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Durchsichtigkeit

Posted on 6. November 2007 by Michael Zgodzay
„Es gibt etwas Durchsichtiges“ - sagt Aristoteles in "De Anima". Marek Bieńczyk nimmt ihn beim Wort und macht sich auf die Suche. Dem griechischen Wort diaphanes – zu deutsch: durchsichtig –, widmet er sein neues Buch.

Zu Marek Bieńczyks neuem Essay

 

Transparenz, Durchsichtigkeit, transparence, transparencia, przezroczystość. Eine Explosion des Klangs, ein Leuchten. So versucht Marek Bieńczyk in seinem jüngst erschienen Buch auf die Reise durch die Geschichte eines europäischen Phantasmas einzustimmen. Sein umfangreicher Essay, der ständig die Grenze zum Roman überschreitet, ist ein frei gehaltener Beitrag zur Geschichte der Durchsichtigkeit bzw. Transparenz.

Es ist vor allen Dingen eine Reise durch die Moderne. In ihr treten, so Bieńczyk, zwei Kräfte zum Duell an: die Rousseau'sche Idee der „Durchsichtigkeit menschlicher Herzen“, einer durch nichts verstellten Kommunikation der Individuen, und der pessimistische Reaktionismus, der an der Zwielichtigkeit, Uneindeutigkeit, bedrohlicher Dunkelheit der Individuen festhält und jede Utopie des gesellschaftlichen Fortschritts im Zeichen der gegenseitigen Annäherung und Offenlegung der Interessen mit Erfolg demontiert. Für Bieńczyk gilt Rousseau als derjenige, der das Phantasma der Transparenz mit seinen emphatischen Schlagworten von der Reinheit der Herzen, Durchsichtigkeit der Seelen, der natürlichen Unschuld (die Anderen sind schuld, nicht der, der einen unverstellten Zugang zu sich selbst hat!) geweckt hat. Trotz der Demontage durch die Psychoanalyse etwa, hat dieses Phantasma in nahezu allen gesellschaftlichen Bereichen imaginative Kraft und geheime Anziehung behalten. Dass ausgerechnet ein polnischer Autor sich für die Rousseau'sche Utopie der Transparenz, d.h. eines unverstellten Gesprächs in der Gesellschaft, erwärmt, lässt sich wahrscheinlich mit dem Hinweis erklären, dass in Polen immer noch die Erinnerung an den „Polnischen August“, an den ersten Sieg der Solidarność-Bewegung im August 1980 fortlebt. Diese kurze Zeit des Aufbruchs wird mit Recht „Karneval der Freiheit“ genannt. Was sie kennzeichnete, war das Aufscheinen einer Utopie, der Idee einer gesellschaftlichen Reform im Zeichen der Transparenz. Bieńczyk deutet diese Interpretation nur sehr verhalten an.

Innerhalb der neuen polnischen Essayistik nimmt Bieńczyk einen besonderen Platz ein. Er ist Romanist, Kenner und Übersetzer französischer Literatur und – wie der schweizerische Literaturwissenschaftler Jean Starobinski – an der Erforschung der Geschichte der Melancholie interessiert. Fast alle seine Publikationen, darunter zwei Romane, kreisen mehr oder weniger um das Thema der Melancholie, die er als eigene Form der existentiellen Erfahrung versteht. Diese Erfahrung braucht Bilder, sie ist imaginativ. Man könnte Bieńczyk daher als einen Phänomenologen der existentiellen Imagination bezeichnen. Besonders die Chiffren und Bilder der Melancholie haben es ihm angetan. Er sammelt sie mit großer Hingabe und versucht sie als Phantasmen zu lesen. Den Auftakt seiner Spurensuche bildet vor allem die 1990 erschienene Monographie zu Zygmunt Krasiński (Der schwarze Mann. Krasiński angesichts des Todes, Warszawa 1990), dessen Leben er als obsessiv melancholische Erfahrung der Existenz beschreibt. Die Todessehnsucht Krasińskis ist für Bieńczyk der Ausdruck einer Selbst- und Weltwahrnehmung, die das Leben als Scheitern erfährt.

Dem Schwarzen Mann folgte die Essaysammlung unter dem Titel Melancholie. Von denen, die das Verlorene nie wiederfinden (Melancholia. O tych, co nigdy nie odnajdą straty, 1998), sowie eine weitere Essaysammlung: Dürers Augen. Über die romantische Melancholie (2002). Bieńczyk publizierte auch zwei Romane (Terminal, 1998 , und Tworki, 1999.), in denen die Erfahrungen der Leere, des Verlustes und des Verschwindens einen roten Faden bilden. Die Romanfiguren selbst sind eher postmoderne Erzählgesten, Muster des Individuellen oder der Sprache. Das Schwinden und Verschwinden eines Menschen fasziniert Bieńczyk schon allein deshalb, weil dieser selbst in der zurückbleibenden Leere Spuren hinterlässt. Mit diesem Bild endet auch sein neuestes Buch Przezroczystość.

Bieńczyk bewegt sich auf einem nicht klar abgesteckten Gebiet. Zur Durchsichtigkeit führen schier unendlich viele Wege. Man kann sich schnell verlaufen. Der Autor unternimmt eine große Anstrengung, damit ihm das nicht passiert. Seine Geschichte der Durchsichtigkeit betrifft immerhin die kollektive Imagination. Und die bringt häufig Chimären hervor und lässt sich nicht systematisieren. Bieńczyks Streifzug durch die Moderne befasst sich mit Bildern und liebäugelt mit der Fiktion. Es wäre verkehrt, die Erzählung als Geistesgeschichte zu lesen, obwohl sie sich diesen Anstrich gibt. Um die existenzielle Dimension dessen zu zeigen, was er Durchsichtigkeit nennt, ist der Erzähler immer auch auf individuelle Einbildungskraft angewiesen. Vor dem falschen Pathos der Geschichte rettet er sich – vielleicht – in den Pathos individueller existentieller Erfahrung, die zwar in ihrer universellen Struktur zur Mitteilung drängt, gleichzeitig aber immer nur in der Einsamkeit stattfindet. Durchsichtigkeit ist für ihn nicht nur eine seltsam unbestimmte Eigenschaft des Seins und der Dinge oder eine Utopie, sondern „ein Motiv, eine Wahrheit, eine Illusion, ein existenzielles Hobby, eine Halt bietende Stütze“ – nicht nur für die eigene Existenz, sondern auch für einen Text. Der Text von Bieńczyk ist ein vibrierendes, vielleicht auch durchsichtiges und zuweilen auch hysterisches Gewebe (wie ein sich zusammenziehender Körper, der seine Existenz als Verlust der Transparenz erlebt), das die vielen Facetten des Phantasmas, sei es in der Literatur, der Philosophie, Architektur, den Bildenden Künsten, oder Musik zu Tage fördert und in sich „einsaugt“. Die Spurensuche führt an keiner Stelle zu einer Kategorie oder zu einem Begriff. Durchsichtigkeit soll ein Traum, ein Begehren bleiben, eine imaginative Kraft, die sich nirgendwo zu einem Ding verdichten sollte. Das ist einerseits eine Schwierigkeit des Textes, aber sie macht gleichzeitig seine utopische Blickrichtung aus.

Der Erzähler schwärmt für die Lichtflecke auf den Bildern Edward Hoppers, für Aquarien, für Kapitän Nemos Unterseeboot, das mit gleichsam großen gläsernen Augen ein ungeheuer weites Panorama überblickt. Er schwärmt für den gläsernen Klang des Bandoneons, für die zeichenlose Sprache der Herzen, von der Krasiński träumte, für den durchsichtigen einzigen Satz, der alles sagt und seine Spur gänzlich verwischt, für den namenlos begrabenen Walter Benjamin, auf dessen Spuren er das verschwindend Geringe sucht. Er bewegt sich dabei gerne am Rande des Kitsches, manche Metapher steht ungeschützt da, wie das „kristallene Herz“ des Jean Jacques Rousseau.

Er durchleuchtet die ambivalenten Erscheinungen des europäischen Phantasmas: die utopische Glasarchitektur des Phantasten Paul Scheerbart, den Crystal Palace der Londoner Weltausstellung als Beispiel für Visionen eines lichtdurchfluteten, leichten und transparenten Lebens in den Städten. Gleichzeitig ist der Crystal Palace ein Modell des kapitalistischen Innenraums, der das Außen als Ware und Behaglichkeit gefiltert reinlässt, um den konsumierenden Insassen an seinen festen Ort zu binden. Schließlich erinnert er auch an die verwirklichte permanente Ingerenz einer unsichtbar gewordenen Macht in alle Lebensbereiche – wie in Foucaults Überwachen und Strafen. Sie wäre nicht möglich ohne die Idee der Durchsichtigkeit. Auch das gegenwärtige politische Spiel mit der Transparenz in den westlichen Demokratien passt in die Reihe. Der französische Ausdruck jouer la transparence verrät unfreiwillig die doppelte Aufgabe durchsichtiger Politik: nicht nur auf Transparenz – in Abgrenzung zum politischen Gegner – setzen, sondern sie geschickt spielen. Überall dort, wo am Rand neue verdeckte Bereiche der Macht entstehen.

Bieńczyks Buch hat ein verstecktes Motto. Es ist nicht ein Satz, sondern ein ganzer Text und eine 'eingefrorene' Szene. Der Erzähler zitiert einen längeren Abschnitt aus dem berühmten letzten Teil der Dubliners von James Joyce, der die Überschrift The dead trägt. In der pathetischen Schlussszene schaut Gabriel durch das Fenster in die Nacht hinaus und denkt, während er den rieselnden Schnee betrachtet, über das Vergehen nach. Nein, er ist vom Vergehen ergriffen. Seine Vision des Endes, so heißt es dort, betrifft die Lebenden und die Toten zugleich und versammelt sie gewissermaßen in einer Dimension. Diejenigen, die sind, werden bald nicht mehr sein, und die, die waren, sind als Schatten anwesend. Der in die Winternacht hinausschauende Gabriel ist sein Bruder „im Sehen“, bekennt der Erzähler. Die existentielle Erfahrung des Vergehens ist ihnen beiden gemeinsam, und sie schauen in die gleiche Richtung: in die weiße, klare und kalte Struktur der Zeit, in der einzelne Existenzen ihre Konturen verlieren und in die „reine und ungetrübte Gestalt des Seins“ eingehen. Alle Vorstellungen des Geisterhaften und Durchsichtigen haben vielleicht mit dieser Hypostasierung des Seins zu tun. Ziehen wir dem Seienden alles Materielle ab, so bleibt eben nur diese durchsichtige „Substanz“ übrig, die doch in der Imagination mehr ist als reine Dauer oder bloßes Vorhandensein. Für Bieńczyk ist das Durchsichtige also die ephemere Form der existenziellen Erfahrung, die durch den Sehenden, durch dessen Blick wohl am besten versinnbildlicht wird.

Der „Zeuge der Durchsichtigkeit“, wie der Erzähler den Protagonisten aus The dead apostrophiert, ist zugleich ein Bild für die Melancholie. Damit knüpft Bieńczyk an seine andere, schon bekannte Obsession an. Der Versuch über die Durchsichtigkeit ist eine Erweiterung und Vervollständigung seiner bisherigen Arbeiten zur „Theorie“ der Melancholie. Sie bietet einen zuweilen naiv-hoffnungsvollen Raum für diejenigen, „die das Verlorene nie wiederfinden“.

 

Marek Bieńczyk: Przezroczystość (Durchsichtigkeit). Znak. Kraków 2007.

Der schwarze Mann. Krasiński angesichts des Todes (Czarny człowiek. Zygmunt Krasiński wobec śmierci). IBL. Warszawa 1990.

Terminal, Roman. PIW. Warszawa 1994. Neuauflage. Sic!. Warszawa 1998.

Melancholie. Von denen, die das Verlorene nie wiederfinden (Melancholia. O tych, co nigdy nie odnajdą straty), Essays. Sic!. Warszawa 1998.

Tworki, Roman. Sic!. Warszawa 1999.

Dürers Augen. Über die romantische Melancholie (Oczy Dürera. O melancholii romantycznej), Essays. Sic!. Warszawa 2002.

Durchsichtigkeit – novinki
Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Durch­sich­tig­keit

Zu Marek Bieńc­zyks neuem Essay

 

Trans­pa­renz, Durch­sich­tig­keit, trans­pa­rence, trans­pa­rencia, przez­ro­c­zy­stość. Eine Explo­sion des Klangs, ein Leuchten. So ver­sucht Marek Bieńczyk in seinem jüngst erschienen Buch auf die Reise durch die Geschichte eines euro­päi­schen Phan­tasmas ein­zu­stimmen. Sein umfang­rei­cher Essay, der ständig die Grenze zum Roman über­schreitet, ist ein frei gehal­tener Bei­trag zur Geschichte der Durch­sich­tig­keit bzw. Transparenz.

Es ist vor allen Dingen eine Reise durch die Moderne. In ihr treten, so Bieńczyk, zwei Kräfte zum Duell an: die Rousseau’sche Idee der „Durch­sich­tig­keit mensch­li­cher Herzen“, einer durch nichts ver­stellten Kom­mu­ni­ka­tion der Indi­vi­duen, und der pes­si­mis­ti­sche Reak­tio­nismus, der an der Zwie­lich­tig­keit, Unein­deu­tig­keit, bedroh­li­cher Dun­kel­heit der Indi­vi­duen fest­hält und jede Utopie des gesell­schaft­li­chen Fort­schritts im Zei­chen der gegen­sei­tigen Annä­he­rung und Offen­le­gung der Inter­essen mit Erfolg demon­tiert. Für Bieńczyk gilt Rous­seau als der­je­nige, der das Phan­tasma der Trans­pa­renz mit seinen empha­ti­schen Schlag­worten von der Rein­heit der Herzen, Durch­sich­tig­keit der Seelen, der natür­li­chen Unschuld (die Anderen sind schuld, nicht der, der einen unver­stellten Zugang zu sich selbst hat!) geweckt hat. Trotz der Demon­tage durch die Psy­cho­ana­lyse etwa, hat dieses Phan­tasma in nahezu allen gesell­schaft­li­chen Berei­chen ima­gi­na­tive Kraft und geheime Anzie­hung behalten. Dass aus­ge­rechnet ein pol­ni­scher Autor sich für die Rousseau’sche Utopie der Trans­pa­renz, d.h. eines unver­stellten Gesprächs in der Gesell­schaft, erwärmt, lässt sich wahr­schein­lich mit dem Hin­weis erklären, dass in Polen immer noch die Erin­ne­rung an den „Pol­ni­schen August“, an den ersten Sieg der Soli­dar­ność-Bewe­gung im August 1980 fort­lebt. Diese kurze Zeit des Auf­bruchs wird mit Recht „Kar­neval der Frei­heit“ genannt. Was sie kenn­zeich­nete, war das Auf­scheinen einer Utopie, der Idee einer gesell­schaft­li­chen Reform im Zei­chen der Trans­pa­renz. Bieńczyk deutet diese Inter­pre­ta­tion nur sehr ver­halten an.

Inner­halb der neuen pol­ni­schen Essay­istik nimmt Bieńczyk einen beson­deren Platz ein. Er ist Roma­nist, Kenner und Über­setzer fran­zö­si­scher Lite­ratur und – wie der schwei­ze­ri­sche Lite­ra­tur­wis­sen­schaftler Jean Sta­ro­binski – an der Erfor­schung der Geschichte der Melan­cholie inter­es­siert. Fast alle seine Publi­ka­tionen, dar­unter zwei Romane, kreisen mehr oder weniger um das Thema der Melan­cholie, die er als eigene Form der exis­ten­ti­ellen Erfah­rung ver­steht. Diese Erfah­rung braucht Bilder, sie ist ima­gi­nativ. Man könnte Bieńczyk daher als einen Phä­no­me­no­logen der exis­ten­ti­ellen Ima­gi­na­tion bezeichnen. Beson­ders die Chif­fren und Bilder der Melan­cholie haben es ihm angetan. Er sam­melt sie mit großer Hin­gabe und ver­sucht sie als Phan­tasmen zu lesen. Den Auf­takt seiner Spu­ren­suche bildet vor allem die 1990 erschie­nene Mono­gra­phie zu Zyg­munt Kra­siński (Der schwarze Mann. Kra­siński ange­sichts des Todes, Wars­zawa 1990), dessen Leben er als obsessiv melan­cho­li­sche Erfah­rung der Exis­tenz beschreibt. Die Todes­sehn­sucht Kra­sińskis ist für Bieńczyk der Aus­druck einer Selbst- und Welt­wahr­neh­mung, die das Leben als Schei­tern erfährt.

Dem Schwarzen Mann folgte die Essay­samm­lung unter dem Titel Melan­cholie. Von denen, die das Ver­lo­rene nie wie­der­finden (Melan­cholia. O tych, co nigdy nie odnajdą straty, 1998), sowie eine wei­tere Essay­samm­lung: Dürers Augen. Über die roman­ti­sche Melan­cholie (2002). Bieńczyk publi­zierte auch zwei Romane (Ter­minal, 1998 [dt. Ter­minal, 2000.], und Tworki, 1999.), in denen die Erfah­rungen der Leere, des Ver­lustes und des Ver­schwin­dens einen roten Faden bilden. Die Roman­fi­guren selbst sind eher post­mo­derne Erzähl­gesten, Muster des Indi­vi­du­ellen oder der Sprache. Das Schwinden und Ver­schwinden eines Men­schen fas­zi­niert Bieńczyk schon allein des­halb, weil dieser selbst in der zurück­blei­benden Leere Spuren hin­ter­lässt. Mit diesem Bild endet auch sein neu­estes Buch Przez­ro­c­zy­stość.

Bieńczyk bewegt sich auf einem nicht klar abge­steckten Gebiet. Zur Durch­sich­tig­keit führen schier unend­lich viele Wege. Man kann sich schnell ver­laufen. Der Autor unter­nimmt eine große Anstren­gung, damit ihm das nicht pas­siert. Seine Geschichte der Durch­sich­tig­keit betrifft immerhin die kol­lek­tive Ima­gi­na­tion. Und die bringt häufig Chi­mären hervor und lässt sich nicht sys­te­ma­ti­sieren. Bieńc­zyks Streifzug durch die Moderne befasst sich mit Bil­dern und lieb­äu­gelt mit der Fik­tion. Es wäre ver­kehrt, die Erzäh­lung als Geis­tes­ge­schichte zu lesen, obwohl sie sich diesen Anstrich gibt. Um die exis­ten­zi­elle Dimen­sion dessen zu zeigen, was er Durch­sich­tig­keit nennt, ist der Erzähler immer auch auf indi­vi­du­elle Ein­bil­dungs­kraft ange­wiesen. Vor dem fal­schen Pathos der Geschichte rettet er sich – viel­leicht – in den Pathos indi­vi­du­eller exis­ten­ti­eller Erfah­rung, die zwar in ihrer uni­ver­sellen Struktur zur Mit­tei­lung drängt, gleich­zeitig aber immer nur in der Ein­sam­keit statt­findet. Durch­sich­tig­keit ist für ihn nicht nur eine seltsam unbe­stimmte Eigen­schaft des Seins und der Dinge oder eine Utopie, son­dern „ein Motiv, eine Wahr­heit, eine Illu­sion, ein exis­ten­zi­elles Hobby, eine Halt bie­tende Stütze“ – nicht nur für die eigene Exis­tenz, son­dern auch für einen Text. Der Text von Bieńczyk ist ein vibrie­rendes, viel­leicht auch durch­sich­tiges und zuweilen auch hys­te­ri­sches Gewebe (wie ein sich zusam­men­zie­hender Körper, der seine Exis­tenz als Ver­lust der Trans­pa­renz erlebt), das die vielen Facetten des Phan­tasmas, sei es in der Lite­ratur, der Phi­lo­so­phie, Archi­tektur, den Bil­denden Künsten, oder Musik zu Tage för­dert und in sich „ein­saugt“. Die Spu­ren­suche führt an keiner Stelle zu einer Kate­gorie oder zu einem Begriff. Durch­sich­tig­keit soll ein Traum, ein Begehren bleiben, eine ima­gi­na­tive Kraft, die sich nir­gendwo zu einem Ding ver­dichten sollte. Das ist einer­seits eine Schwie­rig­keit des Textes, aber sie macht gleich­zeitig seine uto­pi­sche Blick­rich­tung aus.

Der Erzähler schwärmt für die Licht­flecke auf den Bil­dern Edward Hop­pers, für Aqua­rien, für Kapitän Nemos Unter­see­boot, das mit gleichsam großen glä­sernen Augen ein unge­heuer weites Pan­orama über­blickt. Er schwärmt für den glä­sernen Klang des Ban­do­neons, für die zei­chen­lose Sprache der Herzen, von der Kra­siński träumte, für den durch­sich­tigen ein­zigen Satz, der alles sagt und seine Spur gänz­lich ver­wischt, für den namenlos begra­benen Walter Ben­jamin, auf dessen Spuren er das ver­schwin­dend Geringe sucht. Er bewegt sich dabei gerne am Rande des Kit­sches, manche Meta­pher steht unge­schützt da, wie das „kris­tal­lene Herz“ des Jean Jac­ques Rousseau.

Er durch­leuchtet die ambi­va­lenten Erschei­nungen des euro­päi­schen Phan­tasmas: die uto­pi­sche Glas­ar­chi­tektur des Phan­tasten Paul Scheer­bart, den Crystal Palace der Lon­doner Welt­aus­stel­lung als Bei­spiel für Visionen eines licht­durch­flu­teten, leichten und trans­pa­renten Lebens in den Städten. Gleich­zeitig ist der Crystal Palace ein Modell des kapi­ta­lis­ti­schen Innen­raums, der das Außen als Ware und Behag­lich­keit gefil­tert rein­lässt, um den kon­su­mie­renden Insassen an seinen festen Ort zu binden. Schließ­lich erin­nert er auch an die ver­wirk­lichte per­ma­nente Inge­renz einer unsichtbar gewor­denen Macht in alle Lebens­be­reiche – wie in Fou­caults Über­wa­chen und Strafen. Sie wäre nicht mög­lich ohne die Idee der Durch­sich­tig­keit. Auch das gegen­wär­tige poli­ti­sche Spiel mit der Trans­pa­renz in den west­li­chen Demo­kra­tien passt in die Reihe. Der fran­zö­si­sche Aus­druck jouer la trans­pa­rence verrät unfrei­willig die dop­pelte Auf­gabe durch­sich­tiger Politik: nicht nur auf Trans­pa­renz – in Abgren­zung zum poli­ti­schen Gegner – setzen, son­dern sie geschickt spielen. Überall dort, wo am Rand neue ver­deckte Bereiche der Macht entstehen.

Bieńc­zyks Buch hat ein ver­stecktes Motto. Es ist nicht ein Satz, son­dern ein ganzer Text und eine ‘ein­ge­fro­rene’ Szene. Der Erzähler zitiert einen län­geren Abschnitt aus dem berühmten letzten Teil der Dub­li­ners von James Joyce, der die Über­schrift The dead trägt. In der pathe­ti­schen Schluss­szene schaut Gabriel durch das Fenster in die Nacht hinaus und denkt, wäh­rend er den rie­selnden Schnee betrachtet, über das Ver­gehen nach. Nein, er ist vom Ver­gehen ergriffen. Seine Vision des Endes, so heißt es dort, betrifft die Lebenden und die Toten zugleich und ver­sam­melt sie gewis­ser­maßen in einer Dimen­sion. Die­je­nigen, die sind, werden bald nicht mehr sein, und die, die waren, sind als Schatten anwe­send. Der in die Win­ter­nacht hin­aus­schau­ende Gabriel ist sein Bruder „im Sehen“, bekennt der Erzähler. Die exis­ten­ti­elle Erfah­rung des Ver­ge­hens ist ihnen beiden gemeinsam, und sie schauen in die gleiche Rich­tung: in die weiße, klare und kalte Struktur der Zeit, in der ein­zelne Exis­tenzen ihre Kon­turen ver­lieren und in die „reine und unge­trübte Gestalt des Seins“ ein­gehen. Alle Vor­stel­lungen des Geis­ter­haften und Durch­sich­tigen haben viel­leicht mit dieser Hypo­st­asie­rung des Seins zu tun. Ziehen wir dem Sei­enden alles Mate­ri­elle ab, so bleibt eben nur diese durch­sich­tige „Sub­stanz“ übrig, die doch in der Ima­gi­na­tion mehr ist als reine Dauer oder bloßes Vor­han­den­sein. Für Bieńczyk ist das Durch­sich­tige also die ephe­mere Form der exis­ten­zi­ellen Erfah­rung, die durch den Sehenden, durch dessen Blick wohl am besten ver­sinn­bild­licht wird.

Der „Zeuge der Durch­sich­tig­keit“, wie der Erzähler den Prot­ago­nisten aus The dead apo­stro­phiert, ist zugleich ein Bild für die Melan­cholie. Damit knüpft Bieńczyk an seine andere, schon bekannte Obses­sion an. Der Ver­such über die Durch­sich­tig­keit ist eine Erwei­te­rung und Ver­voll­stän­di­gung seiner bis­he­rigen Arbeiten zur „Theorie“ der Melan­cholie. Sie bietet einen zuweilen naiv-hoff­nungs­vollen Raum für die­je­nigen, „die das Ver­lo­rene nie wiederfinden“.

 

Marek Bieńczyk: Przez­ro­c­zy­stość (Durch­sich­tig­keit). Znak. Kraków 2007.

Der schwarze Mann. Kra­siński ange­sichts des Todes (Czarny czło­wiek. Zyg­munt Kra­siński wobec śmierci). IBL. Wars­zawa 1990.

Ter­minal, Roman. PIW. Wars­zawa 1994. Neu­auf­lage. Sic!. Wars­zawa 1998.

Melan­cholie. Von denen, die das Ver­lo­rene nie wie­der­finden (Melan­cholia. O tych, co nigdy nie odnajdą straty), Essays. Sic!. Wars­zawa 1998.

Tworki, Roman. Sic!. Wars­zawa 1999.

Dürers Augen. Über die roman­ti­sche Melan­cholie (Oczy Dürera. O melan­cholii roman­ty­cznej), Essays. Sic!. Wars­zawa 2002.