Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

„Wir haben schon viel erlebt, aber nicht alles“

Wie die Rus­si­sche Bühne durch die Corona-Krise kommt

Die Rus­si­sche Bühne, oder Russ­kaja Scena (russ. “Русская Сцена”), ist ein kleines, rus­sisch-deut­sches Theater in Berlin-Schö­ne­berg. Es behauptet von sich selbst, das ein­zige pro­fes­sio­nelle rus­sisch­spra­chige Reper­toire­theater außer­halb von Russ­land zu sein. Unsere Repor­tage beleuchtet, was hinter diesem Kon­zept steckt und wie das kleine Theater die Corona-Krise durchlebt.

 

Unbe­schrie­bene Blätter regnen auf die Frau in Schwarz herab. Barfuß wir­belt sie im Strudel des Papiers umher. Bund­fal­ten­hose, ein Ober­teil aus Samt, Frack und Zylinder erin­nern gleich­zeitig an Cabaret und Charlie Chaplin. Die Frau richtet ihren Geh­stock auf das Publikum. Ihre raue Stimme pol­tert im Sprech­ge­sang: „Und dort sehen wir jene kommen, denen er ihre Weiber genommen. Jetzt werden sie arisch gepaart, da hilft kein Flu­chen und Klagen. Sie sind aus der Art geschlagen. Er schlägt sie zurück in die Art.“ Die Frau bricht in hys­te­ri­sches Lachen aus, um dann langsam zu Boden zu sinken. So beginnt Die jüdi­sche Frau von Ber­tolt Brecht. Die Frau ist Schau­spie­lerin der Russ­kaja Scena, einem kleinen, haupt­säch­lich rus­sisch­spra­chigen Reper­toire­theater im Norden von Berlin-Schö­ne­berg. Die Szene ist Teil eines Videos, denn live kann man sich in der Russ­kaja Scena der­zeit keine Auf­füh­rungen ansehen.

 

Es ist Juni 2020 und die Corona-Pan­demie hat die Kul­tur­szene in Berlin, wie an vielen Orten rund um den Globus, fest im Griff. An Thea­ter­auf­füh­rungen ist nicht zu denken, auch wenn die Lock­down-Beschrän­kungen langsam zurück­ge­fahren werden. Ilia Gordon, Leiter des Thea­ters Russ­kaja Scena und des Ver­eins Inter­kul­tu­relle Initia­tive e.V., kurz IKI, sieht das prag­ma­tisch: „Kri­sen­stim­mung ist eine Ein­stel­lungs­sache. Wir mussten unsere Arbeit natür­lich sehr stark umstellen. Im Nor­mal­be­trieb waren wir mit Unter­richt und Proben die ganze Woche aus­ge­lastet. Das ist jetzt in der Krise nicht der Fall. Der Unter­richt für Kinder und Jugend­liche liegt auf Eis, die Erwach­senen konnten einige Male via Zoom proben. Im Sommer hätten wir sonst eine Pause. Jetzt sind wir fast unun­ter­bro­chen im Theater und nutzen die Zeit für einen Som­mer­putz. Jede Krise hat auch ihre Chancen, das wird jetzt voll genutzt.“

 

Der Standort der Bühne lässt nicht unbe­dingt ein Theater ver­muten, auch wenn „Русская Сцена – Rus­si­sche Bühne“ groß über Tür und Fens­tern ange­schlagen ist. Sie befindet sich im Erd­ge­schoss eines breiten Plat­ten­baus, der wohl einmal gelb war. Gleich daneben liegt ein Durch­gang, der unter der Platte durch von der großen Kreu­zung der Urania und Kur­fürs­ten­straße hin zu einem ruhigen, begrünten Innenhof führt. Die Fenster des Thea­ters sind mit einem dicken, sil­ber­grauen Vor­hang ver­hüllt, der durch seinen Glanz gera­dezu das Son­nen­licht reflektiert.

 

Strah­lend hält Ilia die Tür der Russ­kaja Scena auf, das Haar grau-blond, fast Ton in Ton mit Shorts und T‑Shirt. „Komm‘ wir gehen rein, die Tür ist offen!“ Im Theater ist über­ra­schend viel los. Wo sonst die Stühle für das Publikum stehen würden, ist der Boden jetzt übersät mit Requi­siten und Werk­zeug. „Wir machen gerade eine große Auf­räum­ak­tion“, erklärt Ilia. Einige Schauspieler*innen sowie die Regis­seurin und künst­le­ri­sche Lei­terin des Thea­ters, Inna Sokolova-Gordon, sind ver­tieft ins Sor­tieren, Schrauben und Weg­werfen. Sie bli­cken nur kurz auf und grüßen. „Wir müssen uns noch die Schuhe abwi­schen“, weist Ilia an und deutet auf einen feuchten Lappen, der auf dem Fuß­boden liegt. „Wegen Corona.“ Eine Maske trägt im Theater nie­mand. Zwi­schen Publi­kums­raum und dem hin­teren Bereich, der gleich­zeitig Lager und Technik beher­bergt, steht eine rote Leder­kombi aus zwei Sofas und einem großen Sessel. „Setz‘ dich, setz‘ dich, mach dir ein­fach Platz“, sagt Ilia ein­la­dend. Er zieht sich einen Stuhl heran und ruft Sasha, eine Schau­spie­lerin dazu. Wir unter­halten uns kurz über die Stücke, die Ilia als Video­auf­zeich­nung zur Ver­fü­gung gestellt hat: Die Jüdi­sche Frau von Brecht, Die Möwe von Čechov und Die Träume von Balz­a­minov von Ost­rovskij – eine Aus­wahl, die das Reper­toire der Bühne wider­spie­gelt, denn oft werden Dramen der bekann­testen rus­si­schen und deut­schen Autor_innen auf­ge­führt. Ein­schränken lässt sich die Band­breite der Russ­kaja Scena aber nicht darauf. Zum Reper­toire gehören zum Bei­spiel auch die Bekennt­nisse einer Maske, ein Stück, das auf dem gleich­na­migen Roman des japa­ni­schen Autoren Yukio Mishima von 1949 basiert.

 

„In der Möwe habe ich auch mit­ge­spielt.“, sagt Sasha. „Masha, richtig?“ „Ja genau!“, erwi­dert Sasha fröh­lich. „Sasha, die Masha“, lacht Ilia, wohl ein Run­ning Gag zwi­schen den beiden. Sasha ist seit etwa zwei Jahren Teil des Ensem­bles von rund 20 Per­sonen. Auf die Russ­kaja Scena ist sie durch eine Internet-Recherche gestoßen. „Ich habe 18 Jahre in China gear­beitet und kam dann nach Berlin. In China hat es sich leider nie ergeben mit dem Thea­ter­spielen. Ich habe dann ein­fach eine Mail an Ilia geschickt.“ Er steigt ein: „Genau, und ich habe gesagt: ‚Klar, komm vorbei‘.“ Und schon war Sasha Teil des Ensem­bles. Wie alle anderen Darsteller_innen der Russ­kaja Scena übt sie das Schau­spie­lern neben ihrem Beruf aus. Was nicht heißt, dass sie weniger Energie in die Bühne inves­tiert. „Das Theater ist nicht nur unser Hobby, son­dern…“ Sasha über­legt kurz, um das pas­sende Wort zu finden. „Es ist unser Leben.“ Es sind auch einige pro­fes­sio­nell aus­ge­bil­dete Schauspieler_innen dabei. „Im Ensemble wachsen aber alle zusammen“, erklärt Ilia. Über­haupt seien sie alle irgend­etwas zwi­schen Freun­des­kreis und Großfamilie.

 

Im Hin­ter­grund wird gebohrt. „Wir alle tragen hier bei, womit wir können. Manche machen klei­nere Bau­ar­beiten, andere nähen Kos­tüme“, erzählt Ilia. Um das Theater am Laufen zu halten, braucht es eine starke Moti­va­tion, die genug antreibt – auch unter wid­rigen Umständen. „Das ist die Begeis­te­rung fürs Theater, die nicht nach­lässt. Die meisten haben jetzt die volle Begeis­te­rung fürs Putzen und fürs Proben ent­wi­ckelt“, wit­zelt Ilia. „Teil­weise ver­bringen unsere Schauspieler_innen gerade ganze Tage damit. Unsere Haupter­run­gen­schaft ist dieses Team.“

 

Die Wände des Thea­ters sind groß­flä­chig mit gerahmten Urkunden behangen. „Das ist aber nur ein Bruch­teil, es gibt noch so viel mehr“, lacht Ilia und etwas Stolz scheint unter seinem Dau­er­g­rinsen hervor. Zusammen mit Sasha zählt er die Länder auf, in denen die Russ­kaja Scena schon bei Thea­ter­fes­ti­vals aus­ge­zeichnet wurde: Russ­land natür­lich, in Moskau, Sankt Peters­burg und Pensa zum Bei­spiel. Usbe­ki­stan, Ukraine, Mol­da­wien, Maze­do­nien, Est­land. Sie waren sogar schon in Indien und den Ver­ei­nigten Ara­bi­schen Emi­raten, mit einem Mono­drama auf Rus­sisch und Deutsch. Er sei gerade dabei, den Pres­se­be­richt vom Fes­tival aus dem Ara­bi­schen ins Deut­sche und Rus­si­sche über­setzen zu lassen. Zu jeder Urkunde gibt es eine Anek­dote. Über­haupt gibt es viele Geschichten und Ilia erzählt sie gerne. „In Weiß­russ­land haben wir sogar eine extra Nomi­nie­rung bekommen. Für die Auf­recht­erhal­tung des klas­si­schen rus­si­schen Thea­ters im Aus­land. Mit einem Schau­spieler, der Rus­sisch nur mit Akzent spricht, einem Ensemble aus Berlin und dann auch noch in Weiß­russ­land.“ Er lacht.

 

Aber die Russ­kaja Scena will mehr, oder, besser gesagt, etwas Anderes. Dafür fehlt jedoch die finan­zi­elle Unter­stüt­zung, zum Bei­spiel von der Stadt Berlin. „Das ist das Schlimmste, Corona-Krise hin oder her“, meint Ilia. „Wir finden, dass Berlin mehr Pro­jekte wie unseres unter­stützen sollte. Es gibt uns schon seit über zehn Jahren, das schafft sonst kaum jemand. Wir sind gefragt und sind künst­le­risch wie gesell­schaft­lich för­der­würdig. Unser Theater könnte eine Keim­zelle für ein richtig großes Pro­jekt sein, ähn­lich wie das Inter­na­tio­nale Theater in Frank­furt. Da bezahlt die Stadt den Raum, die Pro­jekt­mit­ar­beiter und immerhin die halbe Stelle eines Tech­ni­kers. Wenn die Stadt Berlin sich dafür öffnen würde, könnten wir uns zum Bei­spiel vor­stellen, dass unter­schied­liche Gruppen in ihren Mut­ter­spra­chen auf­treten können und wir sie dabei unter­stützen. Aber jetzt kämpfen wir immer ums Über­leben. Das, was Inna macht, ist reine Selbstausbeutung.“

 

Am nächsten Tag findet im Theater eine Probe statt. Der dicke, sil­ber­graue Vor­hang, der die Russ­kaja Scena sonst von außen abschirmt, wird wohl gerade gewa­schen. Zu sehen ist nun eine dicht gedrängte Reihe von Kos­tümen, die direkt hinter der Scheibe auf einer Klei­der­stange unter der Decke hängen. Im Theater bereiten sich schon einige Schauspieler_innen auf die Probe vor. Es sind fast 30 Grad und in der kleinen Russ­kaja Scena ist es ent­spre­chend warm. Durch eine geöff­nete Tür hinter der Bühne dringt etwas Luft und leises Vogel­ge­zwit­scher, wäh­rend in der kleinen Küche des Thea­ters ein Was­ser­ko­cher vor sich hin rauscht. Geprobt werden, über drei Stunden lang, ein­zelne Szenen aus Čechovs Der Kirsch­garten. Inna, die künst­le­ri­sche Lei­terin, sitzt bereits im hin­teren Bereich des Thea­ters. Auf die Bühne schaut sie durch ein Regal, in dem die Technik steht, wie durch ein Fenster. Nun soll es los­gehen. „Devočka!“ – ener­gisch ruft sie nach den noch feh­lenden Schauspielerinnen.

 

Jede Szene wird mehr­fach und in ver­schie­dener Beset­zung durch­ge­probt. Das Ensemble beginnt mit einer Szene, die rund um das Gerippe eines Pavil­lons auf der Bühne statt­findet. Inna ist noch nicht zufrieden. Sie kor­ri­giert Tanja, die die Haupt­rolle in dieser Szene als erste spielt. Zunächst ruft die Regis­seurin noch von hinten ihre Ver­bes­se­rungen, dann geht sie selbst zur Bühne und macht vor, wie Beto­nung und Gestik genau aus­sehen sollen. Ihr sil­ber­blondes Haar, das zu einem lockeren Pfer­de­schwanz gebunden ist, fällt ihr immer wieder ins Gesicht, wäh­rend sie mit aus­la­denden Bewe­gungen zeigt, was Tanja genau tun soll. Inna hat Theater an der Mos­kauer Uni­ver­sität für Kunst und Kultur stu­diert und dabei von einem der letzten Schüler des Thea­ter­pio­niers Kon­stantin Sta­nis­lavskij gelernt. Die Sta­nis­lavskij-Methode gilt als Grund­lage für das, was heute oft als ‚Method Acting‘ bezeichnet wird, also das Ein­fühlen der Schauspieler_innen in ihre Rolle, bis hin zur völ­ligen Identifikation.

 

Die Russ­kaja Scena ent­stand aus Innas Wunsch, end­lich wieder etwas zu insze­nieren, am liebsten Die jüdi­sche Frau von Brecht. Tat­säch­lich gehören Stücke von Ber­tolt Brecht in Russ­land zum Thea­ter­kanon, wie Ilia erzählt. Dabei wider­spricht die Ästhetik von Brecht eigent­lich der Sta­nis­lavskij-Methode. Denn im Gegen­satz zur Ein­füh­lung und Iden­ti­fi­ka­tion der Schauspieler_innen ver­folgte Brecht den Ansatz, eine Distanz zwi­schen Darsteller_in und dem Gezeigten, aber auch zum Publikum zu erzeugen. Diese Span­nung spie­gelt sich in den Insze­nie­rungen des Thea­ters. Details zur Methode der Russ­kaja Scena kann Ilia nicht preis­geben. „Das ist Sache der künst­le­ri­schen Lei­tung“, meint er grin­send. Inna konnte ihren Wunsch, Die jüdi­sche Frau zu insze­nieren, an einem Vor­läu­fer­standort der Rus­si­schen Bühne in Berlin ver­wirk­li­chen. Nach der ersten Auf­füh­rung formte sich dann nach und nach die Rus­si­sche Bühne, die 2006 anfing, regel­mä­ßige Vor­stel­lungen im Film­theater am Stein­platz zu geben. Nach Que­relen durch neue behörd­liche Auf­lagen musste sie dort aller­dings aus­ziehen und lan­dete so schließ­lich an der Kur­fürs­ten­straße. Die Corona-Krise ist nicht die erste Situa­tion, in der die Russ­kaja Scena in Schwie­rig­keiten gerät. Das Haus ist regel­mäßig von Was­ser­schäden betroffen, einmal gab es sogar einen Brand. „Wir haben schon viel erlebt, aber noch nicht alles“, kom­men­tiert Ilia verschmitzt.

 

Einige Tage nach der Probe ver­deckt der dicke Vor­hang wieder die Fenster des Thea­ters. Nur ein Fuß, der einen High Heel trägt, ist zu sehen. Er steht auf einer Leiter und streckt sich – die Person greift nach den Kos­tümen. Die Russ­kaja Scena hofft, in diesem Jahr wieder ihre Stücke auf­führen zu können. Bei einer Vor­stel­lung finden bis zu 40 Zuschauer_innen Platz. Das Publikum ist dabei sehr ver­schieden. „Ein­wan­derer aus Groß­städten, für die es zum Alltag gehört, ins Theater zu gehen. Auch junge Leute, die mit Russ_innen ver­hei­ratet sind oder Leute, die sich gene­rell für die rus­si­sche Kultur inter­es­sieren. Aber auch viele Krea­tive und Intel­lek­tu­elle“, erzählt Ilia. „Und wenn coro­na­kon­former Abstand ein­ge­halten wird?“ „Dann brau­chen wir gar nicht erst auf­ma­chen, das würde sich nicht lohnen.“