Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Sla­wistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Lieber in Russ­land reisen, als über Russ­land lesen

Natalja Ključarёva: Ros­sija: obščij vagon

 

Obščij vagon (frei über­setzt: Groß­raum­wagen, Waggon zweiter Klasse) ver­spricht keine bequeme Reise. Denn es ist ein Eisen­bahn­wagen ohne Platz­ga­rantie. Für seinen ver­gleichs­weise nied­rigen Preis bevor­zugt, ist er kein eli­tärer Wagen, son­dern haupt­säch­lich einer der Masse, viel­leicht sogar des ‚Pöbels‘. Man trifft dort die unter­schied­lichsten Men­schen aus allen nur denk­baren Ecken Russ­lands. Men­schen jeden mög­li­chen Alters, Bil­dung und Welt­an­schauung, die aber eines gemeinsam haben: Geschichten aus einem schwie­rigen Leben und die unbe­dingte Bereit­schaft, diese mit­zu­teilen. Solche schmerz­haften Geschichten ver­langen einen sen­si­blen Zuhörer, und im Roman Ključarёvas findet sich dieser in der Figur Nikita. Nikita reist durch das Land, lernt Leute kennen, bietet seine ein­fühl­samen Ohren den Lebens­ge­schichten seiner Mit­rei­senden an und ver­sucht, ihr Russ­land zu begreifen.

Die junge rus­si­sche Dich­terin und Pro­sa­schrif­stel­lerin Natalja Ključarёva (geboren 1981 in Perm) zeichnet in ihrem ersten Buch Ros­sija: obščij vagon eine Psy­cho­gra­phie ihrer Heimat durch die Lebens­er­fah­rungen der – man könnte viel­leicht sagen – ‛ein­fa­chen Leute’ des All­tags. Doch so ein­fach, wie es auf den ersten Blick scheint, sind diese gar nicht. Da ist das ‚Wun­der­kind‘ Vanja, das wie ein Erwach­sener redet; da ist Junker, der, wie sein Name schon sagt, nost­al­gisch von einer ruhm­vollen Ver­gan­gen­heit träumt und der „in einer vor einem Jahr­hun­dert gestor­benen Welt lebt“. Da ist der radi­kale Intel­lek­tu­elle Roščin, der Trance-Musik liebt und Albert Camus gegen die schlechten Wir­kungen des Kapi­ta­lismus emp­fiehlt, der Trans­vestit Griša, der See­len­frieden bei einem Priester findet, und andere mehr oder weniger aus dem Rahmen fal­lende Gestalten. Sind das die durch­schnitt­li­chen, die ein­fa­chen Men­schen Russ­lands? Stehen diese Figuren für den pro­vo­kanten Titel des Buches ein? Sind sie etwa der „Groß­raum­wagen Russ­land“?

Ja und nein. Die unge­wöhn­li­chen und wider­sprüch­li­chen Merk­male der Figuren sind absicht­lich her­vor­ge­hoben, zuweilen bis ins Absurde gestei­gert. Diese Über­trei­bung scheint Lebens­ge­schichten aus foto­gra­phi­schen Moment­auf­nahmen zu kon­stru­ieren, mit dem Unter­schied jedoch, dass die in ihnen Betei­ligten absichts­voll posieren. Dabei posiert auch die Schrift­stel­lerin, indem sie die zu erzäh­lenden Lebens­ab­schnitte aus­wählt und dadurch ihre Figuren als die „Helden unserer Zeit“ insze­niert, die indi­vi­duell und ver­ge­bens mit dem Staat kämpfen. Es wird ein Bild in dunklen Farben gemalt und so eine Stim­mung beim Leser erzeugt, dass dieser nur erleich­tert sein kann, wenn Nikita end­lich gefragt wird: „Ich habe deine tra­gi­schen Geschichten satt. Erzähl doch wenigs­tens eine gute Geschichte über Russ­land. Oder gibt es solche etwa nicht?“.  Die Frage bleibt unbe­ant­wortet, jedoch ist Ključarёva anzu­rechnen, dass sie eine kla­gende, jam­mer­volle Sprache ver­meidet und auf humor­volle Art und Weise erzählt.

Die Eisen­bahn, die eine regel­mäßig wie­der­keh­rende Rolle im Leben der Figuren spielt, dient dem Weg­gehen und Zurück­kommen, dient der Meta­pher des Lebens als Reise. Hierbei ist das Leben das, was an den Zwi­schen­hal­te­stellen pas­siert. Genau diese aus Schmerz und Gram bestehenden Lebens­sta­tionen skiz­zieren eine rus­si­sche Topo­gra­phie des Trüb­sinns, dem der Zug als Zwi­schen­raum der Hoff­nung dient. Als Zwi­schen­raum, da an der nächsten Sta­tion schon das Leiden von vorn beginnt.

Die Lebens­sta­tionen der anderen Rei­senden ent­spre­chen Nikitas eigener Reise auf der Suche nach seinem Russ­land und schließ­lich auch nach seiner eigenen Iden­tität: „Ich ver­stehe sehr gut, dass du ein Idiot bist! Er sucht nach Russ­land! Dein Russ­land ist in dir – drinnen!“ sagt man ihm. „Nein. Es ist in den anderen. In ihren Geschichten“, ant­wortet er. „Nur du, glück­se­liger Idiot, kannst in diesen Wracks Men­schen sehen“, sagt ihm sein Freund Junker. Nikita ist der barm­her­zige Sama­riter, der das Gute in den Men­schen sieht und sich per­sön­lich ver­ant­wort­lich – wenn nicht sogar schuldig – für das Unglück dieser Welt fühlt.

Und dabei geschieht es, dass neben den fik­tiven Figuren eine reale Figur im Text erscheint: die Vla­dimir Putins. Selbst wenn man kein Freund vor­ei­liger Schlüsse ist, ist man geneigt, jenen Stimmen in der rus­si­schen Rezep­tion zuzu­stimmen, die an dem Text nach seinem ersten Erscheinen 2006 in der Lite­ra­tur­zeit­schrift Novij mir  Kritik übten und den Text zur Anti-Putin-Lite­ratur zählten. Alle Pro­bleme finden ihren Schul­digen. Wegen der Auf­he­bung einiger Son­der­rechte für sozial Benach­tei­ligte (kos­ten­lose Nut­zung der öffent­li­chen Ver­kehrs­mittel von bestimmten sozialen Gruppen), die in der Tat im Januar 2005 in Russ­land statt­fand und auch im Buch the­ma­ti­siert wird, ent­scheidet sich eine Gruppe betagter Leute, zu Fuß von Sankt-Peters­burg nach Moskau zu gehen. Sie wollen sich mit Putin per­sön­lich „aus­spre­chen“. Nikita spricht vom „Kreuzzug der Betagten“. Und das Leid der Men­schen, die Klage über die Gleich­gül­tig­keit des Staates und dessen Abwe­sen­heit, die ange­häufte Wut, die überall im Buch wahr­nehmbar ist und die sich Nikita so zu Herzen nimmt, machen schließ­lich den kränk­li­chen sen­si­blen Idioten zum ebenso kränk­li­chen revo­lu­tio­nären ‚Lenin‘. Es ist bemer­kens­wert, dass Nikita im Buch keine deut­liche poli­ti­sche Hal­tung zuge­schrieben wurde – im Gegen­satz zu seinen Freunden. Nicht aus poli­ti­scher Über­zeu­gung greift er Putin wäh­rend des „Kreuz­zuges der Betagten“ an und stirbt dann im Gefängnis lächelnd, “als ob er ein Geheimnis wusste“. Aber aus  deut­li­cher poli­ti­scher Über­zeu­gung führt Natalja Ključarёva die Figur Putins im Roman ein, anstatt eine anonyme Prä­si­denten-Figur dar­zu­stellen, die die zu zie­henden Par­al­lelen und den Vor­wurf dem Leser über­ließe.

Nikitas Per­sön­lich­keit bleibt von Anfang bis Ende ver­schlüs­selt, indem der Leser weniger über ihn als über jeden anderen erfährt. Sein Angriff auf den Prä­si­denten führt zur Revo­lu­tion. Der ruhige Zuhörer der fremden Geschichten wird zum Haupt­ak­teur und schreibt selbst Geschichte.
Das Pri­vileg eines Buches voller Wege ist, dass jeder seinen eigenen wählen kann. Bei­spiels­weise den Weg Jun­kers: „Man muss 400 Luft­bal­lons kaufen und sie mit Helium füllen. Und daran irgend­einen beson­ders schäd­li­chen Depu­tanten fest­binden und ihn in den Himmel steigen lassen. Dann möge er fliegen. Möge er an sein Ver­halten denken. Haupt­sache, man beschul­digt ihn nicht. Alles völlig gefahrlos. Den Luft­bal­lons wird all­mäh­lich die Luft aus­gehen, und der Depu­tant wird weich auf die hei­mat­liche Erde her­unter segeln, in die Umar­mung der dank­baren Wähler “.

Die Bil­li­gung des Buches von Poli­tiker-Künst­lern wie Eduard Limonov, die Putin und seiner Politik negativ gegen­über­stehen, mag ver­ständ­lich sein, die Behaup­tung des Ver­lags­re­dak­teurs, dass es der jungen Schrift­stel­lerin gelungen sei, „Stimme des ganzen Landes“ zu werden, jedoch nicht unbe­dingt. Um das Ganze ken­nen­zu­lernen, muss man in der Lage sein, alle Seiten, die es aus­ma­chen, sehen zu können.

Ob g a n z Russ­land in obščij vagon ein­steigt, ist dem Urteil des Lesers über­lassen. Nikita wählt seine Fahrt­route. Es liegt am Leser, auch für sich eine zu finden. Die Reise in Natalja Ključarёvas obščij vagon mag nicht bequem sein, die Zwi­schen­hal­te­stellen jedoch sind sehr ent­span­nend. Außerdem hat der Leser immer den Vorzug, ein­zu­steigen und aus­zu­steigen. Da wo er will.

 

Natalja Ključarёvas Buch Ros­sija: obščij vagon wurde 2008 von dem Verlag Limbus Press in Auf­lage von 3000 Exem­plaren her­aus­ge­geben und ist ins Deut­sche nicht über­setzt.

Top