Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

“um von deinem toten Körper etwas zu stibitzen”

Ein Por­trait des Dich­ters Euge­niusz Tkaczyszyn-Dycki

 

Der Dichter Euge­niusz Tka­c­zy­szyn-Dycki ist in Polen ein Kult­autor und gleich­zeitig ein lite­ra­ri­scher Ein­zel­gänger. Er lässt sich keiner Gruppe oder Rich­tung zuordnen. Legendär sind seine Autoren­le­sungen, bei denen er in die Rolle eines alters­losen Greises schlüpft, um die Hörer in eine sehr dunkle Welt der Dop­pel­deu­tig­keit zu ent­führen. In Deutsch­land sind bisher ver­ein­zelt Über­set­zungen seiner Gedichte in Zeit­schriften, Peri­odika und im Internet erschienen. Er las auch auf dem Fes­tival junger pol­ni­scher Kunst und Kultur TERrA POLSKA im April 2004 in Berlin aus seinem Werk. Eine umfang­rei­chere Publi­ka­tion seiner Gedichte in deut­scher Sprache steht noch aus.

 

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In Anknüp­fung an die Tra­di­tion des Sonett­ge­dichts und mit den häufig wie­der­keh­renden Motiven und Versen, wie z.B.: “schon Herbst Herr und ich habe kein Haus”, “im Zimmer nebenan stirbt meine Mutter” oder “mein Freund ist tot”, erfand er früh einen eigenen unver­wech­sel­baren Stil. Kenn­zeich­nend für die Dich­tung von Tka­c­zy­szyn-Dycki ist das sich selbst insze­nie­rende Sub­jekt, das zwi­schen Archaismen und Kol­lo­quia­lismen wie zwi­schen Geburt und Tod, Geist und Körper, Ord­nung und Ver­nich­tung, Sinn und Absur­dität ein­ge­klam­mert ist. Sym­ptome dieser Ein­klam­me­rung sind: der zer­fal­lende Körper (die Lebenden), der abwe­sende Körper (die Toten), Krank­heit und Wahn­sinn, die den engen Raum füllen, in dem sich das Leben abspielt.

Zum großen Erfolg der Gedichte trägt ihre strenge und ein­zig­ar­tige Struktur bei, die durchweg auf Anti­no­mien, para­doxer Semantik und sub­tilen inter­tex­tu­ellen Bezügen basiert. Die alter­tüm­liche Sprache, die Gegen­über­stel­lung von noch blü­hendem Körper und Sen­sen­mann (oder Ske­lett) und die mit römi­schen Zif­fern durch­num­me­rierten ele­gi­schen Sonette könnten ver­muten lassen, dass es sich bei Tka­c­zy­szyn-Dycki um einen Dichter han­delt, der sich auf die barocke Tra­di­tion und Iko­no­gra­phie der Vanitas bezieht. Bei genauem Hin­sehen stellt sich heraus, dass die wenigen Motive einer obses­siven Beschäf­ti­gung mit dem Tod von Ver­wandten und Freunden, mit Särgen, Kla­ge­lie­dern und Trau­er­zügen, mit Krank­heit und Zer­fall einem über­legten poe­to­lo­gi­schen Pro­gramm folgen.
Ein Gedicht aus dem Debüt­band Nänie und andere Gedichte, das in spä­teren Antho­lo­gien des Autors nicht mehr auf­ge­nommen wurde, verrät eine poe­to­lo­gi­sche Absicht: „von der nacht bis zur däm­me­rung züch­ti­gung des gedächt­nisses (lies: Gedächt­nis­ar­beit) […] damit der tote stets wie ein lebender/ damit der lebende wie ein toter sei“[Nänie, 32]. Der Wunsch nach einer Ver­schmel­zung des Leben­digen und des Todes (mit dem Toten), nach der Gegen­wart der Toten mitten unter den Lebenden  hat jedoch nichts mit dem baro­cken Bedürfnis nach Maß zu tun. Bis­he­rige Inter­pre­ta­tionen kon­zen­trierten sich vor­wie­gend auf den neo­ba­ro­cken Stil von Tka­c­zy­szyn-Dycki, beson­ders die strenge Form der Gedichte, den Gebrauch von Archaismen und seine Anleh­nung an die Sprache der Psalm­über­set­zungen von Koch­a­nowski. Gern sieht man darin die Wie­der­auf­nahme des memento mori. Tka­c­zy­szyn-Dycki selbst distan­ziert sich von sol­chen Deu­tungen. Es scheint viel­mehr, dass seine Gedichte per­for­ma­tive Gebilde sind, in denen Gedächt­nis­ar­beit und eine Art Toten­wache geschieht, die die Grenze zwi­schen den Berei­chen des Toten und des Leben­digen auf­heben soll. Vor allem die Sprache wird dabei her­aus­ge­for­dert, die eigent­lich in Anbe­tracht des Todes ver­stummen sollte. Daher könnte man im Ver­wi­schen der Grenze zwi­schen Jen­seits und Dies­seits eine Ope­ra­tion zugunsten der Sprache sehen.

Eine beson­dere Art von Mytho­gra­phie ver­leiht den Gedichten von Tka­c­zy­szyn-Dycki die Geschlos­sen­heit eines Oeu­vres, wobei er auf die eigene Bio­gra­phie zurück­greift, genauer auf die erschüt­ternde Schi­zo­phrenie-Erkran­kung der Mutter. Die Mutter wird vom ersten Band an als die Mutter des Dich­ters (Ste­fania Dycka) ein­ge­führt und ist gleich­zeitig Grund und Impuls für die Poetik der “Gemein­schaft mit den Toten”. In vielen Gedichten wird sie direkt ange­spro­chen. In anderen wird der Zusam­men­hang indi­rekt her­ge­stellt. Die Person und Krank­heit der Mutter ist nicht nur der Aus­gangs­punkt, die Initi­ie­rung des Schreib­pro­zesses, son­dern auch seine Legi­ti­mie­rung und damit – nicht mehr und nicht weniger – eine dra­ma­ti­sche Bühne für die Selbst­in­sze­nie­rung des quasi-authen­ti­schen Sub­jekts. Schi­zo­phrenie ist für das zur Sprache kom­mende Sub­jekt die Urkrank­heit, denn durch die leib­liche Ver­bin­dung zur Mutter steht sie, auto­bio­gra­phisch gesehen, ganz am Anfang und “infi­ziert” gewis­ser­maßen alles Leben­dige mit dem Gedanken des Todes: („nie war ich dem sterben eines menschen/ so nah wäh­rend ich in mein eigenes/ sterben ein­wil­ligte das ich selber bin/ seit mich die mutter gestillt hat“ [Ein Leit­faden für Hei­mat­lose,XXV, 29]). Die Schi­zo­phrenie schließt nicht nur die Mutter („warst du denn ein­ge­schlossen wie Dycka/ im blen­denden licht der schi­zo­phrenie” [Nänie IX, 11]), son­dern auch deren Sohn in einen Bann­kreis ein, der für ihn ver­schie­dene Namen trägt: Ein­sam­keit, Hei­mat­lo­sig­keit, Krank­heit, Sterben, Homo­se­xua­lität, Unmög­lich­keit der Fort­pflan­zung u.a. Die Gefan­gen­schaft in diesem Bann­kreis ist der Preis für Iden­tität. Damit gelingt Dycki der Ver­such, seit der Moderne ein Sub­jekt im empha­ti­schen Sinne wieder zur Grund­lage (Quelle) einer lyri­schen Aus­sage zu machen.

Die Mutter wird in den frühen Gedichten als Leit­stern apo­stro­phiert (stern nicht ganz bei irdi­schem ver­stand […], erlauch­tester stern nicht ganz bei ver­stand[…], [Nänie, 11]). Sie wird wie eine jen­sei­tige Gestalt über­höht. Erst all­mäh­lich wird in den fol­genden Gedicht­bänden ihre Anwe­sen­heit stärker mit dem Schreib­pro­zess und der Sprache ver­bunden. Sie wird zum Sinn­bild für die Dich­tung schlechthin, eine Art Urme­tapher, die durch die Kon­ven­tion der Auto­bio­gra­phie (den aubio­gra­phi­schen Pakt) wie ein dunkles authen­ti­sches Geheimnis den Leser in den mythi­schen Kreis des lyri­schen Ichs (des Sohnes) hin­ein­zieht und die erst durch sein Schreiben zum sprach­li­chen Ereignis wird. Sie sym­bo­li­siert eine große Zwei­deu­tig­keit, Über­tre­tung der Norm, Ver­rückt­heit, Licht und Zwie­licht, Sprach­hunger und Schweigen zugleich und – das ist sicher nicht ohne Bedeu­tung für Dycki – die Ver­bin­dung zu einer Welt “über die wir nicht viel wissen”, zur Unter­welt oder zur “anderen Seite” der Sprache, die gewis­ser­maßen die Ein­deu­tig­keit der Sprache zer­stört, auf die wir uns tag­täg­lich stützen. Schließ­lich ist die Schi­zo­phrenie für den Hei­mat­losen (pro­gram­ma­ti­sche Titel zweier Gedicht­bände lauten Pere­gri­na­rium und Ein Leit­faden für Hei­mat­lose) ein Zuhause, das natür­lich kein echtes Zuhause sein kann: „schi­zo­phrenie ist ein gotteshaus/ seit ich krank geworden bin” (Pere­gri­na­rium, II, 9). Die Über­set­zung der Krank­heit der Mutter und ihres Ster­bens in die Meta­pher von Sprache und Sprach­lo­sig­keit wird in einigen Gedichten deut­lich ange­spro­chen und trägt Züge einer eigenen Poetik: „ich höre dich durch die geschlos­sene tür aus der anderen/ welt du bist schon krank und bist wie/ eine neue hei­lige die nach vielen wör­tern ver­langt […] doch ich gebe sie dir nicht/ heute ging ich zum ersten mal in eine polnische/ schule seitdem bin ich krank bin wie/ ein neuer hei­liger der sich vieler wörter ent­ledig hat” (Ein Leit­faden für Hei­mat­lose, XVII, 21); „mutter wäscht ihre kranken sehr kranken beine/ und redet unsinn”(Ein Leit­faden für Hei­mat­lose, XLIV, 48); „kauf mir weiße schuhe mein söhn­chen und weiße/ hand­schuhe und mach mir dann aus dem mund einen knoten” […] (Ein Leit­faden für Hei­mat­lose, XXVIII, 32). Immer weist Dycki auf den Zusam­men­hang zwi­schen Text­ent­stehen und Tod hin. Als eines der zen­tralen gilt das Gedicht Tumor lin­guae aus dem Band Ein Leit­faden für Hei­mat­lose:

VI. Tumor linguae

im zimmer nebenan stirbt meine mutter
so weit ich zurück­denke stirbt sie immer mal wieder im kleinen
zimmer unten ein andermal im größeren
oben dort fängt eben mein dienst an

worin besteht mein amt ich schreibe gedichte
meine herr­schaften beuge mich über ein fik­tives blatt
papier so wie über mich selbst es fließt
ein­ge­bung in mich hinein fla­ckerndes licht ich mache es

immer mal wieder an im dunklen zimmer unten oder oben
je nach ent­wick­lung der lage so weit ich zurück­denken kann
meine herr­schaften habe ich kein ver­hältnis zum geschriebenen
und fer­tigen gedicht auf wie­der­sehen meine liebste

Hier wird (par­allel zur mythi­schen Bezie­hung Mutter – Sohn) die “kranke” und “ster­bende” Sprache (tumor lin­guae) zur Bedin­gung für die Ent­ste­hung des Textes und bedeutet gleich­zeitig seine eigene Hin­fäl­lig­keit. Er wird zu etwas Uner­reich­barem und wird ver­ab­schiedet wie die nicht mehr erreich­bare Ster­bende: „so weit ich zurück­denken kann/ meine herr­schaften habe ich kein ver­hältnis zum geschriebenen/ und fer­tigen gedicht auf wie­der­sehen meine liebste.“
Das Schreiben von Gedichten wird zu einer Amts­tä­tig­keit, was vor allem auf die zwang­hafte Not­wen­dig­keit des Schrei­bens und stän­dige Wie­der­ho­lung dieses Vor­gangs hin­deutet: „worin besteht mein amt ich schreibe gedichte/ meine herr­schaften beuge mich über ein fik­tives blatt/ papier so wie über mich selbst es fließt/ ein­ge­bung in mich hinein fla­ckerndes licht ich mache es/ immer mal wieder an im dunklen zimmer unten oder oben.“ Das Schreiben wird schließ­lich seiner Schrift­lich­keit und seines mate­ri­ellen Trä­gers beraubt („fik­tives blatt papier“) und wird so zum Ana­logon für das Sterben selbst. Dieser Topos ist nicht unbe­kannt in der Lite­ra­tur­ge­schichte, gilt aber mehr für Pro­sa­texte als für die Lyrik. Hier bekommt er eine eigene Qua­lität. Die Texte sind für Dycki gewis­ser­maßen par­al­lele Gebilde zu den anwe­send-abwe­senden Ver­stor­benen, die man ver­ab­schieden muss und doch nie end­gültig ver­ab­schieden kann. Auch das Ver­hältnis des lyri­schen Sub­jekts zu sich selbst ist gekenn­zeichnet von dieser Absur­dität („beuge mich über ein fik­tives blatt/ papier so wie über mich selbst“). Das Dichten wird als ein Ver­such ange­deutet, die eigene “Fik­tio­na­lität” und Leere (Abwe­sen­heit) mit einem Text zu füllen, was nicht gelingen kann, wenn der Text diese Leere und das Sterben wie­der­holt. Das Gedicht gerät letzt­end­lich zum Ver­such eines lie­be­vollen Abschieds („auf wie­der­sehen meine liebste“). Dieser Abschied gilt nicht nur den Ver­stor­benen son­dern “mir selbst, der ich sterben werde”, bzw. “sterbe”.

Bei gleich­zei­tiger Beschrän­kung auf wenige Motive ent­wi­ckelt sich der Mythos einer weit­ver­zweigten und mit Tod und Wahn­sinn belas­teten Familie von Band zu Band zu einer eigen­stän­digen Sprache des Umgangs mit dem Ver­gehen. Von anfäng­li­cher Über­hö­hung der Mutter ent­wi­ckelt sich die Lyrik von Tka­c­zy­szyn-Dycki zu einer reich instru­men­tierten, viel­stim­migen Kom­po­si­tion aus Pseu­do­zi­taten lebender und toter Ver­wandter, Topo­gra­phie der Pro­vinz, reli­giösem Voka­bular und damit kon­tras­tie­renden sexu­ellen Anspie­lungen. Das Sexu­elle ist der Punkt, an dem sich bei Dycki das sacrum und pro­fanum, Leben und Tod treffen: die ein­zige gegen­wärtig ver­blei­bende Mög­lich­keit der Tran­szen­denz. Das lyri­sche Sub­jekt ist in dieser Kom­po­si­tion als die Stimme hörbar, die sich ständig beob­achtet, kom­men­tiert und selbst ent­larvt. Doch das Spiel des offenen Bekennt­nisses dient dabei eher der Ver­hül­lung als einer Ent­hül­lung eines authen­ti­schen Subjekts.

Namen und Stimmen von Ver­wandten oder ver­stor­benen Freunden führen ein Leben nach dem Tod im Kon­di­tional, im Gedächtnis des lyri­schen Sub­jekts („bestimmt hätte Leszek den Abschluss in Polo­nistik gemacht“[Pol­ni­sche Fami­li­en­schick­sale, 31]). Leszek („der es liebte sich selbst zu ver­schenken“ [Ein Leit­faden für Hei­mat­lose, XLVI, 50]) ist dabei ein Pen­dant zur Mutter auf der Seite der sexu­ellen Trans­gres­sion. Er reprä­sen­tiert den Topos des mit dem Tod iden­ti­fi­zierten schwulen Begeh­rens und ist schon seit dem ersten Gedicht­band als ein ver­stor­bener Freund des lyri­schen Ichs in den Gedichten anzu­treffen. Seine Zwei­deu­tig­keit ist nicht, wie die der Mutter, die Schi­zo­phrenie, son­dern die Anders­ar­tig­keit des Begeh­rens, die Zwei­deu­tig­keiten pro­du­ziert. Mit ihr ver­binden sich auch alle Motive, die Dycki umtreiben: meta­phy­si­sche Leere und Angst vor dem Nicht-Sein (eine Art ewige Ver­dammnis), der sexu­elle Akt als Aus­druck der sinn­losen Suche nach Tran­szen­denz und Erfül­lung (Sex zwi­schen Män­nern fällt aus dem Zeu­gungs­kreis­lauf heraus), Hei­mat­lo­sig­keit und Pil­ger­schaft (sym­bo­li­siert durch das unstete Leben eines Stri­chers), Schön­heit und Jugend als bloßes Phan­tasma des tod­ge­weihten Kör­pers. Der Dichter geht in das Haus der Trauer, in dem der ver­stor­bene Leszek auf­ge­bahrt liegt. Von ihm möchte er etwas sti­bitzen, doch was, ist unge­wiss. Der tote Körper, so ein­fach zu berühren, schenkt ihm jedoch nichts außer der Sprache, außer der Explo­sion der pol­ni­schen Sprache in ihrer Hilf­lo­sig­keit: „um etwas zu sti­bitzen bevor wir in die luft gehen mit der pol­ni­schen sprache/ und ihren flü­chen bevor die pol­ni­sche sprache in uns hochgeht/ die sich auch in dir anschickt die schlaue die schlimmsten sachen zu tun“(Pere­gri­na­rium, LXXXVII, 23).

Eine große Rolle in den Gedichten von Dycki spielt die Topo­gra­phie, in der die Ver­stor­benen ständig prä­sent sind. Es ist der Land­kreis Prze­myskie, eine nicht mehr exis­tie­rende und also ins Mythi­sche ent­rückte Ver­wal­tungs­ein­heit (Woje­wod­schaft) mit ihren Pro­vinz­städten, Dör­fern und Fried­höfen. Es sind die öst­li­chen Gebiete Polens, an der Grenze zur Ukraine, wo zwi­schen den Kriegen, und ins­be­son­dere nach der Been­di­gung des II. Welt­kriegs sowohl Polen wie Ukrainer von der jeweils anderen Seite gemordet, ver­schleppt und ver­trieben wurden. Die Dycki-Familie stand, teil­weise kon­fes­sio­nell bedingt, auf beiden Seiten (Gente Ruthenus, natione Polonus – so ein Gedicht­titel aus dem Band Ein Jüng­ling von unta­de­ligen Sitten, 1994). Auch diese Zer­ris­sen­heit wird immer wieder in den Gedichten the­ma­ti­siert und der “Urme­tapher”, näm­lich der gespal­tenen Per­sön­lich­keit der Mutter unter­ge­ordnet: halb Ukrai­nerin, halb Polin; halb Mutter, halb Hexe; halb anwe­send, halb abwe­send; halb leib­haf­tige Mutter, halb Mutter aus dem Jen­seits. Die Mutter bildet das Zen­trum einer geis­ter­haften Welt, in der alles in zwei Teile zer­fällt. Dies geschieht bis hinein in die Form der Gedichte selbst. Anti­no­mien, Oppo­si­tionen, para­doxe Sinn­kon­struk­tionen, Ansätze einer selt­samen Dia­lektik demons­trieren eine nicht fass­bare Rea­lität und rea­li­sieren das poe­to­lo­gi­sche Pro­gramm, in dem das Text­ge­bilde ein Ana­logon zum Sterben bzw. Nicht-Exis­tieren ist. Meta­phern und Chif­fren sind erst in ihrer anti­no­mi­schen Ergän­zung in der Makro­struktur, im ganzen Werk ablesbar. Der Leser kann sicher sein, dass er jedes Motiv irgendwo im Werk in seinen Gegen­satz ver­kehrt findet. Ein cha­rak­te­ris­ti­sches Bei­spiel ist das Motiv des Steins, der neben vielen Varia­tionen sowohl als „Stein des Hun­gers“ (Liber mor­tuorum, 39) wie auch als ein „Stein voller Nah­rung“ (Ein Leit­faden für Hei­mat­lose, 25) im Text rea­li­siert wird. Die Auf­he­bung der beiden Ele­mente ist also erst die eigent­liche Chiffre. Tka­c­zy­szyn-Dycki gelingt es somit, der Sprache ihre Unein­deu­tig­keit wie­der­zu­geben, ohne in die Lexik und Mor­pho­logie ein­zu­greifen, ohne Mani­pu­la­tionen am Sprach­ma­te­rial selbst. Der Kern seiner Dich­tung ist im Unge­sagten zu suchen.

 

Gedicht­bände:

Nenia i inne wiersze (Nänie und andere Gedichte). Związek Lite­ratów Pol­skich. Lublin 1990.

Pere­gry­narz (Pere­gri­na­rium). Prze­dświt. Wars­zawa 1992.

Młod­zi­e­niec o wzoro­wych oby­c­za­jach (Ein Jüng­ling von unta­de­ligen Sitten). Prze­dświt. Wars­zawa 1994.

Liber mor­tuorum. Sto­war­zy­szenie Liter­ackie Kresy. Lublin 1997.

Kamień pełen pokarmu. Księga wierszy z lat 1987–1999 (Ein Stein voller Nah­rung. Gedichte aus den Jahren 1987–1999). świat Liter­acki. Iza­belin 1999.

Prze­wodnik dla bezd­om­nych nie­za­leżnie od mie­jsca zamieszkania (Ein Leit­faden für Hei­mat­lose unab­hängig vom Wohn­sitz). Biuro Liter­ackie. Leg­nica 2000 u. 2003.

Przy­c­zynek do nauki o nie­ist­ni­eniu (Ein Bei­trag zur Wis­sen­schaft vom Nicht-Sein). Biuro Liter­ackie. Leg­nica 2003.

Daleko stąd zosta­wiłem swoje dawne i nie­dawne ciałov (Fernab von hier ließ ich meinen alt- und jüngst­ver­gan­genen Körper zurück). Wydaw­nictwo Zie­lona Sowa. Kraków 2003.

Dzieje rodzin pol­skich (Pol­ni­sche Fami­li­en­schick­sale). Sic!. Wars­zawa 2005.

Poezja jako mie­jsce na ziemi. 1988–2003 (Poesie als ein Ort auf Erden. 1988–2003), [Gesamt­aus­gabe in einem Band]. Biuro Liter­ackie. Wro­cław 2006.

 

Gedichte auf deutsch unter anderem erschienen in:

Lauter Nie­mand. Jahr­gang 2004, S. 4–5.

Ostra­ge­hege. Zeit­schrift für Lite­ratur und Kunst IV/2003, Nr. 32, S. 19.

Orpheus – Gespräch im Wort. Orfeusz – Rozmowa w słowie. Dresden 2001, S. 82–86.

Die Horen 2000, Nr. 18 (“Irgendwo bei Kat­to­witz” Stimmen aus dem Nach­bar­haus. Pol­ni­sche Gegen­wart im Spiegel der Lite­ratur), S. 15.

Manu­skripte, Zeit­schrift für Lite­ratur 172/2006, 64–72.
Wei­ter­füh­rende Links:

www.satt.org/lyrik-log/93.html
www.wordswithoutborders.org/article.php?lab=Towardsascience
http://jacketmagazine.com/29/p‑tkacz.htm
www.biuroliterackie.pl

 

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