Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Sla­wistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Das Mär­chen vom Roten Matrosen und seinen blau-weiß gestreiften Brü­dern

Es war einmal ein Tänn­chen, das stand im Wald. Dann kam ein graues Häs­chen und suchte Schutz unter den Zweigen. Dann kam der böse Wolf. Dann kam ein Pferd­chen mit einem Schlit­ten­wagen, auf dem ein alter Mann saß. Der alte Mann fällte das Tänn­chen. Und was tat unser Tänn­chen, wäh­rend Natur, Tier und Mensch sein Schicksal bestimmten: nichts.

Auf­grund der „Pas­si­vität“, des „majes­tä­ti­schen Wesens“ und des gleich­zei­tigen „äußeren Gleich­muts“ wurde das rus­si­sche Volks­lied „Das Tänn­chen“ (Eločka) als Inbe­griff des Rus­si­schen in den Kanon der Welt­li­te­ratur erhoben. Und zwar vom „Roten Matrosen“ (Krasnyj Matros), einem kleinen Peters­burger Verlag, dessen Publi­ka­tionen sich in der post­so­wje­ti­schen Zeit auf eine eigen­ar­tige Suche nach der rus­si­schen Iden­tität begeben – aller­dings in durchaus kunst­vollem opti­schem Gewand.

 

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Die Haupt­fi­guren des „Roten Matrosen“ sind neben passiv erha­benen Tänn­chen, fried­liche Nord­völker, die einen Hasen­kult betreiben, ein­fache Bäue­rinnen und Gou­ver­nanten des zaris­ti­schen Russ­lands, sowje­ti­sche Arbeiter, die jubelnd eine Nike­statue aus­graben und andere sym­pa­thi­sche Volks­helden, die – aus­ge­stattet mit der rus­si­schen Seele – nicht frei von mensch­li­chen Makeln sind. Auch große his­to­ri­sche Per­sön­lich­keiten wie Lenin, Stalin, Darwin, Marx oder Puškin tanzen im folk­lo­ris­ti­schen Reigen des „Roten Matrosen“. Nicht zu ver­gessen sind die bär­tigen See­männer in blau-weiß gestreiften Matro­sen­hemden, die durch die Werke gehen oder tor­keln. Und zu ihnen gehört der rote Matrose selbst, Michail Sapego, der zugleich Ver­leger, Pro­du­zent, Redak­teur, Händler, Kurier aber auch Schrift­steller des gleich­na­migen Ver­lags ist.

Michail Sapego hat tat­säch­lich vor seiner ver­le­ge­ri­schen Tätig­keit im fernen Nord­meer als Matrose gedient. Dann kam die Pere­strojka und alles wurde anders. Er verlor seine Arbeit und machte sein Hobby zum Beruf. 1995 gab er im Selbst­verlag ein rotes Buch heraus mit Gedichten im Stil japa­ni­scher Haiku (Razroz­nennye XE), auf dem mit großen Let­tern Matros geschrieben stand. Wei­tere Ver­öf­fent­li­chungen von seinen Freunden folgten, und so ent­wi­ckelte sich Buch für Buch der kleine Ein­mann­be­trieb unter dem Label Krasnyj Matros.

 

razrosnennye

Sapegos Freunde sind die mit’ki, Künstler in blau-weiß gestreiften Rin­gel­hemden, die sich in den acht­ziger Jahren jen­seits des Schwarz-Weiß-Ras­ters aus Anpas­sung und Wider­stand zu einer Künst­ler­gruppe for­mierten und es sich gemüt­lich machten in den Grau­be­rei­chen der Sowjet­ge­sell­schaft. Das „mit­ki­sche Mani­fest“ von 1985 „für die neue Jugend­mas­sen­be­we­gung im Stil der Hip­pies oder Punks“ skiz­ziert fried­liche, gut­mütig-unbe­hol­fene Naiv­linge in Matro­sen­hemden, die sich einer infan­tilen Sprache bedienen, ange­häuft mit Zitaten aus sowje­ti­schen Filmen und den unüber­setz­baren Aus­drü­cken dyk (je nach Into­na­tion und Gestik fast alles bedeu­tend) und oppan’ki (Beschrei­bung einer Hand­lung, die die mit´ki erstaunt) und elki-palki (drückt die ganze Gefühl­s­pa­lette von Ver­let­zung, Bedauern, Begeis­te­rung, Ent­schul­di­gung, Freude bis Angst und Wut aus). Man genießt das Fau­lenzen und die brü­der­liche Gemein­schaft, man trinkt gern, man betont die eigene Lebens­un­tüch­tig­keit, Kom­merz, elki-palki, hat nie­manden zu inter­es­sieren, dyk! Volks­nähe, Ortho­doxie und Selbst­be­stim­mung sind die drei Haupt­schlag­worte der mit­ki­schen Welt­an­schauung.

 

dyk

Die mit’ki, was soviel wie „kleine Dmi­trijs“ bedeutet, exis­tieren im Unter­schied zu den zahl­rei­chen Grup­pie­rungen des sowje­ti­schen Unter­grunds immer noch. Sie illus­trieren und gestalten einen Groß­teil der Bücher des Krasnyj Matros und schreiben außerdem für den Verlag. Einige ihrer Texte, die in den 80er Jahren im dama­ligen Samizdat kur­sierten – dem Selbst­verlag der inof­fi­zi­ellen Lite­ra­tur­szene –, erlangen im Krasnyj Matros erst­mals Druck­qua­lität.

Maksim und Fjodor, ein Werk des Haupt­theo­re­ti­kers Vla­dimir Šin­karev, das 1980 ent­standen und 1998 im Krasnyj Matros erschienen ist (und im selben Jahr auf Deutsch im Berlin Verlag), berichtet von zwi­schen Alkohol und Kater hin- und her­tau­melnden mit’ki, die in ihren mie­figen Peters­burger Kom­mu­nal­woh­nungen über Zen-Bud­dhismus nach­denken und zu den phi­lo­so­phischsten Schluss­fol­ge­rungen kommen: „’Zen’, sagte Piotr, der ele­gante, aber nicht sehr tief­sin­nige Ver­gleiche liebte, ’das ist die Fähig­keit, mit einer Vier­tel­li­ter­fla­sche Wodka zwei ganze Was­ser­gläser zu füllen.’ ’Mit einer leeren’ fügte Was­silij hinzu. Maxim rich­tete den Blick auf Fjodor. ’Und den Wodka nicht zu trinken’, sprach Fjodor. Maxim nickte zufrieden und sagte: ’Und ihn nicht in die Gläser zu füllen.’“ Die exo­ti­sche Mixtur aus Spi­ri­tuosen und Spi­ri­tua­lität ergibt unter­halt­samen Unsinn.

 

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Die mit’ki sind sich in der post­so­wje­ti­schen Zeit treu geblieben. Sie kul­ti­vieren immer noch das brü­der­lich gelebte Kol­lektiv (eigent­lich gehören auch ein paar wenige Schwes­tern dazu, die ab und zu publi­zieren dürfen, haupt­säch­lich aber Vor- und Nach­worte zu den brü­der­li­chen Ergüssen ver­fassen), haben sich jedoch von ihrem wich­tigsten Bruder ver­ab­schiedet, dem Alkohol. Auf Buch­prä­sen­ta­tionen wird nur noch Tee ange­boten und böse Zungen mun­keln, dass den mit’ki mit dem Alkohol auch die Inspi­ra­tion abhanden gekommen sei. An dessen Stelle breitet sich ein neues – man könnte sagen – post­so­wje­ti­sches Thema aus: die Anti­poden „Heimat“ (rodina) und „Aus­land“ (zagra­nica). Unter „Heimat“ ist die Ver­gan­gen­heit der acht­ziger Jahre im Unter­grund der Peters­burger Heiz­keller zu ver­stehen, die in (n)ostalgischem Ton­fall besungen wird: „Oh, wie alles gut war! Wie gut alles war…“ (1983 god von Viktor Šagin, 1993). Mit „Aus­land“ ist nicht nur der schwe­di­sche und der fin­ni­sche Wodka gemeint und die anderen zahl­rei­chen aus­län­di­schen Pro­dukte, die seit der Öff­nung die rus­si­schen Märkte über­schwemmen, son­dern in erster Linie das heu­tige, post­so­wje­ti­sche Russ­land: Eine fremd­ge­wor­dene Heimat, die von einem eli­tären, kom­mer­zi­ellen Kunst- und Buch­markt bestimmt wird, der keine Grenze zwi­schen Offi­zi­ellem und Inof­fi­zi­ellem kennt, dem Unter­grund somit seine Grund­lage genommen und die vielen dünnen Schreib­ma­schi­nen­seiten des Samizdat zum Ver­schwinden gebracht hat. Michail Sapego und die mit’ki tun das, was sie vor der Pere­strojka getan haben: Sie ziehen sich zurück aus dem öffent­li­chen und poli­ti­schen Leben in ihre fried­lich-infan­tile Welt, tanzen ihre eigenen Tänze und leben wei­terhin nach der alt­be­währten Devise, die jeg­li­chem aktiven Wider­stand ent­sagt: „Wir wollen nie­manden besiegen“ (My ne chotim nikogo pobedit’).

 

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Auch der Verlag Krasnyj Matros funk­tio­niert nach den aus den acht­ziger Jahren in die Jetzt­zeit eines markt­wirt­schaft­lich funk­tio­nie­renden Buch­marktes hin­über­ge­ret­teten „mit­ki­schen“ Regeln. Ein­nahmen, die durch den Ver­kauf eines Buches erzielt werden, ermög­li­chen die Her­aus­gabe des nächsten Buches. Reich kann man so nicht werden. Wich­tiger als das Geld ist Sapego die Freude an der Arbeit. Seinen Verlag sieht er als Fort­set­zung ille­galer Haus­kon­zerte und Aus­stel­lungen zu Sowjet­zeiten, bei denen nicht Kom­merz im Vor­der­grund stand, son­dern das Bei­sam­men­sein und die gute Musik. Und darum geht es ihm, dass Leute – auch wenn es nur wenige sind – gute Bücher lesen können.

Dafür gehen Sapego und seine Brüder in die Archive, spüren in Anti­qua­riaten ver­grif­fenen  Büchern mit Mär­chen, Volks­lie­dern und Legenden nach, reisen auf den Spuren fast ver­ges­sener Helden in abge­le­gene Gou­ver­ne­ments und schreiben, zeichnen und bas­teln an der Auf­er­ste­hung des idealen Russ­lands.
Die rus­sisch-sowje­ti­sche Ver­gan­gen­heit, in deren Umfeld Her­aus­geber und Schrift­steller des Krasnyj Matros sozia­li­siert wurden, erfährt in den Druck­ma­schinen des „Roten Matrosen“ bis­weilen eine fan­ta­sie­voll ver­spielte Wie­der­ge­burt. Die von Sapego ent­wi­ckelte Reihe PRO ver­öf­fent­licht Augen­zeu­gen­be­richte von der großen Lenin­grader Über­schwem­mung im Jahre 1923, Erin­ne­rungen einer Bäuerin, die 1903 als Gou­ver­nante nach Peters­burg kam, und ein Volks­lied über den bei­nahe ver­ges­senen Helden Rjabov, der sich als Kund­schafter in die japa­ni­sche Armee ein­ge­schleust hatte.
Pro Špi­onov 2001 (Über Spione) wie­derum ver­sam­melt Zei­tungs­ar­tikel der Kras­naja Zvezda-(Roter Stern)-Ausgabe von 1938 über die Ent­tar­nung von Spionen. Diese Geschichten bedürfen kei­nerlei zusätz­li­cher Bear­bei­tung, um ein Charms’sches Niveau an Absur­dität zu erlangen. In dem Buch erfährt man pikante Details: Der böse, mas­kierte, mit Messer und Pis­tole bewaff­nete aus­län­di­sche Spion lauert in jeder Ecke der fried­li­chen, arbeit­samen Sowjet­ge­sell­schaft ein­ge­mummt in den vatnik (Wat­te­jacke). Diese Haupt­be­klei­dung der Spione bietet man­cherlei Kom­fort: sie ist bequem, warm, sieht sowje­tisch aus, sie dämpft Schläge und federt ab beim Her­un­ter­fallen von Dächern oder Bal­kons. PRO Čapaev basiert nicht auf his­to­ri­schen Doku­menten, son­dern setzt dort an, wo Čapaev, der bekannte General der Roten Armee, aus der Geschichte trat. In Form einer Volks­er­zäh­lung rettet sich der – hier nur bei­nahe – Ertrun­kene und ver­steckt sich fortan in einer kir­gi­si­schen Jurte vor den vor­bei­zie­henden Kosaken.

 

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Der rote Matrose bringt erstaun­liche Geschichten ans Tages­licht. Solche, die von Genera­tion zu Genera­tion im Volks­ge­dächtnis wei­ter­ge­geben worden sind und bei­nahe in Ver­ges­sen­heit geraten wären. Solche, denen nur ein biss­chen nach­ge­holfen wird. Und solche, die von Anfang bis Ende erstunken und erlogen sind. Wen küm­mert es, wenn es darum geht, das Mär­chen eines idealen Russ­lands und seiner Helden fiktiv zu erschaffen?

Bei der Umset­zung dieses ehr­gei­zigen Pro­jekts ver­greift sich der „Rote Matrose“ auch gerne an den Meis­ter­werken der Welt­li­te­ratur und an deren Autoren. Es werden nicht nur die fik­tiven Erin­ne­rungen von Daniil Charms ver­fasst und illus­triert. Šin­karev erschafft gar einen neuen Kanon der Welt­li­te­ratur (Vsemirnaja lite­ra­tura) in seinen als Comics ange­legten Bil­dern, indem er die Illus­tra­tion des ein­gangs beschrie­benen Tänn­chens zwi­schen Dos­to­evs­kijs „Schuld und Sühne“ und Kafkas „Die Ver­wand­lung“ ver­pflanzt und kur­zer­hand auch die Natio­nal­hymne des nor­di­schen Noma­den­volkes Fižm in den Rang der Welt­li­te­ratur erhebt. In diesen Kanon plat­ziert er auch den „Düs­teren Roman“ (Mračnyj roman) – einen grau-schwarzen, kon­tu­ren­losen Comic – als Sinn­bild der zahl­rei­chen schlecht gedruckten aus­län­di­schen Bücher des Samizdat. Und natür­lich wird auch der wahr­haftig rus­si­sche Poet Puškin in einem wei­teren Buch des „Roten Matrosen“ unter die mit­ki­sche Lupe genommen.

 

vsemirnaja

Die wacke­ligen mit Schreib­ma­schine getippten Vers­zeilen klingen irgendwie ver­traut. Bekannt erscheint einem auch die mit Tinte gezeich­nete Figur, die unten rechts auf jeder Seite sitzt. Es könnte ein kleiner Puškin mit Stock und Zylinder sein. In „Puš­kins Eugen Onegin“ (Evgenij Onegin Puš­kina) wird das Meis­ter­werk und der Kanon der sowje­ti­schen Ver­gan­gen­heit vom Mos­kauer Kon­zep­tua­listen Dmi­trij Prigov ab- und im Stil Ler­mon­tovs umge­tippt, um – so Prigov – die düs­tere, wahr­haf­ti­gere Seite der rus­si­schen Kultur in Puš­kins Text ein­zu­bringen. Die Pri­go­v­sche Aus­ein­an­der­set­zung mit Puškin, das Ab- und Umschreiben des Ori­gi­nals und das damit ver­bun­dene Auf­de­cken eines sich im Gedächtnis der Leser­schaft ver­selb­stän­di­genden Mythos der rus­si­schen Kultur wird in der Aus­gabe des „Roten Matrosen“ noch zusätz­lich durch die gra­phi­schen Gestal­tung ver­fremdet. Das schmale Heft stellt eine vor­la­ge­ge­treue Nach­bil­dung des damals im Samizdat kur­sie­renden Ori­gi­nals dar – mit Aus­nahme der Puškin-Kari­katur von mitek (so die Ein­zahl) Alek­sandr Flo­renskij. Wenn man das Buch wie ein Dau­men­kino schnell durch­blät­tert, hebt Mini-Puškin den Zylinder und setzt ihn wieder ab. Doch vor wem? Vor einer Leser­schaft, die ihn zum Helden sti­li­sierte? Die Puškin aus­wendig kennt und nicht mehr liest?
Sicher ist, dass der Verlag mit Kon­zep­tua­lismus eigent­lich nicht viel am Hut hat. Des­halb ist es wohl eher Pri­govs Suche nach der wahren rus­si­schen Wesensart als die Ent­mys­ti­fi­zie­rung des geschrie­benen Wortes, die die mit´ki  hier inter­es­sieren. Die mit’ki wollen nicht dekon­stru­ieren, son­dern viel­mehr kon­stru­ieren: Sie arbeiten am Rus­si­schen Mär­chen und kon­kret am Mär­chen des „Roten Matrosen“.

 

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Wer mit kind­li­chen Spie­le­reien und dem mär­chen­haft-folk­lo­ris­tisch-
his­to­risch-mytho­lo­gi­schen Genre dieser Bücher nichts anfangen kann, der sollte dem Verlag doch eine Chance gegeben. Denn gerade in seinem Inter­esse für Nicht­kom­mer­zi­elles gibt der „Rote Matrose“ Debü­tanten heraus, die man sonst nicht ken­nen­lernen könnte.

Zu den grossen Ent­de­ckungen des Ver­lags gehört auch die Mos­kauer Gruppe Osu­m­asše­dšie bezumcy (Ver­rückt gewor­dene Dumm­köpfe) um Miroslav Nemirov, die im Krasnyj Matros ihr Publi­ka­ti­ons­organ gefunden hat. Einer der wich­tigsten Dichter dieser Gruppe ist Andrej Rodi­onov, ein soge­nannter mno­go­st­a­nočnik (Arbeiter, der meh­rere Maschinen zugleich bedient – oder zu Deutsch: ein Hans­dampf in allen Gassen). Der ehe­ma­lige Leader einer Punk­band, der Rapper und Slam­poet ist zu jung, als dass ille­gale Haus­kon­zerte und Aus­stel­lungen in Pri­vat­woh­nungen der Acht­ziger ihn maß­geb­lich hätten prägen können, führt jedoch einen für dama­lige Intel­lek­tu­elle und Dis­si­denten typi­schen, man könnte sagen einen „mit­ki­schen“ Lebens­stil: Er arbeitet unter­tage im Theater als Färber und ver­dient so seinen Unter­halt, seine wahre Bestim­mung sieht er aber in der Lite­ratur.
Zwei Gedicht­bände von ihm sind im Krasnyj Matros erschienen: Dobro požal­ovat’ v Moskvu (Will­kommen in Moskau, 2003) und pel’meni ustricy (Pel´meni Aus­tern, 2004). Letz­teres stellt eines der schönsten  Bücher des „Roten Matrosen“ dar. Das Buch ist zusam­men­ge­bas­telt aus grau-beigem Gebraucht­pa­pier, zusam­men­ge­halten von einem grob gewo­benen Tuch. In seiner Machart erin­nert es an die hand­ge­fer­tigten Bücher des in vor­gu­ten­ber­gi­sche Ver­hält­nisse zurück­ge­wor­fenen Samizdat.
Rodi­o­novs Gedichte berichten in ein­fa­chem, umgangs­sprach­li­chem Jargon vom Alltag in den Mos­kauer Rand­be­zirken, von bil­ligem Alkohol, Drogen, Prü­ge­leien und Armut. In diesem Milieu geis­tern jedoch auch Ach­matova und Ras­putin und andere Gestalten der rus­si­schen Ver­gan­gen­heit umher. Ihr Zusam­men­treffen mit der banalen Sprache und dem harten post­so­wje­ti­schen Alltag lässt so manche Legende und Hel­dentat in Par­odie umschlagen.

 

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Im Krasnyj Matros melden sich Stimmen der ehe­mals sowje­ti­schen alter­na­tiven Kul­tur­szene zu Wort, die im Gegen­satz zu vielen anderen nicht ver­stummt sind. Der Verlag probt jedoch nicht nur den Sprung zurück in Geschichte und Folk­lore, son­dern ver­leiht auch jün­geren Ori­en­tie­rungs­losen des heu­tigen Russ­lands Gehör, die ihre Befind­lich­keit aus einer anderen als in die Ver­gan­gen­heit gerich­teten Per­spek­tive reflek­tieren.
Mitt­ler­weilen sind genau 88 Bücher im Verlag erschienen, in jeweils „homöo­pa­thi­schen“ Auf­lagen von 500 bis 1000 Exem­plaren. Die ein­zelnen Bände sind durch­num­me­riert, haben einen Samm­ler­wert und sind ent­spre­chend schwer zu bekommen. In grossen Buch­läden findet man den „Roten Matrosen“ nicht. Er steht in den Regalen kleiner alter­na­tiver Buch­hand­lungen in Moskau und Sankt Peters­burg – Ad mar­ginem, Pro­jekt O.G.I., Gileja, Galerija Borej. Und es lohnt sich, die meist schmalen Bände durch­zu­schauen. Die kurzen, ori­gi­nell illus­trierten Bücher lassen den Leser selbst zum fan­ta­sie­vollen Co-Autor werden und mit­dichten am Mär­chen vom Roten Matrosen und der rus­si­schen Seele. Denn wenn er nicht gestorben ist, sucht er die noch heute.

 

 

Im Verlag Krasnyj matros erschienen:

Prigov, Dmi­trij: Evgenij Onegin Puš­kina. Sankt-Peter­burg 1998.
Rodi­onov, Andrej: Dobro požal­ovat´ v Moskvu. Stichi. Sankt-Peter­burg 2003.
Rodi­onov, Andrej: Pel´meni ustricy”. Sankt-Peter­burg 2004.
Šagin, Dmi­trij: Dyk!. Stichi. Sankt-Peter­burg 2002.
Sapego, Michail (Hg.): Pro Čapja. Narodnyj skaz. Serija „PRO…“ – Kniga tret´ja. Sankt-Peter­burg 2000.
Sapego, Michail (Hg.): Pro navod­nenie v Lenin­grade 23 sent­ja­brja 1924 goda. Serija “PRO…” – kniga sed´maja. Sankt-Peter­burg 2003.
Sapego, Michail (Hg.): Pro špi­onov. Po mate­ri­alam gazety “Kras­naja Zvezda” za 1938 god. Serija “PRO…” – kniga šestaja. Sankt-Peter­burg 2001.
Sapego, Michail: Pro razve­dčika Rjabov. Serija “PRO…”- Kniga tret´ja. Sankt-Peter­burg 1999.
Sapego, Michail: Raz­proz­nennye XE. Stichi. Sankt-Peter­burg 1995.
Šin­karev, Vla­dimir: Maksim i Fedor. Vešč´ v trech čast­jach. Sankt-Peter­burg 1998.
Šin­karev, Vla­dimir: Mit´ki. Sankt-Peter­burg 1998.
Šin­karev, Vla­dimir: Vsemirnaja lite­ra­tura. Sankt-Peter­burg 1998.

 

Auf Deutsch erschienen:
Schin­karjow, Wla­dimir: Maxim und Fjodor. Berlin Verlag. 1998 Berlin.

Holm, Kerstin: Der Bär als Butler. Kin­der­phan­ta­sien mit glo­balem Zugriff: Die Peters­burger Künst­ler­gruppe „Mit´ki“. In: FAZ 7.1.1998. Nr. 5, S. 29.

Dutli, Ralph: Besin­nung in schräger Lage. Geis­ter­be­täu­bungen: Wla­dimir Schin­kar­jows „Maxim und Fjodor”. In: FAZ 16.10.1998.

 

http://ficus.reldata.com/km/issues [home­page des Ver­lags Krasnyj matros]

http://mitki.kulichki.net [home­page der mit´ki]

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