flog wie ein Luft­ballon fort.“ Es ist in der Tat eine Proust­sche Suche nach der ver­lo­renen Zeit, jedoch nicht im streng auto­bio­gra­phi­schen Sinn, son­dern etwa so, wie Mamar­daš­vili es einmal über Proust gesagt hat: Man muss sich ein „künst­li­ches Gedächtnis schaffen“, einen „Eimer der Reso­nanz“, „man muss lügen, nicht die Memoiren schreiben“ (Merab Mamar­daš­vili: Psi­cho­lo­gičes­kaja Topo­lo­gija puti. M. Prust ‚V pois­kach utračen­nogo vre­meni‘, pod obščej redak­ziej Ju.P. Seno­ko­sova, Sankt-Peter­burg 1997, S. 153, 268). Erst im künst­li­chen Gedächtnis des Romans kann bei Mar­ty­nova in einem Atemzug die Suche und zugleich die sorg- und behut­same Zurück­wei­sung der ver­lo­renen Zeit statt­finden. Auch der Zeit von Andreas, jenem Mann aus der bes­seren west­li­chen Welt, die gemeinsam mit der soj­we­ti­schen gestorben ist oder ihren ver­hei­ßungs­vollen Status ein­ge­büßt hat.Und was ist hier das Deutsch­land des neuen Jahr­tau­sends? Mode­zeit­schriften, Wer­be­pla­kate, Inter­net­cafes, Fuß­ball­welt­meis­ter­schaften, Schrift­stel­ler­kon­gresse, die Zeit von Internet und Google, „Sex on the Beach“ statt, wie früher, „Cuba Libre“, kurz eine Welt, deren S‑Bahn-Fenster zumin­dest für dieses Buch ledig­lich als Erin­ne­rungs­bild­schirm taugt und beson­ders eine Frage unbe­ant­wortet lässt: „Was bedeutet das 21. Jahr­hun­dert?“

In diesem deut­schen Bild­schirm steigen Bilder über Bilder auf, die Erin­ne­rung als Bil­der­flut, welche ver­stärkt durch das Hand­werk der Lite­ratur die Bil­der­flut der mas­sen­me­dialen Umwelt tran­szen­dieren kann und das ver­gessen macht, was man die trau­ma­ti­sche Leere der Gegen­wart nennen könnte. In jedem Fall ist es ein Erin­ne­rungs­buch an das sowje­ti­sche Russ­land, dessen Erzähl­sub­jekt – trotz des schmerz­haften Ver­lusts – weder trau­ma­ti­siert noch depressiv ist. Im Gegen­teil ist es die melan­cho­li­sche Leich­tig­keit dieses Romans, die seine Lek­türe zu einem so ange­nehmen Erlebnis macht. Ein Bei­spiel viel­leicht auch für die wun­der­bare Leich­tig­keit, die Prosa von Lyri­ke­rInnen haben kann. Und so gelingt der Kampf gegen die Unum­kehr­bar­keit des Zeit­flusses letzt­end­lich nicht schlecht. Sogar der Aralsee, dessen „Kadaver“ sie als Jugend­liche noch besucht hat, „kommt zurück“, wie sie nun in der Zei­tung lesen kann.

 

Olga Mar­ty­nova: Sogar Papa­geien über­leben uns, Lite­ra­tur­verlag Dro­schl, Graz u.a., 2010, 208 S.
Auf novinki finden Sie auch ein von Roman Widder ver­fasstes Por­trait der Autorin, wäh­rend auf dem novinki-Blog die Bespre­chung eines Lite­ra­tur­abends nach­zu­lesen ist – von Miriam Fin­kel­stein über Olga Mar­ty­nova.

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