Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Durch­sich­tig­keit

Zu Marek Bieńc­zyks neuem Essay

 

Trans­pa­renz, Durch­sich­tig­keit, trans­pa­rence, trans­pa­rencia, przez­ro­c­zy­stość. Eine Explo­sion des Klangs, ein Leuchten. So ver­sucht Marek Bieńczyk in seinem jüngst erschienen Buch auf die Reise durch die Geschichte eines euro­päi­schen Phan­tasmas ein­zu­stimmen. Sein umfang­rei­cher Essay, der ständig die Grenze zum Roman über­schreitet, ist ein frei gehal­tener Bei­trag zur Geschichte der Durch­sich­tig­keit bzw. Transparenz.

Es ist vor allen Dingen eine Reise durch die Moderne. In ihr treten, so Bieńczyk, zwei Kräfte zum Duell an: die Rousseau’sche Idee der „Durch­sich­tig­keit mensch­li­cher Herzen“, einer durch nichts ver­stellten Kom­mu­ni­ka­tion der Indi­vi­duen, und der pes­si­mis­ti­sche Reak­tio­nismus, der an der Zwie­lich­tig­keit, Unein­deu­tig­keit, bedroh­li­cher Dun­kel­heit der Indi­vi­duen fest­hält und jede Utopie des gesell­schaft­li­chen Fort­schritts im Zei­chen der gegen­sei­tigen Annä­he­rung und Offen­le­gung der Inter­essen mit Erfolg demon­tiert. Für Bieńczyk gilt Rous­seau als der­je­nige, der das Phan­tasma der Trans­pa­renz mit seinen empha­ti­schen Schlag­worten von der Rein­heit der Herzen, Durch­sich­tig­keit der Seelen, der natür­li­chen Unschuld (die Anderen sind schuld, nicht der, der einen unver­stellten Zugang zu sich selbst hat!) geweckt hat. Trotz der Demon­tage durch die Psy­cho­ana­lyse etwa, hat dieses Phan­tasma in nahezu allen gesell­schaft­li­chen Berei­chen ima­gi­na­tive Kraft und geheime Anzie­hung behalten. Dass aus­ge­rechnet ein pol­ni­scher Autor sich für die Rousseau’sche Utopie der Trans­pa­renz, d.h. eines unver­stellten Gesprächs in der Gesell­schaft, erwärmt, lässt sich wahr­schein­lich mit dem Hin­weis erklären, dass in Polen immer noch die Erin­ne­rung an den „Pol­ni­schen August“, an den ersten Sieg der Soli­dar­ność-Bewe­gung im August 1980 fort­lebt. Diese kurze Zeit des Auf­bruchs wird mit Recht „Kar­neval der Frei­heit“ genannt. Was sie kenn­zeich­nete, war das Auf­scheinen einer Utopie, der Idee einer gesell­schaft­li­chen Reform im Zei­chen der Trans­pa­renz. Bieńczyk deutet diese Inter­pre­ta­tion nur sehr ver­halten an.

Inner­halb der neuen pol­ni­schen Essay­istik nimmt Bieńczyk einen beson­deren Platz ein. Er ist Roma­nist, Kenner und Über­setzer fran­zö­si­scher Lite­ratur und – wie der schwei­ze­ri­sche Lite­ra­tur­wis­sen­schaftler Jean Sta­ro­binski – an der Erfor­schung der Geschichte der Melan­cholie inter­es­siert. Fast alle seine Publi­ka­tionen, dar­unter zwei Romane, kreisen mehr oder weniger um das Thema der Melan­cholie, die er als eigene Form der exis­ten­ti­ellen Erfah­rung ver­steht. Diese Erfah­rung braucht Bilder, sie ist ima­gi­nativ. Man könnte Bieńczyk daher als einen Phä­no­me­no­logen der exis­ten­ti­ellen Ima­gi­na­tion bezeichnen. Beson­ders die Chif­fren und Bilder der Melan­cholie haben es ihm angetan. Er sam­melt sie mit großer Hin­gabe und ver­sucht sie als Phan­tasmen zu lesen. Den Auf­takt seiner Spu­ren­suche bildet vor allem die 1990 erschie­nene Mono­gra­phie zu Zyg­munt Kra­siński (Der schwarze Mann. Kra­siński ange­sichts des Todes, Wars­zawa 1990), dessen Leben er als obsessiv melan­cho­li­sche Erfah­rung der Exis­tenz beschreibt. Die Todes­sehn­sucht Kra­sińskis ist für Bieńczyk der Aus­druck einer Selbst- und Welt­wahr­neh­mung, die das Leben als Schei­tern erfährt.

Dem Schwarzen Mann folgte die Essay­samm­lung unter dem Titel Melan­cholie. Von denen, die das Ver­lo­rene nie wie­der­finden (Melan­cholia. O tych, co nigdy nie odnajdą straty, 1998), sowie eine wei­tere Essay­samm­lung: Dürers Augen. Über die roman­ti­sche Melan­cholie (2002). Bieńczyk publi­zierte auch zwei Romane (Ter­minal, 1998 [dt. Ter­minal, 2000.], und Tworki, 1999.), in denen die Erfah­rungen der Leere, des Ver­lustes und des Ver­schwin­dens einen roten Faden bilden. Die Roman­fi­guren selbst sind eher post­mo­derne Erzähl­gesten, Muster des Indi­vi­du­ellen oder der Sprache. Das Schwinden und Ver­schwinden eines Men­schen fas­zi­niert Bieńczyk schon allein des­halb, weil dieser selbst in der zurück­blei­benden Leere Spuren hin­ter­lässt. Mit diesem Bild endet auch sein neu­estes Buch Przez­ro­c­zy­stość.

Bieńczyk bewegt sich auf einem nicht klar abge­steckten Gebiet. Zur Durch­sich­tig­keit führen schier unend­lich viele Wege. Man kann sich schnell ver­laufen. Der Autor unter­nimmt eine große Anstren­gung, damit ihm das nicht pas­siert. Seine Geschichte der Durch­sich­tig­keit betrifft immerhin die kol­lek­tive Ima­gi­na­tion. Und die bringt häufig Chi­mären hervor und lässt sich nicht sys­te­ma­ti­sieren. Bieńc­zyks Streifzug durch die Moderne befasst sich mit Bil­dern und lieb­äu­gelt mit der Fik­tion. Es wäre ver­kehrt, die Erzäh­lung als Geis­tes­ge­schichte zu lesen, obwohl sie sich diesen Anstrich gibt. Um die exis­ten­zi­elle Dimen­sion dessen zu zeigen, was er Durch­sich­tig­keit nennt, ist der Erzähler immer auch auf indi­vi­du­elle Ein­bil­dungs­kraft ange­wiesen. Vor dem fal­schen Pathos der Geschichte rettet er sich – viel­leicht – in den Pathos indi­vi­du­eller exis­ten­ti­eller Erfah­rung, die zwar in ihrer uni­ver­sellen Struktur zur Mit­tei­lung drängt, gleich­zeitig aber immer nur in der Ein­sam­keit statt­findet. Durch­sich­tig­keit ist für ihn nicht nur eine seltsam unbe­stimmte Eigen­schaft des Seins und der Dinge oder eine Utopie, son­dern „ein Motiv, eine Wahr­heit, eine Illu­sion, ein exis­ten­zi­elles Hobby, eine Halt bie­tende Stütze“ – nicht nur für die eigene Exis­tenz, son­dern auch für einen Text. Der Text von Bieńczyk ist ein vibrie­rendes, viel­leicht auch durch­sich­tiges und zuweilen auch hys­te­ri­sches Gewebe (wie ein sich zusam­men­zie­hender Körper, der seine Exis­tenz als Ver­lust der Trans­pa­renz erlebt), das die vielen Facetten des Phan­tasmas, sei es in der Lite­ratur, der Phi­lo­so­phie, Archi­tektur, den Bil­denden Künsten, oder Musik zu Tage för­dert und in sich „ein­saugt“. Die Spu­ren­suche führt an keiner Stelle zu einer Kate­gorie oder zu einem Begriff. Durch­sich­tig­keit soll ein Traum, ein Begehren bleiben, eine ima­gi­na­tive Kraft, die sich nir­gendwo zu einem Ding ver­dichten sollte. Das ist einer­seits eine Schwie­rig­keit des Textes, aber sie macht gleich­zeitig seine uto­pi­sche Blick­rich­tung aus.

Der Erzähler schwärmt für die Licht­flecke auf den Bil­dern Edward Hop­pers, für Aqua­rien, für Kapitän Nemos Unter­see­boot, das mit gleichsam großen glä­sernen Augen ein unge­heuer weites Pan­orama über­blickt. Er schwärmt für den glä­sernen Klang des Ban­do­neons, für die zei­chen­lose Sprache der Herzen, von der Kra­siński träumte, für den durch­sich­tigen ein­zigen Satz, der alles sagt und seine Spur gänz­lich ver­wischt, für den namenlos begra­benen Walter Ben­jamin, auf dessen Spuren er das ver­schwin­dend Geringe sucht. Er bewegt sich dabei gerne am Rande des Kit­sches, manche Meta­pher steht unge­schützt da, wie das „kris­tal­lene Herz“ des Jean Jac­ques Rousseau.

Er durch­leuchtet die ambi­va­lenten Erschei­nungen des euro­päi­schen Phan­tasmas: die uto­pi­sche Glas­ar­chi­tektur des Phan­tasten Paul Scheer­bart, den Crystal Palace der Lon­doner Welt­aus­stel­lung als Bei­spiel für Visionen eines licht­durch­flu­teten, leichten und trans­pa­renten Lebens in den Städten. Gleich­zeitig ist der Crystal Palace ein Modell des kapi­ta­lis­ti­schen Innen­raums, der das Außen als Ware und Behag­lich­keit gefil­tert rein­lässt, um den kon­su­mie­renden Insassen an seinen festen Ort zu binden. Schließ­lich erin­nert er auch an die ver­wirk­lichte per­ma­nente Inge­renz einer unsichtbar gewor­denen Macht in alle Lebens­be­reiche – wie in Fou­caults Über­wa­chen und Strafen. Sie wäre nicht mög­lich ohne die Idee der Durch­sich­tig­keit. Auch das gegen­wär­tige poli­ti­sche Spiel mit der Trans­pa­renz in den west­li­chen Demo­kra­tien passt in die Reihe. Der fran­zö­si­sche Aus­druck jouer la trans­pa­rence verrät unfrei­willig die dop­pelte Auf­gabe durch­sich­tiger Politik: nicht nur auf Trans­pa­renz – in Abgren­zung zum poli­ti­schen Gegner – setzen, son­dern sie geschickt spielen. Überall dort, wo am Rand neue ver­deckte Bereiche der Macht entstehen.

Bieńc­zyks Buch hat ein ver­stecktes Motto. Es ist nicht ein Satz, son­dern ein ganzer Text und eine ‘ein­ge­fro­rene’ Szene. Der Erzähler zitiert einen län­geren Abschnitt aus dem berühmten letzten Teil der Dub­li­ners von James Joyce, der die Über­schrift The dead trägt. In der pathe­ti­schen Schluss­szene schaut Gabriel durch das Fenster in die Nacht hinaus und denkt, wäh­rend er den rie­selnden Schnee betrachtet, über das Ver­gehen nach. Nein, er ist vom Ver­gehen ergriffen. Seine Vision des Endes, so heißt es dort, betrifft die Lebenden und die Toten zugleich und ver­sam­melt sie gewis­ser­maßen in einer Dimen­sion. Die­je­nigen, die sind, werden bald nicht mehr sein, und die, die waren, sind als Schatten anwe­send. Der in die Win­ter­nacht hin­aus­schau­ende Gabriel ist sein Bruder „im Sehen“, bekennt der Erzähler. Die exis­ten­ti­elle Erfah­rung des Ver­ge­hens ist ihnen beiden gemeinsam, und sie schauen in die gleiche Rich­tung: in die weiße, klare und kalte Struktur der Zeit, in der ein­zelne Exis­tenzen ihre Kon­turen ver­lieren und in die „reine und unge­trübte Gestalt des Seins“ ein­gehen. Alle Vor­stel­lungen des Geis­ter­haften und Durch­sich­tigen haben viel­leicht mit dieser Hypo­st­asie­rung des Seins zu tun. Ziehen wir dem Sei­enden alles Mate­ri­elle ab, so bleibt eben nur diese durch­sich­tige „Sub­stanz“ übrig, die doch in der Ima­gi­na­tion mehr ist als reine Dauer oder bloßes Vor­han­den­sein. Für Bieńczyk ist das Durch­sich­tige also die ephe­mere Form der exis­ten­zi­ellen Erfah­rung, die durch den Sehenden, durch dessen Blick wohl am besten ver­sinn­bild­licht wird.

Der „Zeuge der Durch­sich­tig­keit“, wie der Erzähler den Prot­ago­nisten aus The dead apo­stro­phiert, ist zugleich ein Bild für die Melan­cholie. Damit knüpft Bieńczyk an seine andere, schon bekannte Obses­sion an. Der Ver­such über die Durch­sich­tig­keit ist eine Erwei­te­rung und Ver­voll­stän­di­gung seiner bis­he­rigen Arbeiten zur „Theorie“ der Melan­cholie. Sie bietet einen zuweilen naiv-hoff­nungs­vollen Raum für die­je­nigen, „die das Ver­lo­rene nie wiederfinden“.

 

Marek Bieńczyk: Przez­ro­c­zy­stość (Durch­sich­tig­keit). Znak. Kraków 2007.

Der schwarze Mann. Kra­siński ange­sichts des Todes (Czarny czło­wiek. Zyg­munt Kra­siński wobec śmierci). IBL. Wars­zawa 1990.

Ter­minal, Roman. PIW. Wars­zawa 1994. Neu­auf­lage. Sic!. Wars­zawa 1998.

Melan­cholie. Von denen, die das Ver­lo­rene nie wie­der­finden (Melan­cholia. O tych, co nigdy nie odnajdą straty), Essays. Sic!. Wars­zawa 1998.

Tworki, Roman. Sic!. Wars­zawa 1999.

Dürers Augen. Über die roman­ti­sche Melan­cholie (Oczy Dürera. O melan­cholii roman­ty­cznej), Essays. Sic!. Wars­zawa 2002.

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