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„Ein Traktat darüber, inwiefern es nachteilig ist, talentiert zu sein“

Posted on 5. Dezember 2008 by Niovi Maria Zampouka
Sigizmund Dominikovič Kržižanovskij hätte ein Glücksfall für jeden anspruchsvollen Leser werden können, wäre er nicht, wie er es selbst formulierte, „für seine Unbekanntheit bekannt“ geworden. Ein Porträt über einen zu Unrecht in Vergessenheit geratenen literarischen Solitär der 20er und 30er Jahre.

Sigizmund Dominikovič Kržižanovskij

 

Sigizmund Dominikovič Kržižanovskij hätte ein Glücksfall für jeden anspruchsvollen Leser werden können, wäre er nicht, wie er es selbst formulierte, „für seine Unbekanntheit bekannt“ geworden. Die zahlreichen, jedoch unsinnigen Vergleiche mit Franz Kafka, Hermann Hesse, Albert Camus, Jorge L. Borges, die sich in wissenschaftlichen Texten und Kritiken nach der Veröffentlichung seines Gesamtwerkes in den 90er Jahren wiederholen, widersprechen jedoch seiner Unbekanntheit und verstärken das Paradoxon eines Schriftstellers, der in den literarischen Kreisen seiner Epoche als „Schriftsteller ohne Bücher“ galt.

 

Kržižanovskij, russischsprachiger Autor polnischer Herkunft, wurde 1887 in Kiew geboren und starb 1950 in Moskau. Er studiert Jura in Kiew und parallel dazu belegt er Kurse in klassischer Philologie und Philosophiegeschichte. Nach dem Studium arbeitet er als Rechtsanwaltassistent, 1918 beginnt er schließlich, Geschichte- und Literaturwissenschaft, Theaterwissenschaft und Musik an Konservatorien und Theaterinstituten zu dozieren. 1922 zieht er nach Moskau um, in die Stadt, die reichhaltiges Material für viele seiner Texten bietet. Drei Jahre lang schweift Kržižanovskij durch Moskau, erforscht die Stadt, lernt ihre dynamische Sprache durch Schilder, Straßennamen und Toponymien kennen und macht sie zum Thema zahlreicher philosophischer, soziologischer, psychologischer und sogar linguistischer Erzählungen: „Ich kann in keiner Weise von meinem Thema abkommen: ich lebe i n  i h m...“, steht in seiner Erzählung Štempel: Moskva (Stempel: Moskau) geschrieben. Dieses städtische Umherschweifen führt neben Štempel: Moskva zu den Essays Moskovskie vyveski (Moskowitische Geschäftsschilder), Kollekcija sekund (Sekunden-
sammlung)  und 2000 (K voprosu o pereimenovanii moskovskih ulic) (2000 (Zur Frage der Umbenennung der moskowitischen Straßen)).

Parallel zu seiner literarischen Arbeit beschäftigt sich Kržižanovskij mit der Psychologie des künstlerischen Schaffens und entwickelt seine eigenen kulturphilosophischen Konzeptionen. Er erforscht Shakespeare, Edgar Alan Poe, Puškin, liest die westlichen Philosophen und wird von ihnen inspiriert – besonders von Kant und Leibniz. Er schreibt Essays über das Theater und arbeitet an Theateradaptionen. In den 20er Jahren, der Zeit des revolutionären Theaters und dessen unbestreitbar großer Autoritäten wie Stanislavskij, Mejerchol’d, Evreinov, Tairov und Michail Čechov, stellt Kržižanovskij seine eigene Theaterphilosophie auf. Trotz seiner Unbekanntheit präsentiert er sie selbstbewusst auf der Sitzung der Sektion Theater an der Staatlichen Akademie der Künste am 20. Dezember 1923. In seiner ersten theoretischen Arbeit,  Philosophema über das Theater, missbilligt Kržižanovskij die Allmacht des Regisseurs, schreibt dem Schauspieler eine aktivere Rolle zu und spricht sich hauptsächlich gegen die Theatralisierung des Soziallebens durch den Staat aus.

In den Moskauer Literaturkreisen, in denen er häufig seine Erzählungen vorliest, ist Kržižanovskij vor allem für seine sehr fundierte Bildung und dazu noch als „Schriftsteller ohne Bücher“ bekannt. Trotz wiederholter Versuche gelingt es Kržižanovskij, nur acht Erzählungen und eine povest’ zu Lebzeiten zu veröffentlichen. Seine Werke werden von der offiziellen Zensur verboten und von Zeitschriftenredaktionen abgelehnt, die die Veröffentlichung „unaktueller“ und „unpassender“ Texte nicht riskieren wollen. Selbst von Gorkij, dessen Rolle in der literarischen Öffentlichkeit der 20er und 30er Jahre nicht zu unterschätzen ist, wird er nicht unterstützt. Bekannte Kržižanovskijs überbringen Gorkij 1932 einige seiner Texte in der Hoffnung, dass er den Weg zu ihrer Veröffentlichung bahnen wird. In seinem Antwortschreiben beanstandet Gorkij, obwohl er, wie er einräumt, nicht in der Lage sei, den philosophischen Wert der Texte Kržižanovskijs zu beurteilen, dennoch das „schlaue leere Geschwätz“, das in der „heutigen“ Zeit aber „deplaziert“ sei. Die neue Gnoseologie, die sich zu dieser Zeit herausbildet, stützt sich laut Gorkij nicht auf ästhetische Anschauung und das Wort, sondern auf Handlung und Fakten. Deswegen sei er der Meinung, dass die Texte Kržižanovskijs kaum einen Verlag finden werden und selbst wenn, werden sie nur einige junge Hirne „verrenken“. „Und ist dies eigentlich nötig?“, fragt Gorkij abschließend, wie Vadim Perel’muter in Posle katastrofy (Nach der Katastrophe) schreibt.

Kržižanovskij arbeitet jedoch weiter und tritt – wie die häufigen Einträge in seinen Notizheften bezeugen – dieser ausweglosen Situation mit bitterem Humor gegenüber: „Ich möchte gern von der Kunst  (und von dem Gewissen) ausgehen, aber ich weiß nicht, wo die Tür ist.“ Oder: „Mit dem Heute stehe ich auf Kriegsfuß, doch mich liebt die Ewigkeit.“
Hinsichtlich der Schreibweise Kržižanovskijs sind ein paar ‚technische‘ Besonderheiten zu erwähnen: Anfänglich schreibt Kržižanovskij mit der Hand, allmählich verfällt er jedoch der Gewohnheit, seine Texte zu diktieren, da er „laut denken“ müsse, damit er „den Text als klingendes Wort wahrnimmt.“ Seine Frau, Anna Bovšek schreibt auch, dass er keine Schreibmaschine besaß und niemals daran dachte, eine für den eigenen Gebrauch anzuschaffen. Die Existenz seiner pedantisch geführten Notizhefte bezeugt eine sehr systematische Materialsammlung vor dem Beginn des eigentlichen Schreibakts: „Das Sujet legte sich erst auf das Blatt Papier nieder, nachdem es durchdacht und unter Qualen geschaffen worden war, erst nachdem ein System von Bildern bestimmt, die Komposition gefunden, die notwendigen Wörter entdeckt und die Phrasen geschliffen worden waren“. Das Archiv Kržižanovskijs besteht aus über 3.000 getippten Manuskriptseiten und ist, teilweise dank seiner Frau, fast vollständig erhalten geblieben.

Aufgrund seiner fundierten Bildung, seiner alles andere als oberflächlichen Kenntnis der Philosophie und Literatur der Antike und der Moderne, seiner Fremdsprachenkenntnisse – einschließlich Altgriechisch und Latein – und seiner Beschäftigung mit verschiedenen Kunstrichtungen, sind die Texte Kržižanovskijs genau die Sorte von Texten, die beim Lesen Fußnoten und Kommentare benötigen. Nicht nur die Themen (z.B. kantianische Philosophie, mathematische Probleme, das Verhältnis von Zeit und Raum, altgriechische Mythen u.a.), die sich hinter literarischen Gestalten verstecken, sondern auch die Sprache an sich (lateinische Zitate, altgriechische, deutsche und englische Wörter, Neologismen und selten verwendete Begriffe) formen komplizierte und umfassende Textkörper, die ein vielseitiges Lesen erfordern.
Das Werk Kržižanovskijs befindet sich oft im Dilemma zwischen der Logik des philosophischen Denkens und der Intuition des künstlerischen Schaffens –, was der Literaturforscher Vadim Perel‘muter, „die Wahl zwischen Kant und Shakespeare“ nennt. Die wissenschaftlichen Texte des Schriftstellers sind eng mit seinen literarischen verbunden, in denen durch das Irreale die realsten Fragen gestellt werden.

Kržižanovskij entwickelt seine Themen und Motive auf eine sehr eigenwillige Weise. Oft werden die metaphorischen Bedeutungen der Wörter in den Erzählungen durch die Beschreibung ihres wörtlichen Sinnes oder eines ihrer wörtlichen Aspekte dargestellt. Einem ‚schmerz-
haften‘ Wort wird die reale Fähigkeit zu körperlichem Schmerz zugeschrieben (Poetomu). Metaphorisch gemeint kann ein Wort z.B. das Herz ‚zerschmettern‘, doch in Poetomu passiert dieses Zerschmettern wörtlich, es wird dargestellt. Merkwürdigerweise wird das Irreale in den Erzäh-
lungen Kržižanovskijs nicht durch Metaphern, sondern durch die Wörtlichkeit erreicht. Ein Gänserich, der den Sinn der Poesie durch einen wörtlichen Schmerz erfährt (Gus’), einGedanke, der mit der Feder ringt und sich verweigert geschrieben zu werden (Žizneopisanie odnoj mysli), ein wissenschaftlicher Artikel, der sich in eine phantastische Erzählung verwandelt (Risunok perom), ein Wort, das das Herz des Dichters ritzt – dies sind nur einige der Beispiele für Handlungen, in denen die Wörter, Begriffe und Gegenstände wie Bilder und Figuren handeln.

Seine Methode, Begriffe in Bilder zu verwandeln, nennt Kržižanovskij in seinen Zapisnye tetradi (Notizhefte) einen „experimentellen Realismus“, den er wie folgt beschreibt: „mit den Begriffen wie mit den Bildern umzugehen und sie wie Bilder aufeinander zu beziehen – das sind die beiden Grundverfahren meiner literarischen Erfahrung“. Bovšek nennt diese „Inszenierung“ von Gedanken, Begriffen und generell von seelen-
losen Gegenständen „personifizierte Denkverfahren, die von handelnden Figuren realisiert werden“. Am häufigsten – und in Großbuch staben geschrieben – verkörpern beispielsweise die Zeit, die Stille, das Buch, das Wort, der Gedanke usw. handelnde Figuren. Mit der Methode des „experimentellen Realismus“ verwandelt Kržižanovskij das Bild des Denkprozesses in den Denkprozess des Bildes. Wenn das fiktionale Leben der Wort- oder Ding-Figuren die Realisierung ihrer eigenen Gedanken ist, dann sind die Texte Kržižanovskijs das Enzephalogramm dieser Gedanken.

Nach diesem kurzen Überblick über die Thematik und die Verfahren Kržižanovskijs ist sicher deutlich geworden, warum Gorkij diese als „deplaziert“ charakterisiert hat. Kržižanovskij ist nicht an der typischen sowjetischen Thematik interessiert und missbilligt die propagandistische Literatur. In den Zapisnye tetradi hält er weiter fest: „Die ist der Literatur genauso ähnlich, wie die Natur dem Zoologischen Garten“. Oder: „Alle diese anmaßend geschminkten Einbände machen es so: Sie nehmen die Leere und kleiden sie mindestens in eine Lederjacke; nachdem alle Knöpfe die Leere verschlossen haben, wissen sie nicht, was dann.“ Kržižanovskij erlaubt seinen Schreibwerkzeugen jedoch nicht, sich gegen die Wirklichkeit zu erheben, wie es in vielen seiner Erzählungen passiert. Und dennoch: Trotz der zahlreichen fruchtlosen Versuche, publiziert zu werden, verweigert er niemals das Schreiben. „In meinem ganzen schwierigen Leben war ich ein literarisches Nichtsein (nebytie), ehrlich am Sein (bytie) arbeitend.“    Seine 1939 geschriebene Erzählung Bumaga terjaet terpenie (Das Papier verliert die Geduld) handelt vom Aufstand der Buchstaben, die eines Tages von allen schriftlichen Texten abtreten und die Papiere, die Zeitungen und die Bücher entleeren. Nach einem viertägigen Streik gegen die blöden Gedanken, die so oft die Buchstaben als Sinnträger zu tragen gezwungen sind, kehren sie entschlossen, nur der Wahrheit zu dienen, zu den Büchern zurück. Eine Welt ohne Texte ist eine Welt ohne Gedächtnis. Für Kržižanovskij selbst gilt jedoch das Gegenteil: Hinsichtlich seiner Biographie wird die Gedächtnismetapher seines Textes elf Jahre nach seiner Entstehung, 1950, realisiert und führt allmählich zu Kržižanovskijs Tod. Er erkrankt an „Alexie“ (griech. Abwesenheit von Wörtern), auch „Schriftblindheit“ genannt, und erleidet eine Lähmung des Teils  des Gedächtnisses, in dem das Alphabet gespeichert ist. Merkwürdigerweise kann Kržižanovskij trotzdem schreiben, jedoch das Geschriebene nicht mehr lesen oder verstehen. Anna Bovšek berichtet: „Er kaufte ein Alphabet, stürzte sich darauf in dem Versuch, Buchstaben zu erlernen, doch kehrten die Buchstaben nicht züruck“. Sieben Monate später stirbt Kržižanovskij.

Sowohl die literarischen Werke Kržižanovskijs, als auch seine wissenschaftlichen Arbeiten bieten heutzutage eine höchst interessante Forschungsaufgabe. Eine ganze Reihe von Erzählungen, die Schreibprozesse reflektieren, könnten in Bezug auf die Instrumentalität und die Körperlichkeit der in ihnen thematisierten fiktiven Schreibszenen untersucht werden. Auch die Literarisierung philosophischer, mathe-
matischer und psychoanalytischer Konzeptionen, seine Definition von Lyrik, die sprachlichen Verfahren seiner Texte und, nicht zu vergessen, seine von scharfsinnigen Aphorismen vollen Notizhefte wären mögliche Forschungsbereiche eines vielseitigen Lesens, dem vielseitigen Schreiben Kržižanovskijs würdig. Nun steht eine Wiederauflage des 1991 erschienenen Bandes oder eine Neuübersetzung seiner Schriften anhand der russischen Gesamtausgabe aus, damit sein Schreibtisch nicht  – wie eine seiner Figuren ihn in der Erzählung Klub ubijc bukv (Der Klub der Mörderbuchstaben) beschreibt – der „Friedhof seiner Ideen“ bleibt.


Sigizmund D. Kržižanovskij: Vozvraščenie Mjunhgauzena. Povesti. Novelly. Leningrad 1990.

Sigismund D. Kržižanovskij: Lebenslauf eines Gedankens, hg. von Wadim Perelmuter.Kiepenheuer. Köln 1991.

Sigizmund D. Kržižanovskij: Zapisnye tetradi. In: Toronto Slavic Quarterly. Academic Electronic Journal in Slavic Studies, Bd. 19, 2007. unter: www.utoronto.ca/tsq/19/index19.shtml.

Anna Bovšek: Glazami druga (Materialy k biografii Sigizmunda Dominikoviča Kržižanovskogo). In: Sigizmund Kržižanovskij: Vozvraščenie Mjunhgauzena. Povesti. Novelly. Leningrad 1990.

Vadim Perel’muter: Posle katastrofy. In: Kržižanovskij S. D.: Sobranie sočinenij v 5 tomah, tom 1 . Sankt-Peterburg 2001.

 

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„Ein Traktat darüber, inwiefern es nachteilig ist, talentiert zu sein“ – novinki
Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

„Ein Traktat dar­über, inwie­fern es nach­teilig ist, talen­tiert zu sein“

Sigiz­mund Domi­ni­kovič Kržižanovskij

 

Sigiz­mund Domi­ni­kovič Kržiža­novskij hätte ein Glücks­fall für jeden anspruchs­vollen Leser werden können, wäre er nicht, wie er es selbst for­mu­lierte, „für seine Unbe­kannt­heit bekannt“ geworden. Die zahl­rei­chen, jedoch unsin­nigen Ver­gleiche mit Franz Kafka, Her­mann Hesse, Albert Camus, Jorge L. Borges, die sich in wis­sen­schaft­li­chen Texten und Kri­tiken nach der Ver­öf­fent­li­chung seines Gesamt­werkes in den 90er Jahren wie­der­holen, wider­spre­chen jedoch seiner Unbe­kannt­heit und ver­stärken das Para­doxon eines Schrift­stel­lers, der in den lite­ra­ri­schen Kreisen seiner Epoche als „Schrift­steller ohne Bücher“ galt.

 

Kržiža­novskij, rus­sisch­spra­chiger Autor pol­ni­scher Her­kunft, wurde 1887 in Kiew geboren und starb 1950 in Moskau. Er stu­diert Jura in Kiew und par­allel dazu belegt er Kurse in klas­si­scher Phi­lo­logie und Phi­lo­so­phie­ge­schichte. Nach dem Stu­dium arbeitet er als Rechts­an­walt­as­sis­tent, 1918 beginnt er schließ­lich, Geschichte- und Lite­ra­tur­wis­sen­schaft, Thea­ter­wis­sen­schaft und Musik an Kon­ser­va­to­rien und Thea­ter­in­sti­tuten zu dozieren. 1922 zieht er nach Moskau um, in die Stadt, die reich­hal­tiges Mate­rial für viele seiner Texten bietet. Drei Jahre lang schweift Kržiža­novskij durch Moskau, erforscht die Stadt, lernt ihre dyna­mi­sche Sprache durch Schilder, Stra­ßen­namen und Top­ony­mien kennen und macht sie zum Thema zahl­rei­cher phi­lo­so­phi­scher, sozio­lo­gi­scher, psy­cho­lo­gi­scher und sogar lin­gu­is­ti­scher Erzäh­lungen: „Ich kann in keiner Weise von meinem Thema abkommen: ich lebe i n  i h m…“, steht in seiner Erzäh­lung Štempel: Moskva (Stempel: Moskau) geschrieben. Dieses städ­ti­sche Umher­schweifen führt neben Štempel: Moskva zu den Essays Moskovskie vyveski (Mos­ko­wi­ti­sche Geschäfts­schilder), Kol­lek­cija sekund (Sekunden-
samm­lung)  und 2000 (K voprosu o per­ei­me­no­vanii moskovskih ulic) (2000 (Zur Frage der Umbe­nen­nung der mos­ko­wi­ti­schen Straßen)).

Par­allel zu seiner lite­ra­ri­schen Arbeit beschäf­tigt sich Kržiža­novskij mit der Psy­cho­logie des künst­le­ri­schen Schaf­fens und ent­wi­ckelt seine eigenen kul­tur­phi­lo­so­phi­schen Kon­zep­tionen. Er erforscht Shake­speare, Edgar Alan Poe, Puškin, liest die west­li­chen Phi­lo­so­phen und wird von ihnen inspi­riert – beson­ders von Kant und Leibniz. Er schreibt Essays über das Theater und arbeitet an Thea­ter­ad­ap­tionen. In den 20er Jahren, der Zeit des revo­lu­tio­nären Thea­ters und dessen unbe­streitbar großer Auto­ri­täten wie Sta­nis­lavskij, Mejerchol’d, Evreinov, Tairov und Michail Čechov, stellt Kržiža­novskij seine eigene Thea­ter­phi­lo­so­phie auf. Trotz seiner Unbe­kannt­heit prä­sen­tiert er sie selbst­be­wusst auf der Sit­zung der Sek­tion Theater an der Staat­li­chen Aka­demie der Künste am 20. Dezember 1923. In seiner ersten theo­re­ti­schen Arbeit,  Phi­lo­so­phema über das Theater, miss­bil­ligt Kržiža­novskij die All­macht des Regis­seurs, schreibt dem Schau­spieler eine akti­vere Rolle zu und spricht sich haupt­säch­lich gegen die Thea­tra­li­sie­rung des Sozi­al­le­bens durch den Staat aus.

In den Mos­kauer Lite­ra­tur­kreisen, in denen er häufig seine Erzäh­lungen vor­liest, ist Kržiža­novskij vor allem für seine sehr fun­dierte Bil­dung und dazu noch als „Schrift­steller ohne Bücher“ bekannt. Trotz wie­der­holter Ver­suche gelingt es Kržiža­novskij, nur acht Erzäh­lungen und eine povest’ zu Leb­zeiten zu ver­öf­fent­li­chen. Seine Werke werden von der offi­zi­ellen Zensur ver­boten und von Zeit­schrif­ten­re­dak­tionen abge­lehnt, die die Ver­öf­fent­li­chung „unak­tu­eller“ und „unpas­sender“ Texte nicht ris­kieren wollen. Selbst von Gorkij, dessen Rolle in der lite­ra­ri­schen Öffent­lich­keit der 20er und 30er Jahre nicht zu unter­schätzen ist, wird er nicht unter­stützt. Bekannte Kržiža­novs­kijs über­bringen Gorkij 1932 einige seiner Texte in der Hoff­nung, dass er den Weg zu ihrer Ver­öf­fent­li­chung bahnen wird. In seinem Ant­wort­schreiben bean­standet Gorkij, obwohl er, wie er ein­räumt, nicht in der Lage sei, den phi­lo­so­phi­schen Wert der Texte Kržiža­novs­kijs zu beur­teilen, den­noch das „schlaue leere Geschwätz“, das in der „heu­tigen“ Zeit aber „depla­ziert“ sei. Die neue Gno­seo­logie, die sich zu dieser Zeit her­aus­bildet, stützt sich laut Gorkij nicht auf ästhe­ti­sche Anschauung und das Wort, son­dern auf Hand­lung und Fakten. Des­wegen sei er der Mei­nung, dass die Texte Kržiža­novs­kijs kaum einen Verlag finden werden und selbst wenn, werden sie nur einige junge Hirne „ver­renken“. „Und ist dies eigent­lich nötig?“, fragt Gorkij abschlie­ßend, wie Vadim Perel’muter in Posle kata­strofy (Nach der Kata­strophe) schreibt.

Kržiža­novskij arbeitet jedoch weiter und tritt – wie die häu­figen Ein­träge in seinen Notiz­heften bezeugen – dieser aus­weg­losen Situa­tion mit bit­terem Humor gegen­über: „Ich möchte gern von der Kunst  (und von dem Gewissen) aus­gehen, aber ich weiß nicht, wo die Tür ist.“ Oder: „Mit dem Heute stehe ich auf Kriegsfuß, doch mich liebt die Ewigkeit.“

Hin­sicht­lich der Schreib­weise Kržiža­novs­kijs sind ein paar ‚tech­ni­sche‘ Beson­der­heiten zu erwähnen: Anfäng­lich schreibt Kržiža­novskij mit der Hand, all­mäh­lich ver­fällt er jedoch der Gewohn­heit, seine Texte zu dik­tieren, da er „laut denken“ müsse, damit er „den Text als klin­gendes Wort wahr­nimmt.“ Seine Frau, Anna Bovšek schreibt auch, dass er keine Schreib­ma­schine besaß und nie­mals daran dachte, eine für den eigenen Gebrauch anzu­schaffen. Die Exis­tenz seiner pedan­tisch geführten Notiz­hefte bezeugt eine sehr sys­te­ma­ti­sche Mate­ri­al­samm­lung vor dem Beginn des eigent­li­chen Schreibakts: „Das Sujet legte sich erst auf das Blatt Papier nieder, nachdem es durch­dacht und unter Qualen geschaffen worden war, erst nachdem ein System von Bil­dern bestimmt, die Kom­po­si­tion gefunden, die not­wen­digen Wörter ent­deckt und die Phrasen geschliffen worden waren“. Das Archiv Kržiža­novs­kijs besteht aus über 3.000 getippten Manu­skript­seiten und ist, teil­weise dank seiner Frau, fast voll­ständig erhalten geblieben.

Auf­grund seiner fun­dierten Bil­dung, seiner alles andere als ober­fläch­li­chen Kenntnis der Phi­lo­so­phie und Lite­ratur der Antike und der Moderne, seiner Fremd­spra­chen­kennt­nisse – ein­schließ­lich Alt­grie­chisch und Latein – und seiner Beschäf­ti­gung mit ver­schie­denen Kunst­rich­tungen, sind die Texte Kržiža­novs­kijs genau die Sorte von Texten, die beim Lesen Fuß­noten und Kom­men­tare benö­tigen. Nicht nur die Themen (z.B. kan­tia­ni­sche Phi­lo­so­phie, mathe­ma­ti­sche Pro­bleme, das Ver­hältnis von Zeit und Raum, alt­grie­chi­sche Mythen u.a.), die sich hinter lite­ra­ri­schen Gestalten ver­ste­cken, son­dern auch die Sprache an sich (latei­ni­sche Zitate, alt­grie­chi­sche, deut­sche und eng­li­sche Wörter, Neo­lo­gismen und selten ver­wen­dete Begriffe) formen kom­pli­zierte und umfas­sende Text­körper, die ein viel­sei­tiges Lesen erfordern.

Das Werk Kržiža­novs­kijs befindet sich oft im Dilemma zwi­schen der Logik des phi­lo­so­phi­schen Den­kens und der Intui­tion des künst­le­ri­schen Schaf­fens –, was der Lite­ra­tur­for­scher Vadim Perel‘muter, „die Wahl zwi­schen Kant und Shake­speare“ nennt. Die wis­sen­schaft­li­chen Texte des Schrift­stel­lers sind eng mit seinen lite­ra­ri­schen ver­bunden, in denen durch das Irreale die realsten Fragen gestellt werden.

Kržiža­novskij ent­wi­ckelt seine Themen und Motive auf eine sehr eigen­wil­lige Weise. Oft werden die meta­pho­ri­schen Bedeu­tungen der Wörter in den Erzäh­lungen durch die Beschrei­bung ihres wört­li­chen Sinnes oder eines ihrer wört­li­chen Aspekte dar­ge­stellt. Einem ‚schmerz-
haften‘ Wort wird die reale Fähig­keit zu kör­per­li­chem Schmerz zuge­schrieben (Poe­tomu). Meta­pho­risch gemeint kann ein Wort z.B. das Herz ‚zer­schmet­tern‘, doch in Poe­tomu pas­siert dieses Zer­schmet­tern wört­lich, es wird dar­ge­stellt. Merk­wür­di­ger­weise wird das Irreale in den Erzäh-
lungen Kržiža­novs­kijs nicht durch Meta­phern, son­dern durch die Wört­lich­keit erreicht. Ein Gän­se­rich, der den Sinn der Poesie durch einen wört­li­chen Schmerz erfährt (Gus’), ein­Ge­danke, der mit der Feder ringt und sich ver­wei­gert geschrieben zu werden (Žiz­neo­pi­sanie odnoj mysli), ein wis­sen­schaft­li­cher Artikel, der sich in eine phan­tas­ti­sche Erzäh­lung ver­wan­delt (Risunok perom), ein Wort, das das Herz des Dich­ters ritzt – dies sind nur einige der Bei­spiele für Hand­lungen, in denen die Wörter, Begriffe und Gegen­stände wie Bilder und Figuren handeln.

Seine Methode, Begriffe in Bilder zu ver­wan­deln, nennt Kržiža­novskij in seinen Zapisnye tet­radi (Notiz­hefte) einen „expe­ri­men­tellen Rea­lismus“, den er wie folgt beschreibt: „mit den Begriffen wie mit den Bil­dern umzu­gehen und sie wie Bilder auf­ein­ander zu beziehen – das sind die beiden Grund­ver­fahren meiner lite­ra­ri­schen Erfah­rung“. Bovšek nennt diese „Insze­nie­rung“ von Gedanken, Begriffen und gene­rell von seelen-
losen Gegen­ständen „per­so­ni­fi­zierte Denk­ver­fahren, die von han­delnden Figuren rea­li­siert werden“. Am häu­figsten – und in Groß­buch staben geschrieben – ver­kör­pern bei­spiels­weise die Zeit, die Stille, das Buch, das Wort, der Gedanke usw. han­delnde Figuren. Mit der Methode des „expe­ri­men­tellen Rea­lismus“ ver­wan­delt Kržiža­novskij das Bild des Denk­pro­zesses in den Denk­pro­zess des Bildes. Wenn das fik­tio­nale Leben der Wort- oder Ding-Figuren die Rea­li­sie­rung ihrer eigenen Gedanken ist, dann sind die Texte Kržiža­novs­kijs das Enze­pha­logramm dieser Gedanken.

Nach diesem kurzen Über­blick über die The­matik und die Ver­fahren Kržiža­novs­kijs ist sicher deut­lich geworden, warum Gorkij diese als „depla­ziert“ cha­rak­te­ri­siert hat. Kržiža­novskij ist nicht an der typi­schen sowje­ti­schen The­matik inter­es­siert und miss­bil­ligt die pro­pa­gan­dis­ti­sche Lite­ratur. In den Zapisnye tet­radi hält er weiter fest: „Die ist der Lite­ratur genauso ähn­lich, wie die Natur dem Zoo­lo­gi­schen Garten“. Oder: „Alle diese anma­ßend geschminkten Ein­bände machen es so: Sie nehmen die Leere und kleiden sie min­des­tens in eine Leder­jacke; nachdem alle Knöpfe die Leere ver­schlossen haben, wissen sie nicht, was dann.“ Kržiža­novskij erlaubt seinen Schreib­werk­zeugen jedoch nicht, sich gegen die Wirk­lich­keit zu erheben, wie es in vielen seiner Erzäh­lungen pas­siert. Und den­noch: Trotz der zahl­rei­chen frucht­losen Ver­suche, publi­ziert zu werden, ver­wei­gert er nie­mals das Schreiben. „In meinem ganzen schwie­rigen Leben war ich ein lite­ra­ri­sches Nicht­sein (nebytie), ehr­lich am Sein (bytie) arbei­tend.“    Seine 1939 geschrie­bene Erzäh­lung Bumaga ter­jaet ter­penie (Das Papier ver­liert die Geduld) han­delt vom Auf­stand der Buch­staben, die eines Tages von allen schrift­li­chen Texten abtreten und die Papiere, die Zei­tungen und die Bücher ent­leeren. Nach einem vier­tä­gigen Streik gegen die blöden Gedanken, die so oft die Buch­staben als Sinn­träger zu tragen gezwungen sind, kehren sie ent­schlossen, nur der Wahr­heit zu dienen, zu den Büchern zurück. Eine Welt ohne Texte ist eine Welt ohne Gedächtnis. Für Kržiža­novskij selbst gilt jedoch das Gegen­teil: Hin­sicht­lich seiner Bio­gra­phie wird die Gedächt­nis­me­ta­pher seines Textes elf Jahre nach seiner Ent­ste­hung, 1950, rea­li­siert und führt all­mäh­lich zu Kržiža­novs­kijs Tod. Er erkrankt an „Alexie“ (griech. Abwe­sen­heit von Wör­tern), auch „Schrift­blind­heit“ genannt, und erleidet eine Läh­mung des Teils  des Gedächt­nisses, in dem das Alphabet gespei­chert ist. Merk­wür­di­ger­weise kann Kržiža­novskij trotzdem schreiben, jedoch das Geschrie­bene nicht mehr lesen oder ver­stehen. Anna Bovšek berichtet: „Er kaufte ein Alphabet, stürzte sich darauf in dem Ver­such, Buch­staben zu erlernen, doch kehrten die Buch­staben nicht züruck“. Sieben Monate später stirbt Kržižanovskij.

Sowohl die lite­ra­ri­schen Werke Kržiža­novs­kijs, als auch seine wis­sen­schaft­li­chen Arbeiten bieten heut­zu­tage eine höchst inter­es­sante For­schungs­auf­gabe. Eine ganze Reihe von Erzäh­lungen, die Schreib­pro­zesse reflek­tieren, könnten in Bezug auf die Instru­men­ta­lität und die Kör­per­lich­keit der in ihnen the­ma­ti­sierten fik­tiven Schreib­szenen unter­sucht werden. Auch die Lite­ra­ri­sie­rung phi­lo­so­phi­scher, mathe-
mati­scher und psy­cho­ana­ly­ti­scher Kon­zep­tionen, seine Defi­ni­tion von Lyrik, die sprach­li­chen Ver­fahren seiner Texte und, nicht zu ver­gessen, seine von scharf­sin­nigen Apho­rismen vollen Notiz­hefte wären mög­liche For­schungs­be­reiche eines viel­sei­tigen Lesens, dem viel­sei­tigen Schreiben Kržiža­novs­kijs würdig. Nun steht eine Wie­der­auf­lage des 1991 erschie­nenen Bandes oder eine Neu­über­set­zung seiner Schriften anhand der rus­si­schen Gesamt­aus­gabe aus, damit sein Schreib­tisch nicht  – wie eine seiner Figuren ihn in der Erzäh­lung Klub ubijc bukv (Der Klub der Mör­der­buch­staben) beschreibt – der „Friedhof seiner Ideen“ bleibt.


Sigiz­mund D. Kržiža­novskij: Vozv­raščenie Mjunh­gau­zena. Povesti. Novelly. Lenin­grad 1990.

Sigis­mund D. Kržiža­novskij: Lebens­lauf eines Gedan­kens, hg. von Wadim Perelmuter.Kiepenheuer. Köln 1991.

Sigiz­mund D. Kržiža­novskij: Zapisnye tet­radi. In: Toronto Slavic Quar­terly. Aca­demic Elec­tronic Journal in Slavic Stu­dies, Bd. 19, 2007. unter: www.utoronto.ca/tsq/19/index19.shtml.

Anna Bovšek: Glazami druga (Mate­rialy k bio­grafii Sigiz­munda Domi­ni­ko­viča Kržiža­novs­kogo). In: Sigiz­mund Kržiža­novskij: Vozv­raščenie Mjunh­gau­zena. Povesti. Novelly. Lenin­grad 1990.

Vadim Perel’muter: Posle kata­strofy. In: Kržiža­novskij S. D.: Sobranie soči­nenij v 5 tomah, tom 1 . Sankt-Peter­burg 2001.

 

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