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„Wir haben schon viel erlebt, aber nicht alles“

Posted on 1. Dezember 2020 by Fenja Loos
Die Russische Bühne, oder „Russkaja Scena" (russ. "Русская Сцена"), ist ein kleines, russisch-deutsches Theater in Berlin-Schöneberg. Es behauptet von sich selbst, das einzige professionelle russischsprachige Repertoiretheater außerhalb postsowjetischer Staaten zu sein. Unsere Reportage beleuchtet, was hinter diesem Konzept steckt und wie das kleine Theater die Corona-Krise durchlebt.

Wie die Russische Bühne durch die Corona-Krise kommt

Die Russische Bühne, oder Russkaja Scena (russ. "Русская Сцена"), ist ein kleines, russisch-deutsches Theater in Berlin-Schöneberg. Es behauptet von sich selbst, das einzige professionelle russischsprachige Repertoiretheater außerhalb von Russland zu sein. Unsere Reportage beleuchtet, was hinter diesem Konzept steckt und wie das kleine Theater die Corona-Krise durchlebt.

 

Unbeschriebene Blätter regnen auf die Frau in Schwarz herab. Barfuß wirbelt sie im Strudel des Papiers umher. Bundfaltenhose, ein Oberteil aus Samt, Frack und Zylinder erinnern gleichzeitig an Cabaret und Charlie Chaplin. Die Frau richtet ihren Gehstock auf das Publikum. Ihre raue Stimme poltert im Sprechgesang: „Und dort sehen wir jene kommen, denen er ihre Weiber genommen. Jetzt werden sie arisch gepaart, da hilft kein Fluchen und Klagen. Sie sind aus der Art geschlagen. Er schlägt sie zurück in die Art.“ Die Frau bricht in hysterisches Lachen aus, um dann langsam zu Boden zu sinken. So beginnt Die jüdische Frau von Bertolt Brecht. Die Frau ist Schauspielerin der Russkaja Scena, einem kleinen, hauptsächlich russischsprachigen Repertoiretheater im Norden von Berlin-Schöneberg. Die Szene ist Teil eines Videos, denn live kann man sich in der Russkaja Scena derzeit keine Aufführungen ansehen.

 

Es ist Juni 2020 und die Corona-Pandemie hat die Kulturszene in Berlin, wie an vielen Orten rund um den Globus, fest im Griff. An Theateraufführungen ist nicht zu denken, auch wenn die Lockdown-Beschränkungen langsam zurückgefahren werden. Ilia Gordon, Leiter des Theaters Russkaja Scena und des Vereins Interkulturelle Initiative e.V., kurz IKI, sieht das pragmatisch: „Krisenstimmung ist eine Einstellungssache. Wir mussten unsere Arbeit natürlich sehr stark umstellen. Im Normalbetrieb waren wir mit Unterricht und Proben die ganze Woche ausgelastet. Das ist jetzt in der Krise nicht der Fall. Der Unterricht für Kinder und Jugendliche liegt auf Eis, die Erwachsenen konnten einige Male via Zoom proben. Im Sommer hätten wir sonst eine Pause. Jetzt sind wir fast ununterbrochen im Theater und nutzen die Zeit für einen Sommerputz. Jede Krise hat auch ihre Chancen, das wird jetzt voll genutzt.“

 

Der Standort der Bühne lässt nicht unbedingt ein Theater vermuten, auch wenn „Русская Сцена – Russische Bühne“ groß über Tür und Fenstern angeschlagen ist. Sie befindet sich im Erdgeschoss eines breiten Plattenbaus, der wohl einmal gelb war. Gleich daneben liegt ein Durchgang, der unter der Platte durch von der großen Kreuzung der Urania und Kurfürstenstraße hin zu einem ruhigen, begrünten Innenhof führt. Die Fenster des Theaters sind mit einem dicken, silbergrauen Vorhang verhüllt, der durch seinen Glanz geradezu das Sonnenlicht reflektiert.

 

Strahlend hält Ilia die Tür der Russkaja Scena auf, das Haar grau-blond, fast Ton in Ton mit Shorts und T-Shirt. „Komm‘ wir gehen rein, die Tür ist offen!“ Im Theater ist überraschend viel los. Wo sonst die Stühle für das Publikum stehen würden, ist der Boden jetzt übersät mit Requisiten und Werkzeug. „Wir machen gerade eine große Aufräumaktion“, erklärt Ilia. Einige Schauspieler*innen sowie die Regisseurin und künstlerische Leiterin des Theaters, Inna Sokolova-Gordon, sind vertieft ins Sortieren, Schrauben und Wegwerfen. Sie blicken nur kurz auf und grüßen. „Wir müssen uns noch die Schuhe abwischen“, weist Ilia an und deutet auf einen feuchten Lappen, der auf dem Fußboden liegt. „Wegen Corona.“ Eine Maske trägt im Theater niemand. Zwischen Publikumsraum und dem hinteren Bereich, der gleichzeitig Lager und Technik beherbergt, steht eine rote Lederkombi aus zwei Sofas und einem großen Sessel. „Setz‘ dich, setz‘ dich, mach dir einfach Platz“, sagt Ilia einladend. Er zieht sich einen Stuhl heran und ruft Sasha, eine Schauspielerin dazu. Wir unterhalten uns kurz über die Stücke, die Ilia als Videoaufzeichnung zur Verfügung gestellt hat: Die Jüdische Frau von Brecht, Die Möwe von Čechov und Die Träume von Balzaminov von Ostrovskij – eine Auswahl, die das Repertoire der Bühne widerspiegelt, denn oft werden Dramen der bekanntesten russischen und deutschen Autor_innen aufgeführt. Einschränken lässt sich die Bandbreite der Russkaja Scena aber nicht darauf. Zum Repertoire gehören zum Beispiel auch die Bekenntnisse einer Maske, ein Stück, das auf dem gleichnamigen Roman des japanischen Autoren Yukio Mishima von 1949 basiert.

 

„In der Möwe habe ich auch mitgespielt.“, sagt Sasha. „Masha, richtig?“ „Ja genau!“, erwidert Sasha fröhlich. „Sasha, die Masha“, lacht Ilia, wohl ein Running Gag zwischen den beiden. Sasha ist seit etwa zwei Jahren Teil des Ensembles von rund 20 Personen. Auf die Russkaja Scena ist sie durch eine Internet-Recherche gestoßen. „Ich habe 18 Jahre in China gearbeitet und kam dann nach Berlin. In China hat es sich leider nie ergeben mit dem Theaterspielen. Ich habe dann einfach eine Mail an Ilia geschickt.“ Er steigt ein: „Genau, und ich habe gesagt: ‚Klar, komm vorbei‘.“ Und schon war Sasha Teil des Ensembles. Wie alle anderen Darsteller_innen der Russkaja Scena übt sie das Schauspielern neben ihrem Beruf aus. Was nicht heißt, dass sie weniger Energie in die Bühne investiert. „Das Theater ist nicht nur unser Hobby, sondern...“ Sasha überlegt kurz, um das passende Wort zu finden. „Es ist unser Leben.“ Es sind auch einige professionell ausgebildete Schauspieler_innen dabei. „Im Ensemble wachsen aber alle zusammen“, erklärt Ilia. Überhaupt seien sie alle irgendetwas zwischen Freundeskreis und Großfamilie.

 

Im Hintergrund wird gebohrt. „Wir alle tragen hier bei, womit wir können. Manche machen kleinere Bauarbeiten, andere nähen Kostüme“, erzählt Ilia. Um das Theater am Laufen zu halten, braucht es eine starke Motivation, die genug antreibt – auch unter widrigen Umständen. „Das ist die Begeisterung fürs Theater, die nicht nachlässt. Die meisten haben jetzt die volle Begeisterung fürs Putzen und fürs Proben entwickelt“, witzelt Ilia. „Teilweise verbringen unsere Schauspieler_innen gerade ganze Tage damit. Unsere Haupterrungenschaft ist dieses Team.“

 

Die Wände des Theaters sind großflächig mit gerahmten Urkunden behangen. „Das ist aber nur ein Bruchteil, es gibt noch so viel mehr“, lacht Ilia und etwas Stolz scheint unter seinem Dauergrinsen hervor. Zusammen mit Sasha zählt er die Länder auf, in denen die Russkaja Scena schon bei Theaterfestivals ausgezeichnet wurde: Russland natürlich, in Moskau, Sankt Petersburg und Pensa zum Beispiel. Usbekistan, Ukraine, Moldawien, Mazedonien, Estland. Sie waren sogar schon in Indien und den Vereinigten Arabischen Emiraten, mit einem Monodrama auf Russisch und Deutsch. Er sei gerade dabei, den Pressebericht vom Festival aus dem Arabischen ins Deutsche und Russische übersetzen zu lassen. Zu jeder Urkunde gibt es eine Anekdote. Überhaupt gibt es viele Geschichten und Ilia erzählt sie gerne. „In Weißrussland haben wir sogar eine extra Nominierung bekommen. Für die Aufrechterhaltung des klassischen russischen Theaters im Ausland. Mit einem Schauspieler, der Russisch nur mit Akzent spricht, einem Ensemble aus Berlin und dann auch noch in Weißrussland.“ Er lacht.

 

Aber die Russkaja Scena will mehr, oder, besser gesagt, etwas Anderes. Dafür fehlt jedoch die finanzielle Unterstützung, zum Beispiel von der Stadt Berlin. „Das ist das Schlimmste, Corona-Krise hin oder her“, meint Ilia. „Wir finden, dass Berlin mehr Projekte wie unseres unterstützen sollte. Es gibt uns schon seit über zehn Jahren, das schafft sonst kaum jemand. Wir sind gefragt und sind künstlerisch wie gesellschaftlich förderwürdig. Unser Theater könnte eine Keimzelle für ein richtig großes Projekt sein, ähnlich wie das Internationale Theater in Frankfurt. Da bezahlt die Stadt den Raum, die Projektmitarbeiter und immerhin die halbe Stelle eines Technikers. Wenn die Stadt Berlin sich dafür öffnen würde, könnten wir uns zum Beispiel vorstellen, dass unterschiedliche Gruppen in ihren Muttersprachen auftreten können und wir sie dabei unterstützen. Aber jetzt kämpfen wir immer ums Überleben. Das, was Inna macht, ist reine Selbstausbeutung.“

 

Am nächsten Tag findet im Theater eine Probe statt. Der dicke, silbergraue Vorhang, der die Russkaja Scena sonst von außen abschirmt, wird wohl gerade gewaschen. Zu sehen ist nun eine dicht gedrängte Reihe von Kostümen, die direkt hinter der Scheibe auf einer Kleiderstange unter der Decke hängen. Im Theater bereiten sich schon einige Schauspieler_innen auf die Probe vor. Es sind fast 30 Grad und in der kleinen Russkaja Scena ist es entsprechend warm. Durch eine geöffnete Tür hinter der Bühne dringt etwas Luft und leises Vogelgezwitscher, während in der kleinen Küche des Theaters ein Wasserkocher vor sich hin rauscht. Geprobt werden, über drei Stunden lang, einzelne Szenen aus Čechovs Der Kirschgarten. Inna, die künstlerische Leiterin, sitzt bereits im hinteren Bereich des Theaters. Auf die Bühne schaut sie durch ein Regal, in dem die Technik steht, wie durch ein Fenster. Nun soll es losgehen. „Devočka!“ - energisch ruft sie nach den noch fehlenden Schauspielerinnen.

 

Jede Szene wird mehrfach und in verschiedener Besetzung durchgeprobt. Das Ensemble beginnt mit einer Szene, die rund um das Gerippe eines Pavillons auf der Bühne stattfindet. Inna ist noch nicht zufrieden. Sie korrigiert Tanja, die die Hauptrolle in dieser Szene als erste spielt. Zunächst ruft die Regisseurin noch von hinten ihre Verbesserungen, dann geht sie selbst zur Bühne und macht vor, wie Betonung und Gestik genau aussehen sollen. Ihr silberblondes Haar, das zu einem lockeren Pferdeschwanz gebunden ist, fällt ihr immer wieder ins Gesicht, während sie mit ausladenden Bewegungen zeigt, was Tanja genau tun soll. Inna hat Theater an der Moskauer Universität für Kunst und Kultur studiert und dabei von einem der letzten Schüler des Theaterpioniers Konstantin Stanislavskij gelernt. Die Stanislavskij-Methode gilt als Grundlage für das, was heute oft als ‚Method Acting‘ bezeichnet wird, also das Einfühlen der Schauspieler_innen in ihre Rolle, bis hin zur völligen Identifikation.

 

Die Russkaja Scena entstand aus Innas Wunsch, endlich wieder etwas zu inszenieren, am liebsten Die jüdische Frau von Brecht. Tatsächlich gehören Stücke von Bertolt Brecht in Russland zum Theaterkanon, wie Ilia erzählt. Dabei widerspricht die Ästhetik von Brecht eigentlich der Stanislavskij-Methode. Denn im Gegensatz zur Einfühlung und Identifikation der Schauspieler_innen verfolgte Brecht den Ansatz, eine Distanz zwischen Darsteller_in und dem Gezeigten, aber auch zum Publikum zu erzeugen. Diese Spannung spiegelt sich in den Inszenierungen des Theaters. Details zur Methode der Russkaja Scena kann Ilia nicht preisgeben. „Das ist Sache der künstlerischen Leitung“, meint er grinsend. Inna konnte ihren Wunsch, Die jüdische Frau zu inszenieren, an einem Vorläuferstandort der Russischen Bühne in Berlin verwirklichen. Nach der ersten Aufführung formte sich dann nach und nach die Russische Bühne, die 2006 anfing, regelmäßige Vorstellungen im Filmtheater am Steinplatz zu geben. Nach Querelen durch neue behördliche Auflagen musste sie dort allerdings ausziehen und landete so schließlich an der Kurfürstenstraße. Die Corona-Krise ist nicht die erste Situation, in der die Russkaja Scena in Schwierigkeiten gerät. Das Haus ist regelmäßig von Wasserschäden betroffen, einmal gab es sogar einen Brand. „Wir haben schon viel erlebt, aber noch nicht alles“, kommentiert Ilia verschmitzt.

 

Einige Tage nach der Probe verdeckt der dicke Vorhang wieder die Fenster des Theaters. Nur ein Fuß, der einen High Heel trägt, ist zu sehen. Er steht auf einer Leiter und streckt sich – die Person greift nach den Kostümen. Die Russkaja Scena hofft, in diesem Jahr wieder ihre Stücke aufführen zu können. Bei einer Vorstellung finden bis zu 40 Zuschauer_innen Platz. Das Publikum ist dabei sehr verschieden. „Einwanderer aus Großstädten, für die es zum Alltag gehört, ins Theater zu gehen. Auch junge Leute, die mit Russ_innen verheiratet sind oder Leute, die sich generell für die russische Kultur interessieren. Aber auch viele Kreative und Intellektuelle“, erzählt Ilia. „Und wenn coronakonformer Abstand eingehalten wird?“ „Dann brauchen wir gar nicht erst aufmachen, das würde sich nicht lohnen.“

„Wir haben schon viel erlebt, aber nicht alles“ – novinki
Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

„Wir haben schon viel erlebt, aber nicht alles“

Wie die Rus­si­sche Bühne durch die Corona-Krise kommt

Die Rus­si­sche Bühne, oder Russ­kaja Scena (russ. “Русская Сцена”), ist ein kleines, rus­sisch-deut­sches Theater in Berlin-Schö­ne­berg. Es behauptet von sich selbst, das ein­zige pro­fes­sio­nelle rus­sisch­spra­chige Reper­toire­theater außer­halb von Russ­land zu sein. Unsere Repor­tage beleuchtet, was hinter diesem Kon­zept steckt und wie das kleine Theater die Corona-Krise durchlebt.

 

Unbe­schrie­bene Blätter regnen auf die Frau in Schwarz herab. Barfuß wir­belt sie im Strudel des Papiers umher. Bund­fal­ten­hose, ein Ober­teil aus Samt, Frack und Zylinder erin­nern gleich­zeitig an Cabaret und Charlie Chaplin. Die Frau richtet ihren Geh­stock auf das Publikum. Ihre raue Stimme pol­tert im Sprech­ge­sang: „Und dort sehen wir jene kommen, denen er ihre Weiber genommen. Jetzt werden sie arisch gepaart, da hilft kein Flu­chen und Klagen. Sie sind aus der Art geschlagen. Er schlägt sie zurück in die Art.“ Die Frau bricht in hys­te­ri­sches Lachen aus, um dann langsam zu Boden zu sinken. So beginnt Die jüdi­sche Frau von Ber­tolt Brecht. Die Frau ist Schau­spie­lerin der Russ­kaja Scena, einem kleinen, haupt­säch­lich rus­sisch­spra­chigen Reper­toire­theater im Norden von Berlin-Schö­ne­berg. Die Szene ist Teil eines Videos, denn live kann man sich in der Russ­kaja Scena der­zeit keine Auf­füh­rungen ansehen.

 

Es ist Juni 2020 und die Corona-Pan­demie hat die Kul­tur­szene in Berlin, wie an vielen Orten rund um den Globus, fest im Griff. An Thea­ter­auf­füh­rungen ist nicht zu denken, auch wenn die Lock­down-Beschrän­kungen langsam zurück­ge­fahren werden. Ilia Gordon, Leiter des Thea­ters Russ­kaja Scena und des Ver­eins Inter­kul­tu­relle Initia­tive e.V., kurz IKI, sieht das prag­ma­tisch: „Kri­sen­stim­mung ist eine Ein­stel­lungs­sache. Wir mussten unsere Arbeit natür­lich sehr stark umstellen. Im Nor­mal­be­trieb waren wir mit Unter­richt und Proben die ganze Woche aus­ge­lastet. Das ist jetzt in der Krise nicht der Fall. Der Unter­richt für Kinder und Jugend­liche liegt auf Eis, die Erwach­senen konnten einige Male via Zoom proben. Im Sommer hätten wir sonst eine Pause. Jetzt sind wir fast unun­ter­bro­chen im Theater und nutzen die Zeit für einen Som­mer­putz. Jede Krise hat auch ihre Chancen, das wird jetzt voll genutzt.“

 

Der Standort der Bühne lässt nicht unbe­dingt ein Theater ver­muten, auch wenn „Русская Сцена – Rus­si­sche Bühne“ groß über Tür und Fens­tern ange­schlagen ist. Sie befindet sich im Erd­ge­schoss eines breiten Plat­ten­baus, der wohl einmal gelb war. Gleich daneben liegt ein Durch­gang, der unter der Platte durch von der großen Kreu­zung der Urania und Kur­fürs­ten­straße hin zu einem ruhigen, begrünten Innenhof führt. Die Fenster des Thea­ters sind mit einem dicken, sil­ber­grauen Vor­hang ver­hüllt, der durch seinen Glanz gera­dezu das Son­nen­licht reflektiert.

 

Strah­lend hält Ilia die Tür der Russ­kaja Scena auf, das Haar grau-blond, fast Ton in Ton mit Shorts und T‑Shirt. „Komm‘ wir gehen rein, die Tür ist offen!“ Im Theater ist über­ra­schend viel los. Wo sonst die Stühle für das Publikum stehen würden, ist der Boden jetzt übersät mit Requi­siten und Werk­zeug. „Wir machen gerade eine große Auf­räum­ak­tion“, erklärt Ilia. Einige Schauspieler*innen sowie die Regis­seurin und künst­le­ri­sche Lei­terin des Thea­ters, Inna Sokolova-Gordon, sind ver­tieft ins Sor­tieren, Schrauben und Weg­werfen. Sie bli­cken nur kurz auf und grüßen. „Wir müssen uns noch die Schuhe abwi­schen“, weist Ilia an und deutet auf einen feuchten Lappen, der auf dem Fuß­boden liegt. „Wegen Corona.“ Eine Maske trägt im Theater nie­mand. Zwi­schen Publi­kums­raum und dem hin­teren Bereich, der gleich­zeitig Lager und Technik beher­bergt, steht eine rote Leder­kombi aus zwei Sofas und einem großen Sessel. „Setz‘ dich, setz‘ dich, mach dir ein­fach Platz“, sagt Ilia ein­la­dend. Er zieht sich einen Stuhl heran und ruft Sasha, eine Schau­spie­lerin dazu. Wir unter­halten uns kurz über die Stücke, die Ilia als Video­auf­zeich­nung zur Ver­fü­gung gestellt hat: Die Jüdi­sche Frau von Brecht, Die Möwe von Čechov und Die Träume von Balz­a­minov von Ost­rovskij – eine Aus­wahl, die das Reper­toire der Bühne wider­spie­gelt, denn oft werden Dramen der bekann­testen rus­si­schen und deut­schen Autor_innen auf­ge­führt. Ein­schränken lässt sich die Band­breite der Russ­kaja Scena aber nicht darauf. Zum Reper­toire gehören zum Bei­spiel auch die Bekennt­nisse einer Maske, ein Stück, das auf dem gleich­na­migen Roman des japa­ni­schen Autoren Yukio Mishima von 1949 basiert.

 

„In der Möwe habe ich auch mit­ge­spielt.“, sagt Sasha. „Masha, richtig?“ „Ja genau!“, erwi­dert Sasha fröh­lich. „Sasha, die Masha“, lacht Ilia, wohl ein Run­ning Gag zwi­schen den beiden. Sasha ist seit etwa zwei Jahren Teil des Ensem­bles von rund 20 Per­sonen. Auf die Russ­kaja Scena ist sie durch eine Internet-Recherche gestoßen. „Ich habe 18 Jahre in China gear­beitet und kam dann nach Berlin. In China hat es sich leider nie ergeben mit dem Thea­ter­spielen. Ich habe dann ein­fach eine Mail an Ilia geschickt.“ Er steigt ein: „Genau, und ich habe gesagt: ‚Klar, komm vorbei‘.“ Und schon war Sasha Teil des Ensem­bles. Wie alle anderen Darsteller_innen der Russ­kaja Scena übt sie das Schau­spie­lern neben ihrem Beruf aus. Was nicht heißt, dass sie weniger Energie in die Bühne inves­tiert. „Das Theater ist nicht nur unser Hobby, son­dern…“ Sasha über­legt kurz, um das pas­sende Wort zu finden. „Es ist unser Leben.“ Es sind auch einige pro­fes­sio­nell aus­ge­bil­dete Schauspieler_innen dabei. „Im Ensemble wachsen aber alle zusammen“, erklärt Ilia. Über­haupt seien sie alle irgend­etwas zwi­schen Freun­des­kreis und Großfamilie.

 

Im Hin­ter­grund wird gebohrt. „Wir alle tragen hier bei, womit wir können. Manche machen klei­nere Bau­ar­beiten, andere nähen Kos­tüme“, erzählt Ilia. Um das Theater am Laufen zu halten, braucht es eine starke Moti­va­tion, die genug antreibt – auch unter wid­rigen Umständen. „Das ist die Begeis­te­rung fürs Theater, die nicht nach­lässt. Die meisten haben jetzt die volle Begeis­te­rung fürs Putzen und fürs Proben ent­wi­ckelt“, wit­zelt Ilia. „Teil­weise ver­bringen unsere Schauspieler_innen gerade ganze Tage damit. Unsere Haupter­run­gen­schaft ist dieses Team.“

 

Die Wände des Thea­ters sind groß­flä­chig mit gerahmten Urkunden behangen. „Das ist aber nur ein Bruch­teil, es gibt noch so viel mehr“, lacht Ilia und etwas Stolz scheint unter seinem Dau­er­g­rinsen hervor. Zusammen mit Sasha zählt er die Länder auf, in denen die Russ­kaja Scena schon bei Thea­ter­fes­ti­vals aus­ge­zeichnet wurde: Russ­land natür­lich, in Moskau, Sankt Peters­burg und Pensa zum Bei­spiel. Usbe­ki­stan, Ukraine, Mol­da­wien, Maze­do­nien, Est­land. Sie waren sogar schon in Indien und den Ver­ei­nigten Ara­bi­schen Emi­raten, mit einem Mono­drama auf Rus­sisch und Deutsch. Er sei gerade dabei, den Pres­se­be­richt vom Fes­tival aus dem Ara­bi­schen ins Deut­sche und Rus­si­sche über­setzen zu lassen. Zu jeder Urkunde gibt es eine Anek­dote. Über­haupt gibt es viele Geschichten und Ilia erzählt sie gerne. „In Weiß­russ­land haben wir sogar eine extra Nomi­nie­rung bekommen. Für die Auf­recht­erhal­tung des klas­si­schen rus­si­schen Thea­ters im Aus­land. Mit einem Schau­spieler, der Rus­sisch nur mit Akzent spricht, einem Ensemble aus Berlin und dann auch noch in Weiß­russ­land.“ Er lacht.

 

Aber die Russ­kaja Scena will mehr, oder, besser gesagt, etwas Anderes. Dafür fehlt jedoch die finan­zi­elle Unter­stüt­zung, zum Bei­spiel von der Stadt Berlin. „Das ist das Schlimmste, Corona-Krise hin oder her“, meint Ilia. „Wir finden, dass Berlin mehr Pro­jekte wie unseres unter­stützen sollte. Es gibt uns schon seit über zehn Jahren, das schafft sonst kaum jemand. Wir sind gefragt und sind künst­le­risch wie gesell­schaft­lich för­der­würdig. Unser Theater könnte eine Keim­zelle für ein richtig großes Pro­jekt sein, ähn­lich wie das Inter­na­tio­nale Theater in Frank­furt. Da bezahlt die Stadt den Raum, die Pro­jekt­mit­ar­beiter und immerhin die halbe Stelle eines Tech­ni­kers. Wenn die Stadt Berlin sich dafür öffnen würde, könnten wir uns zum Bei­spiel vor­stellen, dass unter­schied­liche Gruppen in ihren Mut­ter­spra­chen auf­treten können und wir sie dabei unter­stützen. Aber jetzt kämpfen wir immer ums Über­leben. Das, was Inna macht, ist reine Selbstausbeutung.“

 

Am nächsten Tag findet im Theater eine Probe statt. Der dicke, sil­ber­graue Vor­hang, der die Russ­kaja Scena sonst von außen abschirmt, wird wohl gerade gewa­schen. Zu sehen ist nun eine dicht gedrängte Reihe von Kos­tümen, die direkt hinter der Scheibe auf einer Klei­der­stange unter der Decke hängen. Im Theater bereiten sich schon einige Schauspieler_innen auf die Probe vor. Es sind fast 30 Grad und in der kleinen Russ­kaja Scena ist es ent­spre­chend warm. Durch eine geöff­nete Tür hinter der Bühne dringt etwas Luft und leises Vogel­ge­zwit­scher, wäh­rend in der kleinen Küche des Thea­ters ein Was­ser­ko­cher vor sich hin rauscht. Geprobt werden, über drei Stunden lang, ein­zelne Szenen aus Čechovs Der Kirsch­garten. Inna, die künst­le­ri­sche Lei­terin, sitzt bereits im hin­teren Bereich des Thea­ters. Auf die Bühne schaut sie durch ein Regal, in dem die Technik steht, wie durch ein Fenster. Nun soll es los­gehen. „Devočka!“ – ener­gisch ruft sie nach den noch feh­lenden Schauspielerinnen.

 

Jede Szene wird mehr­fach und in ver­schie­dener Beset­zung durch­ge­probt. Das Ensemble beginnt mit einer Szene, die rund um das Gerippe eines Pavil­lons auf der Bühne statt­findet. Inna ist noch nicht zufrieden. Sie kor­ri­giert Tanja, die die Haupt­rolle in dieser Szene als erste spielt. Zunächst ruft die Regis­seurin noch von hinten ihre Ver­bes­se­rungen, dann geht sie selbst zur Bühne und macht vor, wie Beto­nung und Gestik genau aus­sehen sollen. Ihr sil­ber­blondes Haar, das zu einem lockeren Pfer­de­schwanz gebunden ist, fällt ihr immer wieder ins Gesicht, wäh­rend sie mit aus­la­denden Bewe­gungen zeigt, was Tanja genau tun soll. Inna hat Theater an der Mos­kauer Uni­ver­sität für Kunst und Kultur stu­diert und dabei von einem der letzten Schüler des Thea­ter­pio­niers Kon­stantin Sta­nis­lavskij gelernt. Die Sta­nis­lavskij-Methode gilt als Grund­lage für das, was heute oft als ‚Method Acting‘ bezeichnet wird, also das Ein­fühlen der Schauspieler_innen in ihre Rolle, bis hin zur völ­ligen Identifikation.

 

Die Russ­kaja Scena ent­stand aus Innas Wunsch, end­lich wieder etwas zu insze­nieren, am liebsten Die jüdi­sche Frau von Brecht. Tat­säch­lich gehören Stücke von Ber­tolt Brecht in Russ­land zum Thea­ter­kanon, wie Ilia erzählt. Dabei wider­spricht die Ästhetik von Brecht eigent­lich der Sta­nis­lavskij-Methode. Denn im Gegen­satz zur Ein­füh­lung und Iden­ti­fi­ka­tion der Schauspieler_innen ver­folgte Brecht den Ansatz, eine Distanz zwi­schen Darsteller_in und dem Gezeigten, aber auch zum Publikum zu erzeugen. Diese Span­nung spie­gelt sich in den Insze­nie­rungen des Thea­ters. Details zur Methode der Russ­kaja Scena kann Ilia nicht preis­geben. „Das ist Sache der künst­le­ri­schen Lei­tung“, meint er grin­send. Inna konnte ihren Wunsch, Die jüdi­sche Frau zu insze­nieren, an einem Vor­läu­fer­standort der Rus­si­schen Bühne in Berlin ver­wirk­li­chen. Nach der ersten Auf­füh­rung formte sich dann nach und nach die Rus­si­sche Bühne, die 2006 anfing, regel­mä­ßige Vor­stel­lungen im Film­theater am Stein­platz zu geben. Nach Que­relen durch neue behörd­liche Auf­lagen musste sie dort aller­dings aus­ziehen und lan­dete so schließ­lich an der Kur­fürs­ten­straße. Die Corona-Krise ist nicht die erste Situa­tion, in der die Russ­kaja Scena in Schwie­rig­keiten gerät. Das Haus ist regel­mäßig von Was­ser­schäden betroffen, einmal gab es sogar einen Brand. „Wir haben schon viel erlebt, aber noch nicht alles“, kom­men­tiert Ilia verschmitzt.

 

Einige Tage nach der Probe ver­deckt der dicke Vor­hang wieder die Fenster des Thea­ters. Nur ein Fuß, der einen High Heel trägt, ist zu sehen. Er steht auf einer Leiter und streckt sich – die Person greift nach den Kos­tümen. Die Russ­kaja Scena hofft, in diesem Jahr wieder ihre Stücke auf­führen zu können. Bei einer Vor­stel­lung finden bis zu 40 Zuschauer_innen Platz. Das Publikum ist dabei sehr ver­schieden. „Ein­wan­derer aus Groß­städten, für die es zum Alltag gehört, ins Theater zu gehen. Auch junge Leute, die mit Russ_innen ver­hei­ratet sind oder Leute, die sich gene­rell für die rus­si­sche Kultur inter­es­sieren. Aber auch viele Krea­tive und Intel­lek­tu­elle“, erzählt Ilia. „Und wenn coro­na­kon­former Abstand ein­ge­halten wird?“ „Dann brau­chen wir gar nicht erst auf­ma­chen, das würde sich nicht lohnen.“