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Weltenbummler und echte Bummler. Das 11. Internationale Literaturfestival Berlin.Ein Rückblick

Posted on 5. Oktober 2011 by Roman Widder
Vom 7. bis zum 17. September ging in diesem Jahr bereits zum 11. Mal das Internationale Literaturfestival über die Bühne. Über die Bühnen des Festivals gingen oder besser schlenderten erneut vor allem jene Autoren, die auf ihren Buchdeckeln gern als „Wanderer zwischen den Welten“ umschrieben werden.

Vom 7. bis zum 17. September ging in diesem Jahr bereits zum 11. Mal das Internationale Literaturfestival über die Bühne. Über die Bühnen des Festivals gingen oder besser schlenderten erneut vor allem jene Autoren, die auf ihren Buchdeckeln gern als „Wanderer zwischen den Welten“ umschrieben werden. Am liebsten sieht man offenbar auf einem solchen Festival Weltenbummler. Und weil Weltenbummler durch ihre ungeheure Mobilität problemlos auch bei Literaturfestivals vorbeibummeln können, sollte statt von „Wanderern zwischen den Welten“ wohl eher von „Wanderern zwischen den Literaturfestivals“ die Rede sein. Allzu viele Veranstaltungen des diesjährigen Festivals ließen sich vor allem in einer Rubrik erfassen: „Literaturen der Welt.“ Was im Anblick der kosmopolitischen Geste bleibt, ist die Ahnung, dass die Buntscheckigkeit der Kulturen manchmal nur die Homogenisierungseffekte des Kapitals kaschiert.

ilb2011_Trojanow_Ilija_c_Ali GhandtschiBereits am Eröffnungsabend trat mit Ilija Trojanow der Prototyp eines solchen Weltenbummlers auf, auch wenn er dafür ja bekanntlich einen anderen Begriff gefunden hat. Der Weltensammler hieß sein großer Roman, der ihm in Deutschland breite Leserkreise zuführte. Sein neues Werk Eis Tau steht ganz auf Augenhöhe mit der aktuellen Klimawandel-Debatte. Ein sehender Erzähler, ein Glaziologe (Gletscherwissenschaftler), trifft auf eine verblendete Welt. Er beweint den Verlust seines heimatlichen Alpengletschers und führt eine Exkursion von Journalisten in die Antarktis. Dabei kann nicht nur befremden, dass die ökologische Empathie darin die soziale verdrängt, sondern auch der Irrtum, die Empathie der Literatur lasse sich noch über einen empathischen, empfindsamen Erzähler bewerkstelligen. Eine gute Show bot Trojanow jedoch allemal. Seine nahezu komplett auswendig abgehaltene Lesung begleitete effektvoll die Vertonung durch Hans Huyssen.

Natürlich durfte auf einem solchen Festival mit globaler Bedeutung auch Raoul Schrott nicht fehlen.Schrott ist ein Weltenbummler in homerischer Tradition. Er hat stets einen Rucksack voll kleiner Mitbringsel dabei. In dem Logbuch Die fünfte Welt hat er bereits das leicht zynische Unternehmen verfolgt, die seines Erachtens letzte weiße Stelle des Planeten zu beschreiben. Für sein neuestes Projekts über die Entstehung des Kosmos, des Lebens und des Menschen habe er die ersten zehn Milliarden Jahre schon hinter sich, so Schrott, die richtig schwierigen vier Milliarden Jahre aber noch vor der Brust. Im Gegensatz dazu verschwindend geringe vier Jahre hat er für dieses Großprojekt eingeplant. Es geht zunächst um die Undarstellbarkeit des Anfangs, des Big Bangs, dann um die Entstehung der ersten Lebewesen, schließlich um den unzurechnungsfähigen Fisch, der sich an Land gewagt hat. Schrott spricht über den Zusammenhang zwischen Metaphorik und Metaphysik und die Wichtigkeit der Neurologie für das Verständnis der Poesie. Die Versöhnung von Wissenschaft und Poesie ist Schrotts Sisyphos-Projekt. „Die Poesie gibt die Strukturen unseres Denkens wieder“, sagt er. Das komplizierte Wissen der unterschiedlichen Fachdisziplinen will er zusammentragen und sinnlich-poetisch erfahr- und vorstellbar machen. Erhellend sind für ihn darum nicht nur die großen wissenschaftlichen Debatten, sondern auch kleine periphere Informationen: wie jene, dass die Neandertaler wie Kinder vor dem Stimmbruch sprachen. Er liest aus seinem Notizbuch Die erste Erde über den ältesten Stein der Welt, den in der Hand zu halten er sich bemüht hat, auf der Suche nach dem „Realen im Irrealen der Zeit.“ Am Ende soll das Ganze ein Epos werden. Vorerst gibt Schrott einen ziemlich ehrlichen, entblößten, angesichts der Mammutaufgabe fast hilflosen Einblick in seine Werkstatt.

Die Liste der Weltenwanderer des Literaturfestivals ließe sich endlos fortsetzen: Der in der Schweiz lebende Michail Šiškin mit Venushaar, seinem großen und prämierten Roman über Migration und Exil, war einer der russischen Vertreter. Oder Nam Le – vietnamesisch-australischer Herkunft und der neue Star der amerikanischen Literaturszene. Da er seinen Erzählband Das Boot vorstellte, müsste Nam Le demnach eigentlich „Segler zwischen Welten“ genannt werden. Er präsentierte seine kleinen, intensiven Sprachkunstwerke über Flüchtlinge aus aller Welt und in alle Welt. Ein junger Autor, der an einem soliden, ehrlichen Gespräch über die Reize und Tücken des Schreibens sichtlich interessiert war. Fiktion, so sagte er prägnant und unheimlich zugleich, könne im Gegensatz zu Dokumentarliteratur auch verfemten Affekten und Ressentiments wie „Rassismus oder Homophobie die Würde des Ausdrucks“ verleihen. Gefragt wird er dann natürlich, woher er, der so viel reist und reisen muss, um an seinen Geschichten zu arbeiten, diese unerhörte „Wanderlust“ hernehme. Schwere Frage. Wahrscheinlich ahnte die englische Moderatorin nicht, dass es sich bei Wanderlust um ein deutsches Wort mit romantischer Tradition handelt, das dem Festival nun endgültig den Anstrich des Alpenvereins verlieh.

Bei aller gewollten Welthaftigkeit kann man dem Literaturfestival sicherlich nicht vorwerfen, es habe sich in einer exotisch-seichten Schmökerwelt gebadet. Schon Ulrich Schreiber hat in Anwesenheit von Liao Yiwu beim Eröffnungsvortrag immerhin den chinesischen Botschafter adressiert, und zwar klipp und klar mit den Worten: „So nicht.“ So stand auch in der Eröffnungsrede durch Tahar Ben Jelloun Reportageliteratur im Fokus. Als osteuropäische Grande Dame der Reportageliteratur war Svetlana Aleksijevič zu Gast. Generell aber konnte man sich schwer des Eindrucks erwehren, dass solche Festivals – wie der Buchmarkt überhaupt – dem Tagesgeschehen allzu sehr hinterher hecheln. Die diesjährige Ereignisfülle schien eine wirkliche Herausforderung: Schuldenkrise, Fukushima, Arabischer Frühling. Das ilb erinnerte durchaus daran, dass die Literatur oft in Kriegstagen voll und ganz zur Reportage „verkommt“, man denke an die sowjetischen Schriftstellerbrigaden des 2. Weltkriegs. Die Weltliteratur und die „Literaturen der Welt“ auf dem ilb portraitierten eine Besorgnis erregende Welt im ökologischen, ökonomischen und politischen Ausnahmezustand.

ilb_Liao_Yiwu_Erlangen_2011_freelicenseEin sowohl dokumentarliterarisches wie weltliterarisches Highlight war dann aber die Anwesenheit von Liao Yiwu. Dieser frühere chinesische Provinzlyriker war nämlich seit seinem Gedicht „Massaker“ und den gleichnamigen Vorgängen auf dem Tian’namen-Platz in Peking 1989 erst im Gefängnis und wurde dann systematisch mundtot gemacht. Im Untergrund sammelte er seine Geschichten, die zuerst Interviews waren und schließlich autobiographische Form angenommen haben. Nach zahlreichen vergeblichen Ausreiseversuchen ist Liao Yiwu nun schließlich in Berlin gestrandet. Und das ist er tatsächlich: kein Weltenbummler, sondern ein Gestrandeter. Zusammen mit Tienchi Martin-Liao, Autorin, Übersetzerin und Vorsitzende des PEN-Zentrums in Taipeh, ruft er uns die Unabhängigkeit der Demokratie und der Menschenrechte vom Kapitalismus in Erinnerung, und auch, wie die Dichter und Denker der Bundesregierung das nennen: „Wandel durch Handel.“ Die kapitalistische Öffnung sei nämlich die ideale Regierungstechnik zur Depolitisierung der Bevölkerung, nicht einmal Patriotismus sei in China möglich aufgrund der Geschäftigkeit. Anders an dieser Veranstaltung ist auch, dass die Zuschauer nicht nur als Konsumenten angesprochen werden. Im Gegenteil: Der chinesische Wohlstand, so sagt uns Tienchi Martin-Liao, verdanke sich unwürdigen Arbeitsbedingungen, Hungerlöhnen, Zwangsarbeit in den Gefängnissen, welche wir Europäer durch das Kaufen chinesischer Produkte förderten.

ilb2011_Liao_Yiwu_Lesung_c_Ali GhandtschiIn Liao Yiwu sitzt plötzlich einer auf dem Podium, der glüht und der zu reden nicht mehr aufhören kann. Natürlich hat er Botschaften, aber entscheidend ist: Er hat etwas zu sagen. Endlich einer, der einfach nur erzählen will, und zwar mit dem Rededrang, der an eine manische Erkrankung erinnert, der aber auch einfach nur der Manie zu verdanken sein könnte, die es für Literatur braucht. Deshalb ist Liao Yiwu richtig auf einem Literaturfestival. Und so fängt er immer und immer wieder an: „Und dann wollte ich auch noch erzählen über…“: über die „Laogai“ etwa, das bereits in den dreißiger Jahren von den stalinistischen Gulags abgekupferte Gefängnissystem und die dort stattfindende, drei Jahre in Anspruch nehmende „Umerziehung durch Arbeit“, die „Neuprogrammierung des Gehirns“, oder über Organhandel und das blühende Transplantationsgeschäft und vor allem über die neuen chinesischen Handschellen, die vielleicht das einzige deutsche oder amerikanische Importprodukt sind, dem er in China begegnet ist. Die Handschellen, meint er, müssten aus Deutschland kommen, denn früher, in den chinesischen Handschellen, habe man sich noch einigermaßen frei bewegen können. Anders die neuen: jedes Mal, wenn man die Hände bewegt, werden sie noch enger. „In den chinesischen Handschellen fühle ich mich wohler.“ Und nun fallen plötzlich auch jene Sätze, die eigentlich nie fallen dürften, die niemand hören will und an denen deutlich wird, dass Liao Yiwu noch nicht allzu lange auf europäischen Literaturfestivals zu Gast ist. Vielleicht ist ihm auch egal, ob er die übliche Rede durchkreuzt. Er sagt: „Die Juden hatten wenigstens noch eine Identität, als sie in die Gaskammer gingen, sind sie immerhin zusammen gegangen und haben gesungen. Wir Chinesen nicht. Wir sind Hunde. Wir zerfleischen uns noch selbst.“ Sätze, die gerade in ihrer historischen Unwahrheit, in ihrer Taktlosigkeit davon zeugen, dass jemand etwas loswerden will. Liao Yiwu redet so schnell, leidenschaftlich und atemlos, dass sich die Dolmetscherin im Kopfhörer ständig verschluckt.

 

Das Festival hat sich in diesem Jahr auch in das unbekannte Gebiet der Graphic Novel hervorgewagt. Eine solche Graphic Novel hat Jaroslav Rudiš vorgestellt. Zusammen mit dem Zeichner Jaromir 99 hat er Alois Nebel geschaffen, eine Bahnhofswärterfigur, die in Tschechien mittlerweile Kult ist. Ins Deutsche wird der Comic gerade erst übersetzt. Eigentlich war Rudiš wegen seinem Roman Grandhotel gekommen, der aber auch einiges mit dem „Nebel“ und dem darin ebenfalls enthaltenen Wort „Leben“ zu tun hat, wie Rudiš erklärt. Das Grandhotel hat die Form einer Rakete und steht tatsächlich am Rand der böhmischen Stadt Liberec auf einem 1012 Meter hohen Berg. In ihm wohnt der Protagonist und Erzähler Fleischman, dem ein „n“ seines Namens irgendwann abhanden gekommen ist. Fleischman ist ein eigenbrötlerischer, introvertierter Wolkenliebhaber, genauer: er mag „Zahlen, Tabellen und Wolken“. Das Hotel ist für ihn eine „Wolkenfabrik“. Von seinem erotomanen Cousin Jegr, der besonders nostalgisch wird, wenn er sich an die DDR-Frauen zurückerinnert, wird er als „Einhandflötist“ bezeichnet – ein „Seelenzustand“. Darauf, dass dieser Fleischman aber doch irgendeine Genialität besitze, kann man sich auf der Lesung einigen. Er ist wie das Buch: einnehmend.

Der Aufbau des Romans ist denkbar einfach: Fleischman erzählt seine Geschichte. Darin kommen neben Jegr noch einige Frauen vor, in die sich Fleischman stets verliebt, unter anderem seine Therapeutin, für die er all das aufschreibt, und eine hübsche Wettermoderatorin, die vom Wetter aber nichts versteht und der er regelmäßig Briefe schickt, wenn sie einen Fehler macht. Rudiš erklärt uns, Tschechien sei ein Tal, darin gebe es wieder ein Tal, das sei Böhmen, und darin ein weiteres Tal, das sei Liberec, der „Pisspott Europas“. Ein Tal, in dem es nicht nur die ganze Zeit regnet, sondern in dem auch die Leute „regnerisch“ wären. Er zitiert einen böhmischen Witz: Wenn der Berg zu sehen ist, regnet es bald. Wenn er nicht zu sehen ist, regnet es schon.

 

Der Deutsch sprechende Rudiš hat eine verträumte Erzählerfigur geschaffen, ist aber zugleich ein historisch denkender Autor mit archäologischer Präzision. Er sagt über seine Figuren, „sie haben alle einen Knall“, und sucht die Art von Humor, die – wie er sich ausdrückt – „von dem ganzen Scheiß befreit“ ist. Grandhotel ist ein melancholischer, ein einsamer und zugleich ein heiterer Roman. Rudiš selbst nennt ihn ein „sentimentales Buch“. Sympathisch ist an dieser Form von Sentimentalität vor allem die beharrliche Provinzialität seiner Figuren. Er kenne tatsächlich viele Tschechen, die es wie Fleischman einfach nicht über Herz brächten, die Grenzen ihrer kleinen Stadt auch nur einmal zu überschreiten. Liberec ist ein Ort, erklärt uns Rudiš, den man „nicht so leicht verlassen kann“. Fleischman weiß: „Will man sich einen Traum erfüllen, muss man allein sein, damit der Traum einem nicht geklaut werden kann.“ Grandhotel ist ein Lehrstück kultivierter Oblomowerei. Und ein Buch, das dem Genre des Heimatromans näher steht, als dem Terror der „Weltliteratur“. Das macht Rudiš so sympathisch und deshalb fällt er heraus und sticht hervor aus den grandiosen Exoten des Literaturfestivals 2011: Er verkörpert nicht den Autorentypus des Weltenbummlers, er ist nur ein Bummler. Durch diese Unterbietung hat er in meinen Augen den inoffiziellen Wanderpokal gewonnen.

Weltenbummler und echte Bummler. Das 11. Internationale Literaturfestival Berlin.Ein Rückblick – novinki
Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Wel­ten­bummler und echte Bummler. Das 11. Inter­na­tio­nale Lite­ra­tur­fes­tival Berlin.Ein Rückblick

Vom 7. bis zum 17. Sep­tember ging in diesem Jahr bereits zum 11. Mal das Inter­na­tio­nale Lite­ra­tur­fes­tival über die Bühne. Über die Bühnen des Fes­ti­vals gingen oder besser schlen­derten erneut vor allem jene Autoren, die auf ihren Buch­de­ckeln gern als „Wan­derer zwi­schen den Welten“ umschrieben werden. Am liebsten sieht man offenbar auf einem sol­chen Fes­tival Wel­ten­bummler. Und weil Wel­ten­bummler durch ihre unge­heure Mobi­lität pro­blemlos auch bei Lite­ra­tur­fes­ti­vals vor­bei­bum­meln können, sollte statt von „Wan­de­rern zwi­schen den Welten“ wohl eher von „Wan­de­rern zwi­schen den Lite­ra­tur­fes­ti­vals“ die Rede sein. Allzu viele Ver­an­stal­tungen des dies­jäh­rigen Fes­ti­vals ließen sich vor allem in einer Rubrik erfassen: „Lite­ra­turen der Welt.“ Was im Anblick der kos­mo­po­li­ti­schen Geste bleibt, ist die Ahnung, dass die Bunt­sche­ckig­keit der Kul­turen manchmal nur die Homo­ge­ni­sie­rungs­ef­fekte des Kapi­tals kaschiert.

ilb2011_Trojanow_Ilija_c_Ali GhandtschiBereits am Eröff­nungs­abend trat mit Ilija Tro­janow der Pro­totyp eines sol­chen Wel­ten­bumm­lers auf, auch wenn er dafür ja bekannt­lich einen anderen Begriff gefunden hat. Der Wel­ten­sammler hieß sein großer Roman, der ihm in Deutsch­land breite Leser­kreise zuführte. Sein neues Werk Eis Tau steht ganz auf Augen­höhe mit der aktu­ellen Kli­ma­wandel-Debatte. Ein sehender Erzähler, ein Gla­zio­loge (Glet­scher­wis­sen­schaftler), trifft auf eine ver­blen­dete Welt. Er beweint den Ver­lust seines hei­mat­li­chen Alpen­glet­schers und führt eine Exkur­sion von Jour­na­listen in die Ant­arktis. Dabei kann nicht nur befremden, dass die öko­lo­gi­sche Empa­thie darin die soziale ver­drängt, son­dern auch der Irrtum, die Empa­thie der Lite­ratur lasse sich noch über einen empa­thi­schen, emp­find­samen Erzähler bewerk­stel­ligen. Eine gute Show bot Tro­janow jedoch allemal. Seine nahezu kom­plett aus­wendig abge­hal­tene Lesung beglei­tete effekt­voll die Ver­to­nung durch Hans Huyssen.

Natür­lich durfte auf einem sol­chen Fes­tival mit glo­baler Bedeu­tung auch Raoul Schrott nicht fehlen.Schrott ist ein Wel­ten­bummler in home­ri­scher Tra­di­tion. Er hat stets einen Ruck­sack voll kleiner Mit­bringsel dabei. In dem Log­buch Die fünfte Welt hat er bereits das leicht zyni­sche Unter­nehmen ver­folgt, die seines Erach­tens letzte weiße Stelle des Pla­neten zu beschreiben. Für sein neu­estes Pro­jekts über die Ent­ste­hung des Kosmos, des Lebens und des Men­schen habe er die ersten zehn Mil­li­arden Jahre schon hinter sich, so Schrott, die richtig schwie­rigen vier Mil­li­arden Jahre aber noch vor der Brust. Im Gegen­satz dazu ver­schwin­dend geringe vier Jahre hat er für dieses Groß­pro­jekt ein­ge­plant. Es geht zunächst um die Undar­stell­bar­keit des Anfangs, des Big Bangs, dann um die Ent­ste­hung der ersten Lebe­wesen, schließ­lich um den unzu­rech­nungs­fä­higen Fisch, der sich an Land gewagt hat. Schrott spricht über den Zusam­men­hang zwi­schen Meta­phorik und Meta­physik und die Wich­tig­keit der Neu­ro­logie für das Ver­ständnis der Poesie. Die Ver­söh­nung von Wis­sen­schaft und Poesie ist Schrotts Sisy­phos-Pro­jekt. „Die Poesie gibt die Struk­turen unseres Den­kens wieder“, sagt er. Das kom­pli­zierte Wissen der unter­schied­li­chen Fach­dis­zi­plinen will er zusam­men­tragen und sinn­lich-poe­tisch erfahr- und vor­stellbar machen. Erhel­lend sind für ihn darum nicht nur die großen wis­sen­schaft­li­chen Debatten, son­dern auch kleine peri­phere Infor­ma­tionen: wie jene, dass die Nean­der­taler wie Kinder vor dem Stimm­bruch spra­chen. Er liest aus seinem Notiz­buch Die erste Erde über den ältesten Stein der Welt, den in der Hand zu halten er sich bemüht hat, auf der Suche nach dem „Realen im Irrealen der Zeit.“ Am Ende soll das Ganze ein Epos werden. Vor­erst gibt Schrott einen ziem­lich ehr­li­chen, ent­blößten, ange­sichts der Mam­mut­auf­gabe fast hilf­losen Ein­blick in seine Werkstatt.

Die Liste der Wel­ten­wan­derer des Lite­ra­tur­fes­ti­vals ließe sich endlos fort­setzen: Der in der Schweiz lebende Michail Šiškin mit Venus­haar, seinem großen und prä­mierten Roman über Migra­tion und Exil, war einer der rus­si­schen Ver­treter. Oder Nam Le – viet­na­me­sisch-aus­tra­li­scher Her­kunft und der neue Star der ame­ri­ka­ni­schen Lite­ra­tur­szene. Da er seinen Erzähl­band Das Boot vor­stellte, müsste Nam Le dem­nach eigent­lich „Segler zwi­schen Welten“ genannt werden. Er prä­sen­tierte seine kleinen, inten­siven Sprach­kunst­werke über Flücht­linge aus aller Welt und in alle Welt. Ein junger Autor, der an einem soliden, ehr­li­chen Gespräch über die Reize und Tücken des Schrei­bens sicht­lich inter­es­siert war. Fik­tion, so sagte er prä­gnant und unheim­lich zugleich, könne im Gegen­satz zu Doku­men­tar­li­te­ratur auch ver­femten Affekten und Res­sen­ti­ments wie „Ras­sismus oder Homo­phobie die Würde des Aus­drucks“ ver­leihen. Gefragt wird er dann natür­lich, woher er, der so viel reist und reisen muss, um an seinen Geschichten zu arbeiten, diese uner­hörte „Wan­der­lust“ her­nehme. Schwere Frage. Wahr­schein­lich ahnte die eng­li­sche Mode­ra­torin nicht, dass es sich bei Wan­der­lust um ein deut­sches Wort mit roman­ti­scher Tra­di­tion han­delt, das dem Fes­tival nun end­gültig den Anstrich des Alpen­ver­eins verlieh.

Bei aller gewollten Welt­haf­tig­keit kann man dem Lite­ra­tur­fes­tival sicher­lich nicht vor­werfen, es habe sich in einer exo­tisch-seichten Schmö­ker­welt gebadet. Schon Ulrich Schreiber hat in Anwe­sen­heit von Liao Yiwu beim Eröff­nungs­vor­trag immerhin den chi­ne­si­schen Bot­schafter adres­siert, und zwar klipp und klar mit den Worten: „So nicht.“ So stand auch in der Eröff­nungs­rede durch Tahar Ben Jelloun Repor­ta­ge­li­te­ratur im Fokus. Als ost­eu­ro­päi­sche Grande Dame der Repor­ta­ge­li­te­ratur war Svet­lana Alek­si­jevič zu Gast. Gene­rell aber konnte man sich schwer des Ein­drucks erwehren, dass solche Fes­ti­vals – wie der Buch­markt über­haupt – dem Tages­ge­schehen allzu sehr hin­terher hecheln. Die dies­jäh­rige Ereig­nis­fülle schien eine wirk­liche Her­aus­for­de­rung: Schul­den­krise, Fuku­shima, Ara­bi­scher Früh­ling. Das ilb erin­nerte durchaus daran, dass die Lite­ratur oft in Kriegs­tagen voll und ganz zur Repor­tage „ver­kommt“, man denke an die sowje­ti­schen Schrift­stel­ler­bri­gaden des 2. Welt­kriegs. Die Welt­li­te­ratur und die „Lite­ra­turen der Welt“ auf dem ilb por­trai­tierten eine Besorgnis erre­gende Welt im öko­lo­gi­schen, öko­no­mi­schen und poli­ti­schen Ausnahmezustand.

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Ein sowohl doku­men­tar­li­te­ra­ri­sches wie welt­li­te­ra­ri­sches High­light war dann aber die Anwe­sen­heit von Liao Yiwu. Dieser frü­here chi­ne­si­sche Pro­vinz­ly­riker war näm­lich seit seinem Gedicht „Mas­saker“ und den gleich­na­migen Vor­gängen auf dem Tian’namen-Platz in Peking 1989 erst im Gefängnis und wurde dann sys­te­ma­tisch mundtot gemacht. Im Unter­grund sam­melte er seine Geschichten, die zuerst Inter­views waren und schließ­lich auto­bio­gra­phi­sche Form ange­nommen haben. Nach zahl­rei­chen ver­geb­li­chen Aus­rei­se­ver­su­chen ist Liao Yiwu nun schließ­lich in Berlin gestrandet. Und das ist er tat­säch­lich: kein Wel­ten­bummler, son­dern ein Gestran­deter. Zusammen mit Tienchi Martin-Liao, Autorin, Über­set­zerin und Vor­sit­zende des PEN-Zen­trums in Taipeh, ruft er uns die Unab­hän­gig­keit der Demo­kratie und der Men­schen­rechte vom Kapi­ta­lismus in Erin­ne­rung, und auch, wie die Dichter und Denker der Bun­des­re­gie­rung das nennen: „Wandel durch Handel.“ Die kapi­ta­lis­ti­sche Öff­nung sei näm­lich die ideale Regie­rungs­technik zur Depo­li­ti­sie­rung der Bevöl­ke­rung, nicht einmal Patrio­tismus sei in China mög­lich auf­grund der Geschäf­tig­keit. Anders an dieser Ver­an­stal­tung ist auch, dass die Zuschauer nicht nur als Kon­su­menten ange­spro­chen werden. Im Gegen­teil: Der chi­ne­si­sche Wohl­stand, so sagt uns Tienchi Martin-Liao, ver­danke sich unwür­digen Arbeits­be­din­gungen, Hun­ger­löhnen, Zwangs­ar­beit in den Gefäng­nissen, welche wir Euro­päer durch das Kaufen chi­ne­si­scher Pro­dukte förderten.

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In Liao Yiwu sitzt plötz­lich einer auf dem Podium, der glüht und der zu reden nicht mehr auf­hören kann. Natür­lich hat er Bot­schaften, aber ent­schei­dend ist: Er hat etwas zu sagen. End­lich einer, der ein­fach nur erzählen will, und zwar mit dem Rede­drang, der an eine mani­sche Erkran­kung erin­nert, der aber auch ein­fach nur der Manie zu ver­danken sein könnte, die es für Lite­ratur braucht. Des­halb ist Liao Yiwu richtig auf einem Lite­ra­tur­fes­tival. Und so fängt er immer und immer wieder an: „Und dann wollte ich auch noch erzählen über…“: über die „Laogai“ etwa, das bereits in den drei­ßiger Jahren von den sta­li­nis­ti­schen Gulags abge­kup­ferte Gefäng­nis­system und die dort statt­fin­dende, drei Jahre in Anspruch neh­mende „Umer­zie­hung durch Arbeit“, die „Neu­pro­gram­mie­rung des Gehirns“, oder über Organ­handel und das blü­hende Trans­plan­ta­ti­ons­ge­schäft und vor allem über die neuen chi­ne­si­schen Hand­schellen, die viel­leicht das ein­zige deut­sche oder ame­ri­ka­ni­sche Import­pro­dukt sind, dem er in China begegnet ist. Die Hand­schellen, meint er, müssten aus Deutsch­land kommen, denn früher, in den chi­ne­si­schen Hand­schellen, habe man sich noch eini­ger­maßen frei bewegen können. Anders die neuen: jedes Mal, wenn man die Hände bewegt, werden sie noch enger. „In den chi­ne­si­schen Hand­schellen fühle ich mich wohler.“ Und nun fallen plötz­lich auch jene Sätze, die eigent­lich nie fallen dürften, die nie­mand hören will und an denen deut­lich wird, dass Liao Yiwu noch nicht allzu lange auf euro­päi­schen Lite­ra­tur­fes­ti­vals zu Gast ist. Viel­leicht ist ihm auch egal, ob er die übliche Rede durch­kreuzt. Er sagt: „Die Juden hatten wenigs­tens noch eine Iden­tität, als sie in die Gas­kammer gingen, sind sie immerhin zusammen gegangen und haben gesungen. Wir Chi­nesen nicht. Wir sind Hunde. Wir zer­flei­schen uns noch selbst.“ Sätze, die gerade in ihrer his­to­ri­schen Unwahr­heit, in ihrer Takt­lo­sig­keit davon zeugen, dass jemand etwas los­werden will. Liao Yiwu redet so schnell, lei­den­schaft­lich und atemlos, dass sich die Dol­met­scherin im Kopf­hörer ständig verschluckt.

 

Das Fes­tival hat sich in diesem Jahr auch in das unbe­kannte Gebiet der Gra­phic Novel her­vor­ge­wagt. Eine solche Gra­phic Novel hat Jaroslav Rudiš vorgestellt. Zusammen mit dem Zeichner Jaromir 99 hat er Alois Nebel geschaffen, eine Bahn­hofs­wär­ter­figur, die in Tsche­chien mitt­ler­weile Kult ist. Ins Deut­sche wird der Comic gerade erst über­setzt. Eigent­lich war Rudiš wegen seinem Roman Grand­hotel gekommen, der aber auch einiges mit dem „Nebel“ und dem darin eben­falls ent­hal­tenen Wort „Leben“ zu tun hat, wie Rudiš erklärt. Das Grand­hotel hat die Form einer Rakete und steht tat­säch­lich am Rand der böh­mi­schen Stadt Liberec auf einem 1012 Meter hohen Berg. In ihm wohnt der Prot­ago­nist und Erzähler Fleischman, dem ein „n“ seines Namens irgend­wann abhanden gekommen ist. Fleischman ist ein eigen­bröt­le­ri­scher, intro­ver­tierter Wol­ken­lieb­haber, genauer: er mag „Zahlen, Tabellen und Wolken“. Das Hotel ist für ihn eine „Wol­ken­fa­brik“. Von seinem ero­to­manen Cousin Jegr, der beson­ders nost­al­gisch wird, wenn er sich an die DDR-Frauen zurück­er­in­nert, wird er als „Ein­hand­f­lö­tist“ bezeichnet – ein „See­len­zu­stand“. Darauf, dass dieser Fleischman aber doch irgend­eine Genia­lität besitze, kann man sich auf der Lesung einigen. Er ist wie das Buch: einnehmend.

Der Aufbau des Romans ist denkbar ein­fach: Fleischman erzählt seine Geschichte. Darin kommen neben Jegr noch einige Frauen vor, in die sich Fleischman stets ver­liebt, unter anderem seine The­ra­peutin, für die er all das auf­schreibt, und eine hüb­sche Wet­ter­mo­de­ra­torin, die vom Wetter aber nichts ver­steht und der er regel­mäßig Briefe schickt, wenn sie einen Fehler macht. Rudiš erklärt uns, Tsche­chien sei ein Tal, darin gebe es wieder ein Tal, das sei Böhmen, und darin ein wei­teres Tal, das sei Liberec, der „Pis­spott Europas“. Ein Tal, in dem es nicht nur die ganze Zeit regnet, son­dern in dem auch die Leute „reg­ne­risch“ wären. Er zitiert einen böh­mi­schen Witz: Wenn der Berg zu sehen ist, regnet es bald. Wenn er nicht zu sehen ist, regnet es schon.

 

Der Deutsch spre­chende Rudiš hat eine ver­träumte Erzäh­ler­figur geschaffen, ist aber zugleich ein his­to­risch den­kender Autor mit archäo­lo­gi­scher Prä­zi­sion. Er sagt über seine Figuren, „sie haben alle einen Knall“, und sucht die Art von Humor, die – wie er sich aus­drückt – „von dem ganzen Scheiß befreit“ ist. Grand­hotel ist ein melan­cho­li­scher, ein ein­samer und zugleich ein hei­terer Roman. Rudiš selbst nennt ihn ein „sen­ti­men­tales Buch“. Sym­pa­thisch ist an dieser Form von Sen­ti­men­ta­lität vor allem die beharr­liche Pro­vin­zia­lität seiner Figuren. Er kenne tat­säch­lich viele Tsche­chen, die es wie Fleischman ein­fach nicht über Herz brächten, die Grenzen ihrer kleinen Stadt auch nur einmal zu über­schreiten. Liberec ist ein Ort, erklärt uns Rudiš, den man „nicht so leicht ver­lassen kann“. Fleischman weiß: „Will man sich einen Traum erfüllen, muss man allein sein, damit der Traum einem nicht geklaut werden kann.“ Grand­hotel ist ein Lehr­stück kul­ti­vierter Oblo­mo­werei. Und ein Buch, das dem Genre des Hei­mat­ro­mans näher steht, als dem Terror der „Welt­li­te­ratur“. Das macht Rudiš so sym­pa­thisch und des­halb fällt er heraus und sticht hervor aus den gran­diosen Exoten des Lite­ra­tur­fes­ti­vals 2011: Er ver­kör­pert nicht den Autoren­typus des Wel­ten­bumm­lers, er ist nur ein Bummler. Durch diese Unter­bie­tung hat er in meinen Augen den inof­fi­zi­ellen Wan­der­pokal gewonnen.