Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Sla­wistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Die Droge ist der Leib des Den­kens. Mova von Viktar Mar­ci­novič

Wir schreiben das Jahr 4741 chi­ne­si­scher Zeit­rech­nung. Minsk, eine abge­le­gene Stadt in der nord-west­li­chen Pro­vinz des chi­ne­sisch-rus­si­schen Uni­ons­staates, bietet ein augen­schein­lich sta­biles Leben. Der Wohl­stand ist gesi­chert, alle gehen ihrer Arbeit nach, Demons­tra­tionen stehen nicht auf der Tages­ord­nung. Nur eines scheint nicht in das System des Staates zu passen – Mova.

 

Wie bereits in seinem ersten Roman Para­noia the­ma­ti­siert der bela­rus­si­sche Schrift­steller und Jour­na­list Viktar Mar­ci­novič [Viktor Mar­ti­no­witsch] nun auch in Mova den repres­siven Ein­fluss der Staat­lich­keit auf das Leben der Bevöl­ke­rung. Dabei ver­bindet er dys­to­pi­sche Ele­mente, die stark an George Orwells Roman 1984 und Ray Brad­burys Roman Fah­ren­heit 451 erin­nern, mit einer sprach­po­li­ti­schen The­matik. Es ist nicht von unge­fähr, dass Mar­ci­novič diesen Roman, im Gegen­satz zu Para­noia und anderen Werken, auf Bela­rus­sisch schrieb. Im Vor­der­grund steht näm­lich die Droge „Mova“, das bela­rus­si­sche Wort für Sprache, deren Konsum ver­boten ist. „Mova“ sind kleine Zettel mit Worten oder ein­zelnen Buch­staben, die einen Rausch­zu­stand bei ihren Leser_innen aus­lösen. Das Beson­dere an der Droge ist jedoch, dass sie ihre Wir­kung nur bei Men­schen aus dem ehe­ma­ligen Belarus ent­falten kann.

 

Will­kommen im Tal der Ver­wir­rung

„Mova macht nicht abhängig. Das ist medi­zi­nisch erwiesen. Fragt einen Arzt eurer Wahl außer­halb der lau­schigen vier Wände seiner Praxis, wo die medi­zi­ni­sche Auf­sicht alles mit­schneidet, und er wird es euch unter vier Augen erklären. Mova geht direkt auf die Psyche, ohne Umweg über den Körper, des­halb sind Ver­gif­tungs­er­schei­nungen aus­ge­schlossen“, so der selbst­er­klärte Junkie und Minsker Intel­lek­tu­elle, der Ich-Erzähler des Romans. Seinen ersten Trip hat er in einem Klub im Sze­ne­viertel der Stadt. Eine Frau flüs­tert ihm, wie er findet, urwit­zige Worte ins Ohr und nimmt ihn mit auf die Toi­lette. Dort kon­su­mieren sie „Mova“. Sergej wie­derum, Typ „Schwie­ger­mut­ters Lieb­ling“, klein, unauf­fällig, wie er sich selbst beschreibt, steht in einer ganz anderen Ver­bin­dung zur Droge. Er kon­su­miert sie nicht, er ver­kauft sie. So begibt er sich ins ferne War­schau, um einen „Ruck­sack bis oben hin voll mit diesen Papier­chen hoch­wer­tigen erst­klas­sigen Stoffs, der stärker ist als LSD – mit Mova“ zu besorgen. Der Dealer kennt das staat­liche System, weiß, wann und wie er schmug­geln kann. Der Intel­lek­tu­elle wie­derum kennt alle sprach­li­chen Fein­heiten und die Geschichte dieser Droge. Alles nimmt seinen Lauf, bis beide Prot­ago­nisten in das Netz des Wider­stands und damit auch der staat­li­chen Behörden geraten.

Trotz der klaren Erzähl­per­spek­tiven durch die zwei Prot­ago­nisten und der Ver­or­tung des Plots in Minsk als Pro­vinz­stadt, stiftet die Hand­lung mehr Ver­wir­rung, als dass sie Klar­heit schafft. Sobald man beim Lesen ansatz­weise ein Ver­ständnis für eine räum­liche Situa­tion oder eine Person ent­wi­ckelt, wird es durch Gescheh­nisse oder Orts­wechsel inner­halb der Stadt gebro­chen. Hegt man Sym­pa­thie für eine Figur, so wan­delt sich deren Cha­rakter im nächsten Moment ins Gegen­teil. Zudem ist man sich nie sicher, ob die zwei Prot­ago­nisten nicht doch ein und die­selbe Person sind. Mar­ci­novič erklärt diese Struktur in seinem Inter­view mit novinki wie folgt: „Aber dann gehen sie aus­ein­ander. Mehr noch: Einer ermordet den anderen. Ich glaube, das Wich­tigste hier ist […] das Fixieren des für mich wich­tigen Gefühls, dass die Freund­schaft und sogar die Liebe in der heu­tigen Gesell­schaft nach dem Schema ‚Dro­gen­dealer-Junkie‘ funk­tio­nieren. Wir ver­kaufen ein­ander alle Arten von Rausch. Und wir kom­mu­ni­zieren mit dem anderen nur, solange er das für uns wich­tige Rausch­mittel besitzt. Wir wollen uns alle grund­sätz­lich nur ver­gessen – im Sex, im Alkohol, im stän­digen Konsum […].“ Und das macht diesen Roman so span­nend. Die Hand­lung ist so berech­nend unvor­her­sehbar.

 

Die Sprache als Poli­tikum

Viktar Mar­ci­novič spielt mit gesell­schafts­po­li­ti­schen Bezügen auf die aktu­elle Situa­tion des Landes an und warnt gleich­zeitig davor, einen Zusam­men­hang zwi­schen der Erzäh­lung und eben dieser Gegen­wart her­zu­stellen. Frag­lich ist, ob Leser_innen ohne Orts­kennt­nisse einen Zusam­men­hang zur Gegen­wart von Belarus her­stellen (können) werden. Ein­ge­weihten drängt sich indessen einer­seits eine Ver­bin­dung zwi­schen Erzäh­lung und gegen­wär­tiger Sprach­si­tua­tion in Belarus gera­dezu auf, ande­rer­seits auch der inter­tex­tu­elle Bezug zu Vla­dimir Soro­kins Dra­mo­lett Dos­to­jew­skji Trip, in dem die rus­si­sche Lite­ratur als Droge fun­giert, deren Konsum die rau­sch­ar­tige Suche nach der eigenen kul­tu­rellen Iden­tität beför­dert.

Dem Über­setzer Thomas Weiler, der unter anderem Werke von Al’herd Bach­arėvič und auch bereits Para­noia von Mar­ci­novič über­setzt hat, ist seine Auf­gabe mit großem sti­lis­ti­schen Fein­ge­fühl gelungen. Die in den Text ein­ge­fügten „Zet­tel­chen“, Aus­schnitte aus Werken der bela­rus­si­schen Lite­ra­tur­ge­schichte, werden in deut­scher und bela­rus­si­scher Fas­sung wie­der­ge­geben, so dass sich inter­es­sierte Leser_innen auch ein Bild von der sti­lis­ti­schen Viel­falt des Bela­rus­si­schen machen können. Vor allem für Leser_innen mit gewissen Vor­kennt­nissen ist dieses Format sehr hilf­reich und lädt zur eigen­stän­digen Aus­ein­an­der­set­zung mit Land und Sprache ein.

Obwohl der Roman Para­noia in Belarus nur unter der Laden­theke zu kaufen ist und sich auch bei Mova mög­liche Repres­sa­lien abzeichnen, mani­fes­tiert sich in Mar­ci­no­vičs neuem Roman­eine Hal­tung, die der junge Autor vom Vater der zeit­ge­nös­si­schen bela­rus­si­schen Lite­ratur Janka Kupala über­nehmen konnte:

Unsterb­li­ches Wort, du, hei­mi­sches Wort!
Du über­wan­dest Unrecht und Unwahr­heit;
Obwohl man dich ver­folgte, dir Fes­seln anlegte,
War es umsonst: Du lebst, so wie du gelebt hast.

 

 

Mar­ti­no­witsch, Viktor: Mova. Aus dem Bela­rus­si­schen von Thomas Weiler. Dresden/Leipzig: Voland & Quist, 2016.
Mar­ci­novič, Viktar: Mova. Minsk: Kni­gazbor (bela­rus­si­sches Ori­ginal); Minsk: Loh­vinaŭ (rus­si­sche Über­set­zung); Pjaršak (elek­tro­ni­sche Her­aus­gabe), 2014.

Die rus­sisch­spra­chige Ver­sion des Romans steht hier zum kos­ten­losen Down­load zur Ver­fü­gung.

 

Wei­ter­füh­rende Links:

novinki-Inter­view mit Viktar Mar­ci­novič vom 08.08.2015: „Mein Buch ist wie eine Art Strom­schlag, der die ganze Stadt erfasst“.

Kurz­bio­gra­phie beim Voland & Quist Verlag.

 

Wei­tere bisher erschie­nene Romane von Viktar Mar­ci­novič:

In deut­scher Über­set­zung:
Mar­ti­no­witsch, Viktor: Para­noia. Aus dem Rus­si­schen von Thomas Weiler. Dresden/Leipzig: Voland & Quist, 2014.

Erst­ver­öf­fent­li­chungen auf Russisch/Belarussisch:
Mar­ti­novič, Viktor: Para­nojja. Moskva: AST, 2009.
Mar­ci­novič, Viktar: Scjud­zeny vyraj. Minsk: Pjaršak (elek­tro­ni­sche Her­aus­gabe, Bela­rus­sisch), 2011.
Mar­ci­novič, Viktar: Sfa­gnum. Minsk: Kni­gazbor (bela­rus­si­sche Über­set­zung), Pjaršak (elek­tro­ni­sche Her­aus­gabe, Ori­gi­nal­ver­sion Rus­sisch), 2013.

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