Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Sla­wistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Euro­maidan – Ana­tomie des Augen­blicks

Zu jeder Nacht- und Tages­zeit des Früh­jahrs 2014 erreichten uns im Live­ti­cker Nach­richten über Pro­teste in der Ukraine. Selten erfuhren wir zu jener Zeit etwas über die Hin­ter­gründe der Revo­lu­tion auf Kiews Unab­hän­gig­keits­platz. Dem Sam­mel­band „Euro­maidan. Was in der Ukraine auf dem Spiel steht“ gelingt es, diese Lücke zu schließen.


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Zu jeder Nacht- und Tages­zeit des Früh­jahrs 2014 erreichten uns im Live­ti­cker Nach­richten über Pro­teste in der Ukraine. Die dor­tigen Ereig­nisse domi­nierten über Wochen welt­weit die Schlag­zeilen. Vor allem ging es darin um die Anzahl der Toten und Ver­letzten, der ver­brannten Reifen und Molo­tow­cock­tails auf Kiews Unab­hän­gig­keits­platz, dem Majdan, aber weniger um die Hin­ter­gründe der Euro­majdan-Bewe­gung. In der Antho­logie Euro­maidan: Was in der Ukraine auf dem Spiel steht, die auf Deutsch beim Suhr­kamp Verlag und auf Pol­nisch unter dem Titel Zwrotnik Ukraina beim Czarne Verlag erschienen ist, kommen unter­schied­liche Zeit­zeugen zu Wort, dar­unter His­to­riker, Sozio­logen und Poli­tik­wis­sen­schaftler, und berichten aus ihrer Per­spek­tive von den Anfängen der Revo­lu­tion.

 

Bereits im Vor­wort befindet sich der Leser mitten im Geschehen – auf dem Weg zum Majdan. Es stammt von einem der bekann­testen Schrift­steller der Ukraine, Jurij Andruchovyč [Juri Andruchow­ytsch], der selbst aktiv an den Pro­testen teil­nahm und wie aus einem Tage­buch dar­über berichtet. Die letzten Texte ent­standen Ende März 2014, direkt nach dem Pseu­do­re­fe­rendum, wel­ches Putin für die Anne­xion der Krim als Vor­wand nutzte, und kurz bevor die Sepa­ra­tisten das Ver­wal­tungs­ge­bäude in Doneck ein­nahmen. Bis heute befindet es sich in ihrem Besitz. Mitt­ler­weile haben sich die Fronten noch mehr ver­härtet und aus dem Kon­flikt ist ein Krieg mit glo­balen Folgen erwachsen – voller Pro­pa­ganda und Lügen. Um nicht zu ver­gessen, wie alles begann, brau­chen wir Euro­maidan und die Berichte seiner Zeugen: Einige von ihnen sind emo­tional und mitten aus dem Geschehen ver­fasst worden, andere aus einer ana­ly­ti­schen Beob­ach­ter­per­spek­tive.

 

Für die ukrai­ni­sche Autorin Kate­ryna Miščenko [Kate­ryna Mish­chenko] ist der Majdan zugleich Agora und Grab­stätte: „Der Ort, an dem ein neues poli­ti­sches Bewusst­sein ent­steht und der Ort der größten Tra­gödie seit der Unab­hän­gig­keit der Ukraine. Mit dieser Zwie­späl­tig­keit muss ich von nun an leben, und nicht nur ich. Der Euro­maidan stellte alles auf den Kopf, er zog meine kul­tu­rellen und sozialen Kon­strukte in Zweifel. Ich hatte nicht den Schimmer einer Ahnung gehabt, was für Men­schen um mich herum lebten.“ Sie habe sich getäuscht, kon­sta­tiert die Schrift­stel­lerin, indem sie vorher nur ihre eigene Umge­bung als die mög­liche Avant­garde einer Revo­lu­tion in Betracht gezogen habe: „Ich hatte mich offen­sicht­lich in all den flat­t­rigen west­li­chen Theo­rien, Wirt­schafts­ana­lysen und meinen eigenen Vor­stel­lungen von der ukrai­ni­schen Gesell­schaft und der Ukraine an sich ver­irrt. Das Umher­irren hatte ein Ende, als ich gemeinsam mit vielen anderen auf den Platz ging und meine Mit­bürger ken­nen­lernte.“

 

Aus einer anderen Per­spek­tive nähert sich dem Euro­majdan der US-ame­ri­ka­ni­sche Ost­eu­ropa-His­to­riker Timothy Snyder, der vor allem durch sein viel dis­ku­tiertes Buch Bloo­d­lands, in dem er die Ver­bre­chen an der Bevöl­ke­rung der Ter­ri­to­rien zwi­schen Hit­ler­deutsch­land und der Sowjet­union ana­ly­siert, bekannt wurde. Sny­ders nüch­terne Beob­ach­tungen sind auch in Euro­maidan eine Berei­che­rung. Vor allem sieht er in der ukrai­ni­schen Bewe­gung eine durch ver­schie­dene Vari­anten von Pro­pa­ganda ver­schlei­erte Revo­lu­tion des Volkes. Von Moskau über London bis New York sei es die gleiche Geschichte gewesen: „spär­liche Fakten zum Ursprung der Pro­teste, statt­dessen eine Nei­gung, die Idee eines Staats­streichs durch Natio­na­listen, Faschisten oder gar Nazis ins Spiel zu bringen.“ Dabei sei das Eigent­liche über­sehen worden: „Das Volk errang den Sieg durch schiere phy­si­sche Tap­fer­keit“.

 

Auch im Bei­trag des öster­rei­chi­schen Autors Martin Pollack geht es um Pro­pa­ganda. In Abdu­cken und Kopf­ein­ziehen. Über die Macht der Lügen spricht er von der rus­si­schen Lüge und warnt ein­dring­lich vor Putin und davor, die Hand­lungen Russ­lands zu igno­rieren: „Um eine wei­tere Eska­la­tion zu ver­hin­dern, muss Europa, muss die Welt Putin auf der Stelle ener­gisch ent­ge­gen­treten, um seine Ambi­tionen zu stoppen. Sonst droht ein böses Erwa­chen.“ Ein Pro­blem, wel­ches nicht an Bri­sanz und Aktua­lität ver­loren hat. Über den Umgang damit herrscht nach wie vor euro­pa­weit keine Einig­keit.

 

Auf gewohnt poe­ti­sche Art erör­tert der pol­ni­sche Autor Andrzej Sta­siuk das Phä­nomen und die Selbst­wahr­neh­mung Russ­lands. In seinem Essay bezeichnet er Russ­land als einen „unein­deu­tigen Staat“, wel­cher zu Europa ebenso gehört wie zu Asien. Die Geschichte des Landes sieht er als eine, „die mehr im Raum als in der Zeit spielte, es ist eine Geschichte, die im Grunde Geo­gra­phie ist.“ Eines Staates mit defi­nierten Grenzen, der zugleich beweg­lich ist, eines Staates „unter­wegs“. In dem Zusam­men­hang erin­nert Sta­siuk an einen alten Witz mit tiefer Bedeu­tung: „An wen grenzt die Sowjet­union? An wen sie will.“ Der pol­ni­sche Autor betont, er recht­fer­tige Russ­land nicht, ver­suche es jedoch zu ver­stehen.

 

Dank der viel­fäl­tigen Per­spek­tiven von Sta­siuk, Andruchovyč, Snyder und der anderen in Euro­maidan ver­tre­tenen Autorinnen und Autoren erschließt sich auch, was mit dem öst­li­chen euro­päi­schen Nach­bar­land seit der Oran­genen Revo­lu­tion im Jahr 2004 bis November 2013 pas­sierte. In dieser Zeit stand die Ukraine nicht im Zen­trum der euro­päi­schen Auf­merk­sam­keit und drif­tete unbe­merkt in Rich­tung eines (typisch) post­so­wje­ti­schen Auto­ri­ta­rismus. Mit Euro­maidan sehen wir auch Europa aus einer anderen Per­spek­tive. Die ukrai­ni­sche Bewe­gung schaut in Rich­tung der Euro­päi­schen Union und hofft auf ihre Soli­da­rität. Euro­maidan zeigt ein grö­ßeres Europa, das nicht an der heu­tigen EU-Grenze endet.

 

Was in der Ukraine auf dem Spiel steht, wurde erst in den Monaten nach den Majdan-Pro­testen richtig deut­lich. In nur kurzer Zeit wurde die euro­päi­sche Nach­kriegs­ord­nung erschüt­tert. Heute stehen Russ­land und der Westen sich wieder feind­selig gegen­über. Frie­dens­ab­kommen sind trotz inter­na­tio­naler Ver­mitt­lungs­ver­suche brü­chig. Wie konnte es dazu kommen? Und was bedeutet das für das künf­tige Zusam­men­leben in Europa? Auf diese Fragen ver­su­chen Schrift­steller und Publi­zisten im Nach­fol­ge­band zum Euro­maidan, Test­fall Ukraine, der im März 2015 beim Suhr­kamp Verlag erschienen ist, eine Ant­wort zu geben.

 

Andruchow­ytsch, Juri (Hg.): Euro­maidan: Was in der Ukraine auf dem Spiel steht. Berlin: Suhr­kamp, 2014.
Andruchowycz, Jurij (red.): Zwrotnik Ukraina. Woło­wiec: Czarne, 2014.

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