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Euromaidan – Anatomie des Augenblicks

Posted on 4. Mai 2015 by Adam Modest Zapert
Zu jeder Nacht- und Tageszeit des Frühjahrs 2014 erreichten uns im Liveticker Nachrichten über Proteste in der Ukraine. Selten erfuhren wir zu jener Zeit etwas über die Hintergründe der Revolution auf Kiews Unabhängigkeitsplatz. Dem Sammelband "Euromaidan. Was in der Ukraine auf dem Spiel steht" gelingt es, diese Lücke zu schließen.

Zu jeder Nacht- und Tageszeit des Frühjahrs 2014 erreichten uns im Liveticker Nachrichten über Proteste in der Ukraine. Selten erfuhren wir zu jener Zeit etwas über die Hintergründe der Revolution auf Kiews Unabhängigkeitsplatz. Dem Sammelband „Euromaidan. Was in der Ukraine auf dem Spiel steht“ gelingt es, diese Lücke zu schließen.


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Zu jeder Nacht- und Tageszeit des Frühjahrs 2014 erreichten uns im Liveticker Nachrichten über Proteste in der Ukraine. Die dortigen Ereignisse dominierten über Wochen weltweit die Schlagzeilen. Vor allem ging es darin um die Anzahl der Toten und Verletzten, der verbrannten Reifen und Molotowcocktails auf Kiews Unabhängigkeitsplatz, dem Majdan, aber weniger um die Hintergründe der Euromajdan-Bewegung. In der Anthologie Euromaidan: Was in der Ukraine auf dem Spiel steht, die auf Deutsch beim Suhrkamp Verlag und auf Polnisch unter dem Titel Zwrotnik Ukraina beim Czarne Verlag erschienen ist, kommen unterschiedliche Zeitzeugen zu Wort, darunter Historiker, Soziologen und Politikwissenschaftler, und berichten aus ihrer Perspektive von den Anfängen der Revolution.

 

Bereits im Vorwort befindet sich der Leser mitten im Geschehen – auf dem Weg zum Majdan. Es stammt von einem der bekanntesten Schriftsteller der Ukraine, Jurij Andruchovyč , der selbst aktiv an den Protesten teilnahm und wie aus einem Tagebuch darüber berichtet. Die letzten Texte entstanden Ende März 2014, direkt nach dem Pseudoreferendum, welches Putin für die Annexion der Krim als Vorwand nutzte, und kurz bevor die Separatisten das Verwaltungsgebäude in Doneck einnahmen. Bis heute befindet es sich in ihrem Besitz. Mittlerweile haben sich die Fronten noch mehr verhärtet und aus dem Konflikt ist ein Krieg mit globalen Folgen erwachsen – voller Propaganda und Lügen. Um nicht zu vergessen, wie alles begann, brauchen wir Euromaidan und die Berichte seiner Zeugen: Einige von ihnen sind emotional und mitten aus dem Geschehen verfasst worden, andere aus einer analytischen Beobachterperspektive.

 

Für die ukrainische Autorin Kateryna Miščenko ist der Majdan zugleich Agora und Grabstätte: „Der Ort, an dem ein neues politisches Bewusstsein entsteht und der Ort der größten Tragödie seit der Unabhängigkeit der Ukraine. Mit dieser Zwiespältigkeit muss ich von nun an leben, und nicht nur ich. Der Euromaidan stellte alles auf den Kopf, er zog meine kulturellen und sozialen Konstrukte in Zweifel. Ich hatte nicht den Schimmer einer Ahnung gehabt, was für Menschen um mich herum lebten.“ Sie habe sich getäuscht, konstatiert die Schriftstellerin, indem sie vorher nur ihre eigene Umgebung als die mögliche Avantgarde einer Revolution in Betracht gezogen habe: „Ich hatte mich offensichtlich in all den flattrigen westlichen Theorien, Wirtschaftsanalysen und meinen eigenen Vorstellungen von der ukrainischen Gesellschaft und der Ukraine an sich verirrt. Das Umherirren hatte ein Ende, als ich gemeinsam mit vielen anderen auf den Platz ging und meine Mitbürger kennenlernte.“

 

Aus einer anderen Perspektive nähert sich dem Euromajdan der US-amerikanische Osteuropa-Historiker Timothy Snyder, der vor allem durch sein viel diskutiertes Buch Bloodlands, in dem er die Verbrechen an der Bevölkerung der Territorien zwischen Hitlerdeutschland und der Sowjetunion analysiert, bekannt wurde. Snyders nüchterne Beobachtungen sind auch in Euromaidan eine Bereicherung. Vor allem sieht er in der ukrainischen Bewegung eine durch verschiedene Varianten von Propaganda verschleierte Revolution des Volkes. Von Moskau über London bis New York sei es die gleiche Geschichte gewesen: „spärliche Fakten zum Ursprung der Proteste, stattdessen eine Neigung, die Idee eines Staatsstreichs durch Nationalisten, Faschisten oder gar Nazis ins Spiel zu bringen.“ Dabei sei das Eigentliche übersehen worden: „Das Volk errang den Sieg durch schiere physische Tapferkeit“.

 

Auch im Beitrag des österreichischen Autors Martin Pollack geht es um Propaganda. In Abducken und Kopfeinziehen. Über die Macht der Lügen spricht er von der russischen Lüge und warnt eindringlich vor Putin und davor, die Handlungen Russlands zu ignorieren: „Um eine weitere Eskalation zu verhindern, muss Europa, muss die Welt Putin auf der Stelle energisch entgegentreten, um seine Ambitionen zu stoppen. Sonst droht ein böses Erwachen.“ Ein Problem, welches nicht an Brisanz und Aktualität verloren hat. Über den Umgang damit herrscht nach wie vor europaweit keine Einigkeit.

 

Auf gewohnt poetische Art erörtert der polnische Autor Andrzej Stasiuk das Phänomen und die Selbstwahrnehmung Russlands. In seinem Essay bezeichnet er Russland als einen „uneindeutigen Staat“, welcher zu Europa ebenso gehört wie zu Asien. Die Geschichte des Landes sieht er als eine, „die mehr im Raum als in der Zeit spielte, es ist eine Geschichte, die im Grunde Geographie ist.“ Eines Staates mit definierten Grenzen, der zugleich beweglich ist, eines Staates „unterwegs“. In dem Zusammenhang erinnert Stasiuk an einen alten Witz mit tiefer Bedeutung: „An wen grenzt die Sowjetunion? An wen sie will.“ Der polnische Autor betont, er rechtfertige Russland nicht, versuche es jedoch zu verstehen.

 

Dank der vielfältigen Perspektiven von Stasiuk, Andruchovyč, Snyder und der anderen in Euromaidan vertretenen Autorinnen und Autoren erschließt sich auch, was mit dem östlichen europäischen Nachbarland seit der Orangenen Revolution im Jahr 2004 bis November 2013 passierte. In dieser Zeit stand die Ukraine nicht im Zentrum der europäischen Aufmerksamkeit und driftete unbemerkt in Richtung eines (typisch) postsowjetischen Autoritarismus. Mit Euromaidan sehen wir auch Europa aus einer anderen Perspektive. Die ukrainische Bewegung schaut in Richtung der Europäischen Union und hofft auf ihre Solidarität. Euromaidan zeigt ein größeres Europa, das nicht an der heutigen EU-Grenze endet.

 

Was in der Ukraine auf dem Spiel steht, wurde erst in den Monaten nach den Majdan-Protesten richtig deutlich. In nur kurzer Zeit wurde die europäische Nachkriegsordnung erschüttert. Heute stehen Russland und der Westen sich wieder feindselig gegenüber. Friedensabkommen sind trotz internationaler Vermittlungsversuche brüchig. Wie konnte es dazu kommen? Und was bedeutet das für das künftige Zusammenleben in Europa? Auf diese Fragen versuchen Schriftsteller und Publizisten im Nachfolgeband zum Euromaidan, Testfall Ukraine, der im März 2015 beim Suhrkamp Verlag erschienen ist, eine Antwort zu geben.

 

Andruchowytsch, Juri (Hg.): Euromaidan: Was in der Ukraine auf dem Spiel steht. Berlin: Suhrkamp, 2014.
Andruchowycz, Jurij (red.): Zwrotnik Ukraina. Wołowiec: Czarne, 2014.

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Euromaidan – Anatomie des Augenblicks – novinki
Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Euro­maidan – Ana­tomie des Augenblicks

Zu jeder Nacht- und Tages­zeit des Früh­jahrs 2014 erreichten uns im Live­ti­cker Nach­richten über Pro­teste in der Ukraine. Selten erfuhren wir zu jener Zeit etwas über die Hin­ter­gründe der Revo­lu­tion auf Kiews Unab­hän­gig­keits­platz. Dem Sam­mel­band „Euro­maidan. Was in der Ukraine auf dem Spiel steht“ gelingt es, diese Lücke zu schließen.


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Zu jeder Nacht- und Tages­zeit des Früh­jahrs 2014 erreichten uns im Live­ti­cker Nach­richten über Pro­teste in der Ukraine. Die dor­tigen Ereig­nisse domi­nierten über Wochen welt­weit die Schlag­zeilen. Vor allem ging es darin um die Anzahl der Toten und Ver­letzten, der ver­brannten Reifen und Molo­tow­cock­tails auf Kiews Unab­hän­gig­keits­platz, dem Majdan, aber weniger um die Hin­ter­gründe der Euro­majdan-Bewe­gung. In der Antho­logie Euro­maidan: Was in der Ukraine auf dem Spiel steht, die auf Deutsch beim Suhr­kamp Verlag und auf Pol­nisch unter dem Titel Zwrotnik Ukraina beim Czarne Verlag erschienen ist, kommen unter­schied­liche Zeit­zeugen zu Wort, dar­unter His­to­riker, Sozio­logen und Poli­tik­wis­sen­schaftler, und berichten aus ihrer Per­spek­tive von den Anfängen der Revolution.

 

Bereits im Vor­wort befindet sich der Leser mitten im Geschehen – auf dem Weg zum Majdan. Es stammt von einem der bekann­testen Schrift­steller der Ukraine, Jurij Andruchovyč [Juri Andruchow­ytsch], der selbst aktiv an den Pro­testen teil­nahm und wie aus einem Tage­buch dar­über berichtet. Die letzten Texte ent­standen Ende März 2014, direkt nach dem Pseu­do­re­fe­rendum, wel­ches Putin für die Anne­xion der Krim als Vor­wand nutzte, und kurz bevor die Sepa­ra­tisten das Ver­wal­tungs­ge­bäude in Doneck ein­nahmen. Bis heute befindet es sich in ihrem Besitz. Mitt­ler­weile haben sich die Fronten noch mehr ver­härtet und aus dem Kon­flikt ist ein Krieg mit glo­balen Folgen erwachsen – voller Pro­pa­ganda und Lügen. Um nicht zu ver­gessen, wie alles begann, brau­chen wir Euro­maidan und die Berichte seiner Zeugen: Einige von ihnen sind emo­tional und mitten aus dem Geschehen ver­fasst worden, andere aus einer ana­ly­ti­schen Beobachterperspektive.

 

Für die ukrai­ni­sche Autorin Kate­ryna Miščenko [Kate­ryna Mish­chenko] ist der Majdan zugleich Agora und Grab­stätte: „Der Ort, an dem ein neues poli­ti­sches Bewusst­sein ent­steht und der Ort der größten Tra­gödie seit der Unab­hän­gig­keit der Ukraine. Mit dieser Zwie­späl­tig­keit muss ich von nun an leben, und nicht nur ich. Der Euro­maidan stellte alles auf den Kopf, er zog meine kul­tu­rellen und sozialen Kon­strukte in Zweifel. Ich hatte nicht den Schimmer einer Ahnung gehabt, was für Men­schen um mich herum lebten.“ Sie habe sich getäuscht, kon­sta­tiert die Schrift­stel­lerin, indem sie vorher nur ihre eigene Umge­bung als die mög­liche Avant­garde einer Revo­lu­tion in Betracht gezogen habe: „Ich hatte mich offen­sicht­lich in all den flat­t­rigen west­li­chen Theo­rien, Wirt­schafts­ana­lysen und meinen eigenen Vor­stel­lungen von der ukrai­ni­schen Gesell­schaft und der Ukraine an sich ver­irrt. Das Umher­irren hatte ein Ende, als ich gemeinsam mit vielen anderen auf den Platz ging und meine Mit­bürger kennenlernte.“

 

Aus einer anderen Per­spek­tive nähert sich dem Euro­majdan der US-ame­ri­ka­ni­sche Ost­eu­ropa-His­to­riker Timothy Snyder, der vor allem durch sein viel dis­ku­tiertes Buch Bloo­d­lands, in dem er die Ver­bre­chen an der Bevöl­ke­rung der Ter­ri­to­rien zwi­schen Hit­ler­deutsch­land und der Sowjet­union ana­ly­siert, bekannt wurde. Sny­ders nüch­terne Beob­ach­tungen sind auch in Euro­maidan eine Berei­che­rung. Vor allem sieht er in der ukrai­ni­schen Bewe­gung eine durch ver­schie­dene Vari­anten von Pro­pa­ganda ver­schlei­erte Revo­lu­tion des Volkes. Von Moskau über London bis New York sei es die gleiche Geschichte gewesen: „spär­liche Fakten zum Ursprung der Pro­teste, statt­dessen eine Nei­gung, die Idee eines Staats­streichs durch Natio­na­listen, Faschisten oder gar Nazis ins Spiel zu bringen.“ Dabei sei das Eigent­liche über­sehen worden: „Das Volk errang den Sieg durch schiere phy­si­sche Tapferkeit“.

 

Auch im Bei­trag des öster­rei­chi­schen Autors Martin Pollack geht es um Pro­pa­ganda. In Abdu­cken und Kopf­ein­ziehen. Über die Macht der Lügen spricht er von der rus­si­schen Lüge und warnt ein­dring­lich vor Putin und davor, die Hand­lungen Russ­lands zu igno­rieren: „Um eine wei­tere Eska­la­tion zu ver­hin­dern, muss Europa, muss die Welt Putin auf der Stelle ener­gisch ent­ge­gen­treten, um seine Ambi­tionen zu stoppen. Sonst droht ein böses Erwa­chen.“ Ein Pro­blem, wel­ches nicht an Bri­sanz und Aktua­lität ver­loren hat. Über den Umgang damit herrscht nach wie vor euro­pa­weit keine Einigkeit.

 

Auf gewohnt poe­ti­sche Art erör­tert der pol­ni­sche Autor Andrzej Sta­siuk das Phä­nomen und die Selbst­wahr­neh­mung Russ­lands. In seinem Essay bezeichnet er Russ­land als einen „unein­deu­tigen Staat“, wel­cher zu Europa ebenso gehört wie zu Asien. Die Geschichte des Landes sieht er als eine, „die mehr im Raum als in der Zeit spielte, es ist eine Geschichte, die im Grunde Geo­gra­phie ist.“ Eines Staates mit defi­nierten Grenzen, der zugleich beweg­lich ist, eines Staates „unter­wegs“. In dem Zusam­men­hang erin­nert Sta­siuk an einen alten Witz mit tiefer Bedeu­tung: „An wen grenzt die Sowjet­union? An wen sie will.“ Der pol­ni­sche Autor betont, er recht­fer­tige Russ­land nicht, ver­suche es jedoch zu verstehen.

 

Dank der viel­fäl­tigen Per­spek­tiven von Sta­siuk, Andruchovyč, Snyder und der anderen in Euro­maidan ver­tre­tenen Autorinnen und Autoren erschließt sich auch, was mit dem öst­li­chen euro­päi­schen Nach­bar­land seit der Oran­genen Revo­lu­tion im Jahr 2004 bis November 2013 pas­sierte. In dieser Zeit stand die Ukraine nicht im Zen­trum der euro­päi­schen Auf­merk­sam­keit und drif­tete unbe­merkt in Rich­tung eines (typisch) post­so­wje­ti­schen Auto­ri­ta­rismus. Mit Euro­maidan sehen wir auch Europa aus einer anderen Per­spek­tive. Die ukrai­ni­sche Bewe­gung schaut in Rich­tung der Euro­päi­schen Union und hofft auf ihre Soli­da­rität. Euro­maidan zeigt ein grö­ßeres Europa, das nicht an der heu­tigen EU-Grenze endet.

 

Was in der Ukraine auf dem Spiel steht, wurde erst in den Monaten nach den Majdan-Pro­testen richtig deut­lich. In nur kurzer Zeit wurde die euro­päi­sche Nach­kriegs­ord­nung erschüt­tert. Heute stehen Russ­land und der Westen sich wieder feind­selig gegen­über. Frie­dens­ab­kommen sind trotz inter­na­tio­naler Ver­mitt­lungs­ver­suche brü­chig. Wie konnte es dazu kommen? Und was bedeutet das für das künf­tige Zusam­men­leben in Europa? Auf diese Fragen ver­su­chen Schrift­steller und Publi­zisten im Nach­fol­ge­band zum Euro­maidan, Test­fall Ukraine, der im März 2015 beim Suhr­kamp Verlag erschienen ist, eine Ant­wort zu geben.

 

Andruchow­ytsch, Juri (Hg.): Euro­maidan: Was in der Ukraine auf dem Spiel steht. Berlin: Suhr­kamp, 2014.
Andruchowycz, Jurij (red.): Zwrotnik Ukraina. Woło­wiec: Czarne, 2014.

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