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Zwischen Ungewissheit und Zuversicht – Ein Roadmovie von Moskau nach Murmansk

Posted on 15. März 2022 by Chiara Gregor
Auf einer langen Zugfahrt in den russischen Norden teilt sich eine finnische Archäologie-Studentin ein Abteil mit einem jungen russischen Minenarbeiter. „Abteil Nr. 6“ erzählt von der auf der Reise entstehenden Freundschaft und verleiht dem klassischen Genre des Roadmovies und Coming-of-Age Films ein neues Gefühlsspektrum.

Auf einer langen Zugfahrt in den russischen Norden teilt sich eine finnische Archäologie-Studentin ein Abteil mit einem jungen russischen Minenarbeiter. Abteil Nr. 6 erzählt von der auf der Reise entstehenden Freundschaft und verleiht dem klassischen Genre des Roadmovies und Coming-of-Age Films ein neues Gefühlsspektrum.

 

Wer schon einmal allein auf Reisen war, noch dazu an einen unbekannten Ort, noch dazu als Frau, wird sich in Juho Kuosmanen’s „Abteil Nr. 6(finn. „Hytti nro 6“ 2021) schnell selbst wiedererkennen, und sicherlich auch die Mischung aus Hochgefühl und Beklemmung, die ein solches Unterfangen mit sich bringt. Schon bei Tolstoj und Dostojevskij rauscht der Zug als literarischer Topos in die obskure Zukunft, und bietet auch im Film - „Strangers on a Train“ (Alfred Hitchcock 1951) oder „Before Sunrise“ (Richard Linklater 1995) - Möglichkeiten für ungewöhnliche Begegnungen und persönliche Transformation. Laura (Seidi Haarla) kommt aus Finnland, studiert in Moskau Archäologie und versucht, in das Leben ihrer großen Liebe Irina zu passen. Anders als geplant bricht sie nun allein nach Murmansk auf, wo sie sich Petroglyphen, historische Felszeichnungen, ansehen möchte. Im Abteil sitzt sie Ljocha (Yuriy Borisov) gegenüber, der selbst auf dem Weg nach Murmansk ist, um dort beim Bergwerk Olenegorsk GOK zu arbeiten. Auf den ersten Blick ist er lebendig gewordenes Vorurteil: Alkoholisiert und derb ignoriert er alle Grenzen der Höflichkeit und der Intimsphäre. Laura versucht, das Abteil zu wechseln und scheitert an der eisigen Schaffnerin. Auch auf den engen Gängen des Zuges gelingt es ihr nicht, dem aufdringlichen Charakter ihrer neuen Bekanntschaft zu entkommen. Als Irina am Telefon schon beim ersten Halt des Zuges Welten entfernt zu sein scheint, bleibt Laura nur die Flucht nach vorn. Es folgt eine überraschend behutsame Annäherung zwischen den Reisenden, die durch ein innovatives Drehbuch humorvoll und charmant wirkt, ohne abgedroschen oder kitschig zu sein.

 

„Abteil Nr. 6“ feierte vergangenes Jahr seine Premiere auf dem Cannes Film Festival und wurde mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichnet. Der Film basiert auf dem gleichnamigen Roman der finnischen Autorin Rosa Liksom aus dem Jahr 2011. Während die Romanfahrt die Protagonist_innen und Leser_innen bis nach Ulan Bator durch die Sowjetunion der 80er Jahre führt, durchquert „Abteil Nr. 6 filmisch das Russland der 90er Jahre. Das Ziel ist nun Murmansk - Russlands „Tor zur Arktis“. Die Hafenstadt war bis 1991 militärisches Sperrgebiet und wichtiger sowjetischer Handelsstützpunkt, ein Symbol für internationalen Einfluss. Das Murmansk nach dem Fall der Sowjetunion ist im Film wie in einen Winterschlaf gefallen und breitet nach Ende der Zugreise eine Landschaft vor uns aus, die wie eingefroren zwischen Vergangenheit und Zukunft schwebt.

 

Auch Laura befindet sich auf ihrer Reise in der Schwebe zwischen ihrem zurückgelassenen Leben in Moskau und einem neuen Selbstvertrauen. Der Kultur-, Klassen-, und Charakter-Clash der beiden Hauptcharaktere weicht in der Unmittelbarkeit des Zugabteils zögerlich spielerischem Schlagabtausch und Familiarität. Spontan entscheidet sich Laura, den nächtlichen Zwischenstopp in Petrozavodsk nicht im Zug zu verbringen, sondern mit Ljocha zur Datscha einer alten Dame zu fahren. „Frauen sind sehr kluge Wesen“, sagt diese ihr über einem Glas Selbstgebrannten, und fügt hinzu: „Ich habe mit 15 gelernt, meinem inneren Selbst zu vertrauen. Ich tue was es mir sagt.“ Damit spricht sie Laura aus der Seele: Schauspielerin Seidi Haarla verkörpert auf nahbare Weise eine stille und sehr mutige Protagonistin, die mehrere Ungewissheiten mit ihrem inneren Selbst vereinbaren muss - nicht zuletzt ihre Skepsis über den Charakter des verschlossenen Ljocha. Juriy Borisov sticht durch seine dynamische Spielweise und ausgeprägte Mimik hervor. Leicht vornübergebeugt lugt er unter seiner Braue hervor, zwischen Misstrauen und „mischief“: mal unheilvoll, mal schelmenhaft. So wie Laura muss auch die Zuschauer:in dieses Films immer wieder neu evaluieren, ob Ljocha als Gefahr oder Freund einzuschätzen ist.

 

Der anfänglichen Fremde und Unbehaglichkeit wirkt „Abteil Nr. 6“ mit einer Nostalgie entgegen, die sich, wie eine Erinnerung, aus mehreren Sinnen zusammensetzt. Die Kamera ist ausschließlich handgeführt, hier soll keine Symmetrie, sondern Authentizität und Nähe entstehen. Einige Male sehen wir sogar durch die Linse von Lauras heißgeliebter Camcorder-Videokamera. Tagebuchartig hält sie so ihre Reise in Aufnahmen der Bahnsteige, ihres kleinen Abteils und der vorbeiziehenden Landschaft fest, für Irina und für sich selbst. Sowohl der Camcorder als auch die Filmkamera vermitteln Farben und Texturen auf haptische Weise: Woll- und Schneedecken kommunizieren Wärme und Kälte; die Beschaffenheit von Kleidungsstücken oder der Umschlag des zerschlissenen Buches über die Petroglyphen werden eindrucksvoll eingefangen. Filmmusik gibt es außer dem ikonischem Reise-Hit „Voyage voyage“ von Desireless keine. Rhythmus und Melodie von „Abteil Nr. 6“ sind das Rattern der Eisenbahnräder auf den Gleisen und das Murmeln der Zuginsassen im Bordrestaurant. Dieses Summen und Rauschen des Fuhrwerks unterstützt das sinnliche Erleben des Filmes.

 

Immer wieder beeindruckt und überrascht „Abteil Nr. 6“ durch seine einnehmende Erzählweise: Der Film umfährt das Risiko, in stereotype Handlungs- und Dialogvorbilder aus dem reichen Repertoire seiner Genres zu verfallen und schafft es so, eine originelle Perspektive auf die klassischen Themen der Selbstfindung und zwischenmenschlichen Begegnungen zu offenbaren. Mit „Abteil Nr. 6“ gelingt Kuosmanen ein originelles Spiel mit Zuversicht und Zweifel und eine absolut sehenswerte Darstellung des vielzitierten Sprichworts: „Der Weg ist das Ziel“.

 

Kuosmanen, Juho: Hytti nro 6 (Abteil Nr. 6), Finnland, Deutschland, Estland, Russland, 2021, 107 Min.

Zwischen Ungewissheit und Zuversicht – Ein Roadmovie von Moskau nach Murmansk – novinki
Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Zwi­schen Unge­wiss­heit und Zuver­sicht – Ein Road­movie von Moskau nach Murmansk

Auf einer langen Zug­fahrt in den rus­si­schen Norden teilt sich eine fin­ni­sche Archäo­logie-Stu­dentin ein Abteil mit einem jungen rus­si­schen Minen­ar­beiter. Abteil Nr. 6 erzählt von der auf der Reise ent­ste­henden Freund­schaft und ver­leiht dem klas­si­schen Genre des Road­mo­vies und Coming-of-Age Films ein neues Gefühlsspektrum.

 

Wer schon einmal allein auf Reisen war, noch dazu an einen unbe­kannten Ort, noch dazu als Frau, wird sich in Juho Kuosmanen’s „Abteil Nr. 6(finn. „Hytti nro 6“ 2021) schnell selbst wie­der­erkennen, und sicher­lich auch die Mischung aus Hoch­ge­fühl und Beklem­mung, die ein sol­ches Unter­fangen mit sich bringt. Schon bei Tol­stoj und Dos­to­je­vskij rauscht der Zug als lite­ra­ri­scher Topos in die obskure Zukunft, und bietet auch im Film – „Stran­gers on a Train“ (Alfred Hitch­cock 1951) oder „Before Sun­rise“ (Richard Lin­klater 1995) – Mög­lich­keiten für unge­wöhn­liche Begeg­nungen und per­sön­liche Trans­for­ma­tion. Laura (Seidi Haarla) kommt aus Finn­land, stu­diert in Moskau Archäo­logie und ver­sucht, in das Leben ihrer großen Liebe Irina zu passen. Anders als geplant bricht sie nun allein nach Mur­mansk auf, wo sie sich Petro­gly­phen, his­to­ri­sche Fels­zeich­nungen, ansehen möchte. Im Abteil sitzt sie Ljocha (Yuriy Bor­isov) gegen­über, der selbst auf dem Weg nach Mur­mansk ist, um dort beim Berg­werk Ole­n­egorsk GOK zu arbeiten. Auf den ersten Blick ist er lebendig gewor­denes Vor­ur­teil: Alko­ho­li­siert und derb igno­riert er alle Grenzen der Höf­lich­keit und der Intim­sphäre. Laura ver­sucht, das Abteil zu wech­seln und schei­tert an der eisigen Schaff­nerin. Auch auf den engen Gängen des Zuges gelingt es ihr nicht, dem auf­dring­li­chen Cha­rakter ihrer neuen Bekannt­schaft zu ent­kommen. Als Irina am Telefon schon beim ersten Halt des Zuges Welten ent­fernt zu sein scheint, bleibt Laura nur die Flucht nach vorn. Es folgt eine über­ra­schend behut­same Annä­he­rung zwi­schen den Rei­senden, die durch ein inno­va­tives Dreh­buch humor­voll und char­mant wirkt, ohne abge­dro­schen oder kit­schig zu sein.

 

„Abteil Nr. 6“ fei­erte ver­gan­genes Jahr seine Pre­miere auf dem Cannes Film Fes­tival und wurde mit dem Großen Preis der Jury aus­ge­zeichnet. Der Film basiert auf dem gleich­na­migen Roman der fin­ni­schen Autorin Rosa Liksom aus dem Jahr 2011. Wäh­rend die Roman­fahrt die Protagonist_innen und Leser_innen bis nach Ulan Bator durch die Sowjet­union der 80er Jahre führt, durch­quert „Abteil Nr. 6 fil­misch das Russ­land der 90er Jahre. Das Ziel ist nun Mur­mansk – Russ­lands „Tor zur Arktis“. Die Hafen­stadt war bis 1991 mili­tä­ri­sches Sperr­ge­biet und wich­tiger sowje­ti­scher Han­dels­stütz­punkt, ein Symbol für inter­na­tio­nalen Ein­fluss. Das Mur­mansk nach dem Fall der Sowjet­union ist im Film wie in einen Win­ter­schlaf gefallen und breitet nach Ende der Zug­reise eine Land­schaft vor uns aus, die wie ein­ge­froren zwi­schen Ver­gan­gen­heit und Zukunft schwebt.

 

Auch Laura befindet sich auf ihrer Reise in der Schwebe zwi­schen ihrem zurück­ge­las­senen Leben in Moskau und einem neuen Selbst­ver­trauen. Der Kultur‑, Klassen‑, und Cha­rakter-Clash der beiden Haupt­cha­rak­tere weicht in der Unmit­tel­bar­keit des Zug­ab­teils zöger­lich spie­le­ri­schem Schlag­ab­tausch und Fami­lia­rität. Spontan ent­scheidet sich Laura, den nächt­li­chen Zwi­schen­stopp in Petro­za­vodsk nicht im Zug zu ver­bringen, son­dern mit Ljocha zur Dat­scha einer alten Dame zu fahren. „Frauen sind sehr kluge Wesen“, sagt diese ihr über einem Glas Selbst­ge­brannten, und fügt hinzu: „Ich habe mit 15 gelernt, meinem inneren Selbst zu ver­trauen. Ich tue was es mir sagt.“ Damit spricht sie Laura aus der Seele: Schau­spie­lerin Seidi Haarla ver­kör­pert auf nah­bare Weise eine stille und sehr mutige Prot­ago­nistin, die meh­rere Unge­wiss­heiten mit ihrem inneren Selbst ver­ein­baren muss – nicht zuletzt ihre Skepsis über den Cha­rakter des ver­schlos­senen Ljocha. Juriy Bor­isov sticht durch seine dyna­mi­sche Spiel­weise und aus­ge­prägte Mimik hervor. Leicht vorn­über­ge­beugt lugt er unter seiner Braue hervor, zwi­schen Miss­trauen und „mischief“: mal unheil­voll, mal schel­men­haft. So wie Laura muss auch die Zuschauer:in dieses Films immer wieder neu eva­lu­ieren, ob Ljocha als Gefahr oder Freund ein­zu­schätzen ist.

 

Der anfäng­li­chen Fremde und Unbe­hag­lich­keit wirkt „Abteil Nr. 6“ mit einer Nost­algie ent­gegen, die sich, wie eine Erin­ne­rung, aus meh­reren Sinnen zusam­men­setzt. Die Kamera ist aus­schließ­lich hand­ge­führt, hier soll keine Sym­me­trie, son­dern Authen­ti­zität und Nähe ent­stehen. Einige Male sehen wir sogar durch die Linse von Lauras heiß­ge­liebter Cam­corder-Video­ka­mera. Tage­buch­artig hält sie so ihre Reise in Auf­nahmen der Bahn­steige, ihres kleinen Abteils und der vor­bei­zie­henden Land­schaft fest, für Irina und für sich selbst. Sowohl der Cam­corder als auch die Film­ka­mera ver­mit­teln Farben und Tex­turen auf hap­ti­sche Weise: Woll- und Schnee­de­cken kom­mu­ni­zieren Wärme und Kälte; die Beschaf­fen­heit von Klei­dungs­stü­cken oder der Umschlag des zer­schlis­senen Buches über die Petro­gly­phen werden ein­drucks­voll ein­ge­fangen. Film­musik gibt es außer dem iko­ni­schem Reise-Hit „Voyage voyage“ von Desi­reless keine. Rhythmus und Melodie von „Abteil Nr. 6“ sind das Rat­tern der Eisen­bahn­räder auf den Gleisen und das Mur­meln der Zuginsassen im Bord­re­stau­rant. Dieses Summen und Rau­schen des Fuhr­werks unter­stützt das sinn­liche Erleben des Filmes.

 

Immer wieder beein­druckt und über­rascht „Abteil Nr. 6“ durch seine ein­neh­mende Erzähl­weise: Der Film umfährt das Risiko, in ste­reo­type Hand­lungs- und Dia­log­vor­bilder aus dem rei­chen Reper­toire seiner Genres zu ver­fallen und schafft es so, eine ori­gi­nelle Per­spek­tive auf die klas­si­schen Themen der Selbst­fin­dung und zwi­schen­mensch­li­chen Begeg­nungen zu offen­baren. Mit „Abteil Nr. 6“ gelingt Kuos­manen ein ori­gi­nelles Spiel mit Zuver­sicht und Zweifel und eine absolut sehens­werte Dar­stel­lung des viel­zi­tierten Sprich­worts: „Der Weg ist das Ziel“.

 

Kuos­manen, Juho: Hytti nro 6 (Abteil Nr. 6), Finn­land, Deutsch­land, Est­land, Russ­land, 2021, 107 Min.