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Herbarien aus Zelluloid

Posted on 3. November 2006 by Lucia Zimmermann
Kartoffeln und Tomaten verschimmeln irgendwann, auch im Kühlschrank. Die junge Petersburger Künstlerin Inna Pozina sammelt deren Formen und Farben. In Filmen und anderen „gesammelten“ Werken fängt sie Beobachtungen und Erinnerungen ein und macht Haltbares daraus.

„Gesammelte“ Werke der Petersburger Künstlerin Inna Pozina

 

inna19_4„A-l-ja-ger – Kolomja-ger!“ –  Erst verstand ich den Ausspruch nicht, mit dem mich Inna Pozina und ihr Vater Aleksandr Pozin begrüßten. Dann aber begriff ich: Mit Kolomjager sind die Bewohner des kleinen einstöckigen Holzhauses gemeint, das sich im Bezirk Kolomjagi  im Norden von Sankt Petersburg befindet. Dorthin ist die Familie Pozin, wie auch andere Künstler, in den 80er Jahren gezogen – raus aus der Stadt in die Randbezirke, wo die ehemaligen Datschen der Intelligencija ideale Arbeits- und Wohnräume boten. Hier, zwischen Holzhäusern und Gärten, Öfen, Brennholzstapeln und Plumpsklo wuchsen nicht nur Inna und ihre Schwester Katja, sondern auch die Skulpturen der Eltern und des Großvaters.

Seit den 90er Jahren hat sich die Gegend stark verändert. Nur noch vereinzelte Holzhäuschen stehen da inmitten von Neubauten aus den 90er Jahren und Einfamilienhäusern, die von Überwachungskameras und Metallzäunen abgeschirmt werden. In dieser seltsamen Mischung aus Neubauten- und Neureichensiedlung bildet das Haus der Pozins, umgeben von einem Skulpturengarten, eine eigenwillige Oase – und einen gefährdeten Raum. Die Pozins rechnen damit, ihr Häuschen bald verlassen und einem Neubau weichen zu müssen. Jeder Tag sei ein Kampf. Viele Leute könnten nicht verstehen, weshalb es einen solchen Bereich braucht, der Künstlern und Skulpturen Raum bietet, mit dem kein Geld verdient werden kann. Nach weiterer Erläuterung verstand ich auch den ersten Teil des Ausspruchs. Das komme aus dem Französischen. Also: „à la guerre – Kolomjager!“

 

skulptur-hausWenn man hinter dem Haus steht, befinden sich die Neubauten im Rücken. Ungestört kann der Blick des Betrachters durch den Garten schweifen, in dem sich ein Brunnenbecken, ein Steintisch mit Bänken und die Werkstätten befinden. Und  die Skulpturen von drei Generationen: von Lev Smorgon, dem Großvater von Inna, von Aleksandr Pozin und Marina Spivak, ihren Eltern, und ihre eigenen Werke. Beinahe ungestört: Von der kürzlich eröffnetenAutowaschanlage auf dem benachbarten Grundstück, dröhnen die neusten russischen Schlager herüber.

Im Haus selbst ist nichts zu merken von dieser raumgreifenden Gefährdung. Das einfache Holzhaus, in dem die 26jährige Inna jetzt alleine mit Hund und Katze lebt, dient zugleich als Atelier und Wohnraum. Die Eltern sind vor einiger Zeit zwei Strassen weitergezogen, nutzen aber noch die Werkstatt im Garten. Das Haus ist liebevoll eingerichtet. Jeder Gegenstand ist ein kleines Kunstwerk.

 

fensterAn den Wänden hängen Bilder, die Türen sind bemalt, in den Nischen stehen kleine Holzskulpturen. Den großen hölzernen Esstisch hat Inna zusammen mit ihrem Vater gezimmert. Im Winter, wenn es zu kalt ist, um draußen im Garten an Skulpturen zu arbeiten, bleibt Zeit, sich anderen Gegenständen zuzuwenden. Man merkt, hier wird Formen, Farben und Materialien eine besondere Beachtung geschenkt. Der Esstisch setzt sich aus unterschiedlichen Platten zusammen, die sich überlagern. Im Tisch steckt ein glatt geschliffener länglicher Stein, den man herausziehen kann. In die Platten gebohrte Löcher und längliche Vertiefungen verzieren den Tisch, so dass beim Essen Brotkrümel durch die Muster auf den Boden fallen können. Da, unter dem Tisch, liegt meistens der Hund Čen, der Begleiter und Wächter des Hauses. Im leise vor sich hinsummenden Kühlschrank neben dem Esstisch werden sowohl Filmrollen als auch Nahrungsmittel aufbewahrt. Darunter befinden sich auch Tomaten und Kartoffeln, die nicht für den Verzehr gedacht sind. Inna Pozina hat sie vor einigen Tagen auf dem Markt von einer babuška gekauft. Und das nur aufgrund der besonderen Formen. Zusammen mit ihrem Vater studiert sie aufmerksam die seltsamen Rundungen der Kartoffeln und Tomaten.

Laut Inna funktioniert der Künstler wie ein Spiegel. Er fängt ein Bild ein und gibt es dann als Abbild weiter. Das Mittel und die Art der Abbildung wählt jeder selber aus. Inna wurde in eine Künstlerfamilie hineingeboren. Das hat sie geprägt: „Wenn du daran gewöhnt bist, das, was dich umgibt genau zu beobachten und in Kunst umzusetzen, entsteht letztlich eine innere Notwendigkeit, darauf zu reagieren, was du siehst.“ Sie habe ihren Beruf nicht eigentlich gewählt. Sie konnte sich einfach nicht vorstellen, etwas anderes als Kunst zu machen.

 

hand1Inna Pozina stützt die Ellbogen auf dem Tisch auf. Die junge Künstlerin arbeitet mit unterschiedlichen Materialien. Während des Gesprächs zieht sie den länglichen Stein aus dem Loch im Tisch und spielt mit ihm. Als ausgebildete Bildhauerin mag sie Stein, aber auch Holz, Tuch und Papier. Čen kommt unter dem Tisch hervorgekrochen. Und auch den Hund mag sie. Vor allem aber mag sie Licht und Schatten.Es fasziniert sie, wie sich farbige  Stoffe verändern, wenn sie auf unterschiedliche Art beleuchtet werden. Zu diesem Thema sind einige Bilder und Installationen entstanden. Das Interesse an Veränderungen hat die junge Künstlerin – wie die Filmrollen im Kühlschrank vermuten lassen – zum Film geführt. Auf Zelluloid kann der Wandel des Lichts und der Farbe direkt festgehalten werden. Vor zwei Jahren hat Inna Kolomjažskaja utopija (Kolomjager Utopie) gedreht, einen ihrer ersten Filme, der auf der dokumentART 2004 ausgezeichnet wurde. Auch darin spielen Veränderungen eine große Rolle: zum einen der Wandel von Farbe und Licht, zum anderen der Perspektivenwechsel, die Fenster mal von innen, mal von außen zu zeigen. Auch auf inhaltlicher Ebene geht es im Film um Wandel: um die Veränderung der Landschaft ihrer Kindheit und Jugend im Bezirk  Kolomjagi. „Zunächst verschwanden die Menschen und hinterließen mit Brettern zugenagelte Fenster. Dann verschwanden Fenster, Türen, Zäune. Löcher blieben zurück. Neubauten wuchsen an ihrer Stelle.“ Im Film bezeichnet sie diesen Ort als Utopie, als Ort, den es nicht (mehr) gibt. „Viele Häuser, die im Film auftauchen, stehen schon nicht mehr. Ich wollte diese Situation festhalten, wie sie früher war.“ Filmen ermögliche es, Erinnerungen einzufangen und zu bewahren. Sie einzusammeln in einer Weise, wie Herbarien gemacht werden, um sie dann im Winter anzuschauen. Und sich an den Sommer zu erinnern, meint Inna. Der Film also als Möglichkeit, Wandel und Veränderung zu dokumentieren und dadurch eine Konstante zu schaffen inmitten von Umbrüchen?

 

buch5buch1 „Wir wuchsen in einer Zeit auf, in der ständig etwas zusammenbrach oder sich veränderte.“ Sich und ihre Altersgenossen sieht Inna als verlorene Generation, an der unterschiedliche Experimente durchgeführt wurden. Als Inna in den 90er Jahren Bildhauerei studierte, konnten viele nicht verstehen, wozu das nützlich sein sollte. „Das war eine Zeit des Verlorenseins, des völligen Sinnverlusts, des Verlusts der Motivation. Das war kein persönliches Gefühl, sondern eine allgemeine Tendenz und es war schwierig, seinen Platz darin suchen und finden zu können.“

 

Scannen0021In ihrem neusten Film hat sich Inna auf die Suche gemacht. V poiskach sčast´ja (Auf der Suche nach dem Glück) von 2006  war zunächst als Dokumentationsfilm über die Petersburger Band Nervenklinik gedacht. Diese plante eine Reise nach Deutschland, um dort ihr Glück zu versuchen. Die Tournee scheiterte und die „Suche“ erfuhr eine Wendung. Inna ging es darum, das zu zeigen, was ein Künstler durchmacht. Kunst ist für Inna nicht der Prozess, schöne Sachen herzustellen, sondern eine Sinnsuche. „Plötzlich siehst du den Sinn, nimmst ihn, machst etwas daraus und zeigst ihn. Manchmal ist man alleine auf der Suche und weiß überhaupt nicht, wohin es gehen soll.“ Das sei die wahre Kunst des Künstlers, weitergehen zu können, ohne zu wissen, ob sich etwas daraus ergibt.

Viele von Innas Freunden, die lange Zeit im Ausland gelebt haben, vor allem in Berlin, kehren nach Piter zurück. Dort vermuten sie mehr Freiräume und Möglichkeiten, künstlerisch tätig zu sein, obwohl der Kunstmarkt in Russland schlecht funktioniere und sich weniger Leute professionell mit Kunst beschäftigten. Viele Leute seien zu sehr mit dem eigenen Überleben beschäftigt, als dass sie sich für Kunst interessieren könnten. Inna lacht: Kunst sei etwas für Reiche oder für Kranke, die ohne sie nicht leben können.
Immer wieder korrigiert sie sich während des Gesprächs und relativiert ihre Einschätzungen. Sie wolle nicht sagen, dass in Russland alles schlecht sei. Es sehe nicht so düster aus, wie sie das schildere. Es komme ihr vor, als ob die Zeit des Stillstands vorbei sei, als ob etwas Neues entstehen würde. Es gäbe einige interessante Projekte und Ausstellungen.

 

holzIm September wurden im Muzej gorodskoj skulptury, Sankt-Peterburg (Städtisches Skulpturenmuseum, Sankt Petersburg) in der  Ausstellung Sessja molodogo iskusstva (Ausstellung junger Kunst) Werke von ungefähr vierzig jungen, meist unbekannten  Künstlern gezeigt, darunter auch zwei Arbeiten von Inna Pozina. So etwas habe es bisher in einem staatlichen Museum noch nie gegeben. Da habe sie gemerkt, dass es auch andere Menschen gebe, die sich mit vergleichbaren Fragen beschäftigen. „Und das nicht um Geld zu verdienen, sondern weil sie einfach auch darauf reagieren müssen, was sie sehen.  Für wen das nützlich sein soll, das ist eine andere Frage.“ Die bunt gemischte Ausstellung war in zwei Räumen und außerdem im Hinterhof unter freiem Himmel untergebracht. Ein einheitliches Thema war nicht vorgegeben. Trotzdem tauchten auffällig oft verspielte Kindheitsmotive auf. Beispielsweise Glasmalereien in Form von Mädchenkleidern, in deren Taschen sich alte Busfahrkarten und gepresste Blumen befinden.

Ihre eigenen Werke und diejenigen anderer junger Künstler sieht Inna als Antwort auf den Konzeptualismus. Dem künstlerischen Handwerk werde wieder mehr Beachtung geschenkt. Während eine Zeit lang sich die Kunst vom Gegenstand entfernte und gezeigt wurde, dass Kunst aus beliebigen Materialien geschaffen werden könne, so sei heutzutage eine Rückkehr zum Material und zum Handwerk auszumachen.

Innas Ausstellungsbeitrag war an ein Projekt geknüpft, das sie in einer Psychiatrie mit Patienten durchgeführt hatte. Im Rahmen ihrer dortigen Tätigkeit als Maltherapeutin hat sie Farbstiftzeichnungen der Patienten zuZeichentrickfilmen zusammen geschnitten und mit Musik unterlegt. In den kurzen Sequenzen verstrickt sich beispielsweise eine Katze immer mehr mit einem Wollknäuel, bis sie ganz darin verschwindet. Oder ein Hund fängt plötzlich an, mit der Sonne zu tanzen.
Zweimal in der Woche unterrichtet Inna ihre Patienten und malt und bastelt mit ihnen. Diese  Arbeit versteht Inna ebenfalls als Sinnsuche. „Wenn du Künstler bist, dreht sich oft alles um dich selbst. Durch diese Arbeit kann ich den Zugang zu Leuten finden. Diese wiederum können den Zugang zur Kunst finden.“

holz1Von der Kunst kann Inna Pozina nicht leben. Neben ihrer Tätigkeit im Krankenhaus muss sie oft Auftragsarbeiten übernehmen. Sie macht bei Design-Projekten mit. Für einen  Kindergarten hat sie eine Plüschspielecke und übergroße Hausschuhe entworfen, in die nicht bloß ein Kinderfuß, sondern ein ganzes Kind passt. Ab und zu erhält sie, wie auch ihre Eltern, Aufträge von Neureichen, die beispielsweise riesige Löwen aus Marmor für ihr Anwesen anfertigen lassen. Häufig muss sie Hochzeits- oder Kinderfeste auf Video aufnehmen. Die aufwändigen Hochzeitsfeiern mag sie nicht. Sie ist froh, wenn sie sich hinter der Kamera verstecken kann und so eine Außenstehende bleibt, die das Geschehen auf dem kleinen Display der Digitalkamera mitverfolgt. Und sie ist froh, wenn sie wieder in ihr Haus zurückkehren kann, wo sie die Erinnerungsfilme zusammen schneidet und mit passender Musik unterlegt. Es bedeutet für sie eine Herausforderung aus dem Gefilmten etwas Kunstvolles zu schaffen.

haus_inna1Wie Inna und ihre Familie leben auch andere Künstler in der Siedlung. In den benachbarten Orten Kolomjagi – Ozerki – Šuvalovo befinden sich weitere Holzhäuser, deren Bewohner sich zur künstlerischen Vereinigung Ozerki zusammengeschlossen haben. Außerdem entstand Anfang 2001 das Projekt Derevnija chudožnikov (Künstlerdörfer), das die Häuser und Werkstätten als kulturelle Zentren jenseits von Museen und Galerien vereinigt. In den alten Häusern wird neue Kunst geschaffen: Maler, Schriftsteller, Fotografen, Filmemacher, Bildhauer, Ikonenmaler, Töpferer, Modedesigner arbeiten in den unterschiedlichen Ateliers. Einige vereinen mehrere Kunstgattungen. So ist gerade der Erzählband Razgovor c Repinym (Gespräch mit Repin) von Lev Smorgon erschienen, Innas Grossvater. Im September fand in der Novosel’skaja ulica 16, unweit von Innas Zuhause, eine Lesung des literarisch-künstlerischen Gemeinschaftswerks Leti-leti, lepestok! (Flieg-flieg, Blütenblatt!) von Elena Garaeva und Ol’ga Sorokina statt. Dem Band sind Illustrationskarten von Gavril Lubin beigelegt. Im Haus in der Novosel’skaja ulica, umgeben von seltsamen Siedlungen, die an deutsche Vororte erinnern, befindet sich die nichtkommerzielle Galerie Sel´skaja žizn´ (Dorfleben) mit einer gleichnamigen literarisch-künstlerischen Zeitschrift und ein kleiner Kinosaal für experimentelle Filme. Hier wurden auch Innas Filme gezeigt und einige ihrer Objekte ausgestellt. Man hilft und unterstützt sich gegenseitig.

Nicht ein einheitlicher Stil oder eine gemeinsame Ideologie verbindet die Künstler des Künstlerdorfes, sondern vielmehr die geographische Nähe sowie die Vorliebe, die unmittelbare Umgebung als Ausstellungsraum zu nutzen. Die landšaft wird zum Kriterium, an dem die Kunst gemessen werden soll. Für die Künstler ist das wichtig, da durch die häufige Arbeit am Computer und vor Fernsehbildschirmen das räumliche Denken verloren gehe. Deswegen hat die Gruppe zusammen mit der Petersburger Kunstakademie Seminare für Studenten ausgearbeitet. Außerdem finden regelmäßig Symposien, Aktionen, Ausstellungen und Feste unter freiem Himmel statt. Zur Sommersonnenwende beispielsweise verwandeln sich die Suzdal´skie ozera  (Suzdaler Seen) und ihre Ufer in einen Ausstellungsraum. Aus den geschlossenen Sälen der Galerien und Museen herausgeholt, werden den Zuschauern die Objekte auf Booten und Flossen präsentiert. Auch in der Ausstellung Mimikrija von 2004 wurde die Natur direkt für die Präsentation der Exponate genutzt. Künstler mussten ihre Arbeiten dem Prinzip der Mimikry entsprechend ausstellen. Aufgabe des Zuschauers war es, die Objekte auf Bäumen, in Blumentöpfen, neben Holzstapeln zu finden und zu entscheiden, ob es sich dabei um Kunst handelt oder nicht. Es ist ein besonderes Anliegen des „Künstlerdorfes“ auch die Anwohner aus den Neubautensiedlungen in die Aktivitäten einzubeziehen. Während des Festival´ masterskich (Werkstättenfestival) werden eine Woche lang die Werkstätten für Freunde, Gäste und Nachbarn geöffnet.

 

tuereWenn man von Inna Pozinas Zuhause mit dem Bus 40 durch zurück zur Metrostation fährt, merkt man, wie sehr ihr charakteristisches Haus die Monotonie des Randbezirks durchbricht. Man wird sich bewusst, wie wichtig solche Orte und ihre Bewohner sind, die durch ihr Engagement jenseits von Ermitaž und Russkij Muzej Kunst und Leben in die tristen Siedlungen bringen und diese dadurch menschlicher machen. Und wer weiß, vielleicht sitzen in den benachbarten Häusern die zukünftigen Auftraggeber, die nicht nur riesige Marmorlöwen anfertigen lassen, sondern sich auch dafür interessieren, was die Künstler bisher leider oft nur für sich oder fürs Ausland schaffen. Und bis dahin gilt: „A-lja-ger – Kolomjager!“

 

 

Garaeva, Elena/ Marina, Olg’a: Leti-leti, lepestok! Sankt-Peterburg 2006.

Larina, Tat’jana (Hg.): Sdelano v Kolomjakach. Pozin. Spivak. Raboty razniych let. Sankt-Peterburg 2004. 

Nikolaenko T./ Baev E.: Derevnija chudožnikov. Sankt-Peterburg 2006.

Smorgon, Lev: Razgovor s Repinym. Sankt-Peterburg 2006.

www.ozerki.spb.ru

 

Herbarien aus Zelluloid – novinki
Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Her­ba­rien aus Zelluloid

„Gesam­melte“ Werke der Peters­burger Künst­lerin Inna Pozina

 

inna19_4„A‑l-ja-ger – Kolomja-ger!“ –  Erst ver­stand ich den Aus­spruch nicht, mit dem mich Inna Pozina und ihr Vater Alek­sandr Pozin begrüßten. Dann aber begriff ich: Mit Kolom­jager sind die Bewohner des kleinen ein­stö­ckigen Holz­hauses gemeint, das sich im Bezirk Kolom­jagi  im Norden von Sankt Peters­burg befindet. Dorthin ist die Familie Pozin, wie auch andere Künstler, in den 80er Jahren gezogen – raus aus der Stadt in die Rand­be­zirke, wo die ehe­ma­ligen Dat­schen der Intel­li­gen­cija ideale Arbeits- und Wohn­räume boten. Hier, zwi­schen Holz­häu­sern und Gärten, Öfen, Brenn­holz­sta­peln und Plumpsklo wuchsen nicht nur Inna und ihre Schwester Katja, son­dern auch die Skulp­turen der Eltern und des Großvaters.

Seit den 90er Jahren hat sich die Gegend stark ver­än­dert. Nur noch ver­ein­zelte Holz­häus­chen stehen da inmitten von Neu­bauten aus den 90er Jahren und Ein­fa­mi­li­en­häu­sern, die von Über­wa­chungs­ka­meras und Metall­zäunen abge­schirmt werden. In dieser selt­samen Mischung aus Neu­bauten- und Neu­rei­chen­sied­lung bildet das Haus der Pozins, umgeben von einem Skulp­tu­ren­garten, eine eigen­wil­lige Oase – und einen gefähr­deten Raum. Die Pozins rechnen damit, ihr Häus­chen bald ver­lassen und einem Neubau wei­chen zu müssen. Jeder Tag sei ein Kampf. Viele Leute könnten nicht ver­stehen, wes­halb es einen sol­chen Bereich braucht, der Künst­lern und Skulp­turen Raum bietet, mit dem kein Geld ver­dient werden kann. Nach wei­terer Erläu­te­rung ver­stand ich auch den ersten Teil des Aus­spruchs. Das komme aus dem Fran­zö­si­schen. Also: „à la guerre – Kolomjager!“

 

skulptur-hausWenn man hinter dem Haus steht, befinden sich die Neu­bauten im Rücken. Unge­stört kann der Blick des Betrach­ters durch den Garten schweifen, in dem sich ein Brun­nen­be­cken, ein Stein­tisch mit Bänken und die Werk­stätten befinden. Und  die Skulp­turen von drei Genera­tionen: von Lev Smorgon, dem Groß­vater von Inna, von Alek­sandr Pozin und Marina Spivak, ihren Eltern, und ihre eigenen Werke. Bei­nahe unge­stört: Von der kürz­lich eröff­ne­ten­Au­to­wasch­an­lage auf dem benach­barten Grund­stück, dröhnen die neusten rus­si­schen Schlager herüber.

Im Haus selbst ist nichts zu merken von dieser raum­grei­fenden Gefähr­dung. Das ein­fache Holz­haus, in dem die 26jährige Inna jetzt alleine mit Hund und Katze lebt, dient zugleich als Ate­lier und Wohn­raum. Die Eltern sind vor einiger Zeit zwei Strassen wei­ter­ge­zogen, nutzen aber noch die Werk­statt im Garten. Das Haus ist lie­be­voll ein­ge­richtet. Jeder Gegen­stand ist ein kleines Kunstwerk.

 

fensterAn den Wänden hängen Bilder, die Türen sind bemalt, in den Nischen stehen kleine Holz­skulp­turen. Den großen höl­zernen Ess­tisch hat Inna zusammen mit ihrem Vater gezim­mert. Im Winter, wenn es zu kalt ist, um draußen im Garten an Skulp­turen zu arbeiten, bleibt Zeit, sich anderen Gegen­ständen zuzu­wenden. Man merkt, hier wird Formen, Farben und Mate­ria­lien eine beson­dere Beach­tung geschenkt. Der Ess­tisch setzt sich aus unter­schied­li­chen Platten zusammen, die sich über­la­gern. Im Tisch steckt ein glatt geschlif­fener läng­li­cher Stein, den man her­aus­ziehen kann. In die Platten gebohrte Löcher und läng­liche Ver­tie­fungen ver­zieren den Tisch, so dass beim Essen Brot­krümel durch die Muster auf den Boden fallen können. Da, unter dem Tisch, liegt meis­tens der Hund Čen, der Begleiter und Wächter des Hauses. Im leise vor sich hin­sum­menden Kühl­schrank neben dem Ess­tisch werden sowohl Film­rollen als auch Nah­rungs­mittel auf­be­wahrt. Dar­unter befinden sich auch Tomaten und Kar­tof­feln, die nicht für den Ver­zehr gedacht sind. Inna Pozina hat sie vor einigen Tagen auf dem Markt von einer babuška gekauft. Und das nur auf­grund der beson­deren Formen. Zusammen mit ihrem Vater stu­diert sie auf­merksam die selt­samen Run­dungen der Kar­tof­feln und Tomaten.

Laut Inna funk­tio­niert der Künstler wie ein Spiegel. Er fängt ein Bild ein und gibt es dann als Abbild weiter. Das Mittel und die Art der Abbil­dung wählt jeder selber aus. Inna wurde in eine Künst­ler­fa­milie hin­ein­ge­boren. Das hat sie geprägt: „Wenn du daran gewöhnt bist, das, was dich umgibt genau zu beob­achten und in Kunst umzu­setzen, ent­steht letzt­lich eine innere Not­wen­dig­keit, darauf zu reagieren, was du siehst.“ Sie habe ihren Beruf nicht eigent­lich gewählt. Sie konnte sich ein­fach nicht vor­stellen, etwas anderes als Kunst zu machen.

 

hand1Inna Pozina stützt die Ell­bogen auf dem Tisch auf. Die junge Künst­lerin arbeitet mit unter­schied­li­chen Mate­ria­lien. Wäh­rend des Gesprächs zieht sie den läng­li­chen Stein aus dem Loch im Tisch und spielt mit ihm. Als aus­ge­bil­dete Bild­hauerin mag sie Stein, aber auch Holz, Tuch und Papier. Čen kommt unter dem Tisch her­vor­ge­kro­chen. Und auch den Hund mag sie. Vor allem aber mag sie Licht und Schatten.Es fas­zi­niert sie, wie sich far­bige  Stoffe ver­än­dern, wenn sie auf unter­schied­liche Art beleuchtet werden. Zu diesem Thema sind einige Bilder und Instal­la­tionen ent­standen. Das Inter­esse an Ver­än­de­rungen hat die junge Künst­lerin – wie die Film­rollen im Kühl­schrank ver­muten lassen – zum Film geführt. Auf Zel­lu­loid kann der Wandel des Lichts und der Farbe direkt fest­ge­halten werden. Vor zwei Jahren hat Inna Kolom­jažs­kaja uto­pija (Kolom­jager Utopie) gedreht, einen ihrer ersten Filme, der auf der doku­mentART 2004 aus­ge­zeichnet wurde. Auch darin spielen Ver­än­de­rungen eine große Rolle: zum einen der Wandel von Farbe und Licht, zum anderen der Per­spek­ti­ven­wechsel, die Fenster mal von innen, mal von außen zu zeigen. Auch auf inhalt­li­cher Ebene geht es im Film um Wandel: um die Ver­än­de­rung der Land­schaft ihrer Kind­heit und Jugend im Bezirk  Kolom­jagi. „Zunächst ver­schwanden die Men­schen und hin­ter­ließen mit Bret­tern zuge­na­gelte Fenster. Dann ver­schwanden Fenster, Türen, Zäune. Löcher blieben zurück. Neu­bauten wuchsen an ihrer Stelle.“ Im Film bezeichnet sie diesen Ort als Utopie, als Ort, den es nicht (mehr) gibt. „Viele Häuser, die im Film auf­tau­chen, stehen schon nicht mehr. Ich wollte diese Situa­tion fest­halten, wie sie früher war.“ Filmen ermög­liche es, Erin­ne­rungen ein­zu­fangen und zu bewahren. Sie ein­zu­sam­meln in einer Weise, wie Her­ba­rien gemacht werden, um sie dann im Winter anzu­schauen. Und sich an den Sommer zu erin­nern, meint Inna. Der Film also als Mög­lich­keit, Wandel und Ver­än­de­rung zu doku­men­tieren und dadurch eine Kon­stante zu schaffen inmitten von Umbrüchen?

 

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buch1 „Wir wuchsen in einer Zeit auf, in der ständig etwas zusam­men­brach oder sich ver­än­derte.“ Sich und ihre Alters­ge­nossen sieht Inna als ver­lo­rene Genera­tion, an der unter­schied­liche Expe­ri­mente durch­ge­führt wurden. Als Inna in den 90er Jahren Bild­hauerei stu­dierte, konnten viele nicht ver­stehen, wozu das nütz­lich sein sollte. „Das war eine Zeit des Ver­lo­renseins, des völ­ligen Sinn­ver­lusts, des Ver­lusts der Moti­va­tion. Das war kein per­sön­li­ches Gefühl, son­dern eine all­ge­meine Ten­denz und es war schwierig, seinen Platz darin suchen und finden zu können.“

 

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In ihrem neusten Film hat sich Inna auf die Suche gemacht. V pois­kach sčast´ja (Auf der Suche nach dem Glück) von 2006  war zunächst als Doku­men­ta­ti­ons­film über die Peters­burger Band Ner­ven­klinik gedacht. Diese plante eine Reise nach Deutsch­land, um dort ihr Glück zu ver­su­chen. Die Tournee schei­terte und die „Suche“ erfuhr eine Wen­dung. Inna ging es darum, das zu zeigen, was ein Künstler durch­macht. Kunst ist für Inna nicht der Pro­zess, schöne Sachen her­zu­stellen, son­dern eine Sinn­suche. „Plötz­lich siehst du den Sinn, nimmst ihn, machst etwas daraus und zeigst ihn. Manchmal ist man alleine auf der Suche und weiß über­haupt nicht, wohin es gehen soll.“ Das sei die wahre Kunst des Künst­lers, wei­ter­gehen zu können, ohne zu wissen, ob sich etwas daraus ergibt.

Viele von Innas Freunden, die lange Zeit im Aus­land gelebt haben, vor allem in Berlin, kehren nach Piter zurück. Dort ver­muten sie mehr Frei­räume und Mög­lich­keiten, künst­le­risch tätig zu sein, obwohl der Kunst­markt in Russ­land schlecht funk­tio­niere und sich weniger Leute pro­fes­sio­nell mit Kunst beschäf­tigten. Viele Leute seien zu sehr mit dem eigenen Über­leben beschäf­tigt, als dass sie sich für Kunst inter­es­sieren könnten. Inna lacht: Kunst sei etwas für Reiche oder für Kranke, die ohne sie nicht leben können.
Immer wieder kor­ri­giert sie sich wäh­rend des Gesprächs und rela­ti­viert ihre Ein­schät­zungen. Sie wolle nicht sagen, dass in Russ­land alles schlecht sei. Es sehe nicht so düster aus, wie sie das schil­dere. Es komme ihr vor, als ob die Zeit des Still­stands vorbei sei, als ob etwas Neues ent­stehen würde. Es gäbe einige inter­es­sante Pro­jekte und Ausstellungen.

 

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Im Sep­tember wurden im Muzej gorodskoj skulp­tury, Sankt-Peter­burg (Städ­ti­sches Skulp­tu­ren­mu­seum, Sankt Peters­burg) in der  Aus­stel­lung Sessja molo­dogo iskusstva (Aus­stel­lung junger Kunst) Werke von unge­fähr vierzig jungen, meist unbe­kannten  Künst­lern gezeigt, dar­unter auch zwei Arbeiten von Inna Pozina. So etwas habe es bisher in einem staat­li­chen Museum noch nie gegeben. Da habe sie gemerkt, dass es auch andere Men­schen gebe, die sich mit ver­gleich­baren Fragen beschäf­tigen. „Und das nicht um Geld zu ver­dienen, son­dern weil sie ein­fach auch darauf reagieren müssen, was sie sehen.  Für wen das nütz­lich sein soll, das ist eine andere Frage.“ Die bunt gemischte Aus­stel­lung war in zwei Räumen und außerdem im Hin­terhof unter freiem Himmel unter­ge­bracht. Ein ein­heit­li­ches Thema war nicht vor­ge­geben. Trotzdem tauchten auf­fällig oft ver­spielte Kind­heits­mo­tive auf. Bei­spiels­weise Glas­ma­le­reien in Form von Mäd­chen­klei­dern, in deren Taschen sich alte Bus­fahr­karten und gepresste Blumen befinden.

Ihre eigenen Werke und die­je­nigen anderer junger Künstler sieht Inna als Ant­wort auf den Kon­zep­tua­lismus. Dem künst­le­ri­schen Hand­werk werde wieder mehr Beach­tung geschenkt. Wäh­rend eine Zeit lang sich die Kunst vom Gegen­stand ent­fernte und gezeigt wurde, dass Kunst aus belie­bigen Mate­ria­lien geschaffen werden könne, so sei heut­zu­tage eine Rück­kehr zum Mate­rial und zum Hand­werk auszumachen.

Innas Aus­stel­lungs­bei­trag war an ein Pro­jekt geknüpft, das sie in einer Psych­ia­trie mit Pati­enten durch­ge­führt hatte. Im Rahmen ihrer dor­tigen Tätig­keit als Mal­the­ra­peutin hat sie Farb­stift­zeich­nungen der Pati­enten zuZei­chen­trick­filmen zusammen geschnitten und mit Musik unter­legt. In den kurzen Sequenzen ver­strickt sich bei­spiels­weise eine Katze immer mehr mit einem Woll­knäuel, bis sie ganz darin ver­schwindet. Oder ein Hund fängt plötz­lich an, mit der Sonne zu tanzen.
Zweimal in der Woche unter­richtet Inna ihre Pati­enten und malt und bas­telt mit ihnen. Diese  Arbeit ver­steht Inna eben­falls als Sinn­suche. „Wenn du Künstler bist, dreht sich oft alles um dich selbst. Durch diese Arbeit kann ich den Zugang zu Leuten finden. Diese wie­derum können den Zugang zur Kunst finden.“

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Von der Kunst kann Inna Pozina nicht leben. Neben ihrer Tätig­keit im Kran­ken­haus muss sie oft Auf­trags­ar­beiten über­nehmen. Sie macht bei Design-Pro­jekten mit. Für einen  Kin­der­garten hat sie eine Plüsch­spiel­ecke und über­große Haus­schuhe ent­worfen, in die nicht bloß ein Kin­derfuß, son­dern ein ganzes Kind passt. Ab und zu erhält sie, wie auch ihre Eltern, Auf­träge von Neu­rei­chen, die bei­spiels­weise rie­sige Löwen aus Marmor für ihr Anwesen anfer­tigen lassen. Häufig muss sie Hoch­zeits- oder Kin­der­feste auf Video auf­nehmen. Die auf­wän­digen Hoch­zeits­feiern mag sie nicht. Sie ist froh, wenn sie sich hinter der Kamera ver­ste­cken kann und so eine Außen­ste­hende bleibt, die das Geschehen auf dem kleinen Dis­play der Digi­tal­ka­mera mit­ver­folgt. Und sie ist froh, wenn sie wieder in ihr Haus zurück­kehren kann, wo sie die Erin­ne­rungs­filme zusammen schneidet und mit pas­sender Musik unter­legt. Es bedeutet für sie eine Her­aus­for­de­rung aus dem Gefilmten etwas Kunst­volles zu schaffen.

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Wie Inna und ihre Familie leben auch andere Künstler in der Sied­lung. In den benach­barten Orten Kolom­jagi – Ozerki – Šuvalovo befinden sich wei­tere Holz­häuser, deren Bewohner sich zur künst­le­ri­schen Ver­ei­ni­gung Ozerki zusam­men­ge­schlossen haben. Außerdem ent­stand Anfang 2001 das Pro­jekt Derev­nija chu­dož­nikov (Künst­ler­dörfer), das die Häuser und Werk­stätten als kul­tu­relle Zen­tren jen­seits von Museen und Gale­rien ver­ei­nigt. In den alten Häu­sern wird neue Kunst geschaffen: Maler, Schrift­steller, Foto­grafen, Fil­me­ma­cher, Bild­hauer, Iko­nen­maler, Töp­ferer, Mode­de­si­gner arbeiten in den unter­schied­li­chen Ate­liers. Einige ver­einen meh­rere Kunst­gat­tungen. So ist gerade der Erzähl­band Razgovor c Repinym (Gespräch mit Repin) von Lev Smorgon erschienen, Innas Gross­vater. Im Sep­tember fand in der Novosel’skaja ulica 16, unweit von Innas Zuhause, eine Lesung des lite­ra­risch-künst­le­ri­schen Gemein­schafts­werks Leti-leti, lepestok! (Flieg-flieg, Blü­ten­blatt!) von Elena Garaeva und Ol’ga Soro­kina statt. Dem Band sind Illus­tra­ti­ons­karten von Gavril Lubin bei­gelegt. Im Haus in der Novosel’skaja ulica, umgeben von selt­samen Sied­lungen, die an deut­sche Vor­orte erin­nern, befindet sich die nicht­kom­mer­zi­elle Galerie Sel´skaja žizn´ (Dorf­leben) mit einer gleich­na­migen lite­ra­risch-künst­le­ri­schen Zeit­schrift und ein kleiner Kino­saal für expe­ri­men­telle Filme. Hier wurden auch Innas Filme gezeigt und einige ihrer Objekte aus­ge­stellt. Man hilft und unter­stützt sich gegenseitig.

Nicht ein ein­heit­li­cher Stil oder eine gemein­same Ideo­logie ver­bindet die Künstler des Künst­ler­dorfes, son­dern viel­mehr die geo­gra­phi­sche Nähe sowie die Vor­liebe, die unmit­tel­bare Umge­bung als Aus­stel­lungs­raum zu nutzen. Die lan­dšaft wird zum Kri­te­rium, an dem die Kunst gemessen werden soll. Für die Künstler ist das wichtig, da durch die häu­fige Arbeit am Com­puter und vor Fern­seh­bild­schirmen das räum­liche Denken ver­loren gehe. Des­wegen hat die Gruppe zusammen mit der Peters­burger Kunst­aka­demie Semi­nare für Stu­denten aus­ge­ar­beitet. Außerdem finden regel­mäßig Sym­po­sien, Aktionen, Aus­stel­lungen und Feste unter freiem Himmel statt. Zur Som­mer­son­nen­wende bei­spiels­weise ver­wan­deln sich die Suzdal´skie ozera  (Suz­daler Seen) und ihre Ufer in einen Aus­stel­lungs­raum. Aus den geschlos­senen Sälen der Gale­rien und Museen her­aus­ge­holt, werden den Zuschauern die Objekte auf Booten und Flossen prä­sen­tiert. Auch in der Aus­stel­lung Mimi­krija von 2004 wurde die Natur direkt für die Prä­sen­ta­tion der Expo­nate genutzt. Künstler mussten ihre Arbeiten dem Prinzip der Mimikry ent­spre­chend aus­stellen. Auf­gabe des Zuschauers war es, die Objekte auf Bäumen, in Blu­men­töpfen, neben Holz­sta­peln zu finden und zu ent­scheiden, ob es sich dabei um Kunst han­delt oder nicht. Es ist ein beson­deres Anliegen des „Künst­ler­dorfes“ auch die Anwohner aus den Neu­bau­ten­sied­lungen in die Akti­vi­täten ein­zu­be­ziehen. Wäh­rend des Fes­tival´ mas­ter­s­kich (Werk­stät­ten­fes­tival) werden eine Woche lang die Werk­stätten für Freunde, Gäste und Nach­barn geöffnet.

 

tuereWenn man von Inna Pozinas Zuhause mit dem Bus 40 durch zurück zur Metro­sta­tion fährt, merkt man, wie sehr ihr cha­rak­te­ris­ti­sches Haus die Mono­tonie des Rand­be­zirks durch­bricht. Man wird sich bewusst, wie wichtig solche Orte und ihre Bewohner sind, die durch ihr Enga­ge­ment jen­seits von Ermitaž und Russkij Muzej Kunst und Leben in die tristen Sied­lungen bringen und diese dadurch mensch­li­cher machen. Und wer weiß, viel­leicht sitzen in den benach­barten Häu­sern die zukünf­tigen Auf­trag­geber, die nicht nur rie­sige Mar­mor­löwen anfer­tigen lassen, son­dern sich auch dafür inter­es­sieren, was die Künstler bisher leider oft nur für sich oder fürs Aus­land schaffen. Und bis dahin gilt: „A‑lja-ger – Kolomjager!“

 

 

Garaeva, Elena/ Marina, Olg’a: Leti-leti, lepestok! Sankt-Peter­burg 2006.

Larina, Tat’jana (Hg.): Sde­lano v Kolom­ja­kach. Pozin. Spivak. Raboty razniych let. Sankt-Peter­burg 2004.  [Aus­stel­lungs­ka­talog zur Aus­stel­lung in der Manež.]

Niko­la­enko T./ Baev E.: Derev­nija chu­dož­nikov. Sankt-Peter­burg 2006. [In dem Katalog werden die ein­zelnen Häuser und Künstler des Derev­nija chu­dož­nikov vorgestellt.]

Smorgon, Lev: Razgovor s Repinym. Sankt-Peter­burg 2006.

www.ozerki.spb.ru