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Der Zerfall des Atoms - textueller Suizid eines Nihilisten auf Gottessuche

Posted on 1. Februar 2010 by Lennart Wolff
1937 in Paris verfasst, spiegelt sich im "Zerfall des Atoms" wie wohl in keinem anderen Werk der russischen Literatur die existentielle Zerrissenheit eines Dichters im Exil wider, der sich im intellektuellen Klima der Vorkriegszeit auf die verzweifelte Suche nach Sinn, Realität und Wahrheit begibt.

Raspad atoma (dt. Der Zerfall des Atoms) – hinter diesem Titel verbirgt sich ein Stück russischer Exilliteratur, das hierzulande bisher ebenso unbekannt geblieben ist, wie dessen Autor. Es handelt sich um Georgij Vladimirovič Ivanov, einen Petrograder Lyriker, der vor seinem Eintritt in die akmeistische 'Dichterzunft' den Ego-Futuristen nahestand, und 1922 wie viele andere Mitglieder der russischen Intelligenzija infolge des Bürgerkriegs sein Heimatland verließ. Im Pariser Exil als erfolgloser Dichter ein ärmliches Dasein fristend, zunehmend in Depression und Alkoholismus versunken, verfasste Ivanov 1937 das besagte Werk, das seinen eigenen geistigen Verfall widerzuspiegeln scheint. Tiefer Zynismus und Lebensekel angesichts der "unmenschlichen Anmut und beseelten Grässlichkeit der Welt", abgelöst von trübseligem Schwelgen in lichten und schmerzvollen Erinnerungen an eine vergangene Liebe; infantil-märchenhafte Tiergeschichten neben fieberhaften Vergewaltigungs- und Mordgelüsten; Fragen nach der Daseinsberechtigung von Kunst und Literatur sowie voyeuristische Schilderungen von Szenen in Pariser Pissoirs – all dies und einiges mehr fügt sich zusammen zu einem verstörend-faszinierenden Panoptikum.

In Form eines geradezu bekenntnishaften Monologs, dessen Duktus an Gogol's Aufzeichnungen eines Wahnsinnigen und Dostoevskijs Aufzeichnungen aus dem Kellerloch erinnert, enthüllt der Erzähler die fatale Widersprüchlichkeit menschlicher Existenz in einer von Entfremdung und Sinnverlust heimgesuchten Welt. Wenngleich er die Entität einer 'ewigen Wahrheit' keinesfalls anzweifelt, verneint er nicht nur die Möglichkeit einer wahrhaftigen Abbildung der Realität durch Literatur und Fotografie, sondern darüber hinaus die Verlässlichkeit der Realität schlechthin. Die damit verbundene Unsicherheit gegenüber der eigenen subjektiven Wahrnehmung äußert sich in einer Gleichzeitigkeit gegensätzlicher Wirklichkeiten. So überlagern sich innerhalb der Narration oftmals verschiedene zeitliche Rahmen, Traum- und Alltagserleben, als auch real-historische und fiktive Ereignisse. Dieses vom Dichter selbst zeitlebens als „Talent des doppelten Sehens“ bezeichnete Prinzip wird ebenso in Ivanovs später Lyrik ein zentrales Motiv bilden. Zudem lässt sich jener janusköpfige Blick auf die Wirklichkeit vor einem wissenschaftsgeschichtlichen Hintergrund betrachten. Infolge bahnbrechender Erkenntnisse innerhalb der Quantentheorie sieht sich die Physik in den 1930er Jahren vor das Problem gestellt, dass in einem mikrophysikalischen System Phänomene gemessen werden können, die auf die Makrowelt übertragen undenkbar sind. Die paradoxe Einsicht, dass den Atomen sowohl eine Teilchen- als auch eine Welleneigenschaft innewohne, dass die kleinsten Bausteine der Materie im Zerfall begriffen seien, führt zu einem radikalen Wandel im damaligen Realitätsverständnis.

Durch das Verwirrspiel widersprüchlicher Wahrnehmungen täuscht Ivanov äußerst raffiniert darüber hinweg, dass sein Werk, welches er selbst als „lyrisches Prosa-Poem“ bezeichnet, in seiner Komposition sehr wohl auf Gesetzmäßigkeiten beruht, die aufgrund ihrer Komplexität erst bei genauerer Lektüre augenfällig werden. Obgleich nicht metrisch organisiert, lässt der Text doch einige lyrische Strukturen erkennen. Auch dominiert hinsichtlich der Personen eine für die Lyrik charakteristische Polysemantik. So wird das 'Du', dessen Abwesenheit für den Erzähler das Drama seines 'Ichs' darstellt, in verschiedener Gestalt heraufbeschworen - in Gestalt der ehemaligen Geliebten, der mythologischen Figur der Psyche, der eines toten vergewaltigten Mädchens, in Gestalt der Kunst, des Lebens, Gottes oder des Sinns der Existenz.

Ein besonderes Merkmal der ideellen und emotionalen 'Orchestrierung' des Erzählens ist wiederum das dynamische Wechselspiel verschiedener Textmotive, eine  Technik, die an ein musikalisches Verfahren der Symphonik, die so genannte 'motivisch-thematische Arbeit' erinnert: Auf die dramatische Auseinandersetzung zweier kontrastierender Motive folgt deren Ineinanderfließen, aus dem sich schließlich ein gänzlich neues Motiv formt.

Ähnliches vollzieht sich, wenn Ivanov in Form von Zitaten und Paraphrasierungen Reminiszenzen an Werke unterschiedlicher literarischer Epochen gegeneinander laufen lässt:

"Es scheint ihr (der Seele), als verdorre nach und nach alles, was ihr einst Leben spendete. Es scheint ihr, als verdorre sie selbst. Sie ist unfähig zu schweigen und hat verlernt zu sprechen. Und krampfgeschüttelt blökt sie, wie eine Taubstumme, die anstößige Fratzen schneidet. 'Georgiens Hügel ruh'n in schummeriger Nacht' – will sie klangvoll, feierlich aussprechen, dem Schöpfer und sich selbst zum Preise. Und mit einem Widerwillen, der dem Entzücken gleicht, murmelt sie fluchend hinter dem metaphysischen Gitterzaun irgendein ,dyr bul ščyl ubešščur'."

Zwei russische Dichter, deren literarisches Wirken zweihundert Jahre trennen, erscheinen hier als Vertreter konträrer philosophisch-ästhetischer Konzeptionen: Puškin als Symbol für dichterische Harmonie und Anmut auf der unzugänglichen Seite des 'metaphysischen Gitterzauns', auf der anderen Kručenych, Sinnbild für das 'transmentale Chaos' der futuristischen 'Antikunst'.

Die Entstehungszeit des Werks fällt in ein Jahr, das die Welt mit angehaltenem Atem erlebt.: 1937. In der Sowjetunion hat der Terror seinen Höhepunkt erreicht, in Europa beobachtet man mit großer Besorgnis die weltpolitische Entwicklung. Immer deutlicher werden die Anzeichen für einen neuen Krieg von unabsehbarem Ausmaß. Ebenso wie die sich gegenüber stehenden Motive des Lebens und des Traums sind im Bewusstsein des Erzählers „die Geschichte (s)einer Seele und die Geschichte der Welt“ untrennbar ineinander verflochten, wodurch das Empfinden der Absurdität von der Ebene der eigenen Existenz auf eine universale Ebene transponiert wird. Der aus diesem Empfinden gespeiste Lebensekel geht beim Erzähler immer wieder in ein desillusioniertes Sich-Aufbäumen gegen die „alles verschlingende Grässlichkeit der Welt“ über, eine Haltung, die eine Nähe zu existenzialistischen Konzeptionen erkennen lässt. Nicht umsonst bezeichnet der befreundete Schriftsteller Roman Gul’ Ivanov als „den einzigen existenzialistischen Dichter unserer Literatur“. In Bezug auf den 'Lebensekel' fällt besonders eine thematische Parallele zu Jean-Paul Sartres Roman La nausée ins Auge. Im Gegensatz zu Sartres Protagonist Antoine Roquentin glaubt Ivanovs lyrisches Ich allerdings nicht an einen „Trost durch erdichtete Schönheit“, sondern reagiert mit zerstörerischem Zynismus, indem er – auch wenn sich dies lediglich in seiner Imagination abzuspielen scheint – einen besinnungslosen Mord an einer Pariser Prostituierten begeht, und schließlich die monströse Logik des Absurden an ihre absolute Grenze führt: Der Selbstmord wird zum einzigen Mittel, um der Widersprüchlichkeit des menschlichen Dahindämmerns zu entkommen.

Ebenjene Widersprüchlichkeit scheint sich auch im literarischen Schaffen des Autors selbst niederzuschlagen: Während er in Raspad atoma die moralischen und philosophischen Suchen einer humanistischen Tradition der russischen Literatur fortführt, bricht er gleichzeitig mit deren Illusionen und den „verwelkten Ideen der Welt“. Trotz seines unerbittlichen Nihilismus empfindet Ivanov seinen Schmerz als einen „Teil des göttlichen Wesens“, und unternimmt den verzweifelten Versuch „durch das Chaos des Widerspruchs zur ewigen Wahrheit vorzudringen, wenn auch nur zu deren blassem Abglanz.“ In einem Brief an Vladimir Markov aus dem Jahre 1957 schreibt Ivanov gar, er betrachte den Inhalt seines Poems als zutiefst religiös.

Interessanterweise wird Raspad atoma im selben Jahr wie Sartres Roman publiziert, nämlich 1938, wenn auch in einer erheblich geringeren Auflage von nur knapp 200 Exemplaren. In russischen Exilschriftstellerkreisen ruft Ivanovs Prosa-Poem zudem äußerst gegensätzliche Reaktionen hervor. Nur wenige zeitgenössische Kritiker bemerken seine literarische Originalität und Bedeutsamkeit, wie etwa das symbolistische 'Dreiergespann' Merežkovskij – Gippius – Zlobin. So bezeichnet Merežkovskij Ivanovs Werk als „genial“, Gippius betont, dieses wolle keine Literatur sein, mehr noch gehe es über die Grenzen der Literatur hinaus, und Zlobin konstatiert, Raspad atoma sei „sehr zeitgenössisch und für uns, die Menschen der 30er Jahre unseres Jahrhunderts, unendlich wichtig.“
Mit besonderer Geringschätzung hingegen reagiert ein gewisser Vladimir Sirin (alias Nabokov), der das Werk aufgrund seiner „dilettantischen Gottessuche und banalen Pissoirbeschreibungen“ als „schlichtweg schlecht“ bezeichnet, ja abschätzig hinzufügt, „Ivanov hätte sich besser niemals an der Prosa versuchen sollen“. Ähnlich negativ fällt auch das Urteil des Schriftstellers Vladislav Chodasevič aus, dessen vernichtende Kritik unter den emigrierten Schriftstellern letztlich eine "stille Übereinkunft des Schweigens“ zur Folge hat.

Dieses Schweigen soll denn auch mehr als ein halbes Jahrhundert andauern. Erst 1994 wird Raspad atoma gemeinsam mit Ivanovs Gesamtwerk in Russland veröffentlicht. Die einzige Übersetzung in eine andere europäische Sprache erfolgt im Jahre 2004 durch den italienischen Slawisten S. Guagnelli (La disintegrazione dell’atomo). 2005 erscheint auf dem russischen Fernsehsender Telekanal Kul’tura ein dokumentarischer Beitrag von Il’ja Lajner, der sich erstmals filmisch dem Leben und dichterischen Wirken Ivanovs widmet, und dessen Titel - Georgij Ivanov. Raspad atoma – sich auf das nämliche Werk bezieht.

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Buchcover U-Faktorija, 2007.

Nicht nur um Raspad atoma in einem Zeitgeist-Kontext zu verorten, sondern vor allem, um den kaum bemerkten genialen Coup zu begreifen, der sich in Ivanovs umstrittenen Werk verbirgt, lohnt es, folgenden Hintergrund zu betrachten:
1924 diagnostiziert der französische Literaturkritiker Marcel Arland eine "neue Krankheit des Jahrhunderts", an welcher der Nachkriegsintellektuelle leide, eine Krankheit, die von Paul Valery bereits 1919 als Phänomen des in einer geistigen Krise befindlichen "europäischen Hamlets" benannt worden ist. Die Glaubwürdigkeit einer Literatur, die Anspruch auf eine wahrhaftige Verbindung zur Wirklichkeit erhebt, scheint in Frage gestellt. Angesichts dieser Sinnkrise entwickeln in den frühen 30er Jahren Georgij Adamovič und andere Schriftsteller der 'Pariser Note' ein poetologisches Konzept, welches 'literarische Fiktion' durch eine Schreibweise ersetzt, die das Verfassen eines in seiner Subjektivität evidenten 'menschlichen Schriftstücks' ermöglichen soll. Dieses Konzept, das an die bereits in den 70er Jahren des 19. Jahrhundert von Edmond de Goncourt geprägte Idee des 'document humain' anknüpft, fordert eine Literatur, die auf traditionelle ästhetische Ideale zugunsten einer ehrlichen Reflektion der modernen conditio humana verzichtet. Der deutliche Akzent auf Authentizität bedingt dabei eine Unterordnung formaler unter inhaltliche Aspekte, und rechtfertigt sowohl 'Unzulänglichkeiten' auf der stilistischen Ebene, als auch einen beizeiten 'anti-literarischen' Sprachgebrauch, der vor obszönen und fäkalen Ausdrücken nicht zurückschreckt. Eine „zuverlässige literarische Form“ soll sich zudem ausschließlich aus einer Beschreibung dessen konstituieren, was innerhalb der Sphäre des vom Autor selbst Gesehenen, Wahrgenommenen, Erlebten liege. Hinter dieser subjektiv-dokumentarischen Motivation steht das Bedürfnis, den Eindruck der Künstlichkeit eines konstruierten Textes zu vermeiden, und durch eine Annäherung literarischer Verfahren an das Wesen der Fotografie einen Effekt von 'Wahrhaftigkeit zu erreichen.

Ebendieser Diskurs ist es, der sich in Raspad atoma niederschlägt. Da Ivanov, während er vermeintlich an poetologischen Verfahren des 'menschlichen Schriftstücks' im Sinne der 'Pariser Note' festhält, das vom nämlichen Konzept angestrebte Ideal der 'Wahrhaftigkeit' vehement negiert, ist der Duktus in Raspad atoma als der eines 'agent provocateur' zu sehen. Indem Ivanov darüber hinaus jene Puškin'sche Ästhetik, der er sich vormals verschrieben hatte, in den Schmutz zieht, gibt er sich selbst, sowie seinem gesamten vorherigen literarischen Schaffen buchstäblich 'die Kugel'. In Ivanovs Erzähler manifestiert sich der geistige Verfall eines 'europäischen Hamlets', der angesichts des inneren Widerspruchs der Idee einer 'wahrhaftigen Literatur' in teuflisches Gelächter ausbricht.

 

Иванов, Георгий: Собрание сочинений в 3  томах. Том 2: проза. Из-во: "Согласие".  Москва, 1994.
Dieses Buch wird mittlerweile nicht mehr für den Buchhandel gedruckt, einzelne Drucke können beim Verlag bestellt werden.

Иванов, Георгий: Стихи, Проза. Из-во: "У- Фактория". Серия: "Русская поэзия".  Екатеринбург, 2007.

Der Zerfall des Atoms - textueller Suizid eines Nihilisten auf Gottessuche – novinki
Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Der Zer­fall des Atoms – tex­tu­eller Suizid eines Nihi­listen auf Gottessuche

Raspad atoma (dt. Der Zer­fall des Atoms) – hinter diesem Titel ver­birgt sich ein Stück rus­si­scher Exil­li­te­ratur, das hier­zu­lande bisher ebenso unbe­kannt geblieben ist, wie dessen Autor. Es han­delt sich um Georgij Vla­di­mi­rovič Ivanov, einen Petro­grader Lyriker, der vor seinem Ein­tritt in die akmeis­ti­sche ‘Dich­ter­zunft’ den Ego-Futu­risten nahe­stand, und 1922 wie viele andere Mit­glieder der rus­si­schen Intel­li­gen­zija infolge des Bür­ger­kriegs sein Hei­mat­land ver­ließ. Im Pariser Exil als erfolg­loser Dichter ein ärm­li­ches Dasein fris­tend, zuneh­mend in Depres­sion und Alko­ho­lismus ver­sunken, ver­fasste Ivanov 1937 das besagte Werk, das seinen eigenen geis­tigen Ver­fall wider­zu­spie­geln scheint. Tiefer Zynismus und Lebens­ekel ange­sichts der “unmensch­li­chen Anmut und beseelten Gräss­lich­keit der Welt”, abge­löst von trüb­se­ligem Schwelgen in lichten und schmerz­vollen Erin­ne­rungen an eine ver­gan­gene Liebe; infantil-mär­chen­hafte Tier­ge­schichten neben fie­ber­haften Ver­ge­wal­ti­gungs- und Mord­ge­lüsten; Fragen nach der Daseins­be­rech­ti­gung von Kunst und Lite­ratur sowie voy­eu­ris­ti­sche Schil­de­rungen von Szenen in Pariser Pis­soirs – all dies und einiges mehr fügt sich zusammen zu einem ver­stö­rend-fas­zi­nie­renden Panoptikum.

In Form eines gera­dezu bekennt­nis­haften Mono­logs, dessen Duktus an Gogol’s Auf­zeich­nungen eines Wahn­sin­nigen und Dos­to­evs­kijs Auf­zeich­nungen aus dem Kel­ler­loch erin­nert, ent­hüllt der Erzähler die fatale Wider­sprüch­lich­keit mensch­li­cher Exis­tenz in einer von Ent­frem­dung und Sinn­ver­lust heim­ge­suchten Welt. Wenn­gleich er die Entität einer ‘ewigen Wahr­heit’ kei­nes­falls anzwei­felt, ver­neint er nicht nur die Mög­lich­keit einer wahr­haf­tigen Abbil­dung der Rea­lität durch Lite­ratur und Foto­grafie, son­dern dar­über hinaus die Ver­läss­lich­keit der Rea­lität schlechthin. Die damit ver­bun­dene Unsi­cher­heit gegen­über der eigenen sub­jek­tiven Wahr­neh­mung äußert sich in einer Gleich­zei­tig­keit gegen­sätz­li­cher Wirk­lich­keiten. So über­la­gern sich inner­halb der Nar­ra­tion oft­mals ver­schie­dene zeit­liche Rahmen, Traum- und All­tags­er­leben, als auch real-his­to­ri­sche und fik­tive Ereig­nisse. Dieses vom Dichter selbst zeit­le­bens als „Talent des dop­pelten Sehens“ bezeich­nete Prinzip wird ebenso in Iva­novs später Lyrik ein zen­trales Motiv bilden. Zudem lässt sich jener janus­köp­fige Blick auf die Wirk­lich­keit vor einem wis­sen­schafts­ge­schicht­li­chen Hin­ter­grund betrachten. Infolge bahn­bre­chender Erkennt­nisse inner­halb der Quan­ten­theorie sieht sich die Physik in den 1930er Jahren vor das Pro­blem gestellt, dass in einem mikro­phy­si­ka­li­schen System Phä­no­mene gemessen werden können, die auf die Makro­welt über­tragen undenkbar sind. Die para­doxe Ein­sicht, dass den Atomen sowohl eine Teil­chen- als auch eine Wel­len­ei­gen­schaft inne­wohne, dass die kleinsten Bau­steine der Materie im Zer­fall begriffen seien, führt zu einem radi­kalen Wandel im dama­ligen Realitätsverständnis.

Durch das Ver­wirr­spiel wider­sprüch­li­cher Wahr­neh­mungen täuscht Ivanov äußerst raf­fi­niert dar­über hinweg, dass sein Werk, wel­ches er selbst als „lyri­sches Prosa-Poem“ bezeichnet, in seiner Kom­po­si­tion sehr wohl auf Gesetz­mä­ßig­keiten beruht, die auf­grund ihrer Kom­ple­xität erst bei genauerer Lek­türe augen­fällig werden. Obgleich nicht metrisch orga­ni­siert, lässt der Text doch einige lyri­sche Struk­turen erkennen. Auch domi­niert hin­sicht­lich der Per­sonen eine für die Lyrik cha­rak­te­ris­ti­sche Poly­se­mantik. So wird das ‘Du’, dessen Abwe­sen­heit für den Erzähler das Drama seines ‘Ichs’ dar­stellt, in ver­schie­dener Gestalt her­auf­be­schworen – in Gestalt der ehe­ma­ligen Geliebten, der mytho­lo­gi­schen Figur der Psyche, der eines toten ver­ge­wal­tigten Mäd­chens, in Gestalt der Kunst, des Lebens, Gottes oder des Sinns der Existenz.

Ein beson­deres Merkmal der ideellen und emo­tio­nalen ‘Orches­trie­rung’ des Erzäh­lens ist wie­derum das dyna­mi­sche Wech­sel­spiel ver­schie­dener Text­mo­tive, eine  Technik, die an ein musi­ka­li­sches Ver­fahren der Sym­phonik, die so genannte ‘moti­visch-the­ma­ti­sche Arbeit’ erin­nert: Auf die dra­ma­ti­sche Aus­ein­an­der­set­zung zweier kon­tras­tie­render Motive folgt deren Inein­an­der­fließen, aus dem sich schließ­lich ein gänz­lich neues Motiv formt.

Ähn­li­ches voll­zieht sich, wenn Ivanov in Form von Zitaten und Para­phra­sie­rungen Remi­nis­zenzen an Werke unter­schied­li­cher lite­ra­ri­scher Epo­chen gegen­ein­ander laufen lässt:

“Es scheint ihr (der Seele), als ver­dorre nach und nach alles, was ihr einst Leben spen­dete. Es scheint ihr, als ver­dorre sie selbst. Sie ist unfähig zu schweigen und hat ver­lernt zu spre­chen. Und krampf­ge­schüt­telt blökt sie, wie eine Taub­stumme, die anstö­ßige Fratzen schneidet. ‘Geor­giens Hügel ruh’n in schum­me­riger Nacht’ – will sie klang­voll, fei­er­lich aus­spre­chen, dem Schöpfer und sich selbst zum Preise. Und mit einem Wider­willen, der dem Ent­zü­cken gleicht, mur­melt sie flu­chend hinter dem meta­phy­si­schen Git­ter­zaun irgendein ‚dyr bul ščyl ubešščur’.”

Zwei rus­si­sche Dichter, deren lite­ra­ri­sches Wirken zwei­hun­dert Jahre trennen, erscheinen hier als Ver­treter kon­trärer phi­lo­so­phisch-ästhe­ti­scher Kon­zep­tionen: Puškin als Symbol für dich­te­ri­sche Har­monie und Anmut auf der unzu­gäng­li­chen Seite des ‘meta­phy­si­schen Git­ter­zauns’, auf der anderen Kruče­nych, Sinn­bild für das ‘trans­men­tale Chaos’ der futu­ris­ti­schen ‘Anti­kunst’.

Die Ent­ste­hungs­zeit des Werks fällt in ein Jahr, das die Welt mit ange­hal­tenem Atem erlebt.: 1937. In der Sowjet­union hat der Terror seinen Höhe­punkt erreicht, in Europa beob­achtet man mit großer Besorgnis die welt­po­li­ti­sche Ent­wick­lung. Immer deut­li­cher werden die Anzei­chen für einen neuen Krieg von unab­seh­barem Ausmaß. Ebenso wie die sich gegen­über ste­henden Motive des Lebens und des Traums sind im Bewusst­sein des Erzäh­lers „die Geschichte (s)einer Seele und die Geschichte der Welt“ untrennbar inein­ander ver­flochten, wodurch das Emp­finden der Absur­dität von der Ebene der eigenen Exis­tenz auf eine uni­ver­sale Ebene trans­po­niert wird. Der aus diesem Emp­finden gespeiste Lebens­ekel geht beim Erzähler immer wieder in ein des­il­lu­sio­niertes Sich-Auf­bäumen gegen die „alles ver­schlin­gende Gräss­lich­keit der Welt“ über, eine Hal­tung, die eine Nähe zu exis­ten­zia­lis­ti­schen Kon­zep­tionen erkennen lässt. Nicht umsonst bezeichnet der befreun­dete Schrift­steller Roman Gul’ Ivanov als „den ein­zigen exis­ten­zia­lis­ti­schen Dichter unserer [der rus­si­schen] Lite­ratur“. In Bezug auf den ‘Lebens­ekel’ fällt beson­ders eine the­ma­ti­sche Par­al­lele zu Jean-Paul Sar­tres Roman La nausée ins Auge. Im Gegen­satz zu Sar­tres Prot­ago­nist Antoine Roquentin glaubt Iva­novs lyri­sches Ich aller­dings nicht an einen „Trost durch erdich­tete Schön­heit“, son­dern reagiert mit zer­stö­re­ri­schem Zynismus, indem er – auch wenn sich dies ledig­lich in seiner Ima­gi­na­tion abzu­spielen scheint – einen besin­nungs­losen Mord an einer Pariser Pro­sti­tu­ierten begeht, und schließ­lich die mons­tröse Logik des Absurden an ihre abso­lute Grenze führt: Der Selbst­mord wird zum ein­zigen Mittel, um der Wider­sprüch­lich­keit des mensch­li­chen Dahin­däm­merns zu entkommen.

Eben­jene Wider­sprüch­lich­keit scheint sich auch im lite­ra­ri­schen Schaffen des Autors selbst nie­der­zu­schlagen: Wäh­rend er in Raspad atoma die mora­li­schen und phi­lo­so­phi­schen Suchen einer huma­nis­ti­schen Tra­di­tion der rus­si­schen Lite­ratur fort­führt, bricht er gleich­zeitig mit deren Illu­sionen und den „ver­welkten Ideen der Welt“. Trotz seines uner­bitt­li­chen Nihi­lismus emp­findet Ivanov seinen Schmerz als einen „Teil des gött­li­chen Wesens“, und unter­nimmt den ver­zwei­felten Ver­such „durch das Chaos des Wider­spruchs zur ewigen Wahr­heit vor­zu­dringen, wenn auch nur zu deren blassem Abglanz.“ In einem Brief an Vla­dimir Markov aus dem Jahre 1957 schreibt Ivanov gar, er betrachte den Inhalt seines Poems als zutiefst religiös.

Inter­es­san­ter­weise wird Raspad atoma im selben Jahr wie Sar­tres Roman publi­ziert, näm­lich 1938, wenn auch in einer erheb­lich gerin­geren Auf­lage von nur knapp 200 Exem­plaren. In rus­si­schen Exil­schrift­stel­l­er­kreisen ruft Iva­novs Prosa-Poem zudem äußerst gegen­sätz­liche Reak­tionen hervor. Nur wenige zeit­ge­nös­si­sche Kri­tiker bemerken seine lite­ra­ri­sche Ori­gi­na­lität und Bedeut­sam­keit, wie etwa das sym­bo­lis­ti­sche ‘Drei­er­ge­spann’ Merež­kovskij – Gip­pius – Zlobin. So bezeichnet Merež­kovskij Iva­novs Werk als „genial“, Gip­pius betont, dieses wolle keine Lite­ratur sein, mehr noch gehe es über die Grenzen der Lite­ratur hinaus, und Zlobin kon­sta­tiert, Raspad atoma sei „sehr zeit­ge­nös­sisch und für uns, die Men­schen der 30er Jahre unseres Jahr­hun­derts, unend­lich wichtig.“
Mit beson­derer Gering­schät­zung hin­gegen reagiert ein gewisser Vla­dimir Sirin (alias Nabokov), der das Werk auf­grund seiner „dilet­tan­ti­schen Got­tes­suche und banalen Pis­soir­be­schrei­bungen“ als „schlichtweg schlecht“ bezeichnet, ja abschätzig hin­zu­fügt, „Ivanov hätte sich besser nie­mals an der Prosa ver­su­chen sollen“. Ähn­lich negativ fällt auch das Urteil des Schrift­stel­lers Vla­dislav Cho­dasevič aus, dessen ver­nich­tende Kritik unter den emi­grierten Schrift­stel­lern letzt­lich eine “stille Über­ein­kunft des Schwei­gens“ zur Folge hat.

Dieses Schweigen soll denn auch mehr als ein halbes Jahr­hun­dert andauern. Erst 1994 wird Raspad atoma gemeinsam mit Iva­novs Gesamt­werk in Russ­land ver­öf­fent­licht. Die ein­zige Über­set­zung in eine andere euro­päi­sche Sprache erfolgt im Jahre 2004 durch den ita­lie­ni­schen Sla­wisten S. Guagnelli (La dis­in­te­gra­zione dell’atomo). 2005 erscheint auf dem rus­si­schen Fern­seh­sender Tele­kanal Kul’tura ein doku­men­ta­ri­scher Bei­trag von Il’ja Lajner, der sich erst­mals fil­misch dem Leben und dich­te­ri­schen Wirken Iva­novs widmet, und dessen Titel – Georgij Ivanov. Raspad atoma – sich auf das näm­liche Werk bezieht.

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Buch­cover U‑Faktorija, 2007.

Nicht nur um Raspad atoma in einem Zeit­geist-Kon­text zu ver­orten, son­dern vor allem, um den kaum bemerkten genialen Coup zu begreifen, der sich in Iva­novs umstrit­tenen Werk ver­birgt, lohnt es, fol­genden Hin­ter­grund zu betrachten:
1924 dia­gnos­ti­ziert der fran­zö­si­sche Lite­ra­tur­kri­tiker Marcel Arland eine “neue Krank­heit des Jahr­hun­derts”, an wel­cher der Nach­kriegs­in­tel­lek­tu­elle leide, eine Krank­heit, die von Paul Valery bereits 1919 als Phä­nomen des in einer geis­tigen Krise befind­li­chen “euro­päi­schen Ham­lets” benannt worden ist. Die Glaub­wür­dig­keit einer Lite­ratur, die Anspruch auf eine wahr­haf­tige Ver­bin­dung zur Wirk­lich­keit erhebt, scheint in Frage gestellt. Ange­sichts dieser Sinn­krise ent­wi­ckeln in den frühen 30er Jahren Georgij Ada­movič und andere Schrift­steller der ‘Pariser Note’ ein poe­to­lo­gi­sches Kon­zept, wel­ches ‘lite­ra­ri­sche Fik­tion’ durch eine Schreib­weise ersetzt, die das Ver­fassen eines in seiner Sub­jek­ti­vität evi­denten ‘mensch­li­chen Schrift­stücks’ ermög­li­chen soll. Dieses Kon­zept, das an die bereits in den 70er Jahren des 19. Jahr­hun­dert von Edmond de Gon­court geprägte Idee des ‘docu­ment humain’ anknüpft, for­dert eine Lite­ratur, die auf tra­di­tio­nelle ästhe­ti­sche Ideale zugunsten einer ehr­li­chen Reflek­tion der modernen con­ditio humana ver­zichtet. Der deut­liche Akzent auf Authen­ti­zität bedingt dabei eine Unter­ord­nung for­maler unter inhalt­liche Aspekte, und recht­fer­tigt sowohl ‘Unzu­läng­lich­keiten’ auf der sti­lis­ti­schen Ebene, als auch einen bei­zeiten ‘anti-lite­ra­ri­schen’ Sprach­ge­brauch, der vor obs­zönen und fäkalen Aus­drü­cken nicht zurück­schreckt. Eine „zuver­läs­sige lite­ra­ri­sche Form“ soll sich zudem aus­schließ­lich aus einer Beschrei­bung dessen kon­sti­tu­ieren, was inner­halb der Sphäre des vom Autor selbst Gese­henen, Wahr­ge­nom­menen, Erlebten liege. Hinter dieser sub­jektiv-doku­men­ta­ri­schen Moti­va­tion steht das Bedürfnis, den Ein­druck der Künst­lich­keit eines kon­stru­ierten Textes zu ver­meiden, und durch eine Annä­he­rung lite­ra­ri­scher Ver­fahren an das Wesen der Foto­grafie einen Effekt von ‘Wahr­haf­tig­keit zu erreichen.

Eben­dieser Dis­kurs ist es, der sich in Raspad atoma nie­der­schlägt. Da Ivanov, wäh­rend er ver­meint­lich an poe­to­lo­gi­schen Ver­fahren des ‘mensch­li­chen Schrift­stücks’ im Sinne der ‘Pariser Note’ fest­hält, das vom näm­li­chen Kon­zept ange­strebte Ideal der ‘Wahr­haf­tig­keit’ vehe­ment negiert, ist der Duktus in Raspad atoma als der eines ‘agent pro­vo­ca­teur’ zu sehen. Indem Ivanov dar­über hinaus jene Puškin’sche Ästhetik, der er sich vor­mals ver­schrieben hatte, in den Schmutz zieht, gibt er sich selbst, sowie seinem gesamten vor­he­rigen lite­ra­ri­schen Schaffen buch­stäb­lich ‘die Kugel’. In Iva­novs Erzähler mani­fes­tiert sich der geis­tige Ver­fall eines ‘euro­päi­schen Ham­lets’, der ange­sichts des inneren Wider­spruchs der Idee einer ‘wahr­haf­tigen Lite­ratur’ in teuf­li­sches Gelächter ausbricht.

 

Иванов, Георгий: Собрание сочинений в 3  томах. Том 2: проза. Из-во: “Согласие”.  Москва, 1994.
Dieses Buch wird mitt­ler­weile nicht mehr für den Buch­handel gedruckt, ein­zelne Drucke können beim Verlag bestellt werden.

Иванов, Георгий: Стихи, Проза. Из-во: “У- Фактория”. Серия: “Русская поэзия”.  Екатеринбург, 2007.